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Die Konturen des Glaubens verschwinden

Eine Rede von Joseph Kardinal Ratzinger

Über die neue Stadt Jerusalem sagt das Buch der Geheimen Offenbarung: "Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine, auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes" (21,14). Diesen großen endzeitlichen Zusammmenhang muß man vor Augen haben, um ganz zu verstehen, was das Zweite Vatikanum über das Bischofsamt ausführt: "... docet Sancta Synodus Episcopos ex divina institutione in locum Apostolorum successisse, tamquam Ecclesiae pastores, quos qui audit, Christum audit ..." (...lehrt die Heilige Synode, daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten sind. Wer sie hört, hört Christus...: Lumen Gentium 20).

Das Wesen des bischöflichen Amtes ist es demnach, daß die Bischöfe "an den Platz der Apostel getreten sind". Was dies heißt, wird dadurch erläutert, daß sie "Hirten der Kirche" genannt werden, dieser Ausdruck wiederum wird erklärt mit dem Hinweis auf das Wort Christi: Wer euch hört, hört mich... (Lk 10,16). Dies ist wichtig: Die "Pastoral", das Hirtenamt wird durch den Gedanken des Hörens erklärt. Hirt im Sinn Jesu Christi ist jemand dadurch, daß er den Menschen Christus zu Gehör bringt. Im Hintergrund wird der Johannes-Prolog vernehmbar, der Christus den Logos nennt, auch die altchristliche Vorstellung klingt an, daß der Hirt der Menschen eben der Logos ist, der uns, die orientierungslosen Schafe, zur Weide der Wahrheit führt und uns so Wasser des Lebens gibt. Hirte sein heißt demnach: dem Logos, dem erlösenden Wort, Stimme geben.

Diese Grundgedanken kehren, ins Praktische gewendet, wieder, wenn Lumen Gentium 25 beschreibt, was der Bischof praktisch zu tun hat, und dabei sagt: "Inter praecipua Episcoporum munera eminet praedicatio Evangelii" (Unter den hauptsächlichen Ämtern der Bischöfe hat die Verkündigung des Evangliums einen hervorragenden Platz), womit übrigens das Zweite Vatikanum eine vom Trienter Konzil geprägte Formel wiederholt (Sessio XXIV, De reform. IV, ed. Alberigo u.a., Bologna 1973, Seite 763). Der Bischof ist vor allem Evangelist, könnten wir das übersetzen: Gerade so ist er Nachfolger der Apostel.

Wenn wir als Bischöfe über diesen Satz eine Gewissenserforschung anstellen und uns fragen, ob unsere tatsächlichen Prioritäten diesem Maßbild entsprechen, so darf man gewiß positive Faktoren der nachkonziliaren Entwicklung herausstellen, die auf der Linie dieses Bischofsbildes liegen: Die Bischöfe predigen heute in der Tat im allgemeinen mehr, als dies früher der Fall war - manchmal vielleicht zu viel. Es ist sicher eine positive Entwicklung, daß die Bischöfe fast immer bei ihren Pontifikalhandlungen selbst predigen und so in der Verkündigung von Gottes Wort ihren Priestern vorangehen. Auf der gleichen Linie liegt auch ein verstärktes Bemühen vieler Bischöfe und Bischofskonferenzen, durch gründlich vorbereitete Hirtenschreiben zu den großen Fragen der Zeit Stellung zu nehmen und sie im Licht des Glaubens zu beantworten. Schon sehr viel weniger positiv sieht die Bilanz aus, wenn wir an die Entwicklung der Katechese in der Nachkonzilszeit denken. Man hat sie weitgehend den sogenannten Fachleuten überlassen. Das hat zu einem Überwuchern von Experimenten geführt, bei dem oft die eigentliche Sache ziemlich weit aus dem Blick geriet, und auch zu einem Durcheinander von Stimmen, in dem das eine Evangelium nur noch schwer zu erkennen ist. Noch schwieriger wird es, wenn wir an das Verhältnis des Bischofs zu den Theologen denken, die heute nicht mehr bloß im stillen Bereich akademischer Forschung und Lehre wirken, sondern ihr häufig sehr dissonantes Konzert in aller Öffentlichkeit mit den Instrumenten der Massenmedien aufführen, so daß ihre Stimme die des bischöflichen Predigers übertönt. Trotz aller unbestreitbaren bischöflichen Bemühungen um die Verkündigung des Wortes haben die Theologen in großen Teilen der Welt den Bischof als Lehrer abgelöst. Obwohl dabei auch viel Gutes zu Tage getreten ist, ist aufs Ganze gesehen das Ergebnis überwiegend Unsicherheit und Verwirrung: Die Konturen des Glaubens verschwinden hinter den Reflexionen, die ihn erklären sollen.

