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Einsame Atheisten

Von Michael Novak

Die Wachsamkeit des amerikanischen Nachrichten-Magazins «Time» gilt den neuesten Trends. Soeben wurden die Journalisten wieder fündig und feiern die vielen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt deren Verfasser Atheisten sind. Dazu gehören «Letter to a Christian Nation» von Sam Harris, «Breaking the Spell» von Daniel C. Dennett und «The God Delusion» von Richard Dawkins. [1] Die Verfasser haben drei Dinge im Visier: Sie wollen dazu beitragen, dass der Glaube an die biblischen Wahrheiten möglichst schnell verschwindet, besonders in Amerika; sie wollen Anhänger für einen rationalen Atheismus gewinnen und die Moral der Atheisten heben. Das soll teilweise dadurch geschehen, dass bestimmte Gruppen von Atheisten unterstützt werden. Ihr größtes Anliegen ist jedoch, um es mit Harris auszudrücken, «die geistigen und moralischen Ansprüche des Christentums zu vernichten».

Aus allen drei Büchern spricht auch Verachtung für die jüdische Religion. Dawkins sieht darin «einen Stammeskult für einen einzigen, äußerst unangenehmen Gott, der krankhaft besessen von sexuellen Restriktionen, vom Geruch verkohlten Fleisches, von seiner eigenen Überlegenheit über andere Götter und von der Einzigartigkeit des von ihm erwählten Wüstenstammes ». Den Gott des Alten Testament nennt Dawkins einen «psychotischen Delinquenten».

Das heißt jedoch nicht, dass sie Bewunderer des Islam wären. Vielmehr benutzen sie den Islam als Waffe, um auf Christentum und Judentum einzuprügeln. Harris sagt zu den Christen: «Nichtgläubige wie ich stehen an eurer Seite, sprachlos angesichts der muslimischen Horden, die ganzen Nationen singend den Tod verkünden. Aber wir stehen euch genauso sprachlos gegenüber – weil ihr die greifbare Realität verleugnet. Wir sind fassungslos angesichts des Leidens, das ihr im Dienste eurer religiöser Mythen schafft und wegen eurer Treue zu einem imaginären Gott.» In Wahrheit haben alle drei Autoren die Absicht, die Überlegenheit des Atheismus zu preisen – zumindest die des rationalen Atheismus, den Professoren wie sie selbst vertreten.

Der Atheismus hat durchaus seine guten Seiten. Der heilige Thomas von Aquin kannte den bewundernswerten Moralkodex, den Aristoteles in seiner nikomachischen Ethik entworfen hatte, als er schrieb, dass, um gut zu sein, es – in wenigsten einem wichtigen Sinne – nicht notwendig sei, biblischen Glauben zu besitzen. Aristoteles zeigte einen Weg auf, der die Menschheit zur Blüte führen könnte, sowohl für die Gesellschaft wie auch für den Einzelnen (um «gut» in einem anderen wichtigen Sinn zu sein, nämlich «wiedergeboren» oder «errettet» erfordert natürlich mehr, als Aristoteles vorhersehen konnte). Außerdem waren Atheisten – oder zumindest Heiden, die die Bibel nicht kannten – fähig, so wundervolle Bauwerke wie den Parthenon, die ägyptischen Pyramiden und die Paläste von Babylon zu erbauen; große Literatur zu schaffen und auf vielen Gebieten – wie Astronomie, Arithmetik, Medizin und Landwirtschaft – wichtige Forschungsarbeit zu erbringen. Schließlich waren Atheisten – oder zumindest Andersgläubige – doch auch immer ein Ansporn für das biblische Selbstverständnis, indem sie Fragen stellten, Zweifel anmeldeten oder durch beleidigende oder sogar respektvolle Meinungsäußerungen zu geistiger Auseinandersetzung antrieben. Viele unter den frühen Kirchenvätern (Origenes, Clemens von Alexandrien und der heilige Augustintus selbst, entstammten der geistigen Elite der Heiden, bevor sie zum christlichen Glauben fanden. Meist blieben sie auch später im engen Dialog mit diesen Ungläubigen – der Umgang mit diesen half ihnen dabei, ihren eigenen Glauben besser zu verstehen.

In meinen frühen Arbeiten beschäftige ich mich vorrangig mit dem Dialog zwischen Gläubigen und Ungläubigen, dem intellektuellen Horizont des Absurden (wie Camus, Sartre und viele andere es nannten) und dem des biblischen Glaubens, zum Beispiel in meinen Büchern «Belief and Unbelief» und «The Experience of Nothingness». Aus diesem Grund hatte ich vor, diese Bücher über den Atheismus zu mögen. Ich habe viel über Atheisten und Gläubige von Jürgen Habermas, dem wohl bekanntesten Atheisten Europas, gelernt. Doch Habermas schreibt mit allem Respekt über Gläubige, er betrachtet sie als gleichberechtigte Partner in einem wichtigen Dialog. Die respektvolle Beachtung der gegenseitigen Würde, so Habermas, ist entscheidend für einen vernünftigen Umgang der Menschen miteinander.

Leider ist es entsetzlich schwierig, auf dem Niveau von Harris, Dennett und Dawkins zu diskutieren. Alle drei sehen in der Religion eine so große Bedrohung, dass sie zu einem Dialog kaum imstande sind. Sie haben sich Voltaires «Ecrasez l’infâme!» auf die Fahnen geschrieben, mit denen sie in den Kampf ziehen. Dennoch behaupten alle drei, dass Atheisten grundsätzlich «alles in Frage stellen» und sich selbst einer «schonungslosen, fast schon weitschweifigen Selbstkritik unterwerfen». Doch in ihren Büchern ist auch nicht ein Hauch davon zu spüren, dass einer von ihnen jemals an der Richtigkeit des eigenen Atheismus gezweifelt hätte. Überaus wichtige Fragen glänzen durch Abwesenheit: Warum sind sie selbst bezüglich ihres Themas wissenschaftlich so gleichgültig? Was ist mit den entsetzlichen Gräueltaten, die im 20. Jahrhunderts im Namen des «wissenschaftlichen Atheismus» begannen wurden? Wie ist die rastlose und sprunghafte Unzufriedenheit zu erklären, die alle atheistischen säkulären Bewegungen der letzten 100 Jahre gekennzeichnet hat? Warum ist der Einfluss auf die Bevölkerung so gering? An amerikanischen Universitäten dominiert im Augenblick ein atheistischer Zeitgeist. Doch lässt sich eine große Zahl von Studenten davon nicht beeinflussen. Sie halten sich die Nase zu und ertragen den Zustand einfach. Warum überzeugt der Atheismus nur so wenige? Das wollen unsere Autoren wohl nicht wissen.

Ich hatte mir vorgenommen, besonders das Buch von Richard Dawkins zu mögen. Ich hatte gehört, dass er ein vielseitiger und umfassend gebildeter Kopf sei und dass er mit der Musikalität und dem Geist eines eleganten literarischen Stilisten schriebe. Seine Anhänger feiern ihn als das Vorbild eines vernunftbestimmten Menschen. Dawkins bekennt sich ausdrücklich zu den «Brights», einem gesellschaftlichen Zusammenschluss «heller Köpfe», die eine streng naturalistische Weltanschauung vertreten. Er und seine Gesinnungsgenossen unterscheiden sich von der breiten Masse durch ihren «gesunden» und «kraftvollen» Geist. Die armen Gläubigen – so beklagt er offen – sind im Gegensatz dazu in Verblendung gefangen, blind und geistig abgestorben. Er macht nicht den kleinsten Versuch, etwas von ihnen zu verstehen.

Dawkins hat in der Öffentlichkeit einen noch schlechteren Ruf. Für den Rundfunksender BBC veranstaltete er eine zweiteilige Sendung über Religion mit dem Titel «Die Wurzel allen Übels?» Er sagt jetzt, dass er mit dem Titel, den nicht er, sondern die Produzenten sich ausgedacht hätten, nicht einverstanden sei. Doch er machte die Sendung mit eben diesem Titel. Er stellte gläubigen Menschen folgende Frage: «Stellen Sie sich, mit John Lennon, eine Welt ohne Religion vor.» Würden dann nicht Gewalt und Entstellungen, die durch die Religion in das menschliche Miteinander getragen werden, verschwinden? Es könnte immerhin originell sein, wenn Dawkins eine solche These als erster aufstellte. Doch in Großbritannien ist eine solche Sichtweise weit verbreitet. Nach einer neuen Umfrage teilen 70 Prozent der Briten – beeinflusst von Pop-Stars und Wissenschaftlern in gleicher Weise – genau diese Ansicht.

