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Das Gewissen zwischen Vision und Illusion

Von P. Engelbert Recktenwald

Erster Teil

“Das Gewissen ist der verborgenste Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er allein ist mit Gott, dessen Stimme in seinem Innersten widerhallt”, heißt es in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils und im KKK. Allein diese Aussage lässt uns schon erahnen, wie groß die Kirche über die Würde des Menschen denkt. Diese Würde hängt mit seiner Berufung zur sittlichen Größe zusammen. Im Gewissen erfährt der Mensch den unbedingten Anspruch des Guten und die Verwerflichkeit des Bösen. Der Wert seines Charakters hängt von seinem Verhalten gegenüber diesem Anspruch ab. “Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben,” meinte General Hennig von Tresckow, der sich aus christlicher Gesinnung an der Verschwörung Stauffenbergs vom 20. Juli 1944 gegen Hitler beteiligte und diesen Einsatz mit seinem Leben büßte. Hinter seiner Aussage steht die Überzeugung, dass der moralische Wert größer und wichtiger ist als selbst der des eigenen Lebens. Begreiflich ist das nur, wenn der unbedingte Anspruch des Guten als ein Ausfluss der absoluten Heiligkeit Gottes verstanden wird. Nur wenn Gott existiert, ist dieser Anspruch so sehr in der Wirklichkeit verankert, dass der Furcht, mit der Folgsamkeit ihm gegenüber einer Chimäre auf den Leim zu gehen, der Boden entzogen ist.

Es gibt nun in der Philosophie Versuche, den Spieß umzudrehen und den Atheismus zur Bedingung der Möglichkeit wahrer Moralität zu erklären. Ein Paradebeispiel dazu liefert Winfried Schröder in seinem Buch Moralischer Nihilismus. Schröder erwärmt sich für die Radikalaufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts, die die Moral von den niedrigen Motiven der Christen reinigen wollten. Indem diese nach Lohn im Jenseits schielen, verunreinigen sie ihre Motivation. Die theonome Moral, die sich dem Willen Gottes um des Lohnes willen unterwirft, muss abgelöst werden von einer autonomen Moral, die den Menschen befähigt, “seine Entscheidungen ausschließlich seiner Einsicht in das moralisch Richtige oder den Geboten seines Gewissens zu unterwerfen.” Somit führt der Atheismus nach Meinung Schröders nicht zur Zerstörung, sondern zur Läuterung der Moral. “Allein der Atheist”, so referiert er mit unverhohlener Zustimmung die Aufklärer, “kann die normative Kraft der moralischen Gebote anerkennen, ohne sie mit außermoralischen Motiven zu vermengen” (S. 154 f).

Diese Unterscheidung zwischen moralischen und außermoralischen Motiven ist wichtig. Es ist Kant, der kraft dieser Unterscheidung die Moral endgültig vom Glücksstreben und damit von allen eudämonistischen Begründungen geschieden hat. Moralisch handelt der Mensch nur, wenn er aus Pflicht, also aus Achtung vor dem Gesetz handelt. Dieses wiederum erkennt er mit der Vernunft. Der kategorische Imperativ, das unbedingte Sollen, ist ein Faktum der Vernunft. Die Würde des Menschen zeigt sich darin, dass er ein Gewissen hat, also in der Fähigkeit, sich kraft der Vernunft vom Moralgesetz statt von Neigungen, Interessen und sinnlichen Antrieben motivieren und in seinem Handeln leiten zu lassen. Das bedeutet Autonomie im Kantischen Sinne. In dieser Autonomie sieht Kant den “Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur” (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).

Doch die Philosophiegeschichte zeigt, dass diese Autonomie allzu schnell umschlug in eine entwürdigende Heteronomie des Gewissens. Für Nietzsche ist das Gewissen eine Krankheitserscheinung, die dem Menschen nur die Festfreude an verübter Grausamkeit verdirbt. “Leiden-sehen thut wohl, Leiden-machen noch wohler.” Die wahre Größe, zu der der Mensch sich zu entwickeln berufen ist, liegt jenseits von Gut und Böse. Das Gewissen ist dabei nur ein Hindernis. Für Hitler war das Gewissen eine jüdische Erfindung. Sigmund Freud hielt es für eine Instanz der Fremdsteuerung, weil es als Über-Ich die Verinnerlichung der väterlichen Autorität darstellt. Vor allem aber wurde dem Gewissen der Garaus gemacht, als die Naturwissenschaften begannen, das Geschäft der Aufklärung in die Hand zu nehmen. Sie erklären das Gewissen zu einem Produkt unserer Gene, zu einer Anpassungsleistung der Evolution. Es treibt uns mittels der biologisch bedingten Fiktion von Gut und Böse deshalb zu einem altruistischen, also moralischen Handeln an, weil dieses der Erhaltung der Art dient. Für Richard Dawkins etwa ist das Gewissen so ins Gehirn “eingebaut” wie der Sexualinstinkt oder die Höhenangst. Es gehört also nicht zur Vernunft, sondern zur Triebsphäre. Es vermittelt uns keine Einsicht in die Wirklichkeit, sondern steuert uns blind nach den Überlebensinteressen der Gene. Handeln aus Gewissen wird zum Gegenteil des Handelns aus Einsicht.

Hinzu kommt eine Strömung in der Philosophie, die der naturwissenschaftlichen Methode das Szepter der Deutungshoheit über die Welt im Ganzen übergibt. “Die Welt ist so, wie es uns die Naturwissenschaft sagt,” meint etwa der Philosoph W. V. Quine (1908-2000). Man nennt diese philosophische Richtung Naturalismus. Diese eliminiert alles, was nicht ins Raster der naturwissenschaftlichen Methode passt. Naturwissenschaftler können menschliche Gehirne untersuchen, aber keine Gewissen. Sie wissen etwas mit Sinnesdaten anzufangen, aber nichts mit moralischen Werten. Dafür gibt es keine Messinstrumente. Folglich gehört Moralität für den Naturalismus nicht zur Wirklichkeit. Gerade weil Moralnormen nur Inhalte des Gewissens sind, müssten sie als relativ angesehen werden, meint z. B. der Philosoph Norbert Hoerster. Sie haben keine objektive Geltung.

Folglich ist das Gewissen nicht mehr der Garant menschlicher Autonomie, sondern wird selber zum Objekt der Aufklärung. Sobald sein Spruch unserem aufgeklärten Interesse im Wege steht, gibt es keinen Grund mehr, ihm zu folgen. Denn Moral ist in Wirklichkeit, wie die Biologen E. O. Wilson und M. Ruse beteuern, “eine Illusion, die uns unsere Gene vorgaukeln.”

Wenn als Ergebnis dieser Aufklärung nur noch eine interessenbasierte Ethik übrigbleibt, dann erscheint das anfangs erwähnte Verhalten Tresckows, der für eine gute Sache sein Leben hingibt, töricht. Den sittlichen Wert, von dem er spricht, gibt es ja nicht. Tatsächlich versucht Wilson, solche Selbstaufopferung als einen biologischen Mechanismus zu entlarven, der versteckten egoistischen Antrieben dient.

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