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Chesterton: Die Renaissance eines großen Denkers Prophet mit spitzer Feder "Im Gespräch mit dem arroganten Verfechter des Zweifels ist es nicht die richtige Methode, ihm zu sagen, er solle aufhören zu zweifeln. Eher sollte man ihm sagen, er müsse fortfahren zu zweifeln, er müsse noch etwas mehr zweifeln, er müsse jeden Tag Neueres und Wilderes im Weltall bezweifeln, bis er schließlich, durch eine seltsame Erleuchtung, anfange, an sich selbst zu zweifeln." Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) war einer der produktivsten, streitlustigsten und glänzendsten Literaten des 20. Jahrhunderts. Ernst Bloch hielt ihn für einen "der gescheitesten Männer, die je gelebt haben." Berühmt wurde er durch seinen Stil, der das Paradox liebt und uns die Welt aus einer überraschenden Perspektive zu lehren sieht wie jemand, der plötzlich Kopfstand macht. Sein Scharfsinn ließ ihn Entwicklungen frühzeitig erkennen, so daß Kranz ihn einen "Propheten mit spitzer Feder" nennt, sich auf Carl Amery berufend, der über ihn schrieb: "Chesterton hat 20 Jahre vor Huizinga den homo ludens entdeckt, 30 Jahre vor Georges Bataille den anthropologischen Kernsatz vom Überschuß der allgemeinen Ökonomie, 60 Jahre vor Jean Baudrillard den Skandal vom geheimnisvollen Schweigen der Massen. Und ebenso lang vor Pier Paolo Pasolini beschreibt er die Würde der Armenkultur, die auch er gegen den letzten düsteren Triumph der Bestimmer in Schutz nimmt." Kranz ergänzt diese Aufzählung: "40 Jahre vor Arnold Gehlen und Herbert Marshall McLuhan hat Chesterton die Gefahr gesehen, daß für die meisten Menschen die Massenmedien ihre Pseudorealität an die Stelle der unmittelbar erlebten Wirklichkeit setzen. Und 60 Jahre vor Habermas erkannte Chesterton den wachsenden Abstand zwischen Expertenkulturen und der Bevölkerung." Chesterton wurde 1922 katholisch. Er machte sich ein Vergnügen daraus, die Vorurteile auf den Kopf zu stellen und die Orthodoxie als interessant und abenteuerlich, die Ketzerei dagegen als langweilig und bequem zu erweisen. Lange Zeit schien es, als sei Chesterton, abgesehen von seinen Father-Brown-Geschichten, in Deutschland, vergessen. Dann gab ausgerechnet Hans Magnus Enzensberger in seiner "Anderen Bibliothek" zwei seiner Hauptwerke heraus: 1998 "Ketzer" und 2001 "Orthodoxie", letzteres mit einem kongenialen Vorwort von Martin Mosebach. "Chesterton zu lesen ist ein seltenes intellektuelles Vergnügen", meinte damals die ZEIT in einer Rezension. Ein neuer Verlag, "nova & vetera" , hat weitere vier Werke Chestertons verlegt, u.a. seine Autobiographie. Gisbert Kranz: "Gilbert Keith Chesterton. Prophet mit spitzer Feder." Mit Zeichnungen Chestertons. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2005. 166 S. Oblingers Rezension Die Wildnis des häuslichen Lebens Daß Chesterton boomt, wird auch bestätigt durch eine weitere Neuerscheinung, die wir hier anzeigen wollen: Am 3. Juli 2006 ist zur chestertonschen Essaysammlung "Die Wildnis des häuslichen Lebens" in der "Welt" unter dem Titel "Zu nah am Studienobjekt" ein Artikel von Ernst Peter Fischer erschienen. Ihm hat es besonders das Paradox angetan, das Chesterton so formulierte: "Je mehr man etwas anschaut, desto weniger kann man es erkennen, und je mehr jemand etwas erlernt, desto weniger weiß er davon." Natürlich brauche es Experten mit Detailwissen, aber die Fähigkeit, es in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen, steht auf einem anderen Blatt. "Wenn es", so