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Jenseits der historisch-kritischen Methode

Papst Benedikt XVI. und die Reform der biblischen Exegese

Von Marcus Holden

Dieser Artikel erschien in der Januar-Februar-Ausgabe 2009 des FAITH Magazins. Das Faith-Magazin erscheint in London und wird von Hugh MacKenzie herausgegeben
Der Autor Father Marcus Holden, Kaplan in der Pfarrei St. Augustine’s in Tunbridge in Kent, Mitverfasser der in England beliebten katechetischen Hilfen zum Evangelium, stellt im Folgenden den traditionellen Kontext dar, in dem Papst Benedikt die moderne Schriftexegese sowie die große Bereicherung einzustufen versucht, die mit ihr verbunden sein könnte.
Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Katrin Krips-Schmidt.

Die historisch-kritische Methode der biblischen Exegese dominiert das Schriftstudium seit mehr als hundert Jahren. Trotz des Unbehagens vieler Theologen, und insbesondere der Gläubigen, an der Art und Weise, wie diese Methode ausgeführt wird, haben es nur wenige gewagt, ihre Voraussetzungen und Schlussfolgerungen sowie ihre Ausschließlichkeit zu hinterfragen. Eine der Persönlichkeiten, die konsequent eine Neubewertung, eine Reinigung und Erweiterung dieser vorherrschenden Methode der biblischen Exegese einfordert, ist Joseph Ratzinger. Sein Beitrag als Papst Benedikt XVI. in diesem entscheidenden Bereich der Theologie wird nunmehr umso einflussreicher sein.

In seinem Buch Jesus von Nazareth fordert uns Joseph Ratzinger dazu auf, über die bloße historische Kritik hinauszugehen und zu einer tiefergehenden theologischen Lektüre der Schrift zu gelangen (1). Er räumt zwar ein, dass ein wirklich historischer Ansatz vonnöten ist, doch wenn dieser die isolierte Vergangenheit als vergangen behandelt, „schöpft [sie] den Auftrag der Auslegung für den nicht aus, der in den biblischen Schriften die eine Heilige Schrift sieht und sie als von Gott inspiriert glaubt.“ (2).

Indem Ratzinger diesen Punkt zur Sprache bringt, verlagert er geschickt die Debatte weg von einer Beurteilung darüber, was die historisch-kritische Methode erreicht hat und was nicht, hin zu einer neuen Offenheit gegenüber dem, was viel weiter als diese historische Kritik selbst geht.

Zweifellos hat die kritisch-historische Exegese während der vergangenen hundert Jahre zu unerhörten Fortschritten in unserer Bibelerkenntnis beigetragen: in Bezug auf ein besseres Verständnis der literarischen Gattungen, der Quellengeschichte und Textkomposition; im Hinblick auf Etymologie und Archäologie; in der Durchdringung alter Sprachen und kultureller Rahmenbedingungen. Gleichwohl hat es zu keiner anderen Epoche eine derartige Krise der Glaubensrelativierung gegeben wie in der heutigen der modernen Forschungsergebnisse. Dieses Problem macht sich ganz besonders in Zusammenhang mit der Person Jesu Christi selbst bemerkbar. Viele Gelehrte haben den „historischen Jesus“ vom „Christus des Glaubens“ abgespalten und damit Theologie und Doktrin von Vernunft und Realität abgetrennt. Die potentiellen Konsequenzen einer solchen Entwicklung sind besorgniserregend. „Die innere Freundschaft mit Jesus, auf die doch alles ankommt, droht ins Leere zu greifen“.(3)

Angesichts des vorhandenen Skeptizismus überrascht es nicht, dass die immer wieder angewandte christliche Methode einer theologischen Wahrheits- und spirituellen Bedeutungssuche in den Heiligen Schriften während der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts nahezu in den Hintergrund getreten ist. Ratzinger bemerkt, dass diese, in der traditionellen christlichen Interpretation aufgefundene, bedeutsame Synthese „in dem Augenblick fragwürdig werden [musste], in dem das historische Bewusstsein Auslegungsmaßstäbe entwickelte, von denen her die Exegese der Väter als unhistorisch und daher als sachlich unhaltbar erscheinen musste.“ (4) Beim Nachsinnen über diese eigenartige Sackgasse hat Joseph Ratzinger festgestellt, dass die Krise im Bibelverständnis in eine noch viel deutlichere Zwickmühle in der theologischen Hermeneutik hineinführt und dieses Dilemma befeuert. Fast zwanzig Jahre zuvor beobachtete Joseph Ratzinger: „Die moderne Exegese verwies Gott, wie wir gesehen haben, vollständig in das Unbegreifliche, das Außerweltliche und Unaussprechliche, um den biblischen Text als solchen als eine gänzlich weltliche Realität mit naturwissenschaftlichen Methoden behandeln zu können.“ (5)

