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Rettende Schönheit

Von P. Engelbert Recktenwald

In seinem Buch Moralische Grundbegriffe plädiert Robert Spaemann dafür, den Blick für uneingeschränkt gute Handlungen zu schärfen, die uns im Alltag begegnen. “Ich denke an so einfache Dinge wie an den jungen Mann, den ich nach einem Weg frage, der schwer zu finden ist. Er unterbricht sein Vorhaben und geht fünf Minuten mit mir, um mir den Weg zu zeigen. Es ist eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert, aber es ist ohne Einschränkung schön. Und jede solche Handlung rechtfertigt die Existenz der Welt” (S. 94).

Wenn Spaemann eine solche Handlung “schön” nennt, schließt er sich dem Sprachgebrauch Platons an. Damit sind Handlungen gemeint, die in sich moralisch gut und wertvoll sind. Das moralisch Gute ist das in sich Wertvolle, das sich von dem unterscheidet, was bloß “gut” im funktionellen Sinn zur Erreichung eines bestimmten Zwecks genannt wird, so wie man von einem guten Kaufmann spricht, der durch gutes Marketing seinen Gewinn steigert. Solches Marketing kann mitunter zu einem hässlichen Geschäft werden. Seit Platon gibt es diese Unterscheidung zwischen dem kalón, dem in sich Guten und Schönen, und dem agathón, dem Für-mich-Guten und Zuträglichen.

Für moderne Ohren gewöhnungsbedürftig ist nun die Aussage Spaemanns, dass solche Handlungen kraft ihrer Schönheit die Existenz der Welt rechtfertigen. Der Rechtfertigung bedarf die Welt wegen der Hässlichkeit all der Verbrechen und moralischen Verkommenheit, die in ihr vorkommen.

In einer Weltsicht, die sich nicht mit einem bloß deistischen Gottesbild begnügt, sondern mit einem sich für seine Schöpfung brennend interessierenden Gott, wie ihn die Bibel kennt, ernst macht, verwandelt sich dieser ideale Rechtfertigungszusammenhang in ein reales Rettungsverhältnis. Deshalb gibt es einen tiefen Sinn, in dem die Aussage Dostojewskis wahr ist, dass die Schönheit die Welt retten wird. Wir sehen es in der Geschichte Abrahams, der Sodom vor dem Strafgericht Gottes retten will. Er verweist auf die Gerechten, die in Sodom leben, und Gott versichert, die Stadt zu verschonen, wenn er nur zehn Gerechte in ihr finden würde (Gen 18,32).

Wenn Gott als der schlechthin Gute existiert, der sich diese Welt als ihr Schöpfer ausgedacht hat, dann hängt ihre Existenz nicht von den physikalischen Zweitursachen ab, nicht von Urknall, Weltall oder Klima, sondern allein davon, ob sie Ihm gefällt. Der Anteil des Schönen in ihr ist existenzentscheidend. Und da bekommt nun die berühmte Aussage des hl. Pater Pio einen ungeahnt präzisen und vernünftigen Sinn: “Eher kann die Erde ohne Sonne bestehen also ohne hl. Messe.”

Um diese Aussage ernst nehmen zu können, sind zwei Dinge Voraussetzung: der katholische Glaube an Jesus Christus und der an das heilige Messopfer.

Dostojewski hat Recht, wenn er die Schönheit, von der er die Rettung der Welt erwartet, mit Christus identifiziert. Der biblische Ausdruck für diese rettende Schönheit ist “Herrlichkeit”, “Gloria”, “doxa”. Jesus offenbarte seine Herrlichkeit. Den Anfang machte er mit dem Wunder von Kana (Joh 2, 11). Die ganze Augenzeugenschaft der Apostel fasst Johannes in den Satz zusammen: “Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit” (Joh 1, 14). Diese Herrlichkeit ist unendlich mehr als ein bloß ästhetisches Erlebnis, als welches man etwa die Verklärung auf dem Berge Tabor missverstehen könnte, wo seine Kleider weiß wurden wie Schnee. Es geht vielmehr um ein Offenbarwerden der absoluten Güte, Vollkommenheit und Wertfülle Gottes. Christus ist der Retter, und seine Rettungsaktion besteht in der Offenbarung und Betätigung seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit bedeutet für uns Leben, denn in Jesus ist uns das Leben erschienen (1 Joh 1, 2). Sie ist rettende und verwandelnde Liebe.

