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Darf man um die Bekehrung
der "Juden" beten?
Zum Streit um die Karfreitagsbitte

Von P. Franz Prosinger

Wie in Radio Vatikan berichtet, lehnt Erich Zenger die von Papst Benedikt XVI. für das Missale von 1962 neu formulierte Karfreitagsbitte ab. Erich Zenger ist der zur Zeit wohl bedeutendste Exeget für Altes Testament, der Herausgeber des fortlaufend erscheinenden HThKAT (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament), der sich vorwiegend um eine synchrone Auslegung des von den Masoreten überlieferten Textes bemüht. Besonders wertvoll ist die Kritik Zengers an den markionistischen Tendenzen in den neueren liturgischen Büchern des römischen Ritus.

Markion war ein reicher Reeder in Rom um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, der nicht nur durch seinen finanziellen Einfluß, sondern durch seine verführerischen Ideen die römische Kirche in eine existentielle Krise stürzte. Er lehrte, daß der Gott des Alten Testaments als ein Gott der Gerechtigkeit und des Gerichtes grundverschieden von dem Gott der Liebe und Barmherzigkeit des Neuen Testaments sei. Diese Irrlehre wurde von der Kirche immer wieder zurückgewiesen (vgl. Denzinger/Schönmetzer 198, 685, 854, 1336, 1501). Trotzdem versuchte man in der Liturgia Horarum die Psalmen von einem angeblich unchristlichen alttestamentlichen Geist zu reinigen, und E. Zenger hat in dem wertvollen Büchlein Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen (Freiburg 1998) nachgewiesen, daß es den Texten der Bibel nicht entspricht, die Aspekte der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als alt- und neutestamentlich zu trennen, und daß man durch das Auslassen von einzelnen Psalmversen Struktur und Charakter dieser Gebete zerstört.

So kann man verstehen, daß sich Zenger gegen eine voreilige Vereinnahmung des Alten Testaments durch das Neue wehrt. Allerdings geht er so weit, die Qualifizierung „alt“ und „neu“ abzulehnen – obwohl diese Bezeichnung biblisch bezeugt ist (Lk 22,20; 1Kor 11,25; 2Kor 3,5; Heb 8,8.13; 9,15). Demnach bildete die (dem Talmud folgende) jüdische Tradition eine – neben der christlichen – berechtigte und als Zeugnis der Heilsoffenbarung Gottes sinnvolle Interpretation der Schriften des Ersten Bundes. Damit ist das traditionell christliche Verständnis allerdings ausgeschlossen: vetus in novo patet, novum in vetere latet (das Neue Testament liegt im Alten Testament verborgen, das Alte wird im Neuen offenkundig). Dies soll an einem zentralen Punkt verdeutlicht werden, der Theologie des Tempels.

Im Siegeslied am Schilfmeer wird als Ziel der Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens angegeben die Hinführung zur heiligen Wohnung Gottes, die Einpflanzung auf seinem heiligen Berg, auf seinem Erbbesitz, an der Stätte, die der Herr sich zur Wohnung bereitete, dem Heiligtum, das er sich erbaut hat (Ex 15,13.17). Nun wurde der damit bezeichnete von Salomon erbaute Tempel in Jerusalem im Jahr 586 vor Christus zerstört und sein Zentrum, die Bundeslade ist verschwunden. Der unter Nehemias ab 520 erbaute zweite Tempel hat somit in seinem Zentrum eine Leerstelle, und nach der Tradition von 2Mak 2,4-7 hat der Prophet Jeremias die Bundeslade in einer Höhle verschlossen, die unbekannt bleiben soll, „bis Gott sein Volk wieder sammelt und ihm Erbarmen erweist“. Das aber ist die Zeit des verheißenen Messias. Dasselbe gilt für den vor dem Tempel stehenden Brandopferaltar, durch dessen Sühnopfer der Zugang in das innere Heiligtum ermöglicht werden sollte. Dieser Altar wurde unter Antiochus IV. Epiphanes (175 – 164 v. Chr.) entweiht. Die Makkabäer „beratschlagten wegen des geschändeten Brandopferaltars, was man mit ihm tun solle. Da kam ihnen der gute Gedanke, ihn niederzureißen, um dem schimpflichen Vorwurf vorzubeugen, daß die Heiden ihn entweiht hätten. So rissen sie also den Altar nieder. Die Steine aber legten sie auf dem Tempelberg an einem geeigneten Ort nieder, bis daß ein Prophet aufträte, um für ihre Verwendung eine Entscheidung zu treffen.“ (1Mak 4, 44-46) Auch hier erwartete man sich die eigentliche Klärung vom Messias. Ebenso erwartete sich die samaritanische Deutung des Pentateuch vom Messias die Lösung der Tempelfrage, wie die Frau am Jakobsbrunnen bezüglich des Ortes der Anbetung bezeugt: „Ich weiß, daß der Messias kommt – das heißt: der Gesalbte. Wenn erkommt, wird er uns alles verkünden.“ (Joh 4,25) Auch die Frage nach der Berechtigung des Hohenpriesterlichen Amtes zur Zeit der Hasmonäer, sowie nach der von Gott gewollten Berechnung des Festkalenders nach dem Mond- oder Sonnenkalender war umstritten und spaltete des alttestamentliche Gottesvolk zur Zeit Jesu in zwei Lager, die Pharisäer und Sadduzäer einerseits und andererseits die Essener. Nach Mal 3, 1-3 erwartete man sich vom kommenden Messias eine Reinigung der Söhne Levis und einen neuen Einzug der göttlichen Herrlichkeit seinen Tempel.