Die Säkularisierung der Exegese hat ihre Ursache in einem gegen das Übernatürliche gerichteten Rationalismus, der seit der „Aufklärung“ gegenwärtig ist und zunimmt. Wenn man die Wirklichkeit Gottes und seine aktive Lenkung der Schöpfung leugnet, dann folgt daraus, dass man die Vorstellung einer inspirierten Schrift verneint, die uns die objektive göttliche Offenbarung zuteil werden lässt sowie den Schlüssel zum Verständnis der Geschichte. Eine theologische und übernatürliche Sicht der Exegese wird dann automatisch verworfen, einer seriösen Wissenschaft für unwürdig gehalten oder einfach auf eine Fußnote in der Ideengeschichte reduziert.

Die von Ratzinger aufgegriffene Fragestellung hat nichts damit zu tun, die biblische Historizität zu verteidigen oder anzugreifen, sondern ist vielmehr fundamentaler Art. Was der Rationalist mit seiner speziellen Philosophie nicht hinnehmen konnte, war der - der traditionellen Exegese inhärente – Anspruch, dass es hinsichtlich der Bedeutung von Geschichte eine privilegierte Erkenntnis gibt, die vom transzendenten Gott selbst kommt. Der genau richtige theologische und offenbarende Sinngehalt der Heiligen Schrift, der schon immer ein essentieller Bestandteil der traditionellen Exegese war, konnte noch nie als „Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft“ betrachtet werden und war deshalb unzumutbar. Wenn die historische Bibelkritik, deren „eigentlicher Gegenstand (…) das Menschenwort als menschliches“ (6) ist, von einem rationalistischen Gelehrten als ausschließliche Herangehensweise an die Heilige Schrift eingesetzt wird, verbannt man den Glauben zwangsläufig aus der Exegese. Wenn überdies die dogmatische Glaubensüberzeugung an einen einheitlichen Korpus der Schrift ausgeschlossen wird, dann erweist sich jeglicher Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament als äußerst dürftig. Ratzinger stellte fest:

„Insofern schien mit dem Sieg der historisch-kritischen Exegese die vom Neuen Testament selbst initiierte christliche Auslegung des Alten Testaments gescheitert. Dies ist, wie wir sahen, nicht eine historische Einzelfrage, sondern die Grundlagen des Christentums selbst stehen dabei zur Debatte.“ (7)

Selbst die herausragendsten Hilfsmittel bei der Aufdeckung der Oberflächenbedeutung eines isolierten Textes der Heiligen Schrift sind nur von geringer Tragweite, wenn die Bedeutung und die Schlussfolgerungen dieser buchstäblichen Passage weder innerhalb des gesamten biblischen Korpus kontextualisiert noch für die offenbarte theologische Wahrheit genutzt werden können. Die historische Bibelkritik befasst sich mit der Heiligen Schrift stets so, als bestehe diese aus einer Reihe fragmentierter Werke aus unterschiedlichen Epochen, und damit bleibt sie per definitionem auf der einfachen Stufe menschlicher Hypothesen stehen. Wenn dies nunmehr das exklusive Bemühen des biblischen Wissenschaftlers geworden ist, dann ist die Theologie kategorisch ausgeschlossen und durch eine weitgehend säkulare Philosophie und Weltsicht ersetzt worden.

