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Das Gewissen - ein Weg zu Gott?

Von P. Engelbert Recktenwald

Der bekannte Psychiater Viktor E. Frankl schreibt in einem seiner Bücher von einem Wagnis, das nur der religiöse Mensch leiste (“Der unbewußte Gott”). Der irreligiöse Mensch schrecke davor zurück, “weil er den ‘festen Boden unter den Füßen’ nicht missen” wolle. Welches Wagnis meint Frankl? Er spricht vom Gewissen als dem “Wovor des Verantwortlichseins” und vergleicht es mit einem Gipfel, zu dem der Mensch gelangt, wenn er sich auf den Weg zur Sinnfindung macht. Aber dieser Gipfel ist nur ein Vorgipfel. Der irreligiöse Mensch macht hier halt, weil er sich nicht weiter voranwagt ins Ungewisse hinein, zum eigentlichen Gipfel, der vom Nebel verhüllt ist. Dieser eigentliche Gipfel ist Gott. Er ist die letzte Instanz, vor der wir uns verantworten müssen.

Tatsächlich: Das Gewissen würde seine Autorität uns gegenüber einbüßen, wenn es nicht eine transzendente Autorität repräsentieren würde. Frankl: “Hinter dem Über-Ich des Menschen steht nicht das Ich eines Übermenschen, sondern das Du Gottes. Denn nie und nimmer könnte das Gewissen ein Machtwort sein in der Immanenz, wäre es nicht das Du-Wort der Transzendenz.”

Genau so sieht es auch der hl. John Henry Newman. In seinem “Grammar of Assent” schreibt er: “Wenn wir, wie es ja der Fall ist, uns verantwortlich fühlen, beschämt sind, erschreckt sind bei einer Verfehlung gegen die Stimme des Gewissens, so schließt das ein, dass hier Einer ist, dem wir verantwortlich sind, vor dem wir beschämt sind, dessen Ansprüche an uns wir fürchten.”

Wir erfahren das Gewissen als eine Instanz, die unsere Handlungen unbestechlich richtet. Diese Erfahrung ist allgemeinmenschlich und in der Geistesgeschichte immer wieder formuliert worden. Der hl. Johannes Chrysostomus etwa spricht vom Gewissen als einem Richterstuhl, Rousseau nennt es einen “unbestechlichen Richter über das Gute und Böse”.

Doch woher hat das Gewissen seine Autorität? Wir stehen vor der Wahl, diese Autorität entweder ernst zu nehmen oder nicht. Wenn wir sie ernst nehmen, müssen wir über das Gewissen hinausfragen. Wir können es nicht als ein bloß psychisches Phänomen abtun. Letzteres würde das Leben natürlich bequemer machen. Dann bräuchten wir es mit der Entscheidung zwischen Gut und Böse nicht so genau zu nehmen. Denn das Gewissen wäre ein ohnmächtiger Richter. Streng genommen wäre die Art und Weise, wie es sich uns präsentiert, ein einziger Bluff. Es tut so, als wären wir für unser Tun rechenschaftspflichtig, aber in Wirklichkeit würde es nie zu dieser Rechenschaft kommen. Das Gewissen bliebe ein Papiertiger. Sich mit einem Papiertiger herumzuschlagen, ist kein Wagnis.

Es ist interessant zu sehen, wie Frankl hier ein Narrativ der Religionskritik geradezu auf den Kopf stellt. Nicht der Glaube an Gott, sondern seine Leugnung ist eine Wunschprojektion. Während der Religionskritiker Ludwig Feuerbach noch meinte: “Der Wunsch ist der Ursprung, ist das Wesen selbst der Religion (...) Wie die Wünsche der Menschen, so sind ihre Götter”, macht Frankl deutlich, dass oft genug das Gegenteil zutrifft. Der Christ glaubt an Gott, obwohl es ungemütlich ist, einem unbestechlichen Richter unterworfen zu sein, der tatsächlich die Macht zu jenem Richten hat, das sich im Gewissensspruch ankündigt. Der Glaubende ist es, der mutig genug ist, dem Ernst des Lebens in die Augen zu schauen und den schicksalsträchtigen Entscheidungscharakter der sittlichen Bewährung anzuerkennen. Dem Atheisten dagegen stehen alle Wege offen, die die Geistesgeschichte anzubieten hat, um dem Gewissen ganz nach Bedarf seine Autorität zu entziehen. Je nach Geschmack kann er zu diesem Zweck z.B. den Weg Nietzsches, Freuds, Dawkins oder anderer einschlagen: Es sind alles Schleichwege, um sich aus der Verantwortung zu stehlen gegenüber einem Gewissen, dessen Richterspruch als machtlose Illusion ohne Konsequenzen entlarvt wird: Für Dawkins ist das Gewissen ein evolutionsbiologisch zu erklärender Trieb, für Freud die zum Über-Ich erstarrte Verinnerlichung der elterlichen Normvorstellungen, für Nietzsche eine Erfindung des Ressentiments, eine Erkrankung.

