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Geborgenheit in der Ungeborgenheit

1937 erschien Peter Wusts Ungewißheit und Wagnis

von Josef Bordat

I.

Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein hat einmal sinngemäß gesagt, das letzte Ziel des Philosophen sei es, zur Ruhe zu kommen. Irgendwann müsse der Punkt erreicht sein, an dem das ewige Fragen ein Ende hat und die Zweifel endgültig verstummen. Ein Menschheitstraum: Leben ohne „Wenn" und „Aber"!

Offenbar gelingt es uns nicht, diesen Traum zu verwirklichen. Im Gegenteil: Die Zweifel werden mit dem Fortschritt der Philosophie - auch das eine Eigentümlichkeit dieser Disziplin - eher größer denn geringer. Die Postmoderne bläst zum Sturm auf die Festungen der Philosophie, ein Sturm, der hohe Wellen gegen die Felsen des menschlichen Denkens schlägt. Zentrale Begriffe der Philosophie werden mit neuen Zweifeln belegt, zentrale Begriffe auf „-heit" und „-keit", die wir, als aufgeklärte, vernünftige Menschen des christlich-abendländischen Kulturraums über Jahrhunderte mit Sinn aufluden und deren Bedeutung wir uns immer näher wähnten, die wir erfolgreich - wie es schien - ausdeuteten, zwar immer anders, aber doch in zielgerichteter Tradition. Begriffe wie Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Schönheit erscheinen nur noch in spöttischen Anführungszeichen oder mit einem hohnvoll relativierenden „so genannte" voran. Es ist eine so genannte Freiheit, in der wir leben, etwas ist anscheinend wahr, etwas ist „gerecht", etwas scheint schön. Uns ist, das wird hier deutlich, die Gewissheit abhanden gekommen - und zwar in Epistemik, Ethik und Ästhetik - und wir stehen vor der Frage: Wie kann man mit der Ungewissheit umgehen?

Rein rational kann keine Auflösung des Problems funktionieren, es stellt sich immer ein „aber" heraus. Immer kann ich noch ein „Warum?" anfügen, auf das die Antworten zunehmend schwerer fallen. Man wird also - zumindest sowie man die Ebene der analytischen Deduktion verlässt und zu empirisch-induktiver Arbeit voranschreitet, um zu Tatsachenwahrheiten zu gelangen, immer nur um den Preis einer Spur Irrationalität zum Ziel kommen. Dieses Wagnis müssen und können wir eingehen, weil uns etwas trägt, das außerhalb von uns ist und Geborgenheit in der Ungeborgenheit stiftet. Das Irrationale wagen, um die postmodernen Anführungszeichen wieder loszuwerden, heißt dabei nicht, dass wir allzu gewagte metaphysische Voraussetzungen kritiklos hinnehmen sollten oder uns mit irgend einer Wahrheitsdefinition zufrieden geben sollten, nur um „Ruhe" zu haben, denn daraus resultiert keine dauerhafte, keine sich selbst tragende Ruhe, sondern eine künstliche, eine erzwungene. Das um der „Ruhe" willen unterdrückte, taucht früher oder später wieder auf. Wer versucht, einen Plastikball unterzutauchen, dem gelingt dies zwar mit einiger Anstrengung, doch sobald er den Ball loslässt, springt er aggressiv an die Oberfläche.

Es kann also nur eine Metaphysik der rational begründbaren Voraussetzungen sein, um die es hier geht. Eine solche findet sich im christlichen Glauben. Der Glaube als Schlüssel zur wahren Ruhe, wie ich ihn im folgenden mit Peter Wust deuten werde, gedeiht aus einem wohlbegründeten Gottvertrauen, das mich weder in Verzweiflung, noch in trügerische Heilsgewissheit fallen lässt. Die Ungewissheit bleibt, sie wird immer bleiben, aber ich bekomme im Vertrauen auf Gott den Mut zum Wagnis des Glaubens und damit zum Wagnis des Lebens. Und diesen Weg, diese Gradwanderung zwischen Skeptizismus und Pragmatismus, zwischen „Ungewissheit und Wagnis" zeigt uns Wust in seinem gleichnamigen Bestseller eindrucksvoll auf. Ich möchte diesem interessanten existenzphilosophischen Weg nachgehen.

