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Christozentrismus

Von P. Bernward Deneke

Es ist noch gar nicht lange her, daß man mit dem Anliegen, die Frömmigkeit der Katholiken „christozentrischer“ zu gestalten, gegen manche Andachtsformen zu Felde zog, die allzu sehr die Gottesmutter oder bestimmte Heilige in den Mittelpunkt zu rücken schienen. Inzwischen sind solche Stimmen weitgehend verstummt. Von Vertretern eines „Interreligiösen Dialogs“ und einer „Theologie der Religionen“ vernehmen wir eher das Gegenteil. Sie fordern, die Christen sollten sich mit den Anhängern anderer Religionen auf den Weg machen hin zu dem Urmysterium, das allen Religionen gemeinsam sei. Dieses liege „hinter“, „über“ oder „im tiefsten Kern“ der einzelnen Überlieferungen verborgen: „Das Herz aller Religionen ist eins.“ (Dalai Lama)

Durch ihre Lehren und rituellen Bräuche voneinander getrennt, könnten die religiösen Menschen doch zueinander finden, wenn sie dieses Herz aller Religion, die unaussprechliche mystische Urerfahrung, ansteuerten. Dafür aber dürfe der Blick nicht an den historischen Erscheinungsformen der Religionen haften bleiben, die zumeist mythische Elemente und bloß vorläufige Zeichen für das Letzte und Eigentliche seien. „Auch der Mythos Christus gehört zur Welt der Zeichen, und um zum Mysterium selbst zu gelangen, das jenseits von Wort und Gedanke, jenseits von Leben und Tod liegt, müssen wir über den Mythos hinausgehen“, meint der Benediktiner Bede Griffiths.

So kühn und neuartig solche Gedanken klingen mögen: Sie sind es nicht. Bereits im Mittelalter begegnen wir mystischen Lehrern, für die Person, Lehre und Wirken Jesu Christi nicht besonders wichtig zu sein scheinen. Die Betrachtung des menschgewordenen Gottessohnes ist nach ihnen eher ein Hindernis für die Gottvereinigung; sie wird allenfalls „fleischlich gesinnten“ Gläubigen als niedrigere Stufe christlichen Lebens zugestanden. Der wahrhaft Vollkommene, der Erleuchtete und Mystiker hingegen läßt seinen Geist eintauchen „in den unendlichen Abgrund der Gottheit“, er richtet seine Aufmerksamkeit nicht auf den inkarnierten Logos, sondern „nimmt Gott ganz entblößt in Seinem wesenhaften Sein“ (Meister Eckhart).

Die heilige Theresia von Avila berichtet uns in ihrer Selbstbiographie von einer Begegnung mit solchen Strömungen. Deren Vertreter hatten ihr angeraten, sich im betrachtenden Gebet von der Menschheit Jesu ab- und der reinen Gottheit zuzuwenden. Nach einiger Zeit erkannte die Heilige aber, daß eine solche Führung in Wahrheit eine Verführung sei, denn – und darauf insistiert sie: – es gibt keine Stufe des geistlichen Lebens, auf der man gleichsam um den menschgewordenen Gottessohn herum zu Gott gelangen kann.

Die heilige Theresia liegt mit dieser Aussage ganz auf der Linie des Neuen Testamentes und der kirchlichen Überlieferung. Sie gibt die wesenhaft christliche Überzeugung wieder, daß es keinen anderen und vollkommeneren Weg zu Gott geben kann als jenen, den Gott selbst zu uns beschritten hat. Denn die Inkarnation Seines eingeborenen Sohnes ist nicht eine Notlösung für mystisch minderbegabte Naturen, sie ist vielmehr ein Akt der höchsten Weisheit und gilt ausnahmslos jedem, dem hochgeistigen Gelehrten wie dem schlichten Kind.

Weil Jesus als Mensch die „Ikone des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) ist, schaut der, welcher Ihn gläubig betrachtet, in Ihm den Vater (Joh 14,9). Eine höhere und tiefere Erkenntnis als die der Herrlichkeit Gottes, die auf dem Antlitz Jesu erstrahlt (2 Kor 4,6), ist uns Menschen auf Erden nicht gegeben, und daher liegt in dem Bemühen, über Ihn „hinauszugehen“ (vgl. 2 Joh 9) und Ihn auszublenden, um das Letzte und Eigentliche zu erreichen, ein un-, sogar ein widerchristliches Unterfangen.

