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Eine Aufklärung über Aufklärer

Von P. Engelbert Recktenwald

Zum Gedenken an die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose, deren Mitglieder Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf wegen Verbreitung von Protest-Flugblättern unter Hitler zum Tode verurteilt worden waren, fand 1990 in München eine Gedenkfeier statt, auf der Arthur Kaufmann über die “Tapferkeit des Herzens” sprach. Er legte dar, wie jene Studenten diese Tapferkeit verwirklichten, die darin bestehe, sich um des Guten willen der Todesgefahr auszusetzen. Und dann bringt er ein Zitat des polnischen Schriftstellers Andrzej Szczypiorski, der selber im KZ Sachsenhausen interniert war, aus dessen Roman Die schöne Frau Seidenman: “Was ist diese größte und geheimste Weisheit des Menschen anderes, als das Gute gut zu nennen und das Böse böse? Darin übertraf er, der gewöhnliche Schneider ... viele ... Philosophen und Propheten” (zitiert in: Die Weiße Rose und das Erbe des deutschen Widerstandes. Münchner Gedächtnisvorlesungen, München 1993, S. 159).

Tatsächlich gibt es leider viele Philosophen, die diese Weisheit nicht besitzen und alle Anstrengungen unternehmen, um zu zeigen, dass es das Gute und Böse in Wirklichkeit gar nicht gebe. Zu ihnen gehört z.B. Michael Schmidt-Salomon, der Chef-Ideologe der neuen Atheisten in Deutschland. Ihm zufolge gibt es ebenso wenig gute und böse Menschen wie es gute und böse Mäuse gibt. Moralische Begriffe wie Schuld und Sünde haben nach ihm keine Existenzberechtigung (so in seinem Text Die Banalität von Gut und Böse, veröffentlicht auf seiner eigenen Homepage).

Abgesehen von der Verhöhnung, die eine solche Nivellierung des Unterschieds zwischen Bösen und Guten, verbrecherischen Tätern und unschuldigen Opfern enthält, stellt sich die Frage, wie er auf seine These kommt. Dahinter steht eine bestimmte Auffassung der Evolutionstheorie. Wenn sich die Evolutionstheorie auf jenen Bereich, für den die Naturwissenschaften zuständig sind, beschränkt, ist sie mit dem katholischen Glauben vereinbar. Schon Papst Pius XII. räumte ein, dass der Gedanke, der menschliche Leib sei das Ergebnis einer Evolution, mit dem Glauben vereinbar sei. Anders sieht es aus, wenn die Evolutionstheorie einen Universalanspruch erhebt, kraft dessen sie nicht nur die materielle Seite des Menschen, sondern auch alles andere einschließlich Bewusstsein, Handeln und Moral erklären will. Seriöse Wissenschaftler wissen um die Grenzen ihrer Methode. Im Standardlehrbuch Evolutionsbiologie von Volker Storch, Ulrich Welsch und Michael Wink werden z. B. die philosophischen Einwände gegen die von biologischer Seite vorgebrachte Leugnung der menschlichen Willensfreiheit anerkannt (S. 540). Auf der anderen Seite gibt es jene Atheisten, die die Evolutionstheorie zu einer Universalerklärung aufblähen, die auch vor der geistigen Wirklichkeit des Menschen und seiner Moralität nicht Halt macht. Für sie ist die Evolutionstheorie der Zauberschlüssel, der die Tür zu allen Erkenntnissen öffnet und Gott überflüssig macht. Sie propagieren, wie der Kulturjournalist Rolf Spinnler einmal bemerkt hat, “unter dem Deckmantel der Wissenschaft eine Weltanschauung” und betreiben damit einen “Etikettenschwindel”, den man aufdecken müsse.

Zu ihnen gehört Daniel Dennett, neben Dawkins der bekannteste Vertreter der neuen Atheisten. Er will in seinem Buch Darwins gefährliches Erbe mit Hilfe der Evolutionstheorie Bewusstsein, Moral und “alles, was Bedeutung hat”, erklären. So wird die Evolutionstheorie als Speerspitze eines Atheismus missbraucht, und zwar eines materialistischen Atheismus. Denn es ist ja ausschließlich Materie, was der Evolution als Ausgangsmaterial zur Verfügung steht. Leben, Bewusstsein, Vernunft, Moral sind in diesem Weltbild nichts anderes als Erscheinungsformen hoch entwickelter Materie.