II.

Die Neuauflage - mittlerweile die neunte (!) - des Klassikers der christlichen Existenzphilosophie Ungewißheit und Wagnis aus dem Jahr 1937 zeugt von dem ungebrochenen Interesse sowohl an existentiellen Glaubensfragen im Allgemeinen wie auch an Peter Wusts Antworten im Besonderen. Der im Jahre 2002 von Werner Schüßler erneut herausgegebene Text hat in der Tat nichts an Aktualität für den Menschen der (Post-)Moderne eingebüßt. Die philologisch verbesserte Ausgabe verfügt zudem über ein umfangreiches Glossar der lateinischen Wendungen, die Wust gern und oft benutzt. Insoweit bereitet Schüßler, einer der wenigen Universitätsprofessoren, die sich heute noch intensiv mit dem Denken Peter Wusts beschäftigen, eine ideale Einsteigerlektüre auf, mit der ein erster Schritt in das gewaltige Gedankengebäude des großen Münsteraner Existenzphilosophen gelingen kann.

Wust geht in seinem Werk Ungewißheit und Wagnis im semi-naturalistischen Sinne vom Menschen als einem Zwischenwesen aus, das einerseits als animalisch-naturgebunden erscheint, andererseits mit einem über das Diesseits hinaus weisenden Intellekt ausgestattet ist. Diese Position des vergeistigten Tieres stellt den Menschen in eine prinzipielle Ungewissheit (insecuritas humana), sowohl hinsichtlich der Deutung seines irdischen Seins, als auch in Bezug auf die vagen Vorstellungen möglicher Optionen eines jenseitigen Daseins.

Insoweit unterscheidet Wust hinsichtlich der Ungewissheit hierarchisch drei Bereiche: die lebensweltliche Fortuna-Ebene, die Ebene der philosophischen Erkenntnis (Ur- und Gottesgewissheit) und die Ebene der theologischen Erkenntnis (Existenz Gottes, Offenbarung und Heil).

Auf der untersten Ebene des Schicksalhaften scheint der Mensch Spielball der Glücksgöttin Fortuna zu sein: Sowohl individuell, als auch in Volksgruppen und Gemeinschaften, erlebt der Mensch ein stetes Auf und Ab, dessen Erscheinungsformen ihm nicht selten irrational erscheinen, vor allem dann, wenn es offenbar den Guten schlecht und den Schlechten gut ergeht. In diesem alogischen Kontext ist der Mensch zwischen Trotz und Hingabe gestellt, Begriffe, die auf den Existenzphilosophen Karl Jaspers zurückgehen. Der Trotz kann einerseits als heroisch bezeichnet werden, wenn der Mensch aus der Natur Kultur schafft, andererseits aber kann er zum „Wahnsinn" werden, wenn sich der Mensch gegen die objektiven Zwänge des Seins auflehnt. Die Hingabe erscheint zunächst wie ein feiger Fatalismus, bietet dem Menschen jedoch die Möglichkeit, den Weg in Richtung seiner eigentlichen Bestimmung als homo religiosus in Angriff zu nehmen, der hinter allen irdischen Hiobsphänomenen den vernünftigen Plan eines höheren Wesens annimmt.

Auf der mittleren Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit geht es Wust zunächst darum, die relative Hilflosigkeit der Philosophie angesichts der Fragen nach gesicherter Erst- und Letzterkenntnis deutlich zu machen, um ihr dann den Rücken zu stärken. Das besondere Problem des Philosophen ist dabei, dass er einerseits mit seinem eigenen Verstand arbeiten (Selbsteinsatz), andererseits diesen in einigen Fragen ausschalten soll (Selbstaufgabe), ein Paradoxon, das vom Menschen nicht gehandhabt werden kann, obwohl Wust einen Ausweg für den Philosophen bereit hält, wenn er ihm segensreiches Arbeiten verspricht, solange er nur die „seinsfromme Haltung" (sapientia) an die Stelle der „unfrommen Erkenntnishaltung" (curiositas) setzt.

