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Zwischen Evolutionskritik und Atheismus

Ein Blick auf die Philosophie Thomas Nagels

Von P. Engelbert Recktenwald

“What has gotten into Thomas Nagel? Two philosophers expose the shoddy reasoning of a once-great thinker”, twitterte der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker 2012 nach der Veröffentlichung von Nagels Buch Mind and Cosmos [1] und dessem Verriss durch Michael Weisberg und Brian Leiter in The Nation (Ausgabe vom 3. Oktober 2012).

Die Überraschung Pinkers verwundert und offenbart Ignoranz. Denn das Buch des “einst großen Denkers” bringt gegenüber den vorangegangenen Veröffentlichungen weder etwas substantiell Neues noch markiert es eine denkerische Kehrtwendung, sondern zieht das Resumee jahrzehntelangen Denkens, jetzt lediglich die Fragwürdigkeit der schon immer kritisierten, im Untertitel genannten Weltanschauung fokussierend.

Trotz seiner Kritik am Naturalismus und Darwinismus ist Nagel Atheist. Warum? Und was ist von seinen Gründen zu halten? Da Nagel ein Philosoph ist, den man auch dort, wo man ihm nicht folgen kann, mit Gewinn und Genuss liest, halte ich es für lohnenswert, diesen Fragen nachzugehen.

Nagels Kritik des Reduktionismus und des Darwinismus

Thomas Nagels Lebensthema ist das Problem der Vermittlung von subjektiver Innen- und objektiver Außenperspektive. In subjektiver Perspektive sind mir Erfahrungen wie Bewusstsein, Gefühle, Denken, logische und mathematische Gesetze, Freiheit, Verantwortung, Normen, Werte und vieles mehr gegeben, die in der objektiven Perspektive wissenschaftlicher Vernunft verschwinden oder zu verschwinden drohen. In der Außenperspektive ist der Mensch ein Lebewesen, ein Organismus und damit ein Stück Natur, das wie jeder andere Teil der Natur den Naturgesetzen unterworfen ist. Was z.B. in subjektiver Perspektive als (freie, verantwortliche) Handlung erscheint, wird in der objektivierenden Außenperspektive zu einem (determinierten) Naturvorgang, dem man es nicht ansieht, dass er etwas anderes sein soll als jedes andere durch Naturgesetze und die Konstellation der Ausgangsbedingungen unzweideutig festgelegte Ereignis. Schon in seinem berühmt gewordenen Aufsatz What Is It Like to Be a Bat? [2] verteidigt Nagel das Recht der subjektiven Perspektive gegen jeden Ausschließlichkeitsanspruch der Außenperspektive. Keine noch so gründliche und fortgeschrittene wissenschaftliche Analyse der organischen und neurologischen Vorgänge, die etwa mit der Funktion des Fledermaus-Echolots verbunden sind, wird mir jemals die fehlende Erfahrung dieser Art von Orientierung ersetzen können, die allein mir zeigen könnte, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Ich kann diese Erfahrung nicht in die Sprache der Naturwissenschaft übersetzen. Das bedeutet umgekehrt, dass jede naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt notwendigerweise unvollständig bleibt. “Es ist sinnlos, die Verteidigung des Materialismus auf eine Analyse geistiger Phänomene zu gründen, die es versäumt, sich explizit mit deren subjektivem Charakter zu befassen” (S. 376) Dieses Verdikt Nagels ist auf den weitverbreiteten Reduktionismus in der Geistphilosophie gemünzt, der glaubt, Bewußtseinsinhalte auf Gehirnvorgänge reduzieren zu können, und damit die subjektive Erfahrung als Erfahrung außen vor sein lässt - und damit auch alles, was mir nur in solcher Erfahrung zugänglich ist, wie etwa das Kantische Faktum der Vernunft.