Es ist nur folgerichtig, wenn Schmidt-Salomon auf diesem Hintergrund die Willensfreiheit des Menschen leugnet. Denn wenn der Mensch nur ein etwas komplexerer Materieklumpen ist, bleibt er wie jede Materie vollständig den Naturgesetzen unterworfen und ist in seinem Verhalten durch diese determiniert. In diesem Weltbild gibt es für den freien Willen ebenso wenig einen Platz wie für Gott. Aus dem Menschen als moralischem Subjekt, das für seine Handlungen Verantwortung trägt, wird für Schmidt-Salomon ein Organismus, der in seinem Handeln von den unbewussten Verhaltensroutinen des Gehirns gesteuert wird. Konrad Lorenz, der Begründer der vergleichenden Verhaltensforschung, hatte noch einen Unterschied zwischen dem moralischen Verhalten des Menschen und dem bloß moral-analogen Verhalten der Tiere gemacht. Wenn die Vogelmutter ihre Jungen füttert, folgt sie einem Instinkt. Wenn eine menschliche Mutter sich um ihr Kind kümmert, handelt sie moralisch. Die Mutterliebe ist ihr zwar ins Herz gegeben und hier mag man eine ererbte biologische Prädisposition anerkennen, dennoch ist sie frei, und jede Tat der Liebe gegenüber ihrem Kind entspringt immer wieder von neuem ihrer Entscheidung, dieser Liebe und nicht etwa dem Hang zur Bequemlichkeit oder anderen Neigungen zu folgen. Ihr Verhalten ist moralisch gut, weil sie ihre Pflicht vernachlässigen könnte und es trotzdem nicht tut. Sie ist für ihre Taten verantwortlich, im Guten wie im Bösen. Das macht den Unterschied zum Verhalten des Tieres aus. Genau diesen Unterschied leugnet Schmidt-Salomon.

Es ist nur folgerichtig, wenn auf diesem Hintergrund die Wörter “gut” und “böse” eine neue Bedeutung bekommen. Schmidt-Salomon spricht von ihrer Entzauberung. Was meint er damit?

Wenn wir ein Verhalten “böse” nennen, z.B. das Verhalten der Nazis, gegen welches die Studenten der Weißen Rose protestierten, dann meinen wir damit eine Qualität, die objektiv auf Seiten des Verhaltens besteht und aufgrund dessen dieses Verhalten verwerflich, verabscheuungswürdig und strafwürdig ist. Nennen wir ein Verhalten “gut”, so meinen wir damit eine Qualität, aufgrund derer dieses Verhalten lobenswert ist. Man nennt in der Philosophie diese Position “Wertrealismus”. Dieser Position zufolge ist der moralische Wert etwas Reales, auf den wir antworten, und zwar sowohl affektiv wie auch in der Tat. Affektive Antworten auf Böses sind etwa Entrüstung, Abscheu und Verachtung, auf Gutes Bewunderung, Dankbarkeit und Hochschätzung. Wie man in der Tat auf Böses reagiert, zeigt uns das Beispiel der Weißen Rose. Dieser Wertrealismus entspricht auch unserer Alltagsevidenz. Jeder normale Mensch ist in seinem Alltag Wertrealist.

Unsere neuen Atheisten dagegen wollen uns von unseren Alltagserkenntnissen befreien. Das nennen sie Aufklärung. Und ein wesentlicher Teil dieses Aufklärungsprogramms besteht darin, uns davon zu überzeugen, dass wir Opfer einer Illusion sind, wenn wir Werte für real halten. Der Grund dieser Illusion liegt nach ihrer Auffassung in unseren Genen. Die Evolution hat unsere Gene so programmiert, dass wir ein Verhalten, das dem Überleben unserer Gene förderlich ist, z.B. Altruismus und Kooperation, für gut halten. Dieses Gutsein ist nicht ein wahrer Wert auf Seiten des Verhaltens, sondern bloß ein Nimbus, mit dem es von den Genen umgeben wird, um uns zu diesem Verhalten zu motivieren. So meinen z.B. Edward O. Wilson und Michael Ruse: “Was wir unter Moral verstehen, ist eine Illusion, die uns unsere Gene vorgaukeln, damit wir kooperieren” (zitiert in: Christian Illies, Philosophische Anthropologie im biologischen Zeitalter; Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 225).

Zum zweiten Teil

Der Artikel erschien zuerst im Vatican-Magazin 11/2014


Recktenwald: Das Gewissen zwischen Vision und Illusion

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