Hier zeigt sich die ganze Schärfe des Wust'schen Programms für die Philosophie: Kein Philosoph gibt das Wesentliche seiner Leidenschaft, das aus Neugier erwachsene Denken, so ohne weiteres auf - von dem ganz persönlichen Stolz, den wohl jeder professionelle Denker hat, einmal ganz abgesehen. Für mich bedeutet dieser Gedanke Wusts, der sicherlich nicht ganz falsch ist, einen unüberwindbaren Graben zwischen Theologie und Philosophie, auch wenn ich Extrempositionen der anglo-amerikanischen Logistik, zeitgenössische Philosophie solle sich ausschließlich mit Sprachanalyse beschäftigen und die Metaphysik wie eine Jugendsünde behandeln, nicht teile. Nur muss m. M. n. systematisch und streng zwischen Theologie und Philosophie, (religiösem) Glauben und (philosophischer) Erkenntnis unterschieden und es müssen - wie ich bereits andeutete -, die metaphysischen Voraussetzungen geklärt werden.

Wust grenzt in Bezug auf die philosophische Urgewissheit die certitudo philosophica von der certitudo mathematica ab. Ersterer ist es nicht möglich, ein Axiomsystem zur Basis zu erklären, wie es in letzterer geschieht. Während die Mathematik Fortschritte mache, tritt die Philosophie auf der Stelle. Das ist sicher richtig, davon bin ich ja auch ausgegangen, doch hierbei bleibt der in den 1930er Jahren entstehende und bis heute offene Grundlagenstreit in der Mathematik zwischen Logizisten, Formalisten und Intuitionisten nicht berücksichtigt. Es hatte sich nämlich in der von Zermelo und Russell um die Jahrhundertwende entdeckten Antinomie in Cantors Mengendefinition (die so genannte „Russell'sche Antinomie") gezeigt, dass die Mathematik gar nicht auf so sicheren Füßen steht, wie immer angenommen. Das macht die Sache nur noch schwieriger. Doch zurück zur Philosophie. Diese, sagt Wust, sei zwar die regina scientiarum, schaffe es jedoch nicht, alle metaphysischen Fragen durch die Vernunft verstummen zu lassen, eine Mathematisierung der Metaphysik im Sinne letztgültiger Sicherung sei nicht möglich. Der Streit um die Grundlagen der Philosophie werde nie in einen ewigen Frieden münden.

Wust führt als Lösung für das Urgewissheitsproblem der Philosophie das Postulat der Intelligibilität allen Seins als Urprinzip des Denkens an und ruft mit Hegel zum „Mut zur Wahrheit" auf. Das Ontologische ist bei Wust direkt mit dem Intelligiblen verbunden, Sein und Erkennbarkeit fallen zusammen. Was an Schwierigkeit bleibt, ist die Tatsache, dass mit prinzipieller Erkennbarkeit nicht automatisch die Klarheit objektiver Evidenz gegeben ist. Die Seinsunmittelbarkeit sei dem Menschen, so Wust, durch seine Reflexion verloren gegangen.

Dieser Gedanke ist schwer zu verstehen, finde ich. Die Reflexion hat eine Grundlage (Erkennismöglichkeit), die schwächer ist als jener Erkenntnisstatus des Menschen (klare Evidenz) im vorreflexiven Zustand. Wäre es dann nicht besser, so könnte man Wust provokativ fragen, gar nicht mehr zu denken, weil einem dann alle Erkenntnis in den Schoß fällt, um die man, ist man erst einmal zum Philosophieren übergegangen, mühsam ringen muss? Ist es einzusehen, dass der Nicht-Denker Erkenntnis erlangt, während dem Denker lediglich die grundsätzliche Möglichkeit der Erkenntnis mit auf den beschwerlichen Weg gegeben ist?

Hier scheint mir ein kleiner Exkurs zur Mystik angezeigt. In der Mystik, etwa bei Meister Eckhart ist das „Lassen" der zentrale Begriff und Ausgangspunkt der Gotteserkenntnis. Aus dem „Lassen" erwächst die „Gelassenheit", die conditio sine qua non der unio mystica ist. Der Mensch muss verdinglichte Denk- und Handlungsstrukturen überwinden und alle Weltbindung aufgeben, erst dann ist er bereit für Gott. Meister Eckhart entnimmt das aus den Berufungsgesprächen der Apostel, wo Jesus die künftigen Jünger zur Nachfolge auffordert, verbunden mit einem Loslassen von all ihren materiellen und persönlichen Bindungen, einem omnia relinquere. Darin, und das ist jetzt entscheidend, liegt ironischerweise die Fülle des Heils. Petrus fragt: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?" (Mt 19, 27). Und Jesus erklärt: „Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels. Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verläßt um meines Namens willen, der wird's hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben." (Mt 19, 28-29). Das ist nicht zu verstehen. Und so kann man auch die Gewissheit, die Wust meint, nicht verstehen, das ist es ja gerade, es geht nicht rein rational