Chesterton, "um etwas wirklich Ernstes geht, versammelt man zwölf gewöhnliche Männer, die gerade herumstehen. Dasselbe tat der Begründer des Christentums". "Davon läßt sich lernen", meint dazu Fischer. Aus der Kulturküche Am 24. Juli 2006 ist im Onlinemagazin "Kulturküche" unter dem Titel "Doppelte Wirklichkeit" aus der Feder von Sigrid Gaisreiter eine Rezension der beiden Chesterton-Bücher "Prophet mit spitzer Feder" und "Die Wildnis des häuslichen Lebens" erschienen. Für Gaisreiter deuten diese beiden Neuerscheinungen darauf hin, "als sei nun die Zeit angebrochen, ihn [Chesterton] wieder zu entdecken". Den Herausgeber des ersten dieser beiden Bücher, Gisbert Kranz, würdigt sie als einen "der besten Kenner christlicher Literatur". Chesterton, den sie einen orthodoxen Freigeist nennt, sei wegen der "unsäglich flachen Verfilmungen der Father-Brown-Geschichten mit Heinz Rühmann" falsch eingeschätzt worden, "obwohl viele, ganz unterschiedliche Dichter und Denker, wie Hannah Arendt, Ernst Bloch, Kurt Tucholsky oder Vladimir Nabokov ihn wegen seines Witzes und seiner Unterhaltsamkeit sehr schätzten." Chesterton-Renaissance In der "Welt" vom 9. September 2006 ortet der 1970 in Sachsen geborene Schriftsteller Marko Martin, "einer der heftigsten DDR-Widerspenste seiner Generation" (Dieter Hildebrandt) "eine kleine Chesterton-Renaissance" in Deutschland. Er bezieht sich dabei auf die beiden "Groß-Essays" "Orthodoxie" und "Ketzer", die Hans Magnus Enzensberger in der "Anderen Bibliothek" herausgegeben hat. Sein Artikel "Riesen soll man töten. Mitleid und Stärke: Der brillante Katholik Gilbert Keith Chesterton in zwei neuen Büchern" stellt allerdings zwei andere Werke vor, die kürzlich erschienen sind: die "kommentierte Statement-Auslese" "Prophet mit spitzer Feder", die Gisbert Kranz herausgegeben hat, und die Essay-Sammlung "Die Wildnis des häuslichen Lebens", herausgegeben Joachim Kalka. Diesen lobt er wegen seines klugen Nachworts, in dem er die Werke Chestertons als ein "Programm des erneuten Staunens" kennzeichnet. Marko Martin geniesst vor allem Chestertons "geradezu anarchische Lust, das vermeintlich Gewöhnliche als großes Abenteuer zu preisen" und gibt gleich einen kleinen Vorgeschmack: "Die Freude, Vergil zu lesen, kommt nach der Langeweile, ihn zu lernen; die wohlige Wärme des Seebades kommt nach dem eisigen Schock; und der Erfolg der Ehe kommt nach dem Scheitern der Flitterwochen." Wichtiger ist Chestertons "feines Sensorium für die mörderischen Konsequenzen von amoralischem Geschwätz." Chesterton: "Es ist das Kennzeichen einer falschen Religion, dass sie dauernd versucht, konkrete Fragen als abstrakt darzustellen. Wein nennt sie ‘Alkohol', Hungersnot ‘das ökonomische Problem'." Mit diesem kritischen Instrumentarium rückte er auch Nietzsche zu Leibe. Chesterton war nicht nur ein Verfasser von Detektivromanen (man denke an seine Father-Brown-Geschichten), sondern auch ihr Theoretiker: "Indem sich diese Literatur mit den schlaflosen Schildwachen auf den Vorposten der Gesellschaft befasst, erinnert sie uns daran, dass wir in einem bewaffneten Lager leben und gegen eine chaotische Welt Krieg führen müssen, dass die Verbrecher Verräter in unseren eigenen Reihen sind. Wir sollten uns gewiss daran erinnern, dass der Vertreter gesellschaftlicher Gerechtigkeit die originelle und poetische Gestalt abgibt, während die Einbrecher und Straßenräuber bloß selbstzufriedene Konservative sind, glücklich, der uralten Biederkeit einer Affen- und Wolfswelt anzugehören. Die Romantik der Polizei ist so der Roman der Menschheit. Dahinter steht die Tatsache, dass Moral die dunkelste, verwegenste Verschwörung ist." Martin beendet seine Leseempfehlung mit der Frage: "Was könnte erhellender sein, als solche Essays zu lesen?" Das Zitat Henryk M. Broder in der aktuellen "Weltwoche" 11/07, Artikel "Erdbeere des Unheils"