Die Reduktion der Gesamtwirklichkeit auf Naturtatsachen ist das Projekt des Naturalismus. Der Naturalismus als philosophisches Programm ist die Kapitulation der Philosophie vor den Naturwissenschaften. Er macht aus der Not eine Tugend. Die Not ist die methodische Selbstbeschränkung der Naturwissenschaften. Die den Naturwissenschaften eigenen Methoden bedeuten eo ipso eine Einschränkung ihres Radius auf den zu ihnen passenden Teil der Wirklichkeit. Aus dieser Selbstbeschränkung macht der Naturalismus eine Allherrschaft, indem er die Existenz jeder Wirklichkeit jenseits jenes Radius’ leugnet. Aus dem Kapitulanten wird ein Steigbügelhalter für den Aufstieg der Naturwissenschaft zur universalen Erkenntnis- und Deutungsinstanz allen realen Seins. Den Geisteswissenschaften bleibt dann folglich etwa in der Auffassung des Biologen Ulrich Kutschera nur noch die Rolle von Verbalwissenschaften, die es mit Worten, aber nicht mit der Realität zu tun haben. Eine Schlüsselrolle kommt der Evolutionstheorie zu. Die Naturwissenschaften erklären das Sosein aller Dinge, mit Hilfe der Evolutionstheorie erklären sie ihr Gewordensein. Jede konkurrierende Erklärung wird entweder ihrerseits evolutionstheoretisch vereinnahmt oder als irrational zur Seite geschoben. So ist es nicht verwunderlich, dass Nagel von einem darwinistischen Imperialismus spricht [3].

Wie sehr die Philosophie Nagels von dem Bestreben durchzogen ist, diesen Imperialismus in die Schranken zu weisen, zeigt ein Blick in seine Werke, von denen wir hier nur zwei herausgreifen wollen: The Last Word [3] und The View from Nowhere [4], das als sein Hauptwerk gelten kann. In diesem widmet er ein eigenes Kapitel den evolutionären Epistemologien. Er nähert sich ihnen aus der Perspektive der Fragestellung nach den Möglichkeiten der Bedingung nicht nur der Erfahrung, sondern der Vernunft überhaupt als Fähigkeit zur Objektivität, also zur Einnahme der objektivierenden Außenperspektive (genauer: zum nie abzuschließenden Fortschritt solchen Einnahmeprozesses). “Im Grunde ist unsere Fähigkeit zur Objektivität ein großes Geheimnis” (S. 137), dessen Erklärung wir noch nicht gefunden haben; und solange dies der Fall ist, können wir nicht einmal entscheiden, wie weit wir den Skeptizismus jemals überwinden können. In diesem Zusammenhang weist er darwinistische Erklärungen als haltlose Spekulationen zurück: “Gehaltloses Herumfuchteln mit evolutionären Thesen ist ein weiteres Beispiel für die Tendenz, eine Theorie, die anderswo erfolgreich war, heranzuziehen, um sie auf etwas anzuwenden, das man gerade nicht versteht - oder vielmehr wendet man diese Theorie nicht eigentlich an, sondern stellt sich ihre Anwendung bloß vage vor. Auch dieser Versuch ist ein Beleg für den allgegenwärtigen reduktionistischen Naturalismus unserer Kultur” (S. 137). Die darwinistische Erklärung der Vernunft mithilfe des Selektionsvorteils, den Erkenntnis bietet, setzt nicht nur das faktische Gewordensein bereits voraus, sondern berührt nicht einmal die grundsätzliche Frage, wie Erkenntnis überhaupt möglich ist und deshalb auch nicht die, wie sie möglich geworden ist. “Die Möglichkeit von erkennenden Wesen, die sich stufenweise immer objektivere Realitätsbeschreibungen bilden, gehört also nicht zu dem hinzu, was die Theorie der natürlichen Selektion zu erklären suchen kann, da eine solche Theorie nicht Möglichkeiten als solche erklärt, sondern immer nur die Selektion aus einem vorgegebenen Bereich von Möglichkeiten” (S. 138).

