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Können, Sollen und inneres Leben

Von Edith Stein (hl. Teresa Benedicta vom Kreuz)

Zum Einwohnen Gottes in der Seele und zur Verankerung ihres Seins im göttlichen gibt es noch einen anderen Zugang von der inneren Erfahrung her: vom Erlebnis des Könnens und Sollens her oder, was damit zusammenhängt, vom Verhältnis der Freiheit des Ich zu der ihm zu Gebote stehenden Kraft. Die Kraft, die einem Menschen jeweils als bereits vorhandener Besitz zur Verfügung steht, und selbst das ihm seiner Wesensbestimmtheit nach zugedachte Höchstmaß ist ein Maß, d. h. "bemessen", eine endliche Größe. Jede freie Tat ist eine Leistung, die Kraft verbraucht, und so kann schließlich eine natürliche Erschöpfung eintreten, wenn nicht aus den früher behandelten Quellen ausreichende Zuströme kommen. So kann der Fall eintreten, daß das Ich sich einer Forderung, die es vernimmt, nicht mehr gewachsen fühlt. Der Arzt, der nach übermäßiger Tagesarbeit nachts wiederum zu einem Kranken gerufen wird, mag sich außerstande fühlen, noch einmal hinauszugehen. Aber die Forderung schweigt davor nicht still. Es steht ein Menschenleben auf dem Spiel - "du kannst, denn du sollst". Dieser Satz, den man in Kants Kritik der praktischen Vernunft vielleicht mit Befremden gelesen hat, drängt sich hier als Ausdruck der erlebten Forderung auf. Es mag sein, daß im einzelnen Fall das Gefühl des Unvermögens eine Selbsttäuschung war, daß die natürlichen Kräfte, wenn man sie nur recht zusammenraffte, noch zu der Leistung fähig waren. Es kann aber auch sein, daß das Sollen über die natürliche Kraft hinaus verpflichtet. (Damit ist nicht gemeint, daß jede Forderung, die Menschen stellen können - wenn sie nur in sich recht sei -, in dieser Weise verpflichte. Gegenüber menschlichen Anforderungen gibt es durchaus ein ultra posse nemo obligatur, wobei das posse sich nach dem Maß der natürlichen Kraft bestimmt.) Im Gebot der Pflicht offenbart sich die Freiheit des Ich auch noch gegenüber seiner eigenen Natur. (So ist es bei Kant gemeint.) Das kann aber nicht heißen, daß es aus sich selbst heraus zu Kraftleistungen über seine Natur hinaus fähig wäre. Damit würde man ihm eine Schöpferkraft zusprechen, wie sie kein Geschöpf besitzen kann. Wird es über seine natürliche Kraft hinaus verpflichtet, so kann das nur den Sinn haben, daß es sich auf eine Kraftquelle außerhalb seiner Natur stützen könne. Der Glaube gibt die Antwort darauf, wo diese Kraftquelle zu suchen sei. Gott verlangt nichts vom Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben. Der Glaube lehrt es, und die Erfahrung des Lebens aus dem Glauben bestätigt es. Das Innerste der Seele ist ein Gefäß, in das der Geist Gottes (das Gnadenleben) einströmt, wenn sie sich ihm kraft ihrer Freiheit öffnet. Und Gottes Geist ist Sinn und Kraft. Er gibt der Seele neues Leben und befähigt sie zu Leistungen, denen sie ihrer Natur nach nicht gewachsen wäre, und er weist zugleich ihrem Tun die Richtung. Im Grunde ist jede sinnvolle Forderung, die mit verpflichtender Kraft vor die Seele tritt, ein Wort Gottes. Es gibt ja keinen Sinn, der nicht im Logos seine ewige Heimat hätte. Und wer ein solches Wort Gottes bereitwillig in sich aufnimmt, der empfängt eben damit die göttliche Kraft, ihm zu entsprechen. Jeder Zuwachs an Gnade ist aber auch eine Stärkung des geistigen Seins und erschließt der Seele ein reicheres und feineres Verständnis für das göttliche Wort, für den übernatürlichen Sinn, der aus allem Geschehen spricht und der sich auch als "Einsprechung" in ihrem Inneren vernehmlich macht. Darum ist die Seele, die sich kraft ihrer Freiheit auf den Geist Gottes oder auf das Gnadenleben stützt, zu einer vollständigen Erneuerung und Umwandlung fähig. Ihr von der Gnade getragenes freies Tun hat Macht gegenüber allem unwillkürlichen seelischen Verhalten. Es ist nicht möglich, das Zusammenwirken von Natur, Freiheit und Gnade in der Gestaltung der Seele hier in seinem ganzen Umfang zu zeigen, es soll nur durch ein Beispiel klargemacht werden.