"Für die jungen Leute meiner Generation war G. K. C. eine Art christlicher Befreier. Wie eine wohltuende Bombe zertrümmerte er in der Kirche eine Menge Glasgemälde aus dürftiger Zeit und ließ frischen Wind herein."
Warum Chesterton wieder gelesen wird In der Oktoberausgabe des FELS (2007) geht Georg Alois Oblinger der Frage nach “Warum Chesterton wieder gelesen wird”. Den Grund ortet er im Anliegen Chestertons, Glaube und Vernunft miteinander zu versöhnen, ein Anliegen, das er mit dem gegenwärtigen Papst gemeinsam habe, der für seinen Vorgänger die Enzyklika “Fides et ratio” erarbeitet habe. Gleichzeitig liebe Chesterton, ein Meister des Paradoxons und Anwalt des gesunden Menschenverstandes, die Sprache und spiele mit ihr. Deshalb seien seine Bücher ein wahres Lesevergnügen. Chesterton verfasste laut Oblinger sechs Romane, fünf Theaterstücke, etwa 200 Erzählungen, mehr als 4000 Essays und zahlreiche Gedichte. In dem kürzlich erstmals in deutscher Sprache und in der FAZ vorveröffentlichten Roman “Kugel und Kreuz” attackiere er die Fortschrittsgläubigkeit. “Mit logischen Argumenten zeigt er dann die Schwächen anderer Weltanschauungen auf, wobei er gerade die Hörigkeit gegenüber dem Zeitgeist besonders heftig attackiert. ‘Das Christentum ist immer unmodern, weil es immer gesund ist; und alle Moden sind milde Formen des Wahnsinns.’ Dieser Roman hat bei seinem Erscheinen erreicht, dass sich viele Menschen wieder mit der religiösen Frage beschäftigten. Zahlreiche Konversionen, vor allem im Milieu der Literaten und Intellektuellen, waren die Folge.” Der Standard: Die Aktualität von Chesterton Chesterton kann man neuerdings im Originalton auf einem Video hören, das gloria.tv anbietet. Chesterton-Renaissance zum Zweiten Die Chesterton-Renaissance geht weiter. Georg Alois Oblinger macht in der Tagespost (Ausgabe vom 16. Februar 2008) unter dem Titel Lobgesang auf den Apfelkuchen Neue Essays in deutscher Erstübersetzung auf die Neuerscheinung In den Sand geschrieben aufmerksam, die im noch jungen Elsinor Verlag erschienen ist. Es handelt sich um eine von Oblinger als “hervorragende Auswahl” gelobte Sammlung von 20 Texten Chestertons (1874 - 1936) aus der Zeit vor 1910 über Politik, Geschichte und andere Themen. Wahrscheinlich hängt der kleine Veröffentlichungsboom auch damit zusammen, dass nach deutscher Gesetzeslage die Rechte an den Texten Chestertons am 1. Januar 2007 abgelaufen sind. Im englischsprachigen Raum, wo die Chesterton-Szene noch viel lebendiger ist, wird in diesem Jahr vor allem des hundertsten Jahrestages der Erscheinung seines wichtigsten Buches gedacht, der Orthodoxy (Der vollständige englische Text ist im Rahmen des Gutenberg-Projekts downloadbar). So findet z.B. im Juni an der Universität von St. Paul in Minnesota ein Kongress zum “Orthodoxy Centennial” statt, auf dem u.a. Dale Ahlquist (Präsident der Amerikanischen Chesterton-Gesellschaft), Tom Martin (Philosophieprofessor), Sean P. Dailey, Jennifer Overkamp, Geir Hasnes, Ross Arnold, David Zach, Dwight Longenecker und William Oddie sprechen werden. Das berichtet The Blue Bord, einer von mehreren Chesterton-Blogs, die es im englischsprachigen Raum gibt. Zahlreich