Ratzingers Lösung des Problems

Joseph Ratzinger zeigt zwei klare Wege auf, durch die wir zu einer Lösung der exegetischen Krise beitragen können:

1. Eine Neukonzentrierung durch Glaube und Vernunft

Als erstes muss die historisch-kritische Methode selbst bereinigt werden. Eine solche Läuterung der historisch-kritischen Methode kann durch das Abwerfen philosophischen Ballastes erfolgen, der sie dadurch belastete, dass sie den Glauben unter Generalverdacht stellte. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, weshalb wir keine exakte und objektive historische Forschung über die Geschichte antiker Völker und Texte betreiben könnten, während wir gleichzeitig an Gott, Vorsehung und göttliche Inspiration glauben. In Jesus von Nazareth begegnet Ratzinger dem dürftigen Skeptizismus der Kritiker sowohl mit überzeugenden Argumenten als auch vor allem mit jener umwerfend simplen Alternative, die sich jedem Fragesteller eröffnet: „Ich vertraue den Evangelien.“ (8) Durch diesen meisterhaften Schachzug wird die philosophisch aufgeladene Hermeneutik des Misstrauens durch eine Hermeneutik des Vertrauens ersetzt.

Joseph Ratzinger hat die Theologen und Exegeten schon oft dazu aufgerufen, wachsam gegenüber impliziten philosophischen Annahmen zu sein, die bereits eine gewisse Voreingenommenheit gegen dem Glauben und die übernatürliche Dimension der Offenbarung in sich tragen. Sehr deutlich stellt er fest, dass „die Debatte über die moderne Exegese in ihrem Kern nicht eine Debatte unter Historikern [ist], sondern eine philosophische Debatte.“ (9) In Wirklichkeit ruft er uns dazu auf, die Hermeneutik des Misstrauens gegenüber der Heiligen Schrift durch die Exegeten selbst rückgängig zu machen. In seinem Werk Schauen auf den Durchbohrten stellt er die These auf: „Die historisch-kritische Methode wie auch andere neuere wissenschaftliche Methoden sind wichtig zum Verständnis der Heiligen Schrift wie der Überlieferung. Ihr Wert hängt allerdings an dem hermeneutischen (philosophischen) Kontext, in dem sie angewandt werden." (Schauen auf den Durchbohrten, Johannes Verlag Einsiedeln, 2. Auflage 1990, S. 37.) Vorbehalte hinsichtlich minimalistischer Voraussetzungen müssen nicht als ein Angriff auf die historisch-kritische Methode selbst angesehen werden. Womit dazu aufgerufen werden soll, dass die Kritiker ein wenig mehr Selbstkritik und Selbstbeschränkung mit größerer hermeneutischer Redlichkeit und einem stärkeren philosophischen Bewusstsein üben. (10)

Eine derart bereinigte historisch-kritische Methode kann, Ratzinger zufolge, einem wirklich theologischen Verständnis der Heiligen Schrift zugänglich sein und damit arbeiten. Diese Offenheit entspricht der Empfänglichkeit der Vernunft, bevor man glaubt. Von einem rein menschlichen Standpunkt aus betrachtet „[verweisen] die einzelnen Schriften … irgendwie auf den lebendigen Prozess der einen Schrift, der sich in ihnen zuträgt.“ (11) Wir fangen an, selbst ohne theologischen Glauben, den erstaunlichen inneren Zusammenhang dieser Dokumente und der darin beschriebenen Ereignisse zu erkennen. (12) Wenn der Glaube dann diesen inneren Zusammenhang als von Christus stammend und als übernatürlich begründet zu begreifen beginnt, dann betreten wir den Bereich der eigentlichen Theologie. „Aber dieser Glaubensentscheid trägt Vernunft – historische Vernunft – in sich und ermöglicht es, die innere Einheit der Schrift zu sehen“. (13)

In seinem gesamten Werk Jesus von Nazareth legt uns Papst Benedikt ein praktisches exegetisches Beispiel für eine bereinigte historische Annäherung an die Schrift vor. Er liest den heiligen Text mit Glauben und Ehrfurcht, angetrieben durch das Aufspüren-Wollen des wahren „Antlitzes Christi“, im Rahmen der von der Kirche göttlich verbürgten Lehre, während er sich gleichzeitig des vollständigen modernen historischen Instrumentariums bedient, um die Ursprungssprachen sowie den ursprünglichen Kontext und Aufbau des biblischen Textes zu verstehen. So wie uns Jesus den Schriftgelehrten des Himmelreiches im Matthäus-Evangelium vorstellt, so holt Ratzinger aus seinen Schätzen „Neues und Altes“ hervor (Mt 13, 52). In einer vor Kurzem abgehaltenen Generalaudienz sagte Papst Benedikt: „Wir dürfen nie vergessen, dass das Wort Gottes über die Zeiten hinausgeht. Die Meinungen der Menschen kommen und gehen. Was heute sehr modern ist, wird morgen sehr alt sein. Das Wort Gottes hingegen ist Wort des ewigen Lebens, es trägt die Ewigkeit in sich, das, was für immer gilt. Indem wir in uns das Wort Gottes tragen, tragen wir also in uns das Ewige, das ewige Leben.“ (14)