Während von den Vertretern einer Mystik der „reinen Gottheit“ oder der „Gottunmittelbarkeit“ kein einziger zur Ehre der Altäre erhoben, manche aber kirchlich verurteilt wurden, finden wir bei allen Heiligen, wenn auch sehr verschieden ausgeprägt, eine Spiritualität, die sich ganz aus der persönlichen Begegnung und Verbindung mit Jesus Christus speist.

„Sein höchstes Streben, sein vornehmster Wunsch und seine oberste Lebensregel war, das heilige Evangelium in allem und durch alles zu beobachten. Mit aller Wachsamkeit, allem Eifer, der ganzen Sehnsucht seines Geistes und der ganzen Glut seines Herzens suchte er, vollkommen der Lehre unseres Herrn Jesus Christus zu folgen und Seinen Fußspuren nachzuwandeln. In ständiger Betrachtung rief er die Erinnerung an Seine Worte wach, und in scharfsinniger Erwägung überdachte er Seine Werke. Vor allem war es die Demut der Menschwerdung Jesu und die durch Sein Leiden bewiesene Liebe, die seine Gedanken derart beschäftigten, daß er kaum an etwas anderes denken wollte...“ So beginnt Thomas von Celano, der authentische Biograph des heiligen Franziskus von Assisi, das Kapitel über die denkwürdige erste Krippenfeier zu Greccio. Jedem unverbildeten Leser müßte klar sein: Genau das ist christliche Heiligkeit. Welch ein anderer Geist als aus den Schriften der alten und jungen „Mystiker der reinen Gottheit“ weht uns hier entgegen.

So unangemessen der „christozentrische“ Bildersturm in der ersten Hälfte und Mitte des 20. Jahrhunderts gewesen sein mag, so angemessen und notwendig wäre heute ein neuer „christozentrischer Sturm“ in Theologie und Frömmigkeit gegen die antichristliche Verleugnung des Gottmenschen Jesus Christus (und damit zugleich auch des Vaters: 1 Joh 2,22), gegen die Verneinung des einen Weges zum Vater (Joh 14,6) und des einen Mittlertums (1 Tim 2,5). Lesung und Betrachtung der Heiligen Schrift, wache Teilnahme an der Heiligen Messe, eucharistische Anbetung, Herz-Jesu-Verehrung, aber auch Rosenkranzgebet (das wesentlich Christusbetrachtung sein will!) und viele andere Andachtsformen – alles das führt uns zu wachsender Erkenntnis, kraftvollerer Liebe und wahrhaftigerer Nachfolge unseres Herrn. Der Versuch jedoch, eine religiöse Erleuchtung ohne Ihn zu erreichen, führt zurück in die Finsternis der Gottferne, aus der uns zu erlösen Gott ein Mensch geworden ist.


Vernunftgemäßer Glaube

Von P. Bernward Deneke FSSP

Der englische Schriftsteller und Konvertit G. K. Chesterton (+ 1936) hat es meisterhaft verstanden, in seinen Father-Brown-Geschichten kriminalistischen Scharfsinn mit Heiterkeit zu verbinden. Sein Held, der kleine und rundliche Priester-Detektiv Father Brown, bringt aber immer wieder auch manches Bedenkenswerte zu Fragen der Weltanschauung und des Glaubens zur Sprache.

Einmal (in der Erzählung "Das blaue Kreuz“) ist er einem Dieb auf der Spur. Dabei kommt er mit einem Priester ins Gespräch, der sich nicht nur äußerlich, durch seine große, schlanke Gestalt, sondern auch inhaltlich von Father Brown unterscheidet. In der Unterredung sagt er nämlich angesichts des sternenübersäten Himmels: "Ach ja, die modernen Ungläubigen rufen ihre Vernunft an. Wer aber kann diese Millionen von Welten anschauen und nicht empfinden, dass es über uns wunderbare Universen geben mag, in denen Vernunft vollkommen unvernünftig ist?"

