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Joseph Geyser als Psychologe

Von Prof. Dr. Max Ettlinger

Der Philosoph Joseph Geyser (1869-1948) ist heute weithin unbekannt. Dass das zu seinen Lebzeiten anders war, zeigt die Festschrift, die Fritz-Joachim von Rintelen (1898-1979) zum 60. Geburtstag Geysers herausgab. In zwei Bänden vereinte sie auf 1244 Seiten unter dem Titel Philosophia Perennis. Abhandlungen zu ihrer Vergangenheit und Gegenwart 68 Beiträge zeitgenössischer Gelehrter, darunter Etienne Gilson, Jacques Maritain, Reginald Garrigou-Lagrange, Martin Grabmann, Joseph Maréchal, Peter Wust, Antonin Sertillanges, Richard Hönigswald und Dietrich von Hildebrand.

Wir entnehmen dieser Festgabe den Beitrag von Max Ettlinger (1877-1929) über Joseph Geyser als Psychologe, der ein interessantes Licht auf die Lage der Philosophie zu Anfang des 20. Jahrhunderts wirft.

Der Herausgeber Fritz-Joachim von Rintelen stellte dem Beitrag folgende Notiz voran:

Wir trauern um den uns im Herbst 1929 durch den Tod so frühzeitig entrissenen Max Ettlinger, der ein weithin geschätzter Gelehrter und eine allseits verehrte, hochstehende Persönlichkeit war. - Vorliegender Aufsatz ist von ihm noch auf dem Krankenlager diktiert worden. Gern hat der Herausgeber dem bereits schwer Leidenden persönlich die Zusicherung gegeben, die Veröffentlichung dieser seiner letzten Zeilen zu übernehmen. F.-J. v. R.

An Joseph Geysers heutiger erfolgreicher Wirkungsstätte, im lieben alten München, fand sich vor mehr als 30 Jahren ein für die damalige Zeit überraschend großer und reger Kreis von Studierenden der “reinen Philosophie” zusammen, aus dem inzwischen eine ansehnliche Zahl selbständiger Denker und namhafter Forscher hervorgegangen ist. Wer in diesem, von echt philosophischem Eros beseelten, durch keinerlei Schul- oder Parteifanatismus beengten Kreis heimisch werden durfte, gewahrte bald als dessen Mittelpunkt die ungewöhnlich anregende Lehrerpersönlichkeit von Theodor Lipps. Er spornte nicht nur durch den unermüdlich bohrenden Scharfsinn seiner psychologischen Analysen die Spannkraft jugendlicher Geister zum Wetteifer an, sondern stand im Begriff, sich gerade damals, selbst ständig mit den letzten Problemen ringend und zu jeder grundsätzlichen Aussprache bereit, den Weg von seinem ursprünglichen Psychologismus zu einer eigenartigen Seelenmetaphysik zu bahnen. In diesen Auseinandersetzungen mit Lipps und um Lipps, bei denen Vertreter mannigfacher wissenschaftlicher Standpunkte zugegen waren, beteiligten sich lebhaft in jenen Übergangsjahren eine nicht geringe Anzahl junger katholischer Philosophen, die zwar zunächst meist in einem engeren Schülerverhältnis zu dem neuscholastischen Staatsphilosophen und Philosophiehistoriker Georg von Hertling standen, aber wie dieser von Brentano und Lotze so wesentlich angeregte Denker alsbald die allgemein philosophische Tragweite jener psychologischen Diskussionen erkannten. Besonders selbstständig in diesem engeren Kreise war unser heutiger Jubilar, Joseph Geyser, uns Jüngeren nicht so sehr imponierend durch die unsichtbare Gloriole des “römischen Doktors”, den er bereits von der Gregoriana mitbrachte, als durch die überlegene Begriffsklarheit und Urteilsschärfe, mit denen er, in der Disputationskunst stärker als wir anderen geschult, bei aller froh symbolisierenden Kameradschaft seine Thesen und Konklusionen aufs nachdrücklichste aufrecht zu erhalten verstand. Mehr noch als diese damals schon zutage tretende Begabung für die formale Gedankenführung war es aber die sachliche Aufgeschlossenheit für jede wirklich wertvolle Erkenntnis, die rückhaltlose Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit neu auftauchenden ernsthaften Problemen, durch die sich uns Geyser bald als ein berufener und befähigter Vertreter der neuscholastischen Denkweise erwies; jenes Standpunktes, der ja in Männern wie Gutberlet und Fröbes, Mercier, Gemelli u. a. gerade den Fortschritten der empirisch-psychologischen Forschung stets gerecht zu werden verstanden hat und gegenüber den Verengerungstendenzen positivistischen oder psychologischen Überspezialistentums stets den unlöslichen Zusammenhang psychologischer Grundprobleme mit den Wesens- und Prinzipienfragen der “prima philosophia” aufrecht zu erhalten wußte.