2. Eine Rückkehr zum spirituellen Sinn der Schrift

Vor dem Hintergrund einer neuen theologischen Offenheit führt Joseph Ratzinger eine zweite Möglichkeit an, unsere exegetische Krise zu lösen, nämlich durch die Wiederbelebung einer wahrhaft theologischen Exegese, wie sie die Kirchenväter vorlegen. In seinem bedeutenden Geleitwort zum Dokument der Päpstlichen Bibelkommission von 1993 Die Interpretation der Bibel in der Kirche lobt er „neue Versuche (…), die Methoden der Väterexegese wiederzugewinnen und erneuerte Formen geistlicher Auslegung der Heiligen Schrift zu erschließen.“ (15) Man muss sich nur einen Überblick über seine vielen theologischen Schriften verschaffen, um klar zu erkennen, wie durchdrungen er von der patristischen Theologie ist. Er selbst hat seine Liebe zu den Kirchenvätern und den theologischen Einfluss, den diese auf ihn ausgeübt haben, sehr ausführlich geschildert. Hinsichtlich einer Erneuerung der Exegese spricht er daher von der Notwendigkeit „die großartigen Entwürfe patristischen und mittelalterlichen Denkens in die Diskussion miteinzubeziehen.“ (16) In seinem Werk Jesus von Nazareth sowie seinen beispiellosen Vorträgen über die Kirchenväter hat er seine Idealvorstellung in die Tat umgesetzt. So gut wie alle Kirchenväter verwandten in ihren Schriften mehr oder weniger eine besondere Methode der Schriftexegese, von der sie glaubten, dass sie vom Herrn selbst eingesetzt und durch die Apostel überliefert worden sei. (17) Diese Methode legt eine „mystische Bedeutung“ der heiligen Schriften frei, die auf Gottes perfektem Plan mit der Geschichte und der Erlösung der Welt gründet. Diese „mystische Bedeutung“ wurde dann als spiritueller Schriftsinn bezeichnet. Er wurde in Homilien, Kommentaren, theologischen Abhandlungen und im Katechumenenunterricht praktiziert. Diese exegetische Methode wurde in späteren Jahrhunderten als gemeinsames Erbe dem Osten wie dem Westen vermacht und befand sich während des gesamten Mittelalters im Zentrum der Theologie.

Der spirituelle Sinn betrifft die christologische Bedeutung von Personen, Dingen, Ereignissen, Bildern und Symbolen, auf die sich die menschlichen Autoren der Bibel beziehen. Diese Bedeutungen werden ihnen nicht von außen oder im Nachhinein zugelegt, im Gegenteil, Gott selbst hat sie in seiner weit vorausschauenden Vorsehung etabliert. Wörter bezeichnen Dinge, doch wenn Gott inspiriert, dann bezeichnen die Dinge, die durch diese Wörter bezeichnet werden, auch andere wichtige und unsichtbare Dinge. Der hl. Thomas von Aquin schreibt: „Wenn also schon in allen Wissenschaften die Worte ihren bestimmten Sinn haben, so hat unsere Wissenschaft das Eigentümliche, daß die durch die Worte bezeichneten Dinge selbst wieder etwas bezeichnen.“ (18) Der Katechismus der Katholischen Kirche, der unter Ratzingers Aufsicht zusammengestellt wurde, legt dar: „Dank der Einheit des Planes Gottes können nicht nur der Schrifttext, sondern auch die Wirklichkeiten und Ereignisse, von denen er spricht, Zeichen sein.“ (19) Diese Bedeutungsfülle offenbart die Einzigartigkeit der Bibel: Kein anderes Buch könnte eine solche Art von Sinn zweiter Ordnung aufweisen.