Überall in der westlichen Welt bietet sich das gleiche Bild: Ob Wissenschaftler oder Pop-Star – niemand nimmt sich mehr die Zeit, heutige religiösen Erfahrungen im Licht derjenigen zu betrachten, die auf großartige oder heroische Weise Zeugnis für ihren Glauben abgelegt haben. Noch nie vor unserer Zeit hat es beispielsweise so viele Millionen Menschen biblischen Glaubens gegeben, die in Konzentrationslager interniert, gefoltert und ermordet wurden, wie unter den Regimen der jüngsten Vergangenheit, die sich selbst als atheistisch bezeichneten. Es wäre wunderbar gewesen, wenn wenigstens einer unserer Autoren seine Vorstellung von Religion an dem mühevoll gewonnenen biblischen Glauben des ursprünglich atheistischen Wissenschaftlers Anatoly Schtscharanski gemessen hätte. Dieser Mann, der später unter dem Namen Nathan Scharanski bekannt wurde, musste neun Jahre in einem sowjetischen Gulag zubringen, nur, weil er die Rechte sowjetischer jüdischer Staatsbürger verteidigt hatte. Schtscharanski hat seine Leiden in einer brillanten Autobiografie mit dem Titel «Fear No Evil» geschildert. Ich glaube, ich habe nie von einem moralisch so aufrechten Menschen gelesen, der entschlossen war, als freier Mann zu leben. Unerschrocken, wie er war, zeigte er den KGB-Leuten, in deren Gewalt er sich befand, seine volle moralische Verachtung. Schtscharanski überstand einen fürchterlichen Tag nach dem anderen, ohne ausreichende Nahrung, ohne Sicht auf Himmel und Sonne. Unzählige Male wurde er bestraft, nach einer Methode, die an die wissenschaftlichen Experimente des Verhaltensforschers Skinner anknüpfte. Man versuchte, im Guten und im Bösen sein Verhalten zu «korrigieren». Dies ging über Jahre. Durch Konditionierung sollte sein Widerstand gebrochen werden. Man lockte ihn mit belanglosen Versprechen genauso wie mit Isolationsfolter, so dass ihm jede menschliche Unterstützung versagt blieb.

Umso erstaunlicher, dass seine Erfahrungen als Gefangener Schtscharanski zu Dimensionen des Verstehens führte, die weit über alles das hinausgingen, was er in seinem früheren Leben als Wissenschaftler erreicht hatte. Um zu überleben, musste er sich dafür öffnen, viel mehr zu begreifen, als für die wissenschaftliche Arbeit erforderlich ist. Er sollte immer wieder gezwungen werden, seinen Namen unter unwahre Erklärungen zu setzen: «Wer wird das je erfahren? Was für einen Unterschied wird es machen? Es ist eine solche Kleinigkeit, und danach werden die Dinge für dich und für uns besser laufen, es wird gut für die Gesellschaft sein.» Einer von Schtschanskis Leidensgenossen, ein Mann von hohen moralischen Ansprüchen, verfiel der Selbsttäuschung: Er glaubte, es sei besser, bei unbedeutenden Dingen die Unwahrheit zu unterschreiben, wenn er dafür eher frei käme, um dann außerhalb des Lagers für die Menschenrechte eintreten zu können. Schtscharanski beobachtete andere, die versuchten, ihren Mut nicht sinken zu lassen, indem sie hofften – sie hofften auf bessere Behandlung, auf frühzeitige Entlassung – bis sie so geschwächt vor lauter falschen Hoffnungen waren, dass sie doch zu Komplizen ihrer Peiniger wurden. Schtscharanski fand, dass er eine Quelle der Einsicht brauchte, die tiefer war als alles, was er bisher gekannt hatte.

Äußerst selten erreichten ihn in jenen Tagen Briefe und Botschaften seiner geliebten und tapferen Ehefrau, seiner Freunde und anderer Dissidenten. Doch diese Botschaften hätten ihn auch schwächen können oder gar in betrügerischer Absicht verfasst worden seien. Befangen in Zweifel und Seelenqualen fiel die hebräische Ausgabe der Psalmen in seine Hände, und er machte die Bekanntschaft mit König David. Der Realismus des Königs traf ihn über Jahrhunderte hinweg direkt ins Herz und stärkte seine Widerstandskraft ganz entscheidend. Er verstand, dass sich aus der Gemeinschaft Kraft schöpfen lässt – einmal in der Teilnahme an traditionellen Ritualen, zum anderen, indem man die Leiden, Mühen und Kämpfe der eigenen Vorfahren und ihre mühsam erworbenen Weisheiten als Beistand und Stütze für das eigene Leben annimmt.

Ohne es zu wissen, erteilte ein Zellengenosse (der möglicherweise für den KGB arbeitete) Schtscharanski eine weitere Lektion in Sachen «Zusammenschluss der Seelen». Einer der von Schtscharanski am meisten bewunderten Helden der Wissenschaft war schon immer Galileo Galilei gewesen. Sein Zellengenosse erzählte ihm nun, dass andere Gefangene sich das «Leben für alle leichter gemacht» hätten, indem sie einfach «harmlose» Papiere unterschrieben hätten, die niemand draußen jemals zu Gesicht bekäme. Er erwähnte, dass man sogar Galilei überredet hätte, bestimmte Erklärungen zu seinen eigenen Irrtümern zu unterschreiben, was er tat, um den ganzen Schlamassel hinter sich zu lassen. Diese Worte trafen Schtscharanski wie ein Blitzschlag. Vor seinem geistigen Auge erlebte er den Zusammenschluss mit allen Seelen in der Geschichte – mit denen, die der Wahrheit treu geblieben waren, und mit denen, die sie verleugnet hatten. Galileis Verrat 400 Jahre zuvor wurde jetzt dazu genutzt, um Schtscharanski zu verführen, so wie jede geistige Bankrotterklärung eines Gulag-Häftlings dazu benutzt wurde, ihm zu beweisen, dass anhaltender Widerstand sinnlos sei. Blitzartig erkennt Schtscharanski die Macht der inneren Wahrhaftigkeit über die Jahrhunderte hinweg, eine Art elektronischer Gürtel der Treue, der alle Gegenden der Welt und alle Zeiten zusammenbindet, wenn Herzen der Wahrheit die Treue halten. Schtscharanski wollte als ein Mitglied dieser Gemeinschaft wiedergeboren werden. Er änderte damals seinen Namen in Nathan Scharanski, wobei er mit seinem Vornamen auf die biblische Gemeinschaft anspielte, der er sich für immer anschließen wollte.

Scharanski wurde, noch im Gulag, zu einem Gläubigen, für den die Vorschriften des Judentums zunehmend wichtiger wurden. Einmal schaffte er es sogar, dass sein Aufseher im Lager zusammen mit ihm die Menorah anzündete, was wohl ein komisches Schauspiel ergeben hat. Scharanski schreibt direkt über Gott nur wenig, doch es liegt außerhalb allen Zweifels, dass er nunmehr seine frühere, an der Wissenschaft orientierte Geisteshaltung als etwas zutiefst Mangelhaftes begriff. Diese war durchaus edelmütig, soweit sie in ihrer Begrenztheit reichte, und er sagte sich nie von ihr los, doch unter den extremen Bedingungen des Gulag erwies sie sich als nicht ausreichend. Er schämte sich für seinen früheren Agnostizismus und seine Arroganz gegenüber der «organisierten Religion». Die Gemeinschaft, die die Psalmen König Davids über so viele Jahrhunderte bewahrt hatte, bot ihm Seelengemeinschaft und belebte seinen Willen zum Widerstand an einem entscheidenden Punkt während seiner langen Haft.

Aus diesem Grund war es für mich eine riesige Enttäuschung, dass Dennett, Harris und ganz besonders Dawkins mit keinem Wort auf die Erfahrungen mit Bekehrungserlebnissen und Glaubenstreue eingehen, die uns durch die Lektüre der unfangreichen KZ- und Gefängnisliteratur unserer Tage so vertraut ist. Noch schlimmer finde ich, dass nicht einer von ihnen die eigenen schwachen, konfusen und oberflächlichen Ideen von Gott einmal ernsthaft überprüft hätte. Ihre normale Geisteshaltung lässt sich als anthropomorph bezeichnen: Wenn sie über Gott nachdenken, stellen sie sich ein menschliches Wesen mit den dazu gehörigen Unvollkommen vor. Wenn sie die Bibel lesen, nehmen sie alles wortwörtlich wie der ungebildetste, buchstabengetreue Fundamentalist. Sie ergötzen sich daran, bei dieser Wort-für-Wort-Lektüre Widersprüche und Unmögliches zu finden. Doch ihr Spott verdankt seine Wirkung allein der Tatsache, dass sie die literarische Form der entsprechenden Bibelpassagen missdeuten: Sie sehen nicht, ob diese allegorisch, metaphorisch oder poetisch angelegt sind. Viele Stellen sind auch bewusst vieldeutig formuliert, um einer betrübten Seele Trost zu spenden. Im Bibeltext findet sich kaum eine Stelle, an der behauptet wird, hier gehe es um wissenschaftlich erwiesene Tatsachen oder genaue Geschichtsdokumentation.