Nagel besteht auf dem Spekulationscharakter der darwinistischen Erklärung der Vernunft. Doch was macht diese Spekulation so attraktiv? “Warum gilt eigentlich die Entwicklung des menschlichen Intellekts nicht immer schon als ein außerordentlich wahrscheinlicher Vorbehalt gegen das Gesetz, dass natürliche Selektion alles und jedes erklärt? Warum zwingt man diese Entwicklung statt dessen mit wenig wahrscheinlichen Spekulationen, die in keiner Weise durch Daten abgesichert sind, unter ein solches Gesetz? Wir haben es hier mit einem jener einflußreichen Dogmen zu tun, die offensichtlich in der intellektuellen Luft liegen, die wir gegenwärtig atmen” (S. 141 f).

Doch warum ist dieses Dogma so einflußreich geworden? Eine Antwort bietet Nagel in seinem Buch Das letzte Wort an: Es ist die Angst vor der Religion. Ein ganzes Kapitel widmet er dem Thema Evolutionstheoretischer Naturalismus und die Angst vor der Religion. In dieser Angst sieht er den Grund für den weitverbreiteten Szientismus und Reduktionismus und den “groteske[n], übermäßige[n] Gebrauch der biologischen Evolutionstheorie zur Erklärung aller Seiten des Lebens, einschließlich aller Seiten des menschlichen Geistes” (S. 192). Darwin habe der modernen, säkularen Kultur “einen kollektiven Stoßseufzer der Erleichterung” ermöglicht, indem er “Zweck, Sinn und Absicht” zu “Zufallserzeugnissen eines Prozesses” erkärte, der restlos durch physikalische Gesetze erklärt werden kann. Dagegen wendet Nagel ein, dass der Darwinismus Ursache und Wirkung vertauscht: “Aber die Existenz des Geistes ist gewiß eine Gegebenheit, die bei der Konstruktion eines jeden Weltbilds vorauszusetzen ist: Zu allermindest muss seine Möglichkeit erklärt werden” (S. 194).

In diesem Zusammenhang setzt sich Nagel mit Robert Nozicks evolutionstheoretischer Erklärung menschlicher Vernunft in dessen Werk The Nature of Rationality [5] auseinander und macht dabei den Gedanken geltend, dass eine solche Erklärung unser Vertrauen in die Vernunft erschüttern muss, da dieses Vertrauen nur nach dem Maße der Wahrheitsfähigkeit der Vernunft gerechtfertigt ist. Für den Darwinismus ist die Vernunft aber nichts anderes als eine überlebensfördernde Anpassungsleistung. Dass dieselbe auch Wahrheitsfähigkeit einschließt, ist damit noch gar nicht ausgemacht. Man denke, so könnte man in diesem Punkt Nagel beispringen, nur etwa an das Mem der Religion, dessen Riesenerfolg in der Menschheitsentwicklung Richard Dawkins so sehr beklagt. Es ist erfolgreich, obwohl Religion in Dawkins Augen eines der größten Hindernisse wahrer Erkenntnis darstellt. Der Selektionsvorteil des Denkens ist also nicht notwendigerweise an dessen Wahrheitsfähigkeit gebunden. Eine Vernunft, die als Zufalls- und Selektionsprodukt einer Evolution hinreichend erklärt wäre, böte “keinen Grund, sich in Mathematik und Naturwissenschaft auf ihre Resultate zu verlassen”, und “die evolutionstheoretische Hypothese” würde sich damit “selbst den Boden entziehen” (S. 198). Nagel macht diesen fehlenden Zusammenhang zwischen Rechtfertigung und darwinistischer Erklärung der Vernunft noch einmal deutlich: “Ich muß glauben können, dass die evolutionstheoretische Erklärung vereinbar ist mit dem Satz, dass ich den Regeln der Logik entsprechend verfahre, weil sie richtig sind - und nicht nur weil ich biologisch auf dieses Verhalten programmiert bin. Aber um das zu glauben, muß ich unabhängig zu der Überzeugung berechtigt sein, dass die Regeln tatsächlich richtig sind. Und das ist nicht schon allein auf der Basis meiner kontingenten psychologischen Neigung mitsamt der Hypothese möglich, dass diese Neigung das Produkt der natürlichen Auslese ist” (S. 199).