In letzter Zeit hat vornehmlich die Hirnforschung das Geschäft übernommen, das Gewissen zu entmythologisieren: Aus der Stimme Gottes wird die Stimme der Neuronen. Wenn das im Gewissen erfahrene Sollen nur das Produkt neuronaler Aktivität ist, dann ist nicht einzusehen, warum wir dem Gewissen noch folgen sollen. Es kann in seiner Funktion zur Handlungsorientierung durch Ideologien ersetzt werden, die moralische Kategorien über den Haufen werfen oder zu eigenen Zwecken beliebig neu definieren. Umgekehrt wird dann die Berufung der Widerständler auf ihr Gewissen, wie es etwa die Mitglieder der Weißen Rose taten, zu einem Beweis der Unaufgeklärtheit. Wie naiv, noch an Gerechtigkeit oder gar an das Gute zu glauben! Was zählt, ist das Recht des Stärkeren. Dieser reklamiert für sich die Aufklärung, weil er das Gewissen und die angebliche Nichtigkeit absoluter Normen durchschaut hat. Für Hannah Arendt bestand das Erschreckende der Nazizeit auf ideologischer Ebene gerade darin, dass die “Existenz eines Gewissens, das mit gleicher Stimme zu allen Menschen spricht”, in Abrede gestellt und so die seit 2500 Jahren geltende Moral plötzlich nur noch als eine Sammlung von veränderlichen Sitten angesehen wurde.

Es geht beim Ernstnehmen der Richterfunktion des Gewissens in erster Linie nicht um die Frage, ob wir eine gerechte Strafe fürchten müssen, sondern darum, ob böses Tun solche Strafe tatsächlich verdient. Spricht das richtende Gewissen eine Wahrheit aus? Es geht um die Frage, ob das Gewissen uns eine Erkenntnis liefert über moralische Tatsachen, die es tatsächlich gibt, oder ob es bloß ein Gefühl ist ohne Erkenntniswert. Es geht um die Realität der moralischen Werte.

Natürlich könnte jetzt zurecht eingewandt werden, dass die Stimme des Gewissens nicht wie ein Orakel im Ohr der Seele erschallt, sondern vielmehr den Kontakt zur Wirklichkeit vermittelt, von der der moralische Imperativ eigentlich ausgeht. Wenn ich ein ertrinkendes Kind sehe, dann schreit mir zwar das Gewissen den Befehl ins Ohr, dem Kind zu helfen. Aber wer ist die eigentliche Quelle dieses Befehls: das Gewissen oder das Kind? Natürlich (einesteils) das Kind: Ich soll ihm helfen um seinetwillen. Aber damit werde ich das Problem nicht los. Warum soll ich dem Kind helfen? Weil es als Person Würde hat und sein Leben heilig ist, weil es mehr ist als ein Aggregat chemischer Elemente. Philosophen wie Skinner (“Jenseits von Freiheit und Würde”) oder Norbert Hoerster zeigen, dass ein konsequenter Atheismus auch diese Quellen der Moral entwertet, weil er gezwungen ist, Personen als zufälliges Produkt materieller Prozesse zu interpretieren. Für sie ist Würde nur ein Wort, dem keine Wirklichkeit entspricht. Für einen Materialisten ist das nur konsequent, denn der Gedanke einer “Materie mit Würde” muss für ebenso unverständlich gehalten werden wie Kant den einer “denkenden Materie” gehalten hat.