Unsere drei Autoren rühmen, wie das wissenschaftliche Verständnis unserer Welt im Laufe der Zeit gewachsen ist und wie auch moralisches Denken und Handeln in gewisser Hinsicht zunimmt und dringender wird. Dabei schenken sie der Art und Weise, wie das religiöse Verständnis ebenfalls wächst und sich entfaltet, keinerlei Beachtung. So scheinen sie den brillanten Beitrag von John Henry Newman, einem britischen Theologen und späteren Kardinal unter dem Titel «Essay on the Development of Christian Doctrine» nicht zu kennen. Es scheint ihnen kaum bewusst zu sein, dass die biblischen Religionen von Anfang an in einem fortgesetzten – und allseitig bereichernden – Dialog mit den skeptischen Vertretern säkularer Weltanschauungen gestanden haben. Man kann Fortschritte des religiösen Verständnisses von einem Teil der biblischen Zeitabschnitte zum nächsten erkennen, und die Verfasser der Heiligen Schrift weisen selbst darauf hin.

Unsere drei Autoren scheinen durch ihre eigene Abneigung gegenüber der Religion ein wenig betriebsblind zu sein. Sogar seine guten Freunde, so schreibt Dawkins, fragen ihn, was ihn treibt, dass er gläubigen Menschen gegenüber derart «feindselig» ist. Warum schaffst du es nicht, so fragen sie, bei all deiner Intelligenz, deine überwältigenden Argumente gegenüber den Gläubigen ganz ruhig vorzubringen? Dawkins Antwort darauf ist folgerichtig: «Ich bin ein Feind fundamentalistischer Religion, denn sie verdirbt die wissenschaftliche Sichtweise … Die fundamentalistische Religion ist ganz versessen darauf die wissenschaftliche Erziehung von zigtausenden unschuldiger, wohlmeinender, aufgeschlossener junger Geister zu ruinieren. Bei einer nicht-fundamentalistischer, 'sensiblen' Religion mag das anders sein. Doch es bereitet dem Fundamentalismus einen sicheren Nährboden, wenn man Kindern von klein auf beibringt, dass es eine Tugend ist, zu glauben, ohne jemals Fragen zu stellen.» Dawkins lehnt es ab, Teil der öffentlichen «Verschwörung» zu sein, die – wie er meint – der Religion Respekt zeugt, obwohl diese Verachtung verdient hätte.

Seine Klage über das «Nichtinfragestellen» von Glauben scheint mir etwas merkwürdig. Viele von uns sind überzeugt, dass der Ursprung der Religion in dem grenzenlosen Drang des Menschen, Fragen zu stellen, begründet ist – dies ist unsere erste Erfahrung mit dem Unendlichen. Alles Endliche, auf das wir treffen, kann hinterfragt werden, was letztlich jedoch nicht befriedigt. Diese Erfahrung ist es, die Verstand und Seele des Menschen immer weiter treibt. Sie gibt einen Vorgeschmack darauf, was jenseits von Zeit und Raum ist. «Unruhig ist unser Herz» weiß der heilige Augustinus. In Millionen und Abermillionen von Suchenden haben diese Worte große Resonanz gefunden. An den Glauben keine Fragen stellen? Die Schriften der mittelalterlichen Religionsphilosophen stecken voller Fragen, voller Disputationen und tatsächlich drehten sich wichtige Ereignisse in der Geschichte allein um deren Lösung. Viele Fragen wurden von kritischen, nichtgläubigen Rechtsgelehrten, Philosophen und anderen Wissenschaftlern an den mittelalterlichen Universitäten gestellt, andere Fragen stammten von den arabischen Gelehrten, deren Werke damals gerade über die europäischen Universitäten hereingebrochen waren; wieder andere Fragestellungen kamen von Maimonides und anderen jüdischen Gelehrten. Viele Fragen verdanken wir den größten heidnischen Denkern der vorausgegangenen Jahrhunderte. Fragen sind seit Jahrtausenden das Herz und die Seele des Juden und des Christentums.

Sicherlich glaubte Dawkins, dass er es mit seinen Argumenten schafft, einige religiöse Menschen zu Atheisten zu «bekehren». Er beschreibt seine Zielgruppe als «geistig offene Menschen, die in ihrer Kindheit nicht zu hinterhältig indoktriniert worden sind oder die aus anderen Gründen den Glauben nicht ‹gepackt› haben oder deren angeborene Intelligenz stark genug ist, um ‹Religion zu überwinden›». Dawkins beschenkt diese Art von Gläubigen mit einem Ultimatum: Entweder sollen sie sich ihm anschließen und «sich von Laster der Religion ganz und gar befreien» oder bei den engstirnigen Typen bleiben, die unfähig sind, den «Gotteswahn» zu überwinden (so der deutsche Titel seines Buches).

Einleitend beschreibt Dawkins neue Hoffnungen: «Wenn dieses Buch entsprechend meinen Absichten funktioniert, dann werden an eine Religion gebundene Leser, die es öffnen, zu Atheisten geworden sein, wenn sie es wieder schließen.» Mich hat tatsächlich überrascht, dass Dawkins solch einen Bekehrungseifer an den Tag legt. Was mich aber noch mehr überrascht, ist, dass alle drei Autoren behaupten, die Wissenschaft sei das A und O des rationalen Denkens, aber selbst überhaupt nicht wissenschaftlich schreiben. Im Gegenteil: Die Bücher argumentieren rein dialektisch – von einem festen Standpunkt aus wenden sie sich an Leser, die einen anderen Standpunkt haben. Sicherlich ist es dem noblen Wirken der Vernunft zu danken, wenn es Menschen gelingt, respektvoll mit denen zu diskutieren, deren Vorstellungen von den eigenen drastisch abweichen. Beide Seiten können von einem Austausch in der Regel profitieren, was zur Vertiefung des gegenseitigen Respekts führen kann. Unsere Autoren haben sich der dialektischen, nicht der wissenschaftlichen Methode verschrieben, doch kann man kaum behaupten, dass sie dabei den Respekt vor denen, an die sie sich richten, wahren. Dazu Dawkins: «Natürlich sind in der Wolle gefärbte Glaubensköpfe immun gegenüber Argumenten. Ihr Widerstand wurde in jahrelanger Indoktrination während ihrer Kindheit aufgebaut … Unter den effektiveren ‹immunologischen› Ratschlägen befindet sich auch die unheilvolle Warnung, ein Buch wie dieses aufzuschlagen, weil es sicherlich ein Werk des Satans ist.» Hier schmeichelt Dawkins sich selbst. Ein rechter Teufel hätte wohl eine raffiniertere Methode gefunden, um seine Leser in die Hölle zu bringen. Am meisten hat mich bei Dawkins Buch überrascht, dass er ganz aus der Defensive heraus argumentiert. Er beschreibt Atheisten, speziell in Amerika, als Menschen, die unter Einsamkeit leiden, die öffentlich respektlos behandelt werden, die geistig isoliert sind und ein niedriges Selbstwertgefühl haben. In einem Abschnitt berichtet er von dem Brief eines jungen amerikanischen Medizinstudenten, der sich kurze Zeit vorher vom christlichen Glauben gelöst hatte und nunmehr Atheist ist. Ein Medizinstudent? Sicherlich sind viele Ärzte und Wissenschaftler in seiner Umgebung ebenfalls Atheisten. Der Student schreibt: «Ich möchte meine Ansichten nicht mit anderen Menschen in meiner Nähe teilen, denn ich habe Angst … dass sie mit Abscheu reagieren … Ich schreibe Ihnen, weil ich hoffe, dass Sie mit mir übereinstimmen und meine Frustration teilen.» In einem Anhang, den Dawkins freundlicherweise für die nicht unterstützten Seelen hinzufügt, stellt er Listen von Organisationen zusammen, in denen einsame Atheisten Gemeinschaft und Trost finden können. Er opfert eine Menge Seiten, um die Moral seiner Community zu heben – wie viele doch dazu gehörten, wie gescheit sie doch alle seien und wie vergleichsweise abscheulich doch die anderen sind.

Kultur der Vernunft aufbauen

Ich habe keine Zweifel daran, dass Christen viel Böses getan haben und dass ihre schändlichen Taten im Buch der Menschheitsgeschichte viele Seiten füllen. Doch wenn man fair sein will, so verdankt die Welt dem Judentum und dem Christentum einiges, was zu den Errungenschaften der heidnischen Griechen und Römer, der arabischen Länder (vor Mohammed), der Germanen, Franken und Kelten, der Wikinger und Angelsachsen hinzu kam. Man ist erstaunt, dass Dawkins kein Wort der Anerkennung für die vielen Neuerungen findet: Kranken-, Waisenhäuser und Domschulen in den frühen Jahrhunderten, Universitäten nicht viel später, einige der schönsten Kunstwerke – der Musik, Architektur, Malerei und Dichtkunst – Schätze im Erbe der Menschheit.