Noch in dem bisher letzten seiner Beiträge zu den seelenkundlichen Grundfragen, in seinen “Untersuchungen zur Natur des Bewußtseins” (1925 f.), hat Geyser diese unlösliche Verflochtenheit der psychologisch-philosophischen Problematik ausdrücklich hervorgehoben: “Alle diese Probleme liegen so, daß, sobald man sich daran macht, eines derselben ernstlich und gründlich anzufassen, man schon bald sich vor immer andere und neue Probleme gestellt sieht, so daß man leicht ein ganzes Menschenleben mit dem Versuch ihrer endgültigen und völligen Bewältigung ausfüllen könnte.” Mit diesen Worten hat Geyser ein gutes Stück seines eigenen wissenschaftlichen Lebensprogrammes bekannt. Er hat seine grundsätzliche Auffassung von den Aufgaben der Psychologie als Wissenschaft im gleichen Zusammenhang noch näher in Worten ausgesprochen, die gerade in den Tagen einer “Krise der Psychologie” doppelt zu denken geben: “Eine Psychologie, die den mannigfaltigen von uns erwähnten Problemen methodisch nachgeht, wird mit Sinn und Recht eine philosophische Psychologie zu nennen sein. Aber ich sehe in ihr keinen prinzipiellen Gegensatz zur sogenannten empirischen Psychologie; denn sie schließt notwendig die gesamte, wissenschaftlich gesicherte und geklärte psychologische Erfahrungserkenntnis ein, wie umgekehrt die letztere ohne die philosophischen Problemstellungen und ihre Lösungen ein bloßes Baugerüst bleibt.”

Solche von Geyser immer festgehaltenen und durchgeführten Grundansichten treten uns bereits in der frühesten seiner psychologischen Spezialarbeiten ganz deutlich entgegen: seine Münchener Doktorschrift handelt, angeregt durch einen Vortrag von Oswald Külpe auf dem Internationalen Psychologenkongreß 1896 zu München, vom “Einfluß der Aufmerksamkeit auf die Intensität der Empfindung” und zwar in der Absicht, in dieser schon von den Begründern der neueren Experimentalpsychologie vielumstrittenen Frage einmal die meistverwendeten Grundbegriffe klarzustellen und dann eine Problemlage herbeizuführen, die zu weiteren exakten Untersuchungen Anregung gibt, Untersuchungen, bei denen “der Weg begrenzter und die Gefahr des Abirrens geringer” geworden ist. Bereits Lipps hatte in kritischer Auseinandersetzung mit verschiedenen experimentellen Arbeiten dieses Fragengebietes auf genauere Unterscheidung von vier Begriffen gedrungen: Intensität der Empfindung, Verwandlung einer Vorstellung in eine Scheinempfindung, Erhebung eines Unbewußten ins Bewußtsein, gesteigerte Bewußtseinsenergie eines Sinneseindrucks. Nach Geyser können durch den Einfluß der Aufmerksamkeit nur die drei letztgenannten Wirkungen zustande kommen, aber keine direkte Intensitätssteigerung der Empfindung; er deutet entsprechend einige vermeintlich abweichende Experimentalergebnisse, soweit nicht veränderte Adaptation der Sinnesorgane im Spiele ist, psychologisch um.