Und auch in einem anderen Punkt treffen sich Wust und die Mystik: Erkenntnis kann nur im individuellen Vollzug aus dem Nicht-Denken, dem Lassen des Denkens gewonnen werden. Der Erkenntnis geht die Entscheidung voraus. Hinsichtlich der philosophischen Gottesgewissheit bleibt es - analog zu Trotz und Hingabe auf der Fortuna-Ebene - bei der Entscheidung des Einzelnen zwischen humilitas und superbia, zwischen Liebe und Selbstsucht, ehrfurchtsvollem Schweigen und zersetzendem Gerede. Eine allein auf der Basis mathematischer Überlegungen erdachte Gewissheit der Existenz Gottes könne es nicht geben.

Nach Wust deuten die untere Fortuna-Ebene und die mittlere Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit auf die obere Ebene der Ungewissheit hin, auf der sich der homo religiosus im Halbdunkel an Antworten auf die Grundfragen des Glaubens versucht, also den Fragen nach Gott, seiner Offenbarung und dem Heil des Menschen, wobei in diesem Zusammenhang die Frage des persönlichen Heils alles überschattet.

Erst der homo religiosus erreicht nach Wust die eigentliche Bestimmung des Menschen. Dieser bekommt aber eben gerade als homo religiosus ein Orientierungsproblem, weil seine ambivalente Persönlichkeit zwischen Diesseits- und Jenseitsfokussierung hin- und hergerissen ist. Wust illustriert dies an den Charakteren Don Quichote und Sancho Pansa des spanischen Dichters Cervantes: Erster blickt hinaus in die Transzendenz überirdischer Sphären, Letzterer ist als Realist im Diesseits verhaftet.

Bezogen auf den homo religiosus handelt es sich aber nicht um zwei Personen, sondern um die zwei Seelen in der Brust eines jeden Menschen. Der forsch und voller Glauben nach vorne preschende Don Quichote und sein weltliches Regulativ Sancho Pansa, das ihm immer wieder seinen Unsicherheits-Notstand angesichts der scheinbaren religiösen Absurdität vor Augen führt, beide treiben den homo religiosus um. Wust nennt zur Verdeutlichung der Alogik in religiösen Postulaten das biblische Beispiel der Arbeiter im Weinberg, die - unabhängig von ihrer Arbeitsleistung - den gleichen Lohn erhalten, ein offener Affront gegen die Logik und jedes menschliche Gerechtigkeitsempfinden.

Hinsichtlich der entscheidenden Frage nach der Existenz Gottes ist das Vorgehen des homo religiosus ein anderes als das des Philosophen: Gotteserkenntnis geschieht nicht durch denkenden Verstand, sondern durch fühlendes Herz und bleibt dabei nicht abstrakt-theoretisch, sondern wird konkret-praktisch. Gott wird in der Unsicherheitsnot des Menschen, die häufig in Form von Schicksalsschlägen zur Existenznot kulminiert, als „Du" erkannt. Dieser personale Gott bleibt jedoch auch für denjenigen, der sich zum Glauben entschlossen hat, nicht ganz greifbar, sondern präsentiert sich bald enthüllt, bald wieder verhüllt. Völlige Klarheit, so Wust mit Verweis auf Pascal, gibt es im Religiösen ebenso wenig, wie auf der mittleren Unsicherheitsebene philosophischer Erkenntnis.

Zentrales Offenbarungsorgan Gottes ist die Bibel. Daher hat sich der Mensch auf dem Weg zur Offenbarungsgewissheit intensiv mit ihr auseinander zu setzen. Er stößt dabei auf die Offenbarungsformel Jahwes, des Gottes Israel aus dem Alten Testament („Ich bin der Ich bin da.", Ex 3, 14) und auf die Worte Jesu vor dem Hohen Rat in Jerusalem aus dem Neuen Testament („Ihr sagt es - ich bin es.", Lk 22, 70). Anhand eines Exkurses in die Kirchengeschichte zeigt Wust, dass sich Gott immer dann in besonderer Weise offenbart, wenn seine Kirche Bedrohungen, Verfolgungen oder Irrungen ausgesetzt war, mithin das Schicksal des Gottessohnes Jesus Christus teilen musste.