Und warum übersieht er die harte Arbeit an Begriffen wie «Person», «Gemeinschaft», «Civitas», «Einverständnis», «Tyrannei» und «Selbstbegrenzung des Staates» («Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist»), durch die so großartige Schöpfungen wie die Magna Charta gelangen. Die wenigen Seiten in Dawkins Buch über die Gründung des von ihm so geliebten Oxford sind in ihrem Spott über die damalige Geistlichkeit sehr undankbar. Und wenn Oxford ihn enttäuscht, warum ist er nicht dankbar für die Gründung einer jeden anderen alten und berühmten Universität in Europa (und in Nord- und Südamerika)?

Dawkins verliert kein Wort über die großen religiösen Gemeinschaften, die zu dem alleinigen Zweck gegründet wurden, Schulen für die kostenlose Erziehung der Armen bereitzustellen. Kein Wort über die Tausende von Mönchen, die ihre Arbeitskraft der delikaten und erschöpfenden Abschrift der großen Manuskripte der Vergangenheit opferten, die sie oft liebevoll und verschwenderisch illustrierten – in den langen Jahrhunderten vor der Erfindung des Buchdrucks. Nichts zur Gründung der Bibliothek des Vatikans und ihrer Bedeutung für die Entstehung fast eines Dutzends moderner Wissenschaften. Kein Wort über die gelehrten Priester und Gläubigen, denen wir so viele entscheidende Entdeckungen in Wissenschaft, Medizin und Technik verdanken. Ein Wort des Lobes oder auch zwei zu diesen Errungenschaften hätte Dawkins gewaltige Liste von Anschuldigungen nicht weniger langweilig, doch etwas weniger unfair gemacht.

Ich will nicht zu weit gehen. In der Religion gab es immer und gibt es auch heute noch toxische Elemente, die durch das Wort, den Logos, Beschränkung erfahren müssen. Das Christentum hat von Anfang an Logos und biblische Tradition vereint. «Am Anfang war das Wort» ( Joh 1,1). Wenn man die Auswirkung von Juden- und Christentum auf die Weltgeschichte fair beurteilt, wird man feststellen, dass eine Menge auf der Habenseite ins Buch der Geschichte einzutragen ist. Über Jahre hinweg gehörten für mich bestimmte Passagen in Alfred North Whiteheads Büchern «Science and the Modern World» und «Adventures of Ideas» zu meiner Lieblingslektüre. [2] Whitehead, von Hause aus Mathematiker und Philosoph, stellt klar, dass die Methoden der modernen Wissenschaften ohne den Jahrtausende währenden Schutz durch Juden- und Christentum undenkbar wären. Die Gläubigen gingen davon aus, dass der Schöpfer aller Dinge alle Dinge verstünde, ihre allgemeinen Gesetzmäßigkeiten genauso wie ihre zufälligen Erscheinungen. Diese Überzeugung war die Grundlage, dass sich die Menschen Jahrhunderte lang und mit äußerster Disziplin mit der großen Aufgabe abmühten, alle Dinge rational zu erfassen. Wenn alle Dinge, so schreibt Whitehead, für den Schöpfer verständlich sind, so sollten sie auch von denen verstanden werden können, die nach seinem Bild geschaffen wurden und die in seiner Nachahmung weiter ihrer Berufung folgen, alles, was Gott geschaffen hat, auch zu verstehen. Darüber hinaus haben beide Religionen ganzen Kulturen ihre spezifischen intellektuellen und ethischen Einstellungen und Gewohnheiten aufgeprägt. Erst durch die enge Verbindung mit den Lehren der alten klassischen Traditionen entwickelte sich die moderne Wissenschaft in Einklang mit den erforderlichen moralischen Kategorien: Ehrlichkeit, harte Arbeit, Ausdauer im Angesicht von Schwierigkeiten, die Achtung vor glücklichen Zufällen und plötzlicher Einsicht, und die Entschlossenheit, jede einmal aufgestellte Hypothese zu überprüfen. Was wäre die moderne Wissenschaft ohne den Glauben, dass alle Dinge intelligibel sind, auch die zufälligen, einzigartigen und unwiederholbaren Vorgänge? Und wie stünde es um die Wissenschaft, wenn nicht innere Einstellungen wie Ehrlichkeit, Hartnäckigkeit in der Forschung und unermüdliches Nachfragen kulturell fest verankert wären? Whitehead weist immer wieder auf dieses wunderbare geistige Erbe hin, er ist hierfür sehr viel dankbarer als Dawkins. In seinem Buch «Wissenschaft und moderne Welt» von 1925 schrieb er: «Meine Erklärung lautet: Der Glaube in die Möglichkeit des wissenschaftlichen Erkennens, der zeitlich vor der Entwicklung einer modernen Wissenschaftstheorie lag, ist eine unbewusste Herleitung aus der mittelalterlichen Theologie.»

Die tiefe Überzeugung, dass der Schöpfer jedes einzelne Element innerhalb des menschlichen Erfahrungsbereichs durch und durch kennt – von der Zahl der Haare auf dem eigenen Kopf bis zur einsamen Lilie auf dem Felde – hat der modernen Wissenschaft den Weg geebnet. Alle Dinge und Erscheinungen innerhalb des Bereichs sind verstehbar untereinander verknüpft und durch mehrwertige Logik zu erfassen. Die seltsamen und verschachtelten Bereiche der Realität sind – eifriges, diszipliniertes und gemeinschaftliches Bemühen vorausgesetzt – grundsätzlich vom menschlichen Verstand zu durchdringen. Wenn die Menschen nach dem Bild des Schöpfers geschaffen sind, wie es in den ersten Kapiteln der Genesis berichtet wird, liegt es sicherlich auch im Bereich ihrer Fähigkeiten, zu fragen, Einsicht zu gewinnen und im Verständnis der Werke Gottes voranzukommen. Auf dem großen Fresko von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle – die Berührung der Finger Gottes und Adams – ist die mauvefarbene Wolke hinter dem Kopf des Schöpfers in der Gestalt eines menschlichen Gehirns gemalt. Imago Dei – so ist es.

Hätte Professor Dawkins wenigstens ansatzweise den Anschein von Fairness zu erwecken versucht, so hätte er bei der Kritik an den Christen doch erheblich vorsichtiger vorgehen müssen. Allerdings hat einiges, was er zu bestimmten Taten und Denkweisen von Christen sagt, durchaus Biss. Das Christentum ist nicht dazu prädestiniert, allen Menschen die Fähigkeit zur Sünde zu nehmen. Allein Christ zu sein, bedeutet nicht, dass man per se von der scheußlichen Sündhaftigkeit aller Menschen ausgenommen wäre. Die Geschichte hält dazu abscheuerregende Beispiele bereit. Sünde, Unvernunft, Betrug – Juden und Christen ist nichts Menschliches fremd.

Ich wünschte nur zu sehr, ich könnte schreiben, dass Daniel Dennett und Sam Harris offener und respektvoller gewesen wären als Dawkins; doch auch ihre Bücher sind Enttäuschungen. Der Brief, von dem Harris behauptet, er sei der Brief an eine christliche Nation, ist in Wirklichkeit nicht im Geringsten an der Christenheit interessiert – in keinem Bereich. Er offenbart eine gewaltige Unkenntnis und schreibt im Grunde einen Liebesbrief an sich selbst, und zwar, weil er sich den dummen Leuten, mit denen er lebt, überlegen fühlt. Dennetts Vorstellungen von Vernunft und Wissenschaft sind so eng, dass man das Gefühl hat, in eine Falle geraten zu sein, vergleichbar etwa den Anfangsjahren des englischen Philosophen A.J. Ayer. Wir können nur hoffen, dass eines Tages eine tapfere und liebevolle Seele ihn an die Hand nimmt und aus der Isolation seiner Höhle herausführt. Seine Hauptthese, dass Religion ein «natürliches Phänomen» sei, war schon zu der Zeit uralt, als der heilige Augustinus der Frage nachging, welchen Einfluss das Christentum auf die klassische Religion der Römer hatte. Natürlich ist Dennetts Idee des «Natürlichen» nicht groß genug, um die heldenhafte Treue eines Nathan Scharanski auch nur ansatzweise zu verstehen. Oder die zeitlose befreiende Kraft der ergreifenden Psalmen König Davids.