Rationalität kann nur von inner her begriffen werden. Deshalb kann die Vernunft auch nur durch sich selbst gerechtfertigt werden. Dass ihre Wahrheitsfähigkeit einen Überlebensvorteil bietet, braucht nicht bestritten zu werden. Deshalb braucht man auch die Evolution nicht zu leugnen. Diese zeigt dann, “warum die Existenz der Vernunft kein biologisches Geheimnis zu sein braucht” (S. 200). Doch die Frage, wie es kommt, dass die grundlegenden Gesetze der Natur die Möglichkeit von Vernunft in sich bergen, ist damit nicht beantwortet. Die Unabhängigkeit der Vertrauenswürdigkeit unserer Vernunft von ihren Entstehungsbedingungen steht in Konflikt mit der biologischen Zufälligkeit der menschlichen Art. “Das Vertrauen, mit dem wir an unsere Vernunft herangehen, impliziert die Überzeugung, dass, obzwar die Existenz der Menschen und speziell unserer selbst das Ergebnis einer langen Reihe physikalischer und biologischer Zufälle ist und obzwar intelligente Lebewesen nie hätten existieren können, die von uns angewandten Grundmethoden rationalen Denkens dennoch nicht bloß menschlicher Art sind, sondern einer allgemeineren Kategorie von Geist angehören” (S. 205). Das bedeutet: Unser Vertrauen in das rationale Denken kann nur gerechtfertigt sein, wenn das Wesen des Geistes unabhängig von der evolutionär bedingten Biologie des Menschen begriffen werden kann.

Anders verhält es sich mit der praktischen Vernunft. Hier ist das Retorsionsverfahren, demgemäß die evolutionstheoretische Unterminierung der Vernunft sich gegen den Evolutionismus selber als eine Leistung eben solcher Vernunft wendet, nicht möglich. Eine Entlarvung der praktischen Vernunft und ihrer normativen Geltungsansprüche wendet sich nicht eo ipso auch gegen die theoretische Vernunft, die diese Entlarvung unternimmt. Hier bleibt nach Nagel nur der Rekurs auf den Gehalt moralischer Argumente, der in der Innenperspektive aufleuchtet. In Das letzte Wort, in dem Nagel noch deutlicher als im Blick von nirgendwo die Dominanz von Erkenntnissen, die sich der Innenperspektive verdanken, gegenüber jedem externen Relativierungs- oder Eliminierungsversuch (nicht nur seitens des Evolutionismus, sondern auch des Emotivismus und der Psychologie) herausarbeitet, schreibt er kurz und bündig, dass nur mathematische Gründe Gründe sind, mathematische Überzeugungen fallen zu lassen. Und Entsprechendes gelte für moralische Überzeugungen (S. 154 f). Im Blick von nirgendwo sucht er es am Beispiel der Rassendiskrimierung deutlich zu machen: Wenn mir einerseits Rassendiskriminierung als Unrecht erscheint, ich andererseits mit der soziobiologischen Theorie konfrontiert werde, dass dieser Eindruck lediglich das Produkt einer biologischen Veranlagung sei, dann stehe ich vor der Entscheidung, wem ich mehr vertraue: meiner moralischen Einsicht, die mir in der Innenperspektive aufleuchtet, oder jener Theorie, die durch ihren Wechsel in die Außenperspektive diese ursprüngliche Einsicht zum Verschwinden bringt. Die Theorie beraubt normative Urteile ihrer objektiven Gültigkeit und degradiert sie auf das Niveau einer “Vorliebe für Zucker” (S. 208). Nagel macht die Gegenprobe und fragt, welche Relevanz angeborene Neigungen haben können angesichts des Gedankenexperiments, dass man eine Neigung zum Rassismus entdeckte. Eine solche Neigung würde den Rassismus nicht von moralischer Kritik freisprechen.