sind die Rezensionen, die jetzt über Orthodoxy erscheinen, so z.B. auf diesem Blog, wo man folgendes Zitat aus seinem Artikel Why I Am A Catholic findet: “The truth about the Catholic attitude towards heresy, or as some would say, towards liberty, can best be expressed perhaps by the metaphor of a map. The Catholic Church carries a sort of map of the mind which looks like the map of a maze, but which is in fact a guide to the maze. It has been compiled from knowledge which, even considered as human knowledge, is quite without any human parallel.” “Erneut zeigt sich, dass Chesterton ein Schriftsteller ist, den man nicht nur an runden Gedenktagen würdigt, sondern von dem auch mehr als siebzig Jahre nach seinem Tod für den deutschen Leser fortwährend Neues erscheint. Das Reservoir dieses äußerst produktiven Schriftstellers ist noch lange nicht erschöpft und das Interesse an seinen Werken hält weiter an.” Alexander Kissler über Chesterton “Eine wichtige Rolle in Ihrem Buch spielt offenbar Gilbert Keith Chesterton. Sie zitieren ihn häufig. Warum? Father Brown “Der Geistliche ist der Champion der Theorie, Verbrechen ließen sich durch ein inneres Einswerden von Ermittler und Täter aufklären. Father Brown tritt also als Gegenentwurf zu Sherlock Holmes auf, der die Täterspuren in der Welt analysierte. Brown vertritt den christlichen Standpunkt, auch Täter seien uns nahe. Man muss nicht katholisch sein, um sich vor ihm zu verbeugen.” Thomas Klingenmaier in einer Rezension der dreibändigen Ausgabe von G.K. Chestertons Father-Brown-Geschichten im Insel Verlag (Father Browns Einfalt; Father Browns Weisheit; Father Browns Ungläubigkeit), in der Stuttgarter Zeitung vom 6. Juni 2008. Chesterton und das moderne Denken “Und schließlich entdecken wir im letzten Kapitel Chesterton als literarischen Kritiker. Seine Bücher zu Dickens, Chaucer und Browning gehören zum besten der Literaturkritik, auch wenn sie biographisch-wissenschaftlich nicht immer genau sind. Chesterton greift in allen seinen Werken die Auflösung durch das moderne Denken auf, dessen Relativismus und Skeptizismus, das verlorene Verhältnis zur Wahrheit. All dies ist in der spätviktorianischen Zeit aufgekommen und wurde in der Postmoderne noch einmal verstärkt. Auch Papst Benedikt XVI. musste sich damit auseinandersetzen.” Elmar Schenkel in einer Rezension des Buches von John D. Coates G. K. Chesterton as Controversialist, Essayist, Novelist, and Critic, Lampeter: Edwin Mellen, 2002. Die Rezension erschien in Band 25 von Inklings. Jahrbuch für Literatur und Ästhetik, hg. von Dieter Petzold, Moers 2007, S. 371 f. Dreimal Chesterton: Chesterton I: Vom Wind Chesterton entdeckt das Große im Kleinen: Unter diesem Titel bespricht Georg Alois Oblinger in der Tagespost vom 18. Oktober 2008 einen neuen Sammelband mit Essays von Gilbert Keith Chesterton mit dem Namen Vom Wind und den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten. Betrachtungen und Skizzen. Es handelt sich um die erste vollständige Übersetzung des im Jahr 1909 erschienenen Buches Tremendous Trifles. Von den 39 Essays, die er enthält, waren in deutscher Sprache bis jetzt erst 21 Essays in vier verschiedenen Sammelbänden zugänglich. “Chesterton ist ein tiefsinniger Beobachter des Alltags. Mit der Neugier eines Kindes oder auch eines Philosophen schaut er die Ereignisse um sich herum aus ungewohntem Blickwinkel an und fragt nach dem Wesen der Dinge”, meint Oblinger. Chesterton II: Ein Seehund “Ein Seehund, dem niemals die Lust ausgeht, sich von einem