Um an dieser Stelle weiterzukommen, muss zweierlei dargestellt werden: Einmal die Art und Weise, wie junge aufgeschlossene Menschen an den amerikanischen Universitäten vom Atheismus abgestoßen werden, obwohl er die lingua franca in fast allen Klassen und akademischen Diskussionen ist. Auf der anderen Seite werde ich versuchen darzustellen, was es denn tatsächlich mit diesem Christentum auf sich hat, dass Dennett, Harris und Dawkins so abscheulich, böse, gefährlich und Ekel erregend finden. Doch auch wenn die Autoren ihm den Respekt versagen, schafft es das Christentum irgendwie ja doch, etwa ein Drittel der Weltbevölkerung (mehr als zwei Milliarden Menschen) an sich zu binden. Die Zahl von Gläubigen nimmt im Christentum auch heute noch am stärksten unter allen Religionen zu. Es scheint mir wichtig, diese Anziehungskraft der christlichen Lehre zu erklären, bevor ich zu den einzelnen Kritikpunkten komme.

Wirkliches Christentum

In einem Gasthaus in der kleinen Stadt Bressanone (Brixen) in Nord-Italien gibt es ein vor mehreren Jahrhunderten gemaltes Fresko, auf dem hauptsächlich eine Art Elefant zu sehen ist. Der Maler hatte offensichtlich noch nie einen Elefanten zu Gesicht bekommen. Aber irgendjemand hatte ihm erzählt, wie Elefanten aussehen, und der Maler hatte versucht, das auf der Wand darzustellen. Er malte ein großes, schweres Pferd mit ungewöhnlich schlapp herab hängenden Ohren, mit einer Nase, die beträchtlich länger ist als die Nase eines normalen Pferdes – aber doch immer noch die lange Nase eines Pferdes.

Wir mussten über dieses Fresko lachen. Ähnlich wird es dem christlichen Leser gehen, wenn er das primitive Fresko in Augenschein nimmt, das von Dawkins, Dennett und Harris zum Thema Christentum gemalt wurde. Sie liegen Kilometer daneben und haben vom wahren Glauben nichts mitbekommen.

Man erfährt den wahren Glauben nicht schon dadurch, dass man in eine christliche Familie hinein geboren wird. Es genügt bei weitem nicht, einige langweilige Rituale zu exerzieren und am kirchlichen Unterricht teilzunehmen – in Amerika besucht man dazu die «Sonntagsschule». Den Kindern, die dies ohne besondere Aufmerksamkeit und ohne sich ernsthaft Fragen zu stellen tun, werden solche Besuche wenig nützen. Man muss das Christentum zur eigenen Sache machen. Es gibt keine «Geworfenheit», man wird nicht durch Geburt oder Erziehung zum Christen. Der Glaube, der nicht durch Prüfung und ernstes Fragen wächst, ist so wie Gras auf magerem Boden; morgens noch frisch, am Nachmittag welk und am Abend abgestorben. Unsere Autoren versuchen wohl das am schwächsten verwurzelte Gras zusammen zu harken.

Deshalb scheint es sinnvoll – und nötig – einige Aspekte des christlichen Glaubens zu skizzieren, denen unsere drei Atheisten allem Anschein nach keine Aufmerksamkeit gewidmet haben. Jeder Christ (jeder Katholik) sieht das natürlich anders, doch spontan sehe ich vier Fragen, auf die der christliche Glauben interessante und überraschende Antworten bereit hält.

Erstens: Theologie des Absurden: Wir beginnen mit dem blutigen Kreuz von Golgatha. An diesem Balken stirbt der Sohn Gottes. Das Kreuz ist das Symbol des Widerspruchs, des Absurden. Wenn wir Christen vom Schöpfungsakt sprechen, so denken wir nicht an einen perfektionistischen Urheber des Ganzen, sondern wir stellen uns Gott vor, wie er Geschöpfe aus Fleisch und Blut mit all ihrer linkischen Steifheit, ihren Deformationen, ihrer Mangelhaftigkeit und ihrer Begrenztheit schafft. Die Welt seiner Schöpfung ist zerrissen von Absurditäten und Widersprüchen, aussterbenden Arten und dem wimmelnden, blühenden, summenden Durcheinander von Zufall und Chance. Er wählt einen kleinen, schwierigen Stamm in einem armen, rückständigen und unterentwickelten Teil der Welt (sicherlich enorm begabt, aber nicht prestige-trächtig, berühmt, mächtig oder – oberflächlich gesehen – einflussreich). Dann, als der Schöpfer seinen Sohn sendet, damit er Fleisch werde, finden der Sohn und seine Anhänger ihren Platz unter den Armen, den Ungebildeten, den Niedrigen und Vergessenen.

Doch dann folgt Blasphemie auf Blasphemie, und der Sohn Gottes wird verurteilt wie ein normaler Verbrecher. Man zwingt ihn, auf die schändlichste Art zu sterben, die die Menschen zu jener Zeit kannten. Erst wird er öffentlich verhöhnt, gegeißelt und dann muss er am Kreuz hängen, wo ihn jeder beleidigen kann, bis die Aasgeier kommen, um nach seinen Augen zu picken.

Dieser Schöpfer sieht die Schattenseiten der Welt. Doch er ist bereit, die zu stärken, die leiden und die unter dem Gewicht des Absurden stöhnen. Er sagt ihnen, dass sie, auch wenn sie immer wieder von großer Angst gepackt werden, keinen Grund haben, sich zu fürchten. Gott ist ein guter Gott, er hat seine eigenen Absichten, und es ist kein Fehler, auf seine Freundlichkeit zu vertrauen. Gott schuf uns nicht so, dass wir rational und leidenschaftslos auf eine vernünftige Welt blicken könnten – etwa wie der New Yorker Banker nach einem glänzenden Lunch in seinem Club, wenn er in seinem Lieblingssessel in der Bibliothek versunken ist, dort, wo eine wohlriechende Zigarre noch erlaubt ist und wo er in aller Ruhe die Morgenzeitungen lesen kann. Stattdessen gibt es Krieg, Exil, Folter, Ungerechtigkeit. Man muss das Leben als Prüfung ansehen, als eine Zeit der Leiden. Ein Jammertal. Ein Tal des Todes. Auch wer von Reichtum, Luxus und Überfluss umgeben ist, kann plötzlich dem Krebs zum Opfer fallen, kann scheitern oder völlig vereinsamen oder oft auch nur unter Langeweile leiden.

Das ist nicht das Land der fröhlichen Plauderei, der perfekten Welt von Voltaires Romanfigur Candide. Der Atheismus ist hauptsächlich für Menschen, die keine großen Sorgen haben und die in einer vernünftigen Welt leben, da. Für die, die mit unerträglichen Schmerzen, in Leid und Kummer leben, schien das Christentum immer schon im ganzen betrachtet besser zu helfen, nicht weil es «Trost» bietet, sondern weil es gerade das nicht tut. Für Christen ist das Kreuz unausweichlich, und jeder Christ muss darauf vorbereitet sein, es auf sich zu nehmen. Ich selbst habe tief religiöse Menschen gekannt, die ohne Trost sterben mussten, von einem schmerzlichen Verlust getroffen, ihre Gefühle für Gott waren erloschen. Doch auch wenn man keinen Trost findet, heißt das nicht, dass man ohne Glauben ist. Der Glaube ist im Wesentlichen ein stiller Akt der Liebe, auch im Elend: «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe».

Wie der Evolutionsforscher Stephen Jay Gould denken unsere drei Autoren, sie könnten den Gottesbeweis aus der Zweckmäßigkeit widerlegen, in dem sie zeigen, wie armselig so viele Teile der menschlichen Anatomie gestaltet sind, wie viele Arten von Beginn der Zeit an zugrunde gegangen sind (ungefähr 99 Prozent) und wie viele Phasen in der natürlichen Selektion riskant und anscheinend ohne Grund erfolgen. Sie wollen zeigen: Wenn es einen Schöpfer gibt, der seine Schöpfung absichtlich so geformt hat wie sie ist, so war er ein unfähiger Schöpfer, oder, genauer, es gibt zu viele Beweise für das Fehlen des schöpferischen Gestaltungswillens. Was für eine Art Hummel-Püppchen glauben sie, ist Gott? Unser Gott ist der Gott des Absurden, der Nacht, des Leidens und des stillen Friedens.

Zweitens: Die Last der Sünde. Ich habe einige Jahre gebraucht, doch so langsam verstehe ich, dass, genau wie einigen Menschen das Ohr für Musik fehlt, so gibt es andere (wie Friedrich Hayek es ausdrückte) denen «das Ohr für Gott» fehlt. Es gibt auch Leute, die keinen «Bedarf» für Gott haben. Sie fühlen in sich kein rundes Loch, in das Gott hinein passen würde. Außerdem scheint der Atheismus die segensreiche Folge zu haben, dass er jedes Gefühl für die Strafe Gottes vernichtet. Er verhindert jede Empfindung, dass man durch sein Handeln einen göttlichen Freund beleidigen könnte oder dass man gewahr wird, Schuld auf sich geladen zu haben. «Sünde» scheint ein Überbleibsel aus einem vergangenen Zeitalter zu sein. Beati voi! möchte ich den Atheisten zurufen. Ihr Glücklichen!