Schließlich mußten diejenigen Juden aus den verschiedenen Parteien, die sich Jesus von Nazareth als dem verheißenen Messias nicht anschließen wollten oder konnten (vgl. 1Tim 1, 13b), die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus hinnehmen und mit ihm den Verzicht auf das System der täglichen und jährlichen Sühnopfer (das Tamid-, das Pascha- und das Opfer des Versöhnungsfestes), durch das das Volk Israel gemäß dem Bund am Sinai vor Gott bestehen sollte. Die Tempelfrage ist auch heute noch wie eine offene Wunde in dem dem Talmud folgenden Judentum, das sich spaltet in Kreise, die an einen Wiederaufbau des Tempels denken, und solche, die dies dem Kommen des Messias vorbehalten wollen. Daneben gibt es sicher auch solche, die nach den fast zweitausend Jahren Warten ohne Tempel angesichts der christlichen Verinnerlichung des Opfergedankens (vgl. Heb 9,11-14) sich eine Wiederaufnahme der im Pentateuch vorgeschriebenen Tieropfer gar nicht mehr vorstellen können. Tatsächlich wurde im Neuen Testament die Theologie des Tempels aufgegriffen und in eine neue Dimension geführt (vgl. Lk 1,35 und Ex 40,34f; Lk 1,44 und 2Sam 6,16; Lk 2,22 und Mal 3,1-3; Lk 2,49; 24,53; Joh 1,14; 2,19-21; 7,39-39; 11,48-52; 19,34-37; 1Kor 6,19; Heb 10,19-22; 1Ptr 2,4-10. Die praktische Konsequenz zeigt Heb 13,10: man kann nicht zugleich dem Altar im alten Tempel zu Jerusalem dienen und von dem neuen Altar essen, den wir Christen haben. Wäre dieser Altar nur in spirituellem Sinn als geistige Teilnahme am Opfer Christi zu verstehen, so würden wir diese Speise den Dienern des alten Heiligtums gerade nicht verbieten wollen. Aber am Opferaltar des im Sakrament gegenwärtigen hingeopferten Leibes und vergossenen Blutes Christi zu kommunizieren (Heb 10,19f), schließt die nur vorbildlichen und vorläufigen Opfer der alten Ordnung aus.

Neben all diesen Schwierigkeiten, den Schriften des Alten Bundes ohne denen des Neuen einen fortdauernden Eigenwert als Quelle der Offenbarung des Heilswerkes Gottes zuzugestehen, kann es für die Christen, die in Jesus von Nazareth den vom Gesetz und den Propheten verheißenen Messias erkennen, keine gleichberechtigte Interpretation dieser „Heiligen Schriften“ (Röm 1,1-3) ohne den neutestamentlichen Bezug mehr geben. Hier gilt das Prinzip vom ausgeschlossenen Widerspruch, nach dem zwei entgegengesetzte Thesen können[streichen] nicht gleichzeitig und in derselben Hinsicht wahr sein können: entweder war bzw. ist Jesus der im Alten Bund erwartete Messias oder er war es nicht. Nur wer die Wahrheitsfrage ausklammert, die Religion utilitaristisch als Quelle von Trost oder Opium für das Volk und die Toleranz der Andersgläubigen in diesem Raum der persönlichen Beliebigkeit als oberstes Prinzip ansieht, kann sich dieser Konsequenz entziehen. Das alles schließt natürlich nicht aus, daß dem Volk Israel nach wie vor eine besondere Aufgabe im göttlichen Heilsplan zugedacht ist und daß ihre Treue zu den alttestamentlichen Überlieferungen nicht nur menschlichen Respekt verdient, sondern von religiöser Bedeutung für die künftige Vollendung sein soll (Röm 11,25f). Aber eine letzte und eigene Identität ohne Jesus Christus ist nach christlicher Überzeugung auch und besonders für die Synagoge der Juden nicht denkbar.