Bei einer Generalaudienz im April 2007 hob Papst Benedikt, als er über den theologischen Beitrag des Gelehrten Origenes aus dem dritten Jahrhundert sprach, noch einmal hervor, dass der wörtliche Sinn zwar unabdingbar sei, sich aber selbst auf mehr hin eröffne. Er schrieb: „Dieser Sinn aber transzendiert uns auf Christus hin, im Licht des Heiligen Geistes, und zeigt uns den Weg, wie man leben soll. Dies wird zum Beispiel in der neunten Homilie über das Buch Numeri angedeutet, in der Origenes die Schrift mit Nüssen vergleicht: ‚So ist die Lehre des Gesetzes und der Propheten in der Nachfolge der Lehre Christi‘, so sagt der Prediger. ‚Bitter ist der Buchstabe, der wie die grüne Nussschale ist; nachher wirst du zur harten Schale vorstoßen, die die Morallehre ist; an dritter Stelle wirst du den Sinn der Geheimnisse finden, von dem sich die Seelen der Heiligen in diesem und im zukünftigen Leben nähren‘“ (Hom. Num. 9,7). (20)

Da Gott den Wortlaut der heiligen Schrift inspirierte, enthüllte er auch in Typen und Bildern die volle Bedeutung der Geschichte und Erlösung in Jesus Christus. Die bedeutungsvollen Dinge, die Gott erwählt hat, sind darauf abgestimmt, Wahrheiten zu untermauern und Unwahrheiten zu widerlegen. (21) Überdies sind sie Gegenstand der Betrachtung, durch die Gott die vielen Facetten der Glaubensgeheimnisse verdeutlicht. Die Bedeutungen des spirituellen Sinns nehmen Bezug auf Angelegenheiten des offenbarten Glaubens, der Moral und der Verherrlichung Gottes (und fallen somit in die drei unterschiedlichen Kategorien Allegorie, Tropologie und Anagogie). (22)

Wenn der wörtliche Sinn neben die drei spirituellen Sinne gesetzt wird, sprechen wir von der Quadriga. Die vielleicht bekannteste Zusammenfassung davon stammt von Augustinus von Dänemark, wie sie im Katechismus der Katholischen Kirche zitiert wird: „Der Buchstabe lehrt die Ereignisse; was du zu glauben hast, die Allegorie; die Moral, was du zu tun hast; wohin du streben sollst, die Anagogie.“ (23) Ein gutes und klassisches Beispiel für die unterschiedlichen Sinne im Zusammenhang mit dem biblischen Bezug „Jerusalem“ in Psalm 137 ist dem hl. Johannes Cassianus entnommen. Er beschreibt, dass sich diese vier erwähnten Figuren, wenn wir so wollen, zu einem Gegenstand verbinden, so dass ein- und dasselbe Jerusalem in vier unterschiedlichen Bedeutungen aufgefasst werden kann: „… Historisch die Stadt der Juden, allegorisch die Kirche Christi, anagogisch die himmlische Stadt Gottes, die unser aller Mutter ist (vgl. Gal 4,26), tropologisch die Seele des Menschen, die häufig als Jerusalem vom Herrn getadelt oder gelobt wird.“ (24) Gott selbst, der Herr der Geschichte, kann allein diese einzigartige Form der Bedeutung garantieren. Durch seine außerordentliche Vorsehung und Inspiration sichert Gott zu, dass die beiden großen Testamente in einem besonderen Zusammenhang zum Kommen Christi und zu seiner Erlösungshandlung stehen. Tatsächlich hat Gott gewährleistet, dass die heiligen Schriften den Akzent auf radikale Weise einstimmig auf Christus legen. In Jesus von Nazareth lesen wir: „Das ganze Johannes-Evangelium, aber darüber hinaus auch die synoptischen Evangelien und die ganze neutestamentliche Literatur weist den Glauben an Jesus dadurch aus, dass in ihm alle Ströme der Schrift zusammenfließen, dass von ihm her der zusammenhängende Sinn der Schrift erscheint - das, worauf alles wartet, worauf alles zugeht.“ (25) Wenn diese grundlegenden Prinzipien a priori abgelehnt werden, wie es in der nachaufklärerischen Exegese geschah, dann bleibt ein spirituelles Verständnis offensichtlich verschlossen.