In diesem Zusammenhang muß ich eine nachkonziliare Entwicklung erwähnen, die unsere besondere Aufmerksamkeit verlangt. Wir hörten, daß das Zweite Vatikanum dem Verkündigungsauftrag des Bischofs Vorrang eingeräumt hat. Wenn man nun die theologische Literatur der Nachkonzilszeit zu dieser Frage konsultieren will, stellt man mit Erstaunen fest, daß diese Aussage praktisch unkommentiert geblieben ist. Statt dessen stößt man in der Literatur auf Erklärungen, die den Bischof ganz auf eine Art von geistlicher Verwaltung beschränken wollen.

So hat J. Colson eine Äquivalenz zwischen dem frühchristlichen Episkopos und dem Mebagger der Qumran-Gemeinde behauptet und dies am Modell des Jakobus und anderer christlicher Verantwortlicher zu verifizieren versucht. Sie seien nur "Überwacher" im Sinne von Qumran gewesen. Der Patrologe A. Hamman sagt in ähnlichem Sinn, nun von der griechischen Umwelt her: Die "Bischöfe" nannten sich Episkopen, das heißt Inspektoren gemäß dem Sprachgebrauch der damaligen Zivilverwaltung. Hans Küng stellt denselben etymologischen und genealogischen Zusammenhang fest und kommt von daher zu seiner Unterscheidung von Episkopen und Lehrern, zu seiner Abtrennung der Lehre aus der Funktion der Hirten. Alle diese Thesen sind nicht im gelehrten Bereich verblieben, sondern sind zu einer Art Pression auf den Bischof geworden: Seine Aufgabe sei es, Polarisierungen zu vermeiden, als Moderator im Pluralismus der Meinungen aufzutreten, aber nicht selbst inhaltlich "Partei" zu werden. Das ist immer dann richtig, wenn es um rein wissenschaftliche Differenzen geht. Es ist dann falsch, wenn der Glaube selbst auf dem Spiele steht, für den einzutreten in der Kirche keine "Parteilichkeit" ist.

Tatsächlich muß man zugeben, daß sich die Bischöfe diesem Ordnungsbild weitgehend gefügt und ihre Lehrvollmacht den Theologen gegenüber kaum in Anspruch genommen haben. Dieser Vorgang hat aber zugleich ihre Predigttätigkeit entwertet, weil das Wort der Predigt damit ins bloß "Pastorale" abgedrängt wird und nicht mit der Autorität der Entscheidung auftritt. Dann aber ist es gerade auch nicht pastoral, denn Pastoral besteht darin, den Menschen vor die Entscheidung zu stellen, ihn mit der Autorität der Wahrheit zu konfrontieren. Die Predigt steht unter dem Maß des Psalmwortes: 'Du hast mir die Wege des Lebens bekanntgemacht' (Ps 16,10), zu dem der deutsche Philosoph Robert Spaemann vor einiger Zeit sarkastisch geschrieben hat: "Der längere Aufenthalt in einer katholischen Buchhandlung ermutigt nicht, mit dem Psalmisten zu beten: 'Du hast mir die Wege des Lebens bekanntgemacht.' Man hat dort inzwischen gelernt, daß Jesus keineswegs Wasser in Wein verwandelt hat, dafür allerdings Einblicke in die Kunst gewonnen, Wein in Wasser zu verwandeln. Diese neue Magie trägt den Namen 'Aggiornamento'".

In der Gewissenserfoschung, um die wir uns bemühen, trifft jetzt die Frage: Warum haben wir Bischöfe uns weitgehend dieser Beschränkung unseres Amtes auf den Inspektor, den Moderator, den Mebagger gebeugt? Warum sind wir in diesem wesentlichen Punkt vom Neuen Testament zurück mach Qumran gegangen? Hier stoßen wir nun auf den Hintergrund unserer modernen Kultur, auf die Frage des rechten Verhältnisses zwischen dieser Kultur und dem Evangelium. Die moderne Kultur sagt uns zunächst, daß man zwischen Glaube und Theologie gar nicht deutlich unterscheiden könne, und wenn es schon möglich sein sollte, dann kann es jedenfalls nur der Spezialist, der Theologe, aber nicht der Hirte. Wie sollte er sich in diesem Dickicht zurechtfinden? Also kann der Hirte gar nicht feststellen, ob die theologische Reflexion vielleicht den Glauben selbst aufzulösen begonnen hat und aus ihrer dienenden Rolle herausgetreten ist.