Felsen ins schäumende Wasser zu werfen”: Diese Charakterisierung Chestertons durch Martin Mosebach zitiert Guido Rodheudt in seinem Artikel Von der Leichtigkeit, normal zu sein (Vatican Magazin, Oktober 2008, S. 46 - 49), die nichts weniger als ein Plädoyer für die Heiligsprechung Chestertons sein will. Rodheudt empfiehlt dessen Denken als Therapie für die heutige Zeit, die die Erfolglosigkeit der “Freudschen Versuche der Seelenanalyse” erleben mußte. Wie Gisbert Kranz sieht er Chesterton als Propheten, der die Irrungen und Wirrungen unserer Zeit vorausgesehen hat. Zu ihnen gehört die Profanierung des Menschenbildes, die auch vor der Kirche nicht Halt gemacht hat. “Lange vor der Zeit, in der sich in den 1960er Jahren eine Kulturrevolution besonders die Zerstörung des Kultischen auf die Fahne geschrieben hatte und ihre Saboteure in die Reihen der katholischen Kirche entsandte, um die Liturgie mit tödlichen Säbelhieben zu einem Rumpfwesen zusammenzustutzen, legt Chesterton seinen Finger auf den Nerv einer gesunden Gesellschaft: ‘Nimm die seltsame Schönheit der Heiligen weg, und was uns bleibt, ist die weit seltsamere Hässlichkeit moderner Industriestädte. Nimm das Übernatürlich weg, und was bleibt, ist das Unnatürliche’” (S. 48). Chesterton III: Vorbild für Theologen Nehmt euch ein Beispiel an Chesterton! So überschreibt Thomas Jansen eine Rezension des Werkes von Alexander Kissler Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam (München 2008), die am 25. April 2008 in der FAZ erschienen ist. “Es ist eine scharfzüngige Streitschrift, wie sie hierzulande, zumal wenn es um religiöse Fragen geht, selten zu finden ist, ja als geradezu unschicklich gilt, wenn es um die Verteidigung des Glaubens geht. Nicht umsonst ruft Kissler die Theologen dazu auf, sich ein Beispiel an Chesterton zu nehmen, der immer dann zur intellektuellen Höchstform auflief, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte.” Man muss Kissler beipflichten. Das Kneifen vieler Theologen vor den Herausforderungen der “neuen Atheisten” steht in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Kritiklust, mit der sie sich mit dem Jesusbuch des Papstes auseinandersetzen. Okular-Athleten “Herrlich ätzend” findet Jan Wiele die Art, wie Gilbert Keith Chesterton Zeitprobleme angeht. In der FAZ vom 24. Februar 2009 hat er den 2008 erschienenen Band Vom Wind und den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten besprochen (Mit Sahnehäubchen). Es handelt sich um Beiträge, die Chesterton für die Daily News und The London Illustrated News geschrieben hatte und die 1909 unter dem Titel Tremendous Trifles erschienen. Wiele stimmt Dale Ahlquist, dem Präsidenten der amerikanischen Chesterton Society, zu, der den Band für eine der besten Einführungen zu Chesterton hält. Chesterton entdeckt in den unscheinbaren Dingen des Alltags “tiefere Bedeutungsschichten” und erzieht seine Leser zu Okular-Athleten, damit sie selber die erstaunlichsten Dingen in ihrer Umgebung entdecken. Chesterton: Witz und Zorn “Die Witze, die er macht, sind niemals zynisch, sondern wahre Geistesblitze, an denen der Autor ersichtlich selber Spaß hat. Chesterton ist kein systematischer Denker, sondern ein enthusiastischer und enthusiasmierender Formulierungskünstler, der sich ebenso heiter wie unerschrocken den Abenteuern des Geistes hingibt und dessen kriegerischer Scharfsinn erfüllt ist von Menschenfreundlichkeit. Ulrich Greiner 2001 in der ZEIT in einer Rezension der beiden Bücher Chestertons Orthodoxie und Ketzer. Mit dem Schwert der Einfachheit “Chestertons frühe Essays gehören zu dem Schönsten der Gattung, sie schweben wunderbar zwischen Phantastik und Philosophie, sie sind poetisch reflektierte Wolken am Himmel der Moderne, mit der sie sich selbstverständlich auseinander setzen. Sie führen auf die kleinen Dinge des Alltags zurück, in denen große philosophische Visionen versteckt liegen, etwa in einer Hosentasche oder einem Stück Kreide. Viele Titel sind märchenhaft: ‘Der Riese’, ‘Der rote Engel’ oder ‘Der rätselhafte Efeu.’ Mit dem Schwert der Einfachheit durchschlägt Chesterton das Gestrüpp komplizierter Gedankensysteme und bringt die Dinge auf den Punkt, so wie sie sich dem Einzelnen fortwährend präsentieren. Chesterton schreitet wie ein Märchenheld durch den Dschungel der Moderne und stellt einfache Fragen im Angesicht der Großen Vernebler unserer Zeit. Aber er ist ein tapferes Schneiderlein mit abgründigen Visionen, Spuk und Magie lauern an jeder Ecke. So muss er sich als Aufklärer betätigen, als Aufklärer mit den Mitteln der Phantastik und Theologie.” So schreibt Elmar Schenkel in einer Rezension von Chestertons Vom Wind in den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten (aus dem Englischen von Jakob Vandenberg, Coesfeld 2008), erschienen in Inklings. Jahrbuch für Literatur und Ästhetik, Band 26 / 2008, hg. von Dieter Petzold, S. 291. Der Band enthält u.a. die Beiträge zur Tagung Hybris und Heil. (Bio-)ethische Fragen in phantastischer Literatur, die im Oktober 2008 in Aachen stattfand. Die Beiträge stammen von Adelheid Kegler, Josef Schreier (Mystische Ethik: Ein Gedankengang mit C. S. Lewis), Dieter Petzold, Ulrich Lüke, Rudolf Drux, Stefan Lampadius, Johannes Rüster, Vera Shamina und Elena Schewtschenko. Chestertons Klassiker “Die allerbeste Verteidigung des christlichen Standpunkts, die ich kenne”, urteilte C. S. Lewis über das Buch Der unsterbliche Mensch (The everlasting man) von Gilbert Keith Chesterton. Daran erinnert Georg Alois Oblinger in seiner Rezension, die in der Tagespost vom 27. Juni veröffentlicht wurde. Lewis, damals noch Atheist, fand in diesem Buch “zum ersten Mal die ganze christliche Sicht der Geschichte in einer Form dargestellt, die mir einen Sinn zu ergeben schien.” Chestertons “kulturphilosophische Studie über das Wesen des Menschen und seine Stellung innerhalb der Welt” (Oblinger) erschien als Antwort auf H. G. Wells Die Geschichte unserer Welt. Glauben "Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, hat der britische Schriftsteller G. K. Chesterton ('Pater Brown") mal gesagt, würden sie nicht an nichts glauben, sondern 'allen möglichen Unsinn'. Ein Satz, dessen Richtigkeit man täglich erleben kann." Henryk M. Broder in seiner Rezension Auf zur After-Life-Party des Buches von Wilhelm Imkamp Fit für die Ewigkeit - Hieb- und Stichfestes aus der Bibel, gestern auf spiegel-online. "Nur die Kirche räumt der Vernunft die wahre Hoheit ein" Mit diesem Zitat Chestertons überschreibt Gerhild Heyder eine Rezension (Tagespost vom 22. August 2009) der Pater-Brown-Geschichten, die nun in einer dreibändigen Sammelausgabe bei Diogenes erschienen sind. Das Zitat ist der ersten dieser Erzählungen entnommen, die 1911 erschienen ist, Das blaue Kreuz. Ein falscher Pater verrät sich gegenüber P. Brown durch despektierliche Äußerungen über die Vernunft. Daran erkennt dieser, dass es sich um keinen wahren Katholiken handeln kann, denn: “Vernunft ist immer vernünftig, selbst in der letzten Vorhölle, jenem verlorenen Grenzland der Dinge. Ich weiß, dass viele der Kirche vorwerfen, sie setze die Vernunft herab, aber es ist genau umgekehrt. Auf Erden räumt nur allein die Kirche der Vernunft die wahre Hoheit ein.” Flagge der Revolte