Das Entdecken des spirituellen Sinns der Schrift ist theologische Exegese par excellence. Eine solche eröffnet uns umfangreiche Bände vernachlässigter patristischer und mittelalterlicher Schriften und lässt uns ganz neu würdigen, weshalb wir eine solch überreiche Gabe wie eine inspirierte Schrift überhaupt besitzen. Die Methode kommt aus dem Neuen Testament selbst und ist keine Erfindung einer späteren Theologie. Ratzinger schreibt: „Insofern haben die Kirchenväter mit ihrer christologischen Deutung des Alten Testaments nichts Neues geschaffen, sondern nur entwickelt und systematisiert, was sie im Neuen Testament selbst vorfanden.“ (26) Obwohl das Neue Testament selbst die formale Einheit und die gemeinsame Grundlage des spirituellen Sinnes anführte - vor allem durch den heiligen Paulus - muss sich ein Bibeltheologe für speziellere Richtlinien an die großen Ausarbeiter und Fachleute dieser Methode wenden. Origenes, der hl. Augustinus, der hl. Gregor der Große und der hl. Beda müssen hierbei unter vielen anderen die Hauptrollen bei jedweder Untersuchung spielen, jedoch stets im Zusammenhang mit der gesamten katholischen theologischen Tradition betrachtet werden. (27) Diese Rückkehr zu den Quellen ist ein integraler Bestandteil der Vorstellung Joseph Ratzingers über eine breitgefächerte Hermeneutik der Kontinuität.

Schlussfolgerung

Wenn Papst Benedikt XVI. recht hat, dann besteht der hoffnungsvolle Weg für die moderne Exegese darin, an der Geschichte und an einer authentischen historischen Forschung festzuhalten, bei gleichzeitiger Wahrnehmung der theologischen Tragweite ebendieser durch die Vorsehung Gottes offenbarten Geschichte. Oder anders ausgedrückt: Katholische Exegeten und Theologen müssen sowohl dem genauen wörtlichen Sinn nachgehen als auch die drei spirituellen Sinne der heiligen Schrift erkunden. Der Heilige Vater bringt diesen Punkt ganz klar 2006 in seiner Ansprache vor den Schweizer Bischöfen zum Ausdruck : „…mir liegt sehr daran, daß die Theologen die Schrift auch so lieben und lesen lernen, wie das Konzil es wollte nach Dei Verbum: daß sie die innere Einheit der Schrift sehen, wozu heute die 'Kanonische Exegese' ja hilft (die freilich immer noch in schüchternen Ansätzen ist) und dann eine geistliche Lesung der Schrift üben, die nicht äußere Erbaulichkeit ist, sondern das innere Eintreten in die Präsenz des Wortes. Da etwas zu tun, dazu beizutragen, daß neben und mit und in der historisch-kritischen Exegese wirklich Einführung in die lebendige Schrift als heutiges Wort Gottes geschieht, erscheint mir eine sehr wichtige Aufgabe.“ (28)

Bei der XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, die vor Kurzem in Rom tagte, wurde die Thematik guter exegetischer Verfahrensweisen, wie sie dem Herzen des Heiligen Vaters doch so nahe kommen, deutlich ausgesprochen. In dem Vorwort zum Vorbereitungsdokument Instrumentum Laboris lesen wir einen ausdrücklichen Aufruf zu einer „doppelte[n] und komplementäre[n] Zugehensweise zum Wort Gottes“ (29), zu der sowohl ein kritischer Umgang mit dem Text als auch eine wahrhaft christologische Exegese gehören. Die Aufgabe für den Bibeltheologen besteht darin, „vom Buchstaben zum Geist, von den Worten zum Wort Gottes aufzusteigen.“ (30)

Es scheint, dass die mühsame Arbeit und die tiefen Einsichten des Theologen Joseph Ratzinger durch die Vorsehung Gottes zum Podium der Reform und Erneuerung einer gesamttheologischen Mission der Kirche werden, jenseits der Ära des hermeneutischen Skeptizismus.