Dies ist indes nur die erste Stufe des Problems. Die eigentliche Frage ist radikaler. Die moderne Welt unterscheidet zwei Lebensbereiche, denjenigen der Aktion und denjenigen der Reflexion. Im Bereich der Aktion braucht man so etwas wie Autorität, die funktional begründet ist und im Rahmen ihres Funktionszusammenhangs tätig wird. Im Bereich der Reflexion kann es Autorität nicht geben. Sie folgt allein dem Gesetz des Denkens. Dessen Wesen aber ist es, daß es Endgültigkeit nicht kennt, sondern nur die immer neu zu überprüfende und gegebenenfalls zu überholende Hypothese. Das aber bedeutet: Die Kirche kann funktionale Autorität im Bereich ihres Handelns ausüben. Denn Autorität begründet sich aus Funktionszusammenhängen, nicht anders. Sie kann nicht in den Gang des Denkens, in die wissenschaftliche Reflexion der Theologie eingreifen. Theologie ist nicht Sache der Autorität, sondern Sache der Professionalität. Diese Vorstellungen haben in der Welt von heute einen solchen Grad von Plausibilität erlangt, daß es den Bischöfen nahezu unmöglich ist, sich ihnen nicht zu beugen. Beugt man sich ihnen aber, so bedeutet dies, daß die Kirche zwar fromme Ratschläge geben, aber nicht die Wahrheit verbindlich aussagen und nicht den Menschen in die Entscheidung rufen kann.

Damit hängt ein Letztes zusammen: In der Wertskala der heutigen Welt haben die individuellen Freiheitsrechte und die ihnen zugerechneten Freiheitsrechte der Massenmedien höchsten Rang, während die objektiven sittlichen Werte, über die es ohnedies kein Einverständnis gibt, in die Sphäre des einzelnen verwiesen werden und daher keinen gemeinschaftlichen, öffentlichen Schutz verdienen. Es gibt, grob gesagt, ein Recht auf Amoralität, aber kein Recht der Moral. Gegenüber Einseitigkeiten früherer Epochen kann das auch seinen Vorteil haben, aber der Auftrag des Zeugnisses für die Wahrheit des Evangeliums führt damit in die Passion der Wahrheit hinein.

Das ist aber nun zugleich auch der positive Schluß, zu dem diese Überlegung führt: Maßstab für die Wahrheit ist, daß sie des Leidens wert ist. Der Evangelist muß im tiefsten Sinn des Wortes auch ein Martys sein. Wenn er das nicht will, darf er die Hand an den Pflug nicht legen. Selbstverständlich muß der Bischof, der Bote des Evangeliums, großzügig dem intellektuellen Disput Raum geben. Er muß lern- und korrekturbereit sein. Aber er muß auch wissen, daß der im Taufbekenntnis formulierte Glaube, den er von den Zeugen aller Jahrhunderte übernommen hat, ihn in Verantwortung ruft: Auch uns geht das Wort an, mit dem sich Paulus von den Presbytern in Ephesus verabschiedet hat: "Habt acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche sorgt, die er sich durch das Blut seines Sohnes erworben hat... Seid also wachsam..." (Apostelgeschichte 20,28.31).

Kardinal Ratzinger hat diese Rede im März 1989 auf dem Treffen der amerikanischen Bischöfe mit der Kurie in italienischer Sprache gehalten. Sie wurde u.a. abgedruckt in der Zeitschrift Umkehr vom Februar 1993.


Das Zitat

Die Kirche ist nicht unsere Kirche, sondern Seine Kirche, die Kirche Gottes. Der Knecht muß Rechenschaft ablegen, wie er mit dem Gut umgegangen ist, das ihm anvertraut wurde. Wir binden die Menschen nicht an uns; wir suchen nicht Macht, Einfluß, Ansehen für uns selber. Wir führen die Menschen zu Jesus Christus und so zum lebendigen Gott. Damit führen wir sie in die Wahrheit und in die Freiheit, die aus der Wahrheit kommt.

Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt am 12. September 2009 während der Weihe von fünf Bischöfen im Petersdom.


Zum Thema: Die Mahnungen des Papstes


Kardinal Ratzinger über das Konzil

Ansprache Kardinal Ratzingers vom 24. Oktober 1998

Predigt von Kardinal Ratzinger in Le Barroux

Kardinal Ratzinger über die Liturgiereform

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