Bei komplexen Sachverhalten ist außer einem funktionierenden Gewissen auch genügend Sachkenntnis erforderlich, um zu erkennen, welche Handlung richtig ist. Auf eine Pandemie kann ich nur angemessen reagieren, wenn ich einerseits genügend Informationen über den Charakter der Krankheit, ihre Ansteckungsgefahr, Ansteckungswege und weitere relevante Faktoren habe, und andererseits einigermaßen die Folgen und Nebenfolgen der gegen sie ergriffenen Maßnahmen voraussehen kann. Die Folgen der Maßnahmen wie auch die Folgen ihrer Unterlassung müssen einer Güterabwägung unterzogen werden. Es kann schwierig oder gar unmöglich sein, zu einer Gewissheit über die richtige Handlung zu kommen. Josef Pieper spricht deshalb vom “Unsicherheits- und Wagnismoment jeder sittlichen Entscheidung”. Diesen mühsamen Erwägungs- und Entscheidungsprozess abzubrechen, um dann eine Entscheidung einfachhin mit Berufung auf die Stimme des Gewissens zu fällen, wäre ein Missbrauch des Gewissens und das beste Mittel, es in Misskredit zu bringen. Doch je basaler die moralischen Prinzipien sind, um so mehr erfreuen sie sich einer Evidenz, die sich selbst genügt. Es gibt moralische Urteile, die keiner Begründung mehr bedürfen. Dass es böse ist, einen Menschen grundlos zu quälen, muss einem, wie Wilhelm Vossenkuhl richtig sieht, “auch ohne Begründung oder Belehrung klar sein.” Am meisten gilt dies für das oberste moralische Prinzip: “Du sollst das Gute tun und das Böse meiden.” Die Kenntnis dieses Prinzips ist dem Menschen unaustilgbar eingeprägt und wird von der Scholastik “Synderesis”, von Pieper “Urgewissen” genannt. “Kein Licht, das dem Menschen aufgegangen ist, strahlte je heller”, bemerkt Bettina Stangneth zurecht über die Moral.

Die Stimme des Gewissens hat ihren Ursprung gleichzeitig in und außer uns: in uns in der Heiligkeit des Sittengesetzes, das unserem Herzen eingeprägt ist, außer uns z.B. in der Heiligkeit des Lebens, mit der wir etwa in der Situation eines ertrinkenden Kindes konfrontiert werden. Es ist ein und dieselbe Heiligkeit, die sich in zwei verschiedenen Erscheinungsweisen manifestiert. Das Gewissen ist der Ort der Vereinigung dieses doppelten Rufes: Außen ruft das Kind - auch ohne Worte -: “Hilf mir!” Innen ruft das moralische Gesetz: “Hilf ihm!” Dem Kind um des Kindes willen zu helfen, ihm zu helfen aus Achtung vor dem Sittengesetz, ihm zu helfen, um dem Gewissen zu folgen: Das sind nur drei verschiedene Beschreibungsweisen für ein und dieselbe moralische Gesinnung.

Das Gewissen ist die Sehkraft gegenüber dem Licht des Guten, der Hörsinn gegenüber dem moralischen Imperativ. Das Gewissen-Haben eines Menschen zeigt sich nicht in dem, was ihm das Gewissen erlaubt, sondern in dem, was es ihm befiehlt. Wenn jemand von sich behauptet, sein Gewissen erlaube ihm ein Tun, das in Wirklichkeit egoistisch oder gar verbrecherisch ist, dann ist diese Aussage nichtssagend und unterscheidet sich nicht von Gewissenlosigkeit. Die Funktion des Gewissens besteht nicht in einem Freibrief für ein Handeln aus Lust und Neigung, sondern in der Unterwerfung unter den Anspruch des Sittengesetzes. Selbst katholische Theologen scheinen das heutzutage nicht mehr klar zu sehen.

Angesichts des moralischen Imperativs steht jeder vor der genannten Alternative, ihn entweder ernst zu nehmen oder nicht. Es nicht zu tun, bedeutet, den Weg zur Gewissenlosigkeit einzuschlagen. Wer ihn dagegen ernst nehmen will, ist gezwungen, bei konsequentem Denken den Ursprung des Imperativs nicht in einer Wirklichkeit zu suchen, die den genannten Entlarvungsstrategien zugänglich ist. Das aber ist, wie Frankl richtig sieht, jede Wirklichkeit außer Gott. Die Stimme des Gewissens ist, wenn sie uns wirklich binden soll, eine Stimme aus der Transzendenz. Das Gewissen ist, wie Schelling meint, der offene Punkt, durch den der Himmel hereinscheint.

Gibt es einen Gottesbeweis aus dem Gewissen? Man kann, wie Ratzinger einmal sagte, Gott nicht auf den Tisch legen. Man kann niemanden zwingen, Gott zu denken. Aber jeder kann sich entscheiden, die Stimme des Gewissens anzuerkennen und dann den Weg zu gehen, den diese Anerkennung ihm weist: den Weg vom Gewissen zu jenem letzten Gipfel, von dem her das Gewissen erst verständlich wird. Es ist eine Frage der Entscheidung und des Mutes.

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2020 in der Tagespost

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