Dritte Folge

Um der Taktik zu begegnen, die wir z.B. bei den genannten Kritikern Weisberg und Leiter beobachten können, nämlich Nagel vorzuwerfen, dass er einen Popanz aufbaue und keine Belege für die kritisierten Positionen beibringe, möchte ich hier lediglich Edward O. Wilson, den Begründer der Soziobiologie, und den Philosophen Michael Ruse anführen, die mehrmals in aller nur wünschenswerten Deutlichkeit die Moral als eine uns von den Genen vorgegaukelte und von der Wissenschaft entlarvte Illusion dargestellt haben [6]. Nach Ruse sind wir von der Evolution in unserer Gefühlslage zu unserem eigenen Vorteil so programmiert, dass wir eher der Illusion der Moral glauben als der These der Evolutionisten, die Moral sei ein bloßes Epiphänomen. Denn der Glaube an die Moral sei inkompatibel mit dem Glauben an jene These. Der einzige Unterschied zu anderen subjektiven Gefühlen bestehe darin, dass die Moral “von einer Aura der Objektivität umgeben” sei (Bayertz, S. 165). Und der einzige Unterschied, so ist man folglich hinzuzufügen gezwungen, zwischen Michael Ruse und den meisten Evolutionisten besteht darin, dass Ruse offen ausspricht, was die anderen entweder nicht zu äußern wagen oder als Konsequenz ihrer Thesen mangels philosophischer Reflexion erst gar nicht erkennen.

Nagel kommt summa summarum für die theoretische und praktische Vernunft zum Ergebnis, dass “eine externe Deutung der Vernunft im Sinne eines bloßen Naturphänomens” unmöglich sei. “Und wenn wir versuchen, sie lediglich als natürliches (biologisches oder psychologisches) Phänomen zu begreifen, wird das Resultat eine Erklärung sein, die mit unserem Gebrauch der Vernunft ebenso wenig zu vereinbaren ist wie mit der Auffassung von der Vernunft, während wir von ihr Gebrauch machen” (Das letzte Wort, S. 210).

Nagels Atheismus

Nagel ist weit davon entfernt, als Alternative zum kritisierten Evolutionismus den Theismus oder gar irgendeine Spielart des Kreationismus anzubieten. Im Gegenteil lehnt er den Gottesgedanken ausdrücklich ab und bekennt sich zum Atheismus. Ihm geht es vielmehr darum, Kriterien für ein Evolutionskonzept zu entwickeln, das die Entstehung von Geist und Vernunft erwartbar macht, indem es protomentale Elemente in der Materie ansetzt. Wir wollen seine panpsychistischen Spekulationen nicht weiter verfolgen, sondern uns der Frage zuwenden, warum Nagel den Gottesgedanken ablehnt.

Wenn Nagel, wie oben berichtet, die Angst vor der Religion als Grund der Beliebtheit des Reduktionismus ausmacht, so ist diese Angst doch gleichzeitig etwas, wozu er sich selber bekennt: “Dabei rede ich aus Erfahrung, denn ich selbst bin dieser Angst in hohem Maße ausgesetzt. Ich will, dass der Atheismus wahr ist (...). Es ist nicht nur so, dass ich nicht an Gott glaube und natürlich hoffe, mit meiner Ansicht recht zu behalten, sondern eigentlich geht es um meine Hoffnung, es möge keinen Gott geben! Ich will, dass es keinen Gott gibt; ich will nicht, dass das Universum so beschaffen ist” (Das letzte Wort, S 191).