Als eine “Flagge der Revolte” und “ein wunderbares Gegengift” gegen den konsumorientierten Weihnachtsrummel preist Alexander Kissler das Weihnachtsbuch von G. K. Chesterton an, das der Verlag nova & vetera unter dem Titel Die englische Weihnacht neu herausgebracht hat. Lest Chesterton! heißt deshalb kurz und knapp seine Rezension vom 3. Dezember 2009, in der er das Werk des “beneidenswert witzigen, bewunderungswürdig klugen Essayisten” empfiehlt.
Unterhaltsame Vernunft Als Vorbild für eine gepflegte Debattenkultur empfiehlt Georg Alois Oblinger (Tagespost vom 23. Januar 2010) das öffentliche Streitgespräch, das 1928 zwischen Gilbert Keith Chesterton und George Bernard Shaw unter der Leitung von Hilaire Belloc stattfand und nun in deutscher Sprache wieder im Elsinor-Verlag publiziert wurde (Sind wir uns einig?, Coesfeld 2009). In der Sozialen Frage standen sich dabei der Standpunkt des Sozialismus und der des Distributismus gegenüber mit all ihren religiösen und weltanschaulichen Implikationen. Im Vergleich zum geistreichen Stil des Streitgesprächs empfindet Oblinger jede heutige Fernseh-Talkshow als “unglaublich fade”. Das Buch enthält außerdem acht Essays Chestertons, in denen es u.a. um eine saubere Grenzziehung naturwissenschaftlicher Kompetenz geht: “Wer nur das Materielle als Gegenstand seiner Forschung kennt, kann daraus nicht folgern, dass damit bewiesen sei, es gäbe nur Materielles.” Die “halbwissenschaftlichen Revolutionäre” hätten “den großen Paradoxien (...) nur Gemeinplätze entgegenzusetzen.” Claudels Chesterton Am 23. Februar 1910 schrieb Paul Claudel an Jacques Rivière von Prag aus einen Brief, in dem es heißt: “Ich habe meine Kisten geöffnet und darin Orthodoxie von Chesterton entdeckt. Ich bin gerade dabei, das Hauptkapitel für die N. R. F. [Nouvelle Revue Française] zu übersetzen, wenn diese Herren es nehmen wollen. Es ist ein wenig lang und müßte zweifellos in zwei Teilen erscheinen” (Paul Claudel / Jacques Rivière, Briefwechsel 1907 - 1914, hg. von Robert Grosche, übersetzt von Hannah Szasz, Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, München ohne Jahr, S. 184). Orthodoxie, das wichtigste Werk G. K. Chestertons, in dem es um die Wahrheit des christlichen Glaubens geht, erschien 1908. Die französische Übersetzung des geplanten Auszugs erschien tatsächlich wie geplant in der N. R. F., der 1909 gegründeten Literaturzeitschrift unter der Redaktion von André Gide, und zwar mit einer Einführung des Chesterton-Kenners Valery Larbaud und unter dem Titel Les Paradoxe du Christianisme. Als Larbaud Chesterton im Juni 1911 besuchte, sagte ihm derselbe, dass er die Übersetzung noch besser finde als den Text. Der Plan Claudels, das ganze Werk zu übersetzen, scheiterte allerdings an den Forderungen des Verlags. Erst 1923 erschien unter dem Titel Orthodoxie eine französische Übersetzung von Charles Grolleau, mit einem Vorwort von Joseph de Tonquédec SJ, in dem es über Chesterton u.a. heißt: “Père de l'Eglise, il ne l'est ni plus ni moins que Péguy, Hello, Huysmans ou Léon Bloy: il y prétend moins qu'eux, moins surtout que le dernier, ne se souciant point de dogmatiser ex cathedra, mais jouissant du plaisir d'exposer, avec une verve furibonde, ses vues personnelles, et les donnant comme telles.” |
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