Mit äußerstem Wohlwollen und unter Absehen von den konkreten historischen Motivationen hinter den neuen Formulierungen könnte man die Karfreitagsbitte Pauls VI. um das Treubleiben der Juden in ihrem ersten Bund als indirekten Wunsch verstehen, sich Christus als dem „Ziel des Gesetzes“ (Röm 10,4 – télos wird oft als „Ende des Gesetzes“ verstanden, hat bei Paulus aber vorzüglich die positive Bedeutung der Erfüllung) zu nähern. Dagegen steht das Zeugnis Erich Zengers als bedeutendem Fachmann in dieser Auseinandersetzung: er versteht die Formulierung im Meßbuch Pauls VI. als die Anerkennung der Berechtigung einer eigenen Tradition Israels, aus der es das Ja zu Jesus von Nazareth verweigern muß. Auf den Konzilstext Nostra Aetate beruft sich Zenger allerdings zu Unrecht: dort wird festgehalten, daß Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt hat (nach Lk 19,44 – was natürlich nicht bedeutet, dass die Juden pauschal als von Gott verworfen und verflucht dargestellt werden dürften: Nr. 4).

Es ist schwer zu verstehen, wie man mit dem Evangelium und dem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils festhalten kann, daß Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt hat, und zugleich darum bitten, Gott möge die Juden in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen (weiterhin?) bewahren. Dagegen ist die von Papst Benedikt XVI. für das Meßbuch von 1962 formulierte Karfreitagsbitte theologisch klar. Da eine Darstellung der Synagoge mit verbundenen Augen in der Vergangenheit oft weniger biblisch (nach 2Kor 3,14) als vielmehr soziologisch „die gegenseitige Kenntnis und Achtung“ (Nostra Aetate Nr. 4) behindernd verstanden wurde, wählte nun der Papst eine ebenso biblische wie auch unpolemische Formulierung aus Röm 9-11. Damit setzt er sich trotz aller Widerstände für eine Akzeptanz des Meßbuchs von 1962 ein und setzt zugleich Signale, die möglichen und sogar naheliegenden Mißverständnissen in den Formulierungen des Meßbuchs von 1970 entgegenwirken. Noch sind die Reaktionen dagegen heftig. Muß erst eine neue Generation von Theologen heranwachsen, die sich wieder unvoreingenommen dem gemeinsamen Erbe zuwendet, bis die mißverständliche Formulierung der Karfreitagsbitte im ordentlichen Ritus der römischen Liturgie korrigiert werden wird?

Oremus pro beatissimo Papa nostro Benedicto: Dominus conservet eum et vivificet eum, et beatum faciat eum in terra, et non tradat eum in animam inimicorum eius.


Darf man um die Bekehrung der „Juden“ beten?

Von Franz Prosinger

Eine lange leidvolle Geschichte mahnt uns zu vorsichtigem Sprechen. Der Unverstand ging so weit, dem Wort „Juden“ einen negativen, ja abfälligen Beigeschmack zu geben. Gemeint sind die Söhne und Töchter Israels, des auserwählten Volkes, des von Gott gepflanzten Ölbaumes, den edlen Stamm, aus dem zwar „einige Zweige ausgebrochen wurden“ (Röm 11,17) und in den die Heidenchristen als Zweige aus wilden Stämmen eingepfropft wurden – in den aber nach dem unerforschlichen Heilsplan Gottes auch die getrennten Zweige wieder eingefügt werden sollen und auch um so mehr können, als es sich um ihren angestammten Platz handelt (vgl. Röm 11,24).