Daß es Geyser trotz der schon in dieser Arbeit zutage tretenden gründlichen Kenntnis der seelenkundlichen Spezialforschung letzten Endes immer um die großen theoretischen Grundfragen zu tun ist, erweist bereits 1902 die von dem jungen Bonner Privatdozenten veröffentlichte “Grundlegung der empirischen Psychologie”. Es ist ihm darin offensichtlich weit mehr als um irgendwelche Sondertheoreme, sondern um eine allgemeine methodologische Rechtfertigung der Psychologie als Erfahrungswissenschaft zu tun und vor allem auch um ihre Unterscheidung von der Naturwissenschaft nach Gegenstand und Methode, wozu die Klärung der wesentlichsten psychologischen Grundbegriffe wie Bewußtsein, Ich, Seele, Inhalt, Akt und dergleichen unerläßlich erschien. Mit Nachdruck verwahrt sieh Geyser gegen den Versuch mancher einfältigen Experimentalpsychologen, die Tragweite solcher begrifflichen Klarstellungen zu verkennen und faßt überhaupt die von ihm angestrebte “empirische Psychologie” in jenem allgemeineren deskriptiven Sinne auf, für den ihm nun außer Lipps namentlich Brentano vorbildlich erscheint; auch die damals noch wenig gewürdigten Gedankengänge von Husserls “Logischen Untersuchungen” kommen in Geysers Auseinandersetzung mit der positivistischen Beschränkung des Erfahrungsbegriffes hilfreich zur Geltung. Von den allgemeinen Thesen dieser zu wenig beachteten Geyserschen Frühschrift sei hier nur die wichtigste hervorgehoben: die spezifische Daseinsweise des Bewußten ist nach ihr weder die Daseinsweise einer Substanz noch einer Qualität, sondern “der reinen Relationsexistenz gewußter Gebilde”, und darum ist zu solchem Relationsdasein des Bewußten oder Phänomenalen die Existenz einer realen Psyche notwendig, die zu ihm nicht sowohl in der Beziehung der Substanz als vielmehr in der reinen Relation des einen wissenden Subjekts und der einen inneren Ursache steht.

Wie wenig Geyser bei dieser vorwiegend theoretischen Einstellung die Ergebnisse methodisch einwandfreier seelenkundlicher Experimental- Forschung unterschätzt, zeigt u. a. seine Auseinandersetzung mit einer nur auf unzulänglichen Alltagsbeobachtungen fußenden Arbeit von Moskiewicz “Zur Psychologie des Denkens” (1910) im Archiv für die gesamte Psychologie und mehr noch seine, die wichtigsten Ergebnisse der Würzburger experimentellen Denkpsychologie sympathisch würdigende “Einführung in die Psychologie der Denkvorgänge” (1909), in der er zugleich die pädagogischen Nutzanwendungen aus den neuen Ergebnissen zieht. Grundlage aller denkpsychologischen Erkenntnis, so betont Geyser schon in dem erstgenannten Aufsatz, muß immer “eine möglichst genaue und erschöpfende phänomenologische Analyse der Denkvorgänge” bleiben, und zwar vor allem die genaue Analyse der Beziehungserkenntnis, für die ihm Brunswigs Arbeit als wesentlicher Fortschritt gilt. Eine solche genaue Analyse ist aber “ohne exakte, womöglich experimentell geleitete und kontrollierte Selbstbeobachtung undurchführbar”. Gerade die nähere Beschäftigung mit den Problemen der Denkpsychologie hat Geyser besonderen Anlaß gegeben, um so klarer zwischen dem, was Psychologie und was Logik über das Denken zu sagen haben, zu scheiden, und gegenüber allem Psychologismus in der Logik die Grenzen klar zu ziehen, wie er dies nachmals auch in seinen Schriften über “Wahrheit und Evidenz” und in den “Logischen Streitfragen” getan hat.