Einen Grund für diese Angst nennt er nicht. In Geist und Kosmos jedoch ist sein zentrales Argument gegen den Theismus sein Konzept von Intelligibilität. Zunächst zeigt Nagel die Intelligibilität der Welt auf. Wenn er sie eine Hintergrundbedingung der Wissenschaft nennt, so kann man ihm nur zustimmen, ist es doch die Intelligibilität, die es erlaubt, über disparate Beschreibungen verschiedener Phänomene und Sachverhalte hinaus zu einer so starken Systematisierung wissenschaftlicher Welterklärung vorzudringen, dass man sich sogar der Hoffnung auf eine Weltformel hingibt. Das setzt eine zusammenhängende, rationale Durchstrukturierung der Welt vom Mikro- bis zum Makrokosmos voraus, die von der Wissenschaft wie selbstverständlich vorausgesetzt, von der Philosophie jedoch auf ihre hochbedeutsamen Implikationen hin reflektiert werden muss. Nagel sieht klar, dass diese Intelligibität nicht nur verantwortlich ist für unsere subjektive Möglichkeit, die Welt zu verstehen, sondern auch für das objektive Sosein der Welt selber. “Mir scheint, dass man die wissenschaftliche Weltsicht nicht wirklich verstehen kann, wenn man nicht annimmt, dass die Intelligibilität der Welt, wie sie mit den von der Wissenschaft aufgedeckten Gesetzen beschrieben wird, selbst ein Bestandteil der tiefschürfendsten Erklärung ist, warum die Dinge so sind, wie sie sind” (S. 31). Auf diesem Hintergrund des Wunsches, dass die Welt aus und durch sich selbst intelligibel sei, macht Nagel dem Theismus den Vorwurf, “die Suche nach der Intelligibilität aus der Welt” zu verstoßen: “Wenn Gott existiert, ist er nicht Teil der Naturordnung, sondern ein frei Handelnder, der nicht den Naturgesetzen unterworfen ist. Er mag zwar zum Teil handeln, indem er eine Naturordnung erschafft, aber was immer er direkt tut, kann nicht Bestandteil dieser Ordnung sein” (S. 44). Das widerspricht Nagels Konzept einer “Intelligibilität der Naturordnung selbst - Intelligibilität von innen” (ebd.). Diese Intelligibilität wird für Nagel von Gott gewissermaßen absorbiert. Gott wird zum Ort eines stellvertretenden Verständnisses. Er allein vermag die Welt zu durchschauen, für uns bleibt sie im Innersten verschlossen, weil sie aus der für uns natürlich opaken Freiheit Gottes hervorgegangen ist und bestimmt wird.

Es ist übrigens auch diese Intelligibilität, die im Konzept Nagels die produktive Stelle besetzt, die im Evolutionismus der Zufall einnimmt. Theismus und Darwinismus haben gemeinsam, dass sie die Intelligibilität aus der Welt verdrängen, nur eben nach verschiedenen Seiten hin und auf verschiedene Weise, das eine Mal durch die Freiheit Gottes, das andere Mal durch den Zufall der Mutation.