Welche Zweige sind da gemeint? Schon im Jahr 722 vor Christus wurden von den zwölf Stämmen Israels – durch die Aufteilung Josephs in Ephraim und Manasse eigentlich dreizehn – zehn Stämme durch die Assyrer deportiert, so daß nur noch die beiden Stämme des Südreiches, Juda und Benjamin, zusammen mit den dort ansässigen oder zugezogenen Leviten übrig blieben. Durch die Rückeroberung Palästinas durch die Makkabäer aus dem Stamm Levi im zweiten Jahrhundert vor Christus kann man von einer „Rejudaisierung“ und einer Epoche des Frühjudentums sprechen. Allerdings regte sich gegen das hierokratische System der Makkabäer bzw. Hasmonäer Widerstand: sie stammten nicht aus einer Familie mit dem Recht auf das Hohepriestertum und sie paßten den alten Sonnenkalender Israels dem in der damaligen Welt üblichen Mondkalender der Perser an. Die dagegen opponierende Gruppe der Chassidim bzw. Essener als Sekte zu bezeichnen, ist zwar eine wörtliche Übersetzung aus der Geschichte des jüdischen Volkes von Flavius Josephus, entspricht aber m.E. nicht dem heutigen Sprachgebrauch: es gab damals kein Lehr- und Hirtenamt, das eine verbindliche Einheit definieren konnte, sondern nur eine allgemeine Orientierung an Schrift und Tradition.

Als die Herrschaft der Hasmonäer den Herodianern weichen mußte, durften die Essener nach Jerusalem zurückkehren und deren Leviten bzw. Priester bekamen die Gelegenheit, im Tempel Opfer darzubringen. Hierzu sei die Lektüre von Bargil Pixner, Wege Jesu in Palästina (Gießen 1991), empfohlen. Wenn auch die festen Anhänger der Pharisäer, die den Hasmonäern zugetan waren, zahlenmäßig die bedeutendste Gruppe darstellten, so konnten sie doch nicht das damalige Judentum repräsentieren. Daneben gab es die zwar kleine, aber mächtige Gruppe der Sadduzäer und schließlich die zahlenmäßig vielleicht sogar noch größere Gruppe des damaligen Judentums, die in Jesus von Nazareth den verheißenen Messias erkannte und in Antiochien erstmals „Christen“ genannt wurden (Apg 11,26; 21,20 spricht von vielen Tausenden – man rechnet mit 6000 festen Anhängern der Pharisäer und 2000 der Essener). Die vielen Priester, die sich ihnen anschlossen (Apg 6,7), werden wohl Essener gewesen sein, und auch viele Pharisäer bekannten sich als Christen. Von denjenigen Juden, die Jesus nicht als Messias ablehnten – unter anderem mit Berufung auf Dt 21,23: „Verflucht ist, wer am Holz aufgehängt ist“ (vgl. Gal 3,13) -, konnte sich nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. die Gruppe der Pharisäer behaupten, da diese schon zuvor ihre Haupttätigkeit in den Synagogen entfaltet hatten und dies auch weiterhin tun konnten. Das sich daraus, zunächst in der Schule von Jamnia und dann am Talmud orientierende rabbinische Judentum repräsentiert also nicht die Vielfalt des Frühjudentums zur Zeit des zweiten Tempels.

Überlebt hat auch eine andere Gruppe des frühen Judentums, und das ist die Kirche aus Juden und Heiden (Apg 14,1; 18,4; 19,10.17; 20,21; 1Kor 1,24). Diese Kirche ging aus dem Judentum hervor, missionierte erfolgreich in Samaria (Apg 8,5-25), nahm seit der Taufe des Cornelius auch Heiden in ihrem Schoß auf (Apg 10), ist und bleibt aber die Kirche aus Juden und Heiden (die Aufregung in Tradi-Kreisen über die Aussage Kardinal Lustigers, er sei auch als Christ Jude geblieben, ist unverständlich). So gibt es innerhalb des Judentums eine Trennung in der Frage, ob Jesus von Nazareth der vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs verheißene Messias ist oder nicht. Es können nicht das am Talmud orientierte Judentum und die Kirche aus Juden und Heiden zugleich Recht haben. Mindestens eine von beiden Gemeinschaften lebt im Irrtum und ist mit Blindheit geschlagen.

Hier gilt es, zwischen religiösem Indifferentismus und Urbanität zu unterscheiden. Der religiöse Indifferentismus behauptet aus willkürlichem Stolz oder aus falscher Bescheidenheit dogmatisch die Unfähigkeit des Menschen, in religiösen Dingen zu objektiv erkennbarer und allgemein verbindlicher Überzeugung gelangen zu können. Subjektive Neigungen sind zu tolerieren, ja diese Toleranz wird zum diktatorischen System erhoben, in dessen Namen echte religiöse Überzeugungen verfolgt werden. Diese Haltung ist den heiligen Schriften des Judentums – für die Christen sind das die Schriften des Alten Bundes – derart fremd, daß man im Namen der jüdischen Religion eine solche Toleranz nicht fordern kann.