Das Herrlichste, was Jesus getan hat, war das Opfer seines Lebens am Kreuz. Dieses Opfer ist Gott so wohlgefällig, dass es die Kraft hat, die ganze Welt mit Gott zu versöhnen, alle Schuld zu sühnen und uns mit göttlicher Herrlichkeit zu erfüllen. Es braucht keine zehn Gerechten mehr in jeder Stadt, sondern es genügt die wirksame Gegenwart dieser einen Tat des Gottmenschen, um die Welt zu retten.

Sie wird aber gegenwärtig und wirksam im heiligen Messopfer. Durch das Opfer am Kreuz hat Jesus Gott in höchstem Maße verherrlicht. “Verherrlichung”: Da haben wir wieder das Wort “Herrlichkeit”. Gott zu verherrlichen bedeutet: Ihm alle Ehre zu geben und durch Taten übernatürlicher Liebe seine Herrlichkeit in der Welt aufleuchten zu lassen. Gott zu verherrlichen geht Hand in Hand mit der Vollendung der Schöpfung, indem sie von Gottes Schönheit erfüllt wird. Gottes Verherrlichung ist der letzte Sinn und Zweck der ganzen Schöpfung. Diese Verherrlichung wird Ihm auf unendlich wertvolle Weise zuteil durch das Kreuzesopfer Jesu Christi. Und das Messopfer wiederum ist die “Vollendung des Kreuzesopfers in Hinsicht auf die Verwirklichung seiner Zwecke” (M. J. Scheeben).

Deshalb trägt das Messopfer, das vom Priester in persona Christi dargebracht wird, seinen Sinn und Zweck in sich selbst. Es ist das Schönste und Wertvollste, was der Priester tun kann. Deshalb gilt: Nicht die Gläubigen verleihen der Feier erst ihren Sinn durch ihre Anwesenheit, sondern genau umgekehrt: Die Anwesenden bekommen Anteil am Sinn und Wert des Geschehens. Es sind nicht die mitfeiernden Gläubigen, die den Sinn des Ganzen retten, sondern es ist das Geschehen auf dem Altar, das die Anwesenden rettet. Das Opfer des Herrn lebt nicht von unserer Anwesenheit, sondern wir von seinem Opfer.

Die Verunglimpfung der Darbringung des Messopfers ohne Gläubigen als Geistermesse dürfte einem Theologen, dem diese Zusammenhänge klar sind, kaum möglich sein. Sie ist ein bezeichnendes Symptom. Ein Gottesdienst sei keine Solonummer, sondern brauche die Partizipation aller, hören wir etwa von der Erfurter Theologin Julia Knop. Bezöge sie diese Aussage auf einen Gottesdienst wie etwa eine Andacht, die ganz im gemeinsamen Gebet und Gesang der versammelten Gläubigen aufgeht, dann hätte sie recht. In der heiligen Messe allerdings vollzieht sich, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, auf dem Altar “das Werk unserer Erlösung.” Dieses Werk wird von Christus vollzogen, und zwar durch den Priester und unabhängig davon, ob außerdem noch zwei, zwanzig oder 2000 Gläubige anwesend sind. “Die unblutige Hinopferung, wobei kraft der Wandlungsworte Christus im Zustand des Opferlammes auf dem Altare gegenwärtig wird, ist das Werk des Priesters allein, insofern er die Person Christi vertritt, nicht aber insofern er die Person der Gläubigen darstellt” (Pius XII., Mediator Die). Die Versammlung des Gottesvolkes erhält ihren Sinn ganz vom Erlösungswerk her, indem sich die Gläubigen mit Christus vereinen, sich selbst gewissermaßen zur Opfergabe machen, ins Opfer Christi eingehen und durch die im Messopfer erwirkte Zuwendung von Christi Heilsgnaden an Gottes Herrlichkeit Anteil gewinnen.

Dieser Text erschien am 3. September 2020 in der Tagespost.

Sie können ihn auch hören.


R. Spaemann: Ist ein opferloses Christentum möglich?

Autoren

Conrad Sven
Deneke B.
Mosebach M.
Muschalek G.
Postl Uwe
Prosinger F.
Ramm Martin
Ratzinger J.
Recktenwald E.
Spaemann R.
Strasser R.
Wildfeuer M.


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