«Im Herzen des Christentums steht der Sünder»; dieser Satz stammt von einem wahrhaft großen Christen. Manchmal tun wir bewusst Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht hätten tun sollen und manchmal tun wir die Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie tun müssen, eben nicht. Uns ist bewusst, dass wir gegen unser eigenes Gewissen sündigen – wir tun vorsätzlich das, von dem wir wissen, dass es falsch ist. Entweder geschieht dies aus Schwäche oder aus einem machtvollen Wunsch heraus, den wir nicht unter unserer Kontrolle haben. Manchmal plagen uns Gewissensbisse so heftig, dass es schmerzt – doch was getan ist, ist getan, und nichts, was wir jetzt tun könnten, wird diese Schuld von uns nehmen. Und manchmal wiegt diese Schuld so schwer, dass man sich schämt.

Es ist diese alltägliche, tatsächlich universelle Erfahrung, auf die Jesus, wie vor ihm Johannes der Täufer, seine Zuhörerschaft auffordert, zu bereuen, Buße zu tun und nicht wieder zu sündigen. (Obwohl die Wahrscheinlichkeit, erneut zu sündigen, groß ist – wie jemand mit einem lädierten Knie weiß, dass ihn dieses nur zu schnell wieder im Stich lassen könnte.)

Christentum hat mit moralischer Arroganz nichts zu tun. Es geht vielmehr um moralischen Realismus und moralische Demut. Wenn man einem selbstgerechten Menschen, der andere verurteilt, ohne sich seiner eigenen Sünden bewusst zu sein, begegnet, wird dies niemals ein bewusster Christ sein, sondern ein selbstgefälliger Besserwisser mit christlichem Deckmäntelchen. In der Tat war es ein großer Umsturz in der Geschichte der Menschheit, als der jüdische und christliche Gott sich als der Gott zu erkennen gab, der direkt in das Gewissen der Menschen sieht, und der sich von äußerlich guten Taten nicht verblenden lässt. (Die heidnischen Philosophen in Griechenland und Rom konnten ihre Götter ernst nehmen oder auch nicht. Sie hatten oft keine Bedenken, bei religiösen Zeremonien Frömmigkeit zur Schau zu stellen, weil ihr Gewissen offensichtlich nicht belastet wurde, dass es ihnen damit oft nicht allzu ernst war.) Die in der Bibel gezollte Haltung vor dem Gewissen würdigt und ehrt innere Akte der Reflexion, der Hingabe und der Entscheidung. Die ganze gesteigerte Aufmerksamkeit, die zuvor dem äußeren Verhalten gegolten hatte, wurde nun umgeleitet und gilt der inneren Gewissensentscheidung. Wahrhaftigkeit und Demut werden dadurch zu zentralen, hoch geschätzten Qualitäten. Möglicherweise war die innere Gewissensverpflichtung gegenüber dem Schöpfer der Grund für die Errungenschaft der Religionsfreiheit – keine Macht der Welt sollte es wagen, in diese erste Pflicht gegenüber Gott einzugreifen. Sie steht über allen anderen Verpflichtungen – gegenüber der Gesellschaft, dem Staat, der Familie und anderen Institutionen (so schon der dritte Präsident Amerikas, Thomas Jefferson, in seinem «Statut der religiösen Freiheit», aus dem Jahr 1785).

Drittens: Der goldene Faden der Menschheitsgeschichte. Ob der Befreiung der Juden vom Seleukidenreich (die zu Hanukkah gefeiert wird), der Befreiung von Ägypten (am Passahfest) und von Babylon (gefeiert in der Dichtung der Propheten Israels) gedacht wird – es ist immer die Freiheit selbst, die zum Hauptthema des jüdischen Testaments wird. Jede Geschichte in diesem Testament beschäftigt sich mit dem menschlichen Willen und den Entscheidungen, die dort getroffen werden (ob verborgen oder offen). In sofern ist für die Religion der Bibel die Freiheit der goldene Faden, der durch die Menschheitsgeschichte führt. Diese Vorstellung von Freiheit wird im Inneren des Menschen, in den geheimen Winkeln seiner Seele, Wirklichkeit, aber auch in den Institutionen der Welt, in ganzen Gesellschaften und in der Politik. In keiner anderen Weltreligion ist die Freiheit der Gewissensentscheidung ein derart zentraler Punkt im religiösen Leben wie im Christentum und im Judentum. Im Islam herrscht beispielsweise die Vorstellung des göttlichen Willens vor, der jenseits von Natur und Logik existiert. Was immer Allah will, wird geschehen, unabhängig von Ursachen und Gründen. Juden und Christen denken von Gott als Logos, Licht, Quelle aller Gesetze und der Erkenntnisse. Dieser grundsätzliche Unterschied in der Auffassung von Gott ändert auch die grundsätzliche Auffassung vom Menschen, die der jeweiligen Religion zu Eigen ist: Verstehen wollen oder sich unterwerfen.

Viertens: Freundschaft. Wenn man sich jemals in seinem Leben gefragt hat, warum Gott diesen unermesslichen, stillen, tatsächlich unendlichen Kosmos geschaffen hat, wird man die beste Antwort in einem einzigen Wort finden: «Freundschaft». Nach der Heiligen Schrift, wenn man sie vernünftig liest, hat der Schöpfer den Menschen weniger spirituell als die Engel, aber vielschichtiger als die Tiere gemacht. Er stattete die Menschen mit genug Bewusstsein und Reflexionsfähigkeit aus, damit sie darüber staunen können, was er geschaffen hat, um ihm dafür zu danken. Doch noch mehr: Er schuf Menschen, um ihnen seine göttliche Freundschaft und Begleitung anzubieten, und die Menschen besitzen die Freiheit, dieses Angebot anzunehmen oder nicht. Ohne Freiheit kann es keine Freundschaft geben.

Freundschaft ist nicht nur die Antwort der Bibel, wenn es um die Beziehung zwischen Gott und den Menschen geht, es ist auch ein guter Weg für die Zukunft unseres Landes und für die Welt. Wir sollten alles dafür tun. Ausgehend von dieser Vision der Freundschaft haben Judentum und Christentum der Welt einen Maßstab vermittelt, an dem sich Fortschritt und Niedergang messen lassen. William Penn, der Gründer der Kolonie Pennsylvania, nannte seine Hauptstadt «Philadelphia» (Freundschaft) und machte die Religionsfreiheit zum obersten Prinzip. Sogar die Atheisten der Französischen Revolution bezeichneten «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» als ihre grundlegenden Prinzipien – diese Begriffe stammen nicht von den Griechen oder Römern, sondern aus der Bibel. Eine weltumspannende Zivilisation, die sich durch gegenseitige Freundschaft auszeichnet, könnte ein machtvoller Magnet sein und eine realistische Aufgabe. Freundschaft verlangt keine Uniformität. Im Gegenteil, ihr fundamentales Erfordernis ist gegenseitiger Respekt, das Gute für den Anderen zu wollen und sein Anderssein zu akzeptieren. Daraus entsteht der Wunsch, auf vernünftige Art und Weise über grundsätzliche Unterschiede, was Standpunkt, Hoffnung und Verantwortlichkeit betrifft, zu sprechen.

Einige Unterschiede zwischen Christentum und Atheismus

Ich kann mir vorstellen, dass das christliche Weltbild, das ich hier mit wenigen Strichen skizziert habe, Atheisten wie Dawkins, Dennett und Harris widersinnig und verdreht erscheint. Sie mögen sich vergeblich nach empirischem Beweisen umsehen, die anzuerkennen sie in der Lage wären. Einen Beweis dafür, dass meine Darstellung von Gott und den Menschen auch nur den geringsten Bezug zur Realität, wie sie sie kennen, besitzen könnte, werden sie sicherlich nicht wahrnehmen. Wahrscheinlich ist es für einen ernsthaften Christen nicht allzu schwierig, sich auf die Sichtweise eines Atheisten einzustellen und die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Die oben skizzierten vier Prinzipien – Freundschaft, Freiheit, die Vergebung der Sünden und das Akzeptieren des Absurden – schließen den Blickwinkel der Atheisten nicht aus. Tatsache ist, dass man aus den Schriften der Atheisten, von Satre, Camus, Silone, Moravia, Dewey, Seneca, Aristoteles und Tausenden anderer viel über diese vier Prinzipien lernen kann. Es scheint, dass das Christentum eher in der Lage ist, den Atheisten wohlwollend gegenüber zu stehen und seine Positionen zu erklären als umgekehrt die Atheisten das schaffen.