„Dieses Nachdenken wurde vom Heiligen Vater Benedikt XVI., dem universalen Hirten der Kirche, geleitet, der sich in zahlreichen Ansprachen zum Thema der Synodenversammlung geäußert und sich unter anderem gewünscht hat, dass die Kirche sich durch die Wiederentdeckung des Wortes Gottes, das immer aktuell ist und nie veraltet, erneuert und einen neuen Frühling erlebt. Auf diese Weise könnte sie in der Welt von heute, die nach Gott und seinem Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hungert, mit neuer Dynamik ihre Sendung der Evangelisierung und der Förderung des Menschen erfüllen.“ (31)

Anmerkungen:

(1) Ratzinger, J.: Jesus von Nazareth, Freiburg 22007, S. 22. „Ich habe lediglich versucht, über die bloß historisch-kritische Auslegung hinaus die neuen methodischen Einsichten anzuwenden, die uns eine eigentlich theologische Interpretation der Bibel gestatten und so freilich den Glauben einfordern, aber den historischen Ernst ganz und gar nicht aufgeben wollen und dürfen.“

(2) a.a.O., S. 15.
(3) a.a.O., S. 11.

(4) Joseph Ratzinger in seinem Vorwort zum Dokument der Päpstlichen Bibelkommission Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel, erschienen 2002.

(5) Ratzinger, Joseph: On the Question of the Foundations and approaches of Exegesis Today, in Biblical Interpretation in Crisis: The Ratzinger Conference on the Bible and the Church, ed. Neuhaus, R,J. Eerdmans 1989, S.7 [Zu Deutsch: Schriftauslegung im Widerstreit. Zur Frage nach Grundlagen und Weg der Exegese heute, in: Joseph Ratzinger (Hg.), Schriftauslegung im Widerstreit; mit Betriägen von Raymond E. Brown, William H. Lazareth, George Lindbeck, Joseph Ratzinger; Reihe Questiones disputatae (herausgegeben von Heinrich Fries und Rudolf Schnackenburg) Bd. 117, Freiburg im Breisgau 1989]. Er fordert die historische Methode zu einer demütigen Selbstbeschränkung auf, durch die sie dann ihren eigenen angemessenen Raum abgrenzen kann.

(6) Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth.

(7) Joseph Ratzinger in seinem Vorwort zum Dokument der Päpstlichen Bibelkommission Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel, erschienen 2002.

(8) Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth.

(9) Ratzinger, J. On the Question of the Foundations and approaches of Exegesis Today, in Biblical Interpretation in Crisis: The Ratzinger Conference on the Bible and the Church, ed. Neuhaus, R,J. Eerdmans 1989, S.6.

(10) Kardinal Henri de Lubac, ein großer Kollege und Freund von Joseph Ratzinger in der turbulenten Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gab einen ganz ähnlichen Kommentar über die moderne Bibelkritiker ab: „… sie sind in erster Linie Spezialisten, und ihre Funktion ist in den letzten Jahrhunderten sehr notwendig und sehr wichtig geworden. Sie müssen jedoch erkennen (und an dieser Erkenntnis mangelt es ihnen zuweilen), dass genau diese Spezialisierung ihnen Begrenzungen auferlegt; dass ihre ‚Wissenschaft‘ demzufolge nicht die Ganzheit biblischer Wissenschaft ist; doch wird es von ihnen – in ihrer Rolle als wissenschaftliche Exegeten - gar nicht verlangt, die Ganzheit biblischer Wissenschaft zu vermitteln; und sie sollten auch nicht danach streben.“ (Scripture in the Tradition, Herder & Herder, 2000, S.58, Anm.9).

(11) Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth, S.17.

(12) Ratzinger betrachtet die „kanonische Exegese“, wie sie unter anderem von dem protestantischen Gelehrten Brevard Childs entwickelt wurde und was das „Lesen der einzelnen Texte der Bibel in deren Ganzheit“ (Jesus von Nazareth, S.18) bedeutet, als einen Schritt in Richtung auf einen wahrhaft theologischen Ansatz.

(13) Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth, S.18.

(14) Papst Benedikt XVI.: Ansprache, gehalten bei der Generalaudienz am 7.November 2007 über den hl. Hieronymus.

(15) Päpstliche Bibelkommission von 1993: Die Interpretation der Bibel in der Kirche, IIIb, 2.

(16) Biblical Interpretation in Crisis: The Ratzinger Conference on the Bible and the Church, ed. Neuhaus, R,J. Eerdmans 1989,1-23.