Vielleicht hat der früher ausgesprochene Satz: "Die Liebe ist das Freieste, was es gibt", Staunen und lebhaften Widerspruch hervorgerufen. Natürlicherweise sieht man ja Liebe und Haß als Elementargewalten an, die über die Seele hereinbrechen, ohne daß sie sich ihrer erwehren könnte. Schon von ihren Neigungen und Abneigungen pflegen die Menschen zu sagen, daß sie "nichts dafür könnten". Und in der Tat: die Seele "antwortet" auf den "Eindruck", den sie von einem Menschen empfängt - oft sofort bei der ersten Begegnung, sonst bei längerer Bekanntschaft -, unwillkürlich mit Zuneigung oder Abneigung, vielleicht auch mit Gleichgültigkeit; sie fühlt sich angezogen oder abgestoßen; und es kann darin eine durchaus sinnvolle Auseinandersetzung ihres eigenen Seins mit dem fremden liegen; ein Sich-hingezogen-fühlen zu dem, der ihr Bereicherung und Förderung verspricht, ein Zurückschrecken vor jemandem, der eine Gefahr für sie bedeutet. Andererseits sind hier schwere Täuschungen möglich: Äußerlichkeiten können das wahre Sein des Menschen verdecken und damit auch die Bedeutung, die ihm für den anderen zukommt. Diese natürlichen Regungen sind also nicht etwas, worüber man einfach hinweggehen dürfte; es ist aber auch nicht "vernünftig", sich ihnen einfach zu überlassen: sie sind einer Nachprüfung mit Hilfe des Verstandes und einer Beeinflussung durch den Willen zugänglich und bedürftig. Und gegenüber allem Spiel der Neigungen und Abneigungen richtet sich das Gebot des Herrn auf: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Das gilt ohne Bedingungen und Abstriche. Der "Nächste" ist nicht der, den ich "mag". Es ist ein jeder, der mir nahekommt. ohne Ausnahme. Und wieder heißt es: Du kannst, denn du sollst! Es ist der Herr, der es verlangt, und er verlangt nichts Unmögliches. Vielmehr er macht möglich, was natürlicherweise nicht möglich wäre [1], Heilige, die sich im Vertrauen darauf zu heldenmütiger Feindesliebe entschlossen, haben es erfahren, daß sie die Freiheit hatten, zu lieben. Ein natürlicher Widerwille wird sich vielleicht noch eine Zeitlang behaupten; aber er ist kraftlos und vermag das Verhalten nicht zu beeinflussen, das von der übernatürlichen Liebe geleitet wird. In den meisten Fällen wird er bald vor der Übermacht des göttlichen Lebens weichen, das die Seele mehr und mehr erfüllt. Liebe ist ja ihrem letzten Sinne nach Hingabe des eigenen Seins und Einswerden mit dem Geliebten. Den göttlichen Geist, das göttliche Leben, die göttliche Liebe - und das alles heißt nichts anderes als: Gott selbst - lernt kennen, wer den Willen Gottes tut. Denn indem er mit innerster Hingabe tut, was Gott von ihm verlangt, wird das göttliche Leben sein inneres Leben: er findet Gott in sich, wenn er bei sich einkehrt.

Anmerkungen:

[1] Der hl. Hieronymus sagt über das Gebot der Feindesliebe: Multi praecepta Dei imbecillitate sua, non Sanctorum viribus aestimantes, putant esse impossibilia quae praecepta sunt ... Sciendum est ergo, Christum non impossibilia praecipere, sed perfecta. (Viele messen die Gebote Gottes an ihrer Schwäche, nicht an den Kräften der Heiligen, und halten darum das Gebotene für unmöglich ... Man muß also wissen, daß Christus nicht Unmögliches gebietet, sondern Vollkommenes.) Kommentar zu Matth. 5 u. 6, Buch 1; Römisches Brevier, Feria VI post Cineres.

Der Text ist dem philosophischen Hauptwerk Edith Steins Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins entnommen. Das vollständige Werk ist inzwischen im Internet frei zugänglich.


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