Die drei besprochenen Bücher zeigen zumindest eins: Wie schwer es ist, heutzutage als Atheist (mit wissenschaftlichem Anspruch) etwas Verständnis für die christliche Wahrnehmung der Realität aufzubringen. Über zwei Milliarden Menschen auf der Erde (etwa einer von drei Menschen) sind Christen – die Unfähigkeit der Atheisten von heute, so vielen Zeitgenossen freundliche Gefühle zu zeigen, wo doch für das Leben des Einzelnen eine nur kurze Zeitspanne vorgesehen ist, scheint ein schweres menschliches Handicap.

Noch einmal: Für einen ernsthaften Christen ist es nicht schwierig, den Standpunkt der Evolutionsbiologie einzunehmen und ihre Methoden und Regeln anzuwenden. Tausende gläubiger Studenten schaffen das Jahr für Jahr. Man muss nur die eigene Aufmerksamkeit begrenzen und die Methoden anwenden, die in den jeweiligen Wissenschaften als beweiskräftig gelten. Man muss die entsprechenden Konzepte und wichtigen Axiome bewältigen. Man muss seinen Standpunkt auf die wissenschaftliche Fragestellung begrenzen (es hat keinen Sinn, Fragen zu stellen, die über die eindeutigen Grenzen hinausgehen, die die jeweilige Forschungsdisziplin selbst vorgibt). Wenn man mit diesen Grenzen leben kann, umso besser.

Die Kunst, Mitgefühl für seine Mitmenschen zu entwickeln, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem Versuch, wie die alten Griechen zu denken, oder für Katholiken, sich in einen Baptisten, einen Lutheraner hinein zu versetzen oder für einen Presbyterianer, vorübergehend in die Haut eines Katholiken zu schlüpfen. Die merkwürdige Art, wie Dawkin, Dennett und Harris die Welt verstehen, muss der sensible Gläubige ebenfalls erst einmal verstehen lernen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man an der Universität Harvard studiert oder in Stanford oder anderen Universitäten einen Lehrauftrag erfüllt, ohne zu lernen, wie man innerhalb der Vorstellungswelt, mit den Methoden und Regeln von Atheisten denkt oder spricht.

Die Fähigkeit, sich in andere Denkweisen hinein zu versetzen, ist keinesfalls ein Produkt des heutigen pluralistischen Zeitalters. Der junge Thomas von Aquin war mit Ende zwanzig einer der ersten Menschen im Westen, der eine authentische Übersetzung von mehreren Schlüsselwerken des Aristoteles in Händen hielt. Die Originalwerke in griechischer Sprache waren seit über tausend Jahren verschollen (außer in früher, vor-muslimischer arabischer Übersetzung). Seine umfangreichen, Zeile für Zeile erfassenden Kommentare von vielen der besonders wichtigen alten Texte zeigen, dass Thomas von Aquin es schaffte, einen Standpunkt einzunehmen, der ihm selbst völlig fremd war. Einige Jahre später gelang ihm das wieder, als er al-Farabi, Avicenna, Averröes und andere wichtige arabische Philosophen studierte.

Wenn ein christlicher Leser auf Professor Dawkins These stößt, dass Gott nicht existiert, weil alle komplexen und mit höherer Intelligenz ausgestatteten Lebewesen erst am Ende eines evolutionären Prozesses stehen und nicht schon am Beginn, mag die erste Reaktion darauf sein, in Lachen auszubrechen. Doch als aufmerksamer Leser sollte ein Christ auch versuchen, diese These vom Standpunkt der evolutionären Biologie aus zu betrachten.

Diese These mag intellektuell oder philosophisch wenig zufriedenstellend sein; vergleicht man die praktischen Implikationen mit dem christlichen Standpunkt, so scheint die Evolutionsbiologie als Lebensweise nicht gerade attraktiv. Wenn man aber ein Anhänger der Evolutionstheorie sein will, muss man lernen, sich innerhalb der vorgegebenen wissenschaftlichen Methode zu halten und sich nicht davon zu entfernen.

Aus Sicht der römisch-katholischen Kirche gibt es keine Schwierigkeiten, die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie zu akzeptieren – immer vorausgesetzt, man sieht in dieser Disziplin nicht mehr als eine empirische Wissenschaft, also keine Existenz-Philosophie, keine Metaphysik oder ein vollständiges Bild des menschlichen Lebens. Für einen Christen ist es einfacher, die Unzahl einzelner Ergebnisse der gegenwärtigen Forschung in sich aufzunehmen – aus Wissenschaft und Technik, aus Politik, Wirtschaft und Kunst – als für die anderen, deren Standpunkt darauf beschränkt ist, in der gegenwärtigen Ära das Christentum zum Verschwinden zu bringen. Das ist ein Grund, warum wir damit rechnen, dass die Christen die anderen überleben werden.

Dawkins ist sich offensichtlich klar über die förmlichen Begrenzungen seiner rein wissenschaftlichen, atheistischen Vorstellungen. Er schreibt, dass «eine quasi-mystische Reaktion auf die Natur und das Universum unter Wissenschaftlern und Rationalisten völlig normal ist. Das hat aber mit übernatürlichem Glauben nichts zu tun.» Jedes Kapitel seines Buches enthält einige Seiten, in denen er zeigt, dass ein atheistischer Standpunkt auch Bedürfnisse befriedigen kann, die landläufig als religiös gelten. Auch im Atheismus, so sagt er, findet man Trost und Quellen der Inspiration. Es gibt das Bewusstsein von Schönheit und den Sinn für Wunder. Um solcher Bedürfnisse willen, muss man nicht an Gott glauben.

Dawkins leistet gute Arbeit, wenn es darum geht, Subjektivität, Gefühle, Sehnsüchte und Ehrfurcht vor der Schönheit innerhalb des wissenschaftsorientierten Atheismus Raum zu geben. Für Dawkins ist dieser Atheismus humanistisch geprägt, womit er sich um einen wichtigen Schritt von dem sterilen Positivismus, der noch vor zwei bis drei Generationen unter den Atheisten Ton angebend war, entfernt hat.

… oder alles ist erlaubt

Doch der Atheismus hat noch weitere einschneidende Grenzen. Eine davon zeigt sich in den Handlungen seiner Verfechter. Eine meiner Lieblingsstellen in Sam Harris Buch ist der Versuch einer Rechtfertigung der Schrecken, die von Regimen der jüngsten Vergangenheit, die sich selbst als atheistisch bezeichnet haben, ausgingen: die Faschisten in Italien, die Nazis in Deutschland und die Kommunisten in der Sowjetunion. Nie in der Geschichte wurden so viele Christen getötet, gefoltert oder starben in Todesmärschen und wurden in Konzentrationslager gesperrt. Die Juden litten unter diesen Regimen, besonders unter den Nazis, mehr als zu irgendeiner Zeit der jüngsten Geschichte, und mehr als alle anderen. Die Entschuldigung, die Harris liefert, ist ziemlich lahm. Zunächst lenkt er die Aufmerksamkeit vom erklärten Atheismus der Regime auf die Persönlichkeitsstruktur von Hitler, Mussolini und Stalin ab: «Es trifft zu, dass derartige Männer gelegentlich Feinde organisierter Religion sind, doch sind sie nie besonders rational. Ihre öffentlichen Äußerungen sind häufig wahnhaft . . . Die Gefahr bei diesen Tyrannen ist nicht, dass sie das Dogma der Religion ablehnen, sondern dass sie sich andere lebenszerstörende Mythen zu Eigen machen.» Mit anderen Worten: Von Wahnideen getriebene Atheisten sind keine wirklichen Atheisten. Würde Harris diese Behauptung von Christen akzeptieren, dass christliche Übeltäter keine wirklichen Christen sind? Das Problem ist nicht, dass Tyrannen das Dogma der Religion ablehnen, sondern dass sie in dem Blutbad baden, das nur möglich war, weil ein ultimativer Relativismus alles erlaubt. Sie werden beruhigt und unterstützt durch das «Naturgesetz», das sie dem altmodischen Darwinismus entnommen haben: Nur der Stärkste überlebt, und die Schwachen müssen zugrunde gehen.