Mochten dem scharfen Logiker Geyser auch die Probleme der Denkpsychologie besonders naheliegen, so hat er sich doch nicht minder eine allseitige und bis ins Einzelne gehende Beherrschung der empirischen Forschungsergebnisse erarbeitet und diese Gesamtsumme seines psychologischen Wissens mit seinen theoretischen und metaphysischen Grundansichten in allseitigen Einklang zu setzen verstanden. Davon zeugt kein Werk so eindrucksvoll und immer aufs neue anregend wie sein seit 1908 in dritter Auflage erschienenes und zu zwei stattlichen Bänden erweitertes “Lehrbuch der allgemeinen Psychologie”, unseres Erachtens ein bis heute noch kaum übertroffener Versuch, das ganze, fast unübersehbare Tatsachenmaterial seelenkundlichen Wissens “zu einem einheitlichen, systematisch geordneten Lehrgebäude” zu vereinigen. Es besteht keine Möglichkeit, die Gedanken dieses auf der neuscholastischen Tradition selbständig weiterbauenden Werkes nur in kurzen Andeutungen zu umreißen. Die ständige kritische Auseinandersetzung mit den Vertretern abweichender Denkweisen mag vielleicht den Rahmen eines Lehrbuches überschreiten; aber der tiefer dringende Leser, der nicht nur eine Problemlösung kennenlernen, sondern die ganze Problemlage erfassen will, wird Geyser für diese mühsame Gedankenarbeit doppelt Dank wissen; denn ganz gewiß gilt gerade in der theoretischen Psychologie Geysers Grundsatz zu Recht: “Wer nicht weiß, wie andere über eine Frage denken, weiß im Grunde auch nicht, wie er selbst über sie denkt.” Nur ein einziger, besonders markanter und im besten Sinne moderner Grundzug des Geyserschen Werkes sei hier noch eigens hervorgehoben: das ist die darin folgerichtig durchgeführte psychogenetische Ordnungs- und Erklärungsweise der Bewußtseinsphänomene, wobei in voller Unbefangenheit auch die Theoreme biologischer Entwicklungstheoretiker ihre sachgemäße Auswertung erfahren. Gerade in dieser Auswertung des Entwicklungsgedankens für das Verständnis des menschlichen Seelenlebens erweist sich Geyser als ein echter Jünger des Aristoteles dem Geiste, nicht dem Buchstaben nach. Die metaphysischen Schlußbetrachtungen des ganzen weitschichtigen Werkes über Substanzialität, Geistigkeit und Unsterblichkeit der menschlichen Seele gewinnen bei Geyser eine um so festere Grundlage durch die in der vorangegangenen Gesamtdarstellung festgehaltene Hauptlehre, daß alles Seelenleben sich in seiner Gesamtentwicklung von ursprünglicher psychophysischer Gebundenheit zu “immer größerer Freiheit von der Materie” stufenweise erhebt, in den drei Hauptabstufungen “der psychophysischen, der psychophysiologischen und der rein psychischen Vorgänge”. Mag im Gebiete des höheren Seelenlebens neben der Denkpsychologie die Willenspsychologie bei Geyser auch verhältnismäßig zurücktreten, so darf doch nicht unerwähnt bleiben, daß er in diesem, wie in anderen Werken, dem metaphysischen Grenzproblem der Willensfreiheit eine eingehende und selbständige, freilich stark intellektualistisch gefärbte Erörterung gewidmet hat. Letzten Endes ist es unserem Denker hier wie überall um die metaphysische Wesenserkenntnis des Seelischen zu tun.

Diese seine Metaphysik des Seelenlebens hat Geyser unter Entlastung von dem großen wissenschaftlichen Apparat seines Hauptwerkes kurz zusammengefaßt in der gehaltvollen Schrift über “Die Seele, ihr Verhältnis zum Bewußtsein und zum Leibe”, die 1914 der Meinerschen Sammlung “Wissen und Forschen” eingereiht wurde. Das Verhältnis der Seele zu den Bewußtseinsinhalten wird hier in einer von der Frühschrift aus 1902 bemerkenswert abweichenden Weise dahin bestimmt, daß “eine dreifache Realbeziehung des Seinssubstrates, des wahrnehmenden Subjektes und der tätigen immanenten Ursache” besteht, gemeinverständlicher ausgedrückt: die Seele ist “Wurzel, Zuschauer und Täter der mannigfaltigen Vorgänge, die im geistigen Innern des Menschen sich abspielen”. Demgemäß ergibt sich unserem Denker die Wesensdefinition der Seele als “eines im Menschen lebenden Einzelwesens, das die Zustände des Vorstellens und Fühlens sowie die Tätigkeiten des Denkens und Wollens in sich trägt und sich dieser seiner Lebensvorgänge bewußt ist”, und entsprechend gewinnt schließlich Geyser eine Stellung zum Leib-Seele-Problem, die ebensowohl den einseitigen Parallelismus wie die extreme Wechselwirkungstheorie im Sinne einer neuaristotelischen “Unionstheorie” eigenartig auszugleichen unternimmt.

Den Wissensstand der Psychologie im ganzen genommen faßt 1922 Geysers “Abriß der Psychologie” knapp zusammen, ohne etwa nur einen Auszug aus dem größeren Lehrbuch zu bieten. Auch hier betont er seine Grundauffassung von der Psychologie als einer einheitlichen Wissenschaft, “die sich im philosophischen Geiste nur durch organische Verbindung empirischer und metaphysischer Untersuchungen als Wissenschaft aufbauen und entwickeln läßt".