Bezüglich der Heilsgewissheit geht Wust von einer allgemeinen Heilsgewissheit für den Menschen aus, von der eine berechtigte Hoffnung auf persönliche Errettung abgeleitet werden kann. Er warnt jedoch davor, so vermessen zu sein und für sich selbst, gewissermaßen über Gottes Kopf hinweg, schon einen Platz im Himmel reservieren zu wollen, sei es nun, dass sich der Anspruch auf ewiges Heil aus dem Glauben oder aus guten Werken heraus ableitet. Im anderen Extrem, der absoluten Heilsungewissheit, droht man vor lauter Furcht und Misstrauen Gott gegenüber in der Verzweiflung zu versinken.

Wust beschreibt danach, als Orientierungshilfe und Motivation sowie als Beleg für die Wahrhaftigkeit seines Konzepts, wie es Mystikern gelungen ist, zu Gott zu gelangen, auch wenn sie dabei die geballte Ladung menschlicher Ungewissheitsnot zu spüren bekamen. Ihr Weg führt von der „dunklen Nacht" der Seele, dem quälenden Zweifel, zur Gewissheit in der Einheit mit Gott und zu einer Seele, die ganz Hingabe geworden ist und in der das strahlende überirdische Licht Platz greift, um menschlichen Stolz in göttliche Liebe zu verwandeln.

Der Mensch ganz allgemein kann der Ungewissheit durch das Wagnis der Weisheit entrinnen, das Wust vom Entscheidungsirrationalismus Jaspers deutlich abgrenzt, der wiederum eine Synthese der Entwürfe Kierkegaards (absoluter Glaubenspositivismus) und Nietzsches (absoluter Nihilismus) anstrengt.

Wust grenzt in der Herleitung seines Weisheitsbegriffs zunächst den dogmatischen Vernunftoptimismus, der zur Wissenssattheit neigt, vom pyrrhonianischen Vernunftpessimismus ab, der Gefahr läuft, der Wissensgier anheimzufallen. Weisheit heißt für ihn nicht philosphisch-akademisches, sondern existentielles Wissen, das seinen Ausdruck in einer Lebensweisheit findet, die zu ehrfurchtsvollem Gottvertrauen, zur Gelassenheit des Glaubens und zur Liebe führt.

Dennoch bleibt diese Weisheit ein Wagnis. Das Wagnis der Weisheit kann auch als „Wagnis des vernünftigen Gehorchens", als „Wagnis des Glaubens" und damit als „Wagnis aller Wagnisse" angesehen werden.

Der Mensch kann eben doch nicht die volle Erkenntnis erlangen, sondern bleibt im Halbdunkel verhaftet, während die Welt um ihn scheinbar in Unstimmigkeiten und in Irrationalem zu ersticken droht. Es bleiben prinzipielle Zweifel, die angesichts seiner (noch-)nicht vollständigen Vergeistigung durchaus ihre Berechtigung haben.

III.

Schließlich spricht Wust in einem ermutigenden Fazit von der Geborgenheit des Menschen in seiner Ungeborgenheit, eine paradoxe Formulierung, bei der ein Zustand (Geborgenheit) aus seiner Negation gewonnen wird. Doch wie anders könnte man die Lage des Zwischenwesens Mensch erfassen?

Jeder suchende Mensch - und wer sieht sich nicht als ein solcher - ist geborgen auf seinem Weg zum letzten Ziel. Der Theologe und Seelsorger Wust setzt sich hier spürbar gegen den Philosophen und Analytiker Wust durch, wenn er die oft nicht verstehbaren Ereignisse in der Welt als Fürsorge, Vorsehung oder Erziehungsmethoden Gottes deutet, eines Gottes, ohne den die Welt arm wäre und vor dessen weisen Ratschlüssen der Mensch nicht anders soll und nicht anders kann als in ewiger Stille andächtig die Knie zu beugen.


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