Das mag manchem frommen Leser so recht aus dem Herzen gesprochen sein. Ja, die Ungläubigen beten ihre Vernunft an, wir aber werfen sie in der Kraft unseres Glaubens vom Sockel! Um so erstaunter ist man dann, die Antwort des Father Brown zu erfahren: "Nein, Vernunft ist immer vernünftig, selbst in der letzten Vorhölle, jenem verlorenen Grenzland der Dinge. Ich weiß, dass viele der Kirche vorwerfen, sie setze die Vernunft herab, aber es ist genau umgekehrt. Auf Erden räumt nur allein die Kirche der Vernunft ihre wahre Hoheit ein."

Die Standpunkte, die hier aufeinanderprallen, liegen seit den Anfängen der Kirche miteinander im Kampf. Dass dieser Streit in unseren Tagen wieder aufgeflammt ist, daran trägt der gegenwärtige Denkerpapst Benedikt XVI. ein gerütteltes Maß an "Mitschuld". Er, der oft von der Vernunftgemäßheit des Glaubens spricht, wendet sich ja gegen den Vorwurf, die religiösen Menschen verweigerten sich der Vernunft, und zeigt, wie er auf diejenigen zurückfällt, die ihn erheben. Denn ist es nicht wahre Unvernunft, die ersten und letzten Fragen von vornherein aus dem Kreis des Denkens auszublenden? Papst Benedikt XVI. steht offensichtlich mehr auf der Seite des Father Brown, der die Vernunft in Schutz nimmt, als auf der seines Mitbruders.

Vernunftgemäßer Glaube: In dieser Formel ergeht zugleich eine Absage an die vernünftelnde Religionsfeindschaft und an die religiöse Vernunftfeindschaft, die wir aus Äußerungen wie den folgenden kennen: "Der Glaube ist Sache des Herzens, nicht des Kopfes." "Nicht groß darüber nachdenken – einfach glauben!" "Echter Glaube ist nun einmal unvernünftig." (Übrigens lautet schon ein alter, fälschlicherweise dem Kirchenschriftsteller Tertullian zugeschriebener Spruch: "Credo quia absurdum – Ich glaube, weil es absurd ist.")

Nicht nur die aufgeklärten Verächter der Religion, sondern auch die gläubigen Verächter der Vernunft sind es also, die von Father Brown und Benedikt XVI. kritisiert werden. Damit liegen der fiktive Priester-Detektiv und der heutige Papst, dieses ungleiche Paar, ganz auf der Linie des ersten Papstes und seiner Forderung, wir Christen sollten stets bereit sein zur Verantwortung gegenüber jedem, der Rechenschaft fordert über die in uns lebende Hoffnung (1 Petr 3,15); denn solche Rechenschaft ist ja nur möglich auf der Basis einer gemeinsamen Vernunft. Man findet dasselbe Anliegen bei den frühen Apologeten, z.B. dem heiligen Martyrer Justinus, der den christlichen Glauben gegenüber der römischen Staatsmacht mit rationalen, philosophischen Argumenten verteidigte, bevor er ihn um das Jahr 165 mit seinem eigenen Blut bezeugte.

Die Kirche hält die Vernunft in Ehren, weil diese wie der Glaube aus Gott stammt. Der richtige Vernunftgebrauch führt daher nicht von Gott weg, sondern zu Ihm hin. Und deshalb ist das Christentum kein irrationales, hermetisch abgeriegeltes, esoterisches System, sondern ein Heiligtum, dessen Schwelle man mit der Vernunft erreichen kann – hinüber gelangt man allerdings erst in der Gnade des Glaubens!

Übrigens überführt Father Brown am Ende der Geschichte seinen Gesprächspartner als Dieb, entlarvt ihn darüber hinaus als falschen Priester. Auf dessen erstaunte Frage, woran er das denn erkannt habe, gibt der Priester-Detektiv die schlichte Antwort: „Sie haben die Vernunft angegriffen – das ist schlechte Theologie.


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