Als bisher letzte und reifste Frucht der unablässig sich vertiefenden und berichtigenden Denkbemühungen um die eigentlichen Grundfragen seelenkundlicher Erkenntnis sind unlängst in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik Geysers schon eingangs erwähnte “Untersuchungen zur Natur des Bewußtseins” erschienen. Es wäre eine fesselnde Aufgabe, näher darzutun, wie in diesen theoretischen Erörterungen, die doch “keine endgültigen Erkenntnisse” zu bringen beanspruchen, sondern nur “Anregungen, grundlegende Probleme einer wahrhaft wissenschaftlichen Psychologie sehen und den Versuch zu ihrer Lösung unternehmen” wollen, die gleichen prinzipiellen Fragen und Auseinandersetzungen sich fortentwickeln, die Geyser schon in seinen Frühwerken am Herzen lagen. Er kommt hier wieder auf das Aufmerksamkeitsproblem zurück, dessen zentrale Bedeutung für jede Bewußtseinstheorie er bereits in seiner Doktorschrift erkannt hatte; er nimmt Külpes hinterlassene “Vorlesungen über Psychologie” zum Anlaß, sich neuerdings für die unreduzierbare Einheitlichkeit des geistigen Ich gegenüber jeder Komplextheorie einzusetzen und findet dabei neue glückliche Instanzen in der Tatsache, daß die geistigen Akte, “mindestens soweit sie fundierend sind”, nur zeitlich nacheinander wirklich werden können; und am bemerkenswertesten ist es vielleicht, daß Geyser nunmehr seine früher ausdrücklich “reservierte Haltung” gegenüber dem Problem des seelisch Unbewußten aufgibt und die Annahme unbewußter geistiger Akte damit rechtfertigt, daß in dem “Bewußtsein der Akte ein von ihnen selbst verschiedener eigener Akt, der ‘Wahrnehmungsakt’” unterschieden werden muß. Unser Bewußtsein, so lautet die im eigentlichsten Sinne vitale Haupttheorie dieser neuesten Untersuchungen, besteht überhaupt nie in einem rein augenblicklichen Dasein der Inhalte unseres Seelenlebens, sondern ist immer ein zeitlich ausgedehnter Prozeß, ein Lebensprozeß, in welchem die einzelnen, sich ständig bewegenden Bewußtseinsinhalte “in auf- und absteigender Entwicklung präsent werden”.

In den letzten Jahren hat schließlich Geyser noch einem Sondergebiet der Psychologie sein Augenmerk zugewendet, dessen steigende Bedeutung er bereits 1908 vorausgesehen hatte: der Religionspsychologie. Er hat eine Reihe vielgerühmter religionsphilosophischer Werke der jüngsten Jahre zum Anlaß genommen, einmal deren psychologische Grundvoraussetzungen des näheren nachzuprüfen. Zuerst geschah dies 1912 in einer knappen Auseinandersetzung mit Rudolf Ottos Buch “Das Heilige” unter dem Titel “Intellekt oder Gemüt?”, wobei namentlich die unzureichenden Gefühlsanalysen des Marburger Theologen eine beachtenswerte Kritik erfuhren. Ausführlicher und schärfer nahm dann 1924 Geyser zu Max Schelers “Phänomenologie der Religion” Stellung. Man kann wohl sagen, daß hier zwei geistige Antipoden der seelenkundlichen Grundeinstellung aufeinander stoßen, die in ähnlicher Weise um den Vorrang des Erkenntnisaktes oder des Lebensaktes im religiösen Bewußtsein sich streiten wie schon die mittelalterlichen Denker um den Vorrang von Intellekt oder Willen diskutiert haben. Aber bei dieser Kontroverse bleibt Geyser nicht stehen, sondern er dringt wesentlich tiefer. Er sucht die seelenmetaphysischen Grundvoraussetzungen aufzudecken, auf denen der Schelersche Personbegriff letzten Endes beruht und bringt denselben in Zusammenhang mit den modernen Ersatzversuchen des substantiellen Seelenbegriffes durch eine sogenannte Aktualitätstheorie (Wundts u. a.), ohne dabei Schelers gelegentliche Äußerungen andersartigen Sinnes zu übersehen.

Gleich den systematischen Untersuchungen erweisen die psychologischen Streitschriften Geysers, wie unerläßlich klare Grundbegriffe und systematische Folgerichtigkeit der Gedankenentwicklung für allen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt bleiben, und wie sehr gerade dort darauf gedrungen werden muß, wo - wie in der Psychologie unserer Tage - eine krisenhafte Begriffsverwirrung einzureißen droht. Geysers Scharfsinn hat uns auf seelenkundlichem Gebiet eine Reihe von Werken gespendet, die wesentlich dazu beitragen werden, aus dem Trüben wieder ins Klare zu kommen. Darin ist, über alle Einzelleistung hinaus, sein Hauptverdienst um die Psychologie als Wissenschaft zu erkennen.


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