Die Verortung der Intelligibilität

Was ist von dieser Kritik am Theismus zu halten? Abgesehen davon, dass sie erfrischend anders ist als das ausgelutschte Thema der Theodizee und deshalb neue Bahnen des Nachdenkens zu eröffnen vermag, sei zunächst einmal der simple Hinweis auf Menschen erlaubt, die den Gottesgedanken ganz anders erfahren haben. C.S. Lewis schreibt in seinem Essay Ist Theologie Dichtung?: “Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann” [7]. Dass Lewis hier von Christus, nicht von Gott spricht, braucht uns nicht weiter zu stören, denn in diesem Zusammenhang ist der Christusglaube nichts anderes als ein fortgeschrittener Gottesglaube. Tatsächlich hat ja Lewis diese innere Entwicklung vom Atheismus über den Gottesglauben zum Christentum durchgemacht. Wichtiger ist die Tatsache, dass er diese Entwicklung exakt am Leitfaden jener Fragen durchmachte, mit denen sich Nagel beschäftigt. Ähnlich wie Nagel bezweifelt er die Fähigkeit des Darwinismus, einen Begriff von Vernunft zu etablieren, deren Erkenntnisansprüche gerechtfertigt werden können. Einerseits ist die Vernunft gemäß dem Darwinismus nichts anderes als “ein unvorhergesehenes und unbeabsichtigtes Nebenprodukt unbelebter Materie in einem Stadium ihrer endlosen und ziellosen Bewegung” (S. 54), andererseits wird die Vernunft in Anspruch genommen, um allgemeine, das ganze Universum betreffende Rückschlüsse aus gemachten Beobachtungen zu ziehen: “Das gesamte Bild [sc. der Wissenschaft; Anm. ER] behauptet, auf Rückschlüssen aus gemachten Beobachtungen zu basieren. Wenn kein Rückschluß möglich ist, löst sich das Bild auf. Solange wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Wirklichkeit im entferntesten Nebelfleck, im entferntesten Teil des Universums den Gedanken und Gesetzen des menschlichen Wissenschaftlers hier und jetzt in seinem Labor gehorcht (...), liegt alles in Scherben” (ebd.).

Während Nagel daraus schließt, dass Geist und Materie von Anfang an verknüpft sein müssen, leitet Lewis die Absolutheit der Vernunft daraus ab: “- das heißt, solange die Vernunft nicht absolut ist -”, schiebt er an der ausgelassenen Stelle im letzten Zitat ein. Tatsächlich ist ja nicht einzusehen, warum die Wirklichkeit im entferntesten Nebelfleck der Vernunft des einzelnen, in seiner Existenz höchst kontingenten und zeitlich begrenzten Wissenschaftlers soll gehorchen können, wenn diese individuelle Vernunft nicht die Instantiierung einer allgemeinen Vernunft ist, die als absolute Vernunft real und für die Vernunftgemäßheit des Universums verantwortlich ist.

Anmerkungen:

[1] Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature Is Almost Certainly False, Oxford University Press 2012 (deutsch: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin: Suhrkamp 2013).

[2] What Is It Like to Be a Bat?, in: Philosophical Review 1974, dt.: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? in: Douglas R. Hofstadter/Daniel C. Dennett, Einsicht ins Ich, Stuttgart 1981, S. 375-388.

[3] Das letzte Wort, Stuttgart: Reclam, 1999, S. 194; engl. Original: The Last Word, New York/Oxford: Oxford University Press, 1997.

[4] The View from Nowhere, New York / Oxford: Oxford University Press, 1986; dt.: Der Blick von nirgendwo, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992.

[5] Robert Nozicks, The Nature of Rationality, Princeton N.J.: Princeton University Press, 1993.

[6] Siehe z.B. Wilson und Ruse, The evolution of ethics, in: New Scientist (17.10.1985), S. 50-52; Ruse, Evolutionary Ethics: A Phoenix Arisen, in: Zygon 21 (1986), S. 95-112; Ruse, Noch einmal: Die Ethik der Evolution, in: Kurt Bayertz, Evolution und Ethik, Stuttgart: Reclam 1993, S. 153-165.

[7] Ist Theologie Dichtung?, in: C.S. Lewis, Der innere Ring und andere Essays, Basel/Gießen: Brunnen-Verlag 1991, S. 58; engl. Original: Screwtape proposes a toast, C S Lewis Pte Ltd 1959, 1965.

Fortsetzung auf der Startseite

Dieser Text erschien zuerst in AEMAET.
Eine englische Übersetzung erschien in der amerikanischen Ausgabe der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (Spring 2017).


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