Etwas ganz anderes ist die Urbanität. Bürger, die in derselben Stadt friedlich zusammen leben wollen, können und sollen von der objektiven Wahrheit ihres religiösen Glaubens zwar überzeugt sein, ohne deshalb aber dem Andersgläubigen den guten Willen und die subjektive Überzeugung abzustreiten. Auch in diesem Sinn gibt es eine lange, und zwar erfreuliche Geschichte friedlichen Zusammenlebens. Die Phasen primitiver Verachtung und Verfolgung zeigen nur, wie sehr diese Urbanität notwendig ist. Man denke an den Bischof von Speyer, der zur Zeit der Kreuzzüge die Juden der Stadt in seinem bischöflichen Hof vor dem aufgehetzten Pöbel zu schützen suchte, oder an die Ordensleute der Stadt Rom, die im Zweiten Weltkrieg die Juden der Stadt vor der Verfolgung durch die heidnischen Nazis in ihren Klöstern unterbrachten.

Dies schließt nicht aus sondern ein, daß man das religiöse Gespräch sucht und darum betet, der Mitbürger möge die Wahrheit des eigenen Glaubens erkennen. Trotzdem kann es sogar einen Respekt vor der Überzeugung des anderen geben. So sehr wir einerseits wünschen und darum beten, die am Talmud orientierten Juden mögen in Jesus von Nazareth den von Gott gesandten Messias erkennen, so dürfen wir doch auch die Treue in der Bewahrung ihrer Überlieferungen bewundern, die Ehrfurcht, in der die heiligen Schriften bis ins Kleinste durch Jahrhunderte und Jahrtausende unverändert abgeschrieben wurden (bestätigt durch die Funde in Qumran), und eine Gebetstradition in Synagoge und zuhause in der Familie, von der wir manches lernen können. Sowohl gegenüber einem liberalen, der modernen Welt angepaßten Judentum, als auch einem ebensolchen Christentum sind die orthodoxen Juden in gewisser Weise unsere Verbündeten.

Sollte sich ein der Tradition seiner Väter treuer Jude wirklich beleidigt fühlen, wenn wir für die Überwindung seiner Blindheit und seine Bekehrung beten, so fordern wir ihn gern dazu auf, uns mit gleicher Münze heimzuzahlen: wenn er wirklich so fest davon überzeugt ist, daß Jesus von Nazareth nicht der von Gott verheißene und gesandte Messias war, so möge er darum beten, daß den verblendeten Augen der Christen die Blindheit genommen werde und sie sich von ihrem Irrtum bekehren mögen!

Dieser Artikel erschien in Theologisches, Ausgabe vom Nov/Dezember 2007, Sp. 413-416.


Es gibt nur einen Erlöser für alle

Im Rosenkranzgebet erweist Maria sich als die Mutter unseres Herrn. Lassen wir uns an ihrer Hand zu Jesus Christus führen. Das alles ist nicht überholt. Wo finden wir Besseres? Die Kirche hat heute keinen anderen Auftrag, auch wenn sie damit ungemütlich wird. Wir brauchen keine neue, keine andere Kirche. Sie hat, wie Paulus gesagt hat, nicht menschliche Weisheit zu verkünden, sie soll vielmehr nichts anderes wissen als Jesus Christus und diesen als den Gekreuzigten. Wenn wir ihn bekennen und bezeugen, dann haben wir als Kirche “etwas” zu sagen - eine Botschaft, die es weiterzubezeugen gilt, eine Botschaft, die auch heute noch die Kraft hat, die Welt zu verändern. Denn in ihm ist die Fülle der Gottheit erschienen. In keinem anderen Namen ist Heil. Wir brauchen auch heute keine anderen Heilsbringer, nicht anderen und neuen Religionen nachlaufen. Wohin sollten wir sonst gehen? Er ist der eine und einzige Retter und Erlöser aller. Er hat Worte des Lebens. Er ist Licht und Leben. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ihn erkennen, ist das ewige Leben.

Aus der Predigt, die Walter Kardinal Kasper am 15. August 2003 in der Lindauer Stiftskirche gehalten hat, veröffentlicht in Kirche heute, Oktober 2003, S. 15.


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