(17) Nach Origenes ist der Umstand, dass die spirituelle Bedeutung der Schrift über die offensichtliche (wörtliche) Bedeutung hinausgeht, einmütig beschlossener Bestandteil der apostolischen Glaubensregel De Principiis, I,8. Und der heilige Augustinus sagt: „Diese Form von Verständnis, die uns von den Aposteln überliefert ist.“ (Der Gottesstaat XV,2)

(18) Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1,1,10. Dort lesen wir auch: „Urheber der Hl. Schrift ist Gott. In Gottes Macht aber liegt es, zur Bezeichnung und Kundgebung von etwas nicht nur Worte zu verwenden - das kann auch der Mensch -, sondern die Dinge selbst.“ An derselben Stelle zitiert er auch Gregor den Großen: „Die Hl. Schrift übertrifft schon durch die Eigenart ihrer Sprache alle Wissenschaften. Denn wo sie Geschichte erzählt, offenbart sie zugleich ein Mysterium.“ [Zitat gefunden bei: http://www.aristoteles-heute.de/sein_a/sein_A/unbewegt/Theologie/summa/ftp/dtThomas.qq/11001.html#1]

(19) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 117.
(20) Papst Benedikt XVI.: Generalaudienz vom 25. April 2007.

(21) Wie es John Henry Newman famos ausdrückte: „Fast immer kann als historische Tatsache festgehalten werden, dass mystische Interpretation und Rechtgläubigkeit miteinander stehen und fallen. John Henry Newman: An Essay on the Development of Christian Doctrine, Kapitel 7, Absatz 4, Nr. 5.

(22) Der Katechismus der Katholischen Kirche liefert eine lehramtliche Bestätigung dafür: „Nach einer alten Überlieferung ist der Sinn der Schrift ein doppelter: der wörtliche Sinn und der geistliche Sinn. Dieser letztere kann ein allegorischer, ein moralischer und ein anagogischer Sinn sein. Die tiefe Übereinstimmung dieser vier Sinngehalte sichert der lebendigen Lesung der Schrift in der Kirche ihren ganzen Reichtum.“ (Nr.115) Der Katechismus stellt außerdem fest, dass es die Aufgabe von Exegeten ist, nach diesen Regeln zu arbeiten (Nr. 119).

(23) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 118.
(24) Johannes Cassianus: Spiritual Conferences, 14, VIII.
(25) Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth, S. 289.

(26) Joseph Ratzinger in seinem Vorwort zum Dokument der Päpstlichen Bibelkommission Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel, erschienen 2002.

(27) Hierbei ist der heilige Thomas von Aquin als der Doctor communis, als der allgemeine Lehrer, der gesamten Kirche mit eingeschlossen. Die Bedeutung von Thomas‘ klarer und sorgsamer Balancierung von wörtlicher Bedeutung und den spirituellen Bedeutungen ist so wichtig wie noch nie, angesichts der beiden, das Fachgebiet dominierenden, gefährlichen Tendenzen, der glaubenslosen Kritik sowie der spirituellen Hirngespinste. Seine große Leistung–den Trends seiner Zeit entgegengesetzt – das Wissen durch den Glauben mit dem durch die Vernunft erlangten Wissen miteinander zu vermählen, spiegelt sich in seinem Verständnis von Buchstabe und Geist der Heiligen Schrift wider. Seine Balance bei dieser ganzheitlichen Exegese ist deshalb so bedeutsam, da wir sowohl mit einem Rationalismus als auch mit einem postmodernen Spiritualismus konfrontiert werden.

(28) Ansprache von Benedikt XVI. beim Treffen mit den Schweizer Bischöfen, 7.November 2006.

(29) Instrumentum Laboris, Vorwort, XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode.
(30) ebda.
(31) ebda.


Überwindung der exegetischen Engführung

In Theologisches (Januar/Februar 2011, Sp. 83 - 92) analysiert und würdigt der Exeget P. Franz Prosinger FSSP das nachsynodale Apostolische Schreiben Verbum Domini vom 30. September 2010. Auf dem Hintergrund des Dilemmas der Bibelwissenschaften der vergangenen 50 Jahre ist er geneigt, dem Dokument “eine epochale Bedeutung zuzuschreiben”. Er sieht es als eine Grundlage, auf der “die Verunsicherung und Engführung der Exegese und Theologie” überwunden werden kann.


Zum Thema:

Erwin Hesse: Das Evangelium im Widerstreit der Theologen

Leo Scheffczyk:
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