Unsere Autoren mögen die Behauptung ablehnen, dass Atheismus mit Relativismus einher geht. Dostojewski hat das weit verbreitete Argument dagegen, einem Atheisten zu trauen, deutlich formuliert: «Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.» Es wird keinen geben, der am Ende über die Taten und das innerste Denken der Menschen richtet; am Ende steht jeder Mensch nur für sich selbst. Sicherlich wird es einzelne Atheisten geben, mit «auserwähltem Charakter» und akademischer Würde, die durch ihre Erziehung von religiösen Vorstellungen der Vergangenheit geprägt sind, und die noch in der zweiten und dritten Generation ihr Leben so gestalten, dass man sie von bescheidenen Christen oder Juden kaum unterscheiden kann. Diese Menschen bleiben ehrlich, mitfühlend, sie wollen die Gleichheit aller Menschen und glauben fest an «Fortschritt» und «Brüderlichkeit», obwohl sie an die ursprüngliche religiöse Rechtfertigung dieser besonderen Tugenden nicht mehr glauben. Doch früher oder später könnte es eine Generation geben, die die Metaphysik des Atheismus tödlich ernst nimmt. Dies war das Schicksal eines hoch kultivierten Landes im Europa unserer Zeit.

Rufen wir uns George Washingtons Abschiedsrede ins Gedächtnis zurück: «Wir wollen mit aller Vorsicht die Annahme tolerieren, moralisches Handeln sei auch ohne Religion möglich. Dies mag bei besonders dafür empfänglichen Gemütern unter dem Einfluss einer verfeinerten Erziehung Erfolg haben. Doch Vernunft und Erfahrung verbieten uns, zu erwarten, dass eine moralische Gesinnung innerhalb einer Nation vorherrschen könnte, wenn man die Prinzipien der Religion ausschließt.»

Wenn moralisches Handeln der Vernunft allein überlassen würde, könnte niemals eine allgemeine Übereinstimmung erreicht werden, da die Philosophen zu verschiedenen Ansichten neigen, die sie vehement und ohne Ende verteidigen. Die meisten Menschen würden ohne eindeutige moralische Signale hin- und herschwanken. In schwierigen Zeiten würden sich außerdem hoch angesehene Intellektuelle wie zum Beispiel Heidegger und viele Vorläufer der Postmoderne (den Dekonstruktivisten Paul de Man eingeschlossen) die Imperative der Nationalsozialisten oder Kommunisten aufs Schamloseste zu eigen machen.

Dawkins macht den Versuch, diesen Schwachpunkt der neodarwinistischen Betrachtungsweise, die auf Zufall und blinde natürliche Auslese baut, zu umgehen. Er führt vier Gründe für altruistisches Handeln an, die in der Evolutionsbiologie angeblich verwurzelt sind.

Erstens, der Sonderfall der genetischen Verwandtschaft; zweitens reziprokes Handeln: Man revanchiert sich für erhaltene Vorteile und gewährt Vorteile in Erwartung einer Gegenleistung; drittens sieht Darwin einen Vorteil darin, den Ruf zu besitzen, großzügig und freundlich zu sein. Und viertens bietet eine in die Augen fallende Großzügigkeit den zusätzlichen Vorteil einer authentischen Werbung für die eigene Person.

Die beschriebenen Verhaltensweisen lassen sich von einer naturgegebenen, überhöhten Selbstsucht des Menschen herleiten. Juden und Christen könnten noch den ein oder anderen Grund hinzufügen. Erstens, seinen Nächsten nicht zu lieben, muss den Schöpfer enttäuschen, der von uns wünscht, dass wir sein Freund sind. Zweitens ist es ein Fehler, den Herrn Jesus nachzuahmen, der uns aufgefordert hat ihm nachzufolgen. Drittens zeigt die Erfahrung, dass die Liebe zu anderen im Einklang mit der sozialen Dimension unserer Natur steht – am Anfang steht die Bindung in der Familie, später kommen Politik und Wirtschaft hinzu (der Philosoph und Ökonom Adam Smith nannte sein oberstes Gesetz «Sympathie»). Viertens: Jedes christliche Gebot hat unzweifelhaft seine Basis in der Natur, doch es versucht, die Grenzen der Natur so weit wie möglich auszudehnen. Der christliche Glaube lehnt die Natur nicht ab, sondern baut auf der Natur auf, ergänzt sie und bringt sie zu Reichtum und mehr Vollkommenheit.

Schließlich muss gesagt werden: Unsere drei Autoren haben nicht sorgfältig hingehört, was Juden und Christen tatsächlich über Gott zu sagen haben. Ihre eigene Vorstellung von Gott ist eine Karikatur; sie zeichnen eine hässliche Gottheit, die jeder Leser pflichtschuldigst ablehnen müsste. Dawkins macht sich über einen allwissenden Gott, der gleichzeitig frei in seinen Entscheidungen sei, lustig. Wenn ein allwissender Gott jetzt weiß, was er in Zukunft tun wird, wo bleibt da noch Raum, dass er seine Meinung änderte? Und wenn er das nicht kann, wie ist er dann allmächtig? Ist er nicht in einer Art Schraubstock eingeklemmt? Natürlich liegt dieser Vorstellung die Annahme zugrunde, Gott sei in der Zeit wie Dawkins in der Zeit ist. Das bedeutete, nicht zu verstehen, dass es einen Unterschied zwischen einem Standpunkt in der Ewigkeit, außerhalb der Zeit, und einem Standpunkt innerhalb der Zeit gibt. Das bedeutet auch, nicht zu verstehen, dass die Entscheidung im ersten Fall, außerhalb der Zeit (wo absolute Gleichzeitigkeit eines jedes einzelnen Momentes gegeben ist) innerhalb der Zeit nachfolgende Ereignisse, Möglichkeiten und besondere Umstände nicht ausschließt.

Gottes Wille existiert nicht in der Weise, dass er da ist, bevor Menschen ihre Entscheidungen treffen. Eher ist er gleichzeitig mit ihnen vorhanden, und dadurch wird es möglich, dass Menschen Entscheidungen treffen. Wenn Katholiken das Messopfer feiern, so stellen wir uns vor, dass unser Augenblick der Teilhabe an dieser Messe – wie es an jedem anderen Tag unseres Lebens auch ist – in Gottes Augen gleichzeitig mit dem blutigen Tod seines eigenen Sohnes in Golgatha geschieht. In unseren Augen erscheint das als eine Art Wiederholung dessen, was geschehen ist, doch in Gottes Augen sind beide Augenblicke wie einer. Sicherlich ist das für einige Menschen alles zu mystisch, und die Philosophie, die diesen Vorstellungen zugrunde liegt, etwas zu anspruchsvoll. Dem gegenüber präsentieren unsere drei Autoren eine primitive Idee von Gott. Wenn wir alle diese Sichtweise hätten, wären wir mit Sicherheit auch Atheisten.

Die ganze innere Welt, die die religiösen Menschen so reich macht, scheint den Autoren ein unbekanntes Territorium zu sein. Sie sind umgeben von Millionen, die viele Augenblicke ihrer Tage (und viele Stunden ihrer Woche) in Gemeinschaft mit Gott verbringen. Doch unsere Autoren scheinen nichts von dem stillen, inwendigen Teil der Gläubigen zu ahnen. Auch nicht, warum diese innere, stille Gewissheit für die Gläubigen mehr in der Realität verankert ist als irgendetwas anderes im Leben. Sicherlich könnten unsere atheistischen Freunde, sofern sie bereit sind, ihre Methoden zu überdenken und ihr Verständnis für Begriffe wie «Erfahrung» und «das Empirische» zu vertiefen, dieser ihnen fremden Welt etwas näher kommen. Sie könnten für eine Weile in die Haut derer schlüpfen, für die die Religion lebenswichtig ist und denen der Glaube an Gott auch geistig befriedigender erscheint als der Atheismus – weniger widersprüchlich und weniger entfremdend.

Der einzige Weg, einen Menschen dazu zu bringen, den anderen zu verstehen, liegt darin, dass er zu erfahren lernt, wie man sich in der Haut des anderen fühlt. Wenn diese Behauptung zutrifft, hätten wir unseren drei Autoren gewünscht, dass sie von sich aus mehr getan hätten, um die große geistige Kluft zwischen Glauben und Unglauben der heutigen Menschen zu überwinden. Dennoch können wir dankbar sein, dass uns die Autoren einen Blick in die Seele von Atheisten haben tun lassen, sodass wir Gläubigen zumindest besser verstehen, wie die Welt von ihrem Standpunkt aus aussieht – und wir können auch uns eine Zeitlang so sehen, wie sie uns sehen.

Anmerkungen:

[1] Dawkins Buch erschien unter dem Titel “Der Gotteswahn” im Ullstein-Verlag Berlin.

[2] Vgl. Alfred North WHITEHEAD, Wissenschaft und moderne Welt, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1988; DERS., Abenteuer der Ideen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2000.

Michael Novak, geb. 1933, ist ein amerikanischer Philosoph und lehrt u.a. am American Enterprise Institute (Washington D.C.).
Dieser Artikel erschien in der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio 6/2007, S. 617 - 638. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Dorothee von Glinski.


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