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Von Sartre lernen

Von John T. Mullen

Jean-Paul Sartre ist nicht, um es höflich auszudrücken, ganz oben in der Bücherliste eines Menschen, der in seiner Frömmigkeit wachsen möchte. Genau genommen wären die meisten schockiert, wenn jemand sagen würde, dass er überhaupt in diese Liste gehört. Sein Atheismus würde die ängstliche Seele verunsichern, seine Widersprüche würden den Logiker verwirren und erzürnen und sein schrankenloser Redeschwall würde jeden zu Tode langweilen. Dennoch, obwohl es wahr ist, dass der größte Teil seiner Werke eine erschreckende Wüstenlandschaft bildet, gibt es doch kurioserweise ein Element in seinen Gedankengängen, das für den Gläubigen höchst nützlich ist – und dies in einem Bereich, in dem Hilfe am stärksten benötigt wird. Diese Not wird von christlichen Schriftstellern häufig nicht wahrgenommen, sodass sie es ironischerweise einem Atheisten überlassen haben, diese Not unwissentlich tiefgründig zu thematisieren. Erlauben Sie mir, dies kurz zu erklären.

Jeder, der es sich ernsthaft zum Ziel genommen hat, Christus zu folgen und Ihm ähnlich zu werden, entdeckt schnell, wie schwierig sich dies gestaltet. Hindernisse gibt es überall, besonders in der eigenen Sündhaftigkeit. Genau genommen besteht die Motivation zur Christusnachfolge in erster Linie gerade darin, sich von der Sünde, die das Leben zerstört und Gott beleidigt, zu lösen. Folglich sind wir dazu angehalten, uns von unserer Sünde abzuwenden, was wir tun, indem wir uns von verschiedenen Aktivitäten fernhalten, von denen wir wissen, dass sie sündhaft sind, und indem wir andere unternehmen, von denen wir wissen, dass sie gut sind. So weit, so gut, aber es bleibt doch ein nagendes Unbehagen. Unser Verhalten mag besser geworden sein, aber wie viel echtes Wachstum der Heiligkeit hat stattgefunden? Das Gefühl, dass wir nur die Oberfläche des Problems angekratzt haben, erzeugt ein tiefes Verlangen, zum Grund der Sünde vorzustoßen und sie in ihrem innersten Kern zu bekämpfen. Aber wie? Was genau ist der innerste Kern der Sünde? Wenn wir dies wüssten, könnten wir uns viel besser auf den Kampf vorbereiten.

Christliche Theologen haben diese Frage oft thematisiert. Das bekannteste Beispiel ist Augustins Erzählung, wie er in seiner Jugend Birnen stahl; eine Passage, die in der westlichen Welt lange Zeit viel gelesen wurde. Augustinus war davon überzeugt, dass er deswegen so großes Gefallen an der Tat hatte, weil sie verboten war. Die Birnen an sich waren für ihn nicht wichtig. Seine Analyse ist eine kühne Vorwegnahme Sartres:

“Verkehrt ahmen [Ihn] die nach, die sich von [Ihm] entfernen und sich gegen [Ihn] erheben. Aber selbst dadurch, daß sie [Ihn] nachahmen, geben sie zu erkennen, daß [Er] der Schöpfer der ganzen Welt ist und man sich deshalb nicht völlig von [Ihm] lossagen kann. ... war es die Lust des Gefangenen, im ungestraften Treiben des Verbotenen mir Freiheit, eine verkrüppelte Freiheit vorzuspielen, als ich nur das schattenschwarze Spottbild von Allmacht war?” (Aug. conf. II,6)

Augustinus realisierte, dass das Wesen der Sünde darin besteht, sich an die rechtmäßige Stelle Gottes zu setzen, um auf eine Art und Weise wie Er zu sein, die für Seine Kreaturen unmöglich ist. Gewöhnlich beinhaltet dieser Versuch die Leugnung der Autorität Gottes über Seine Kreaturen und Seiner Macht, ihrem Verhalten Grenzen zu setzen. Manchmal werden alle kreatürlichen Grenzen geleugnet. Auch Sartre folgte, wie wir sehen werden, diesem Ansatz.

Wenn die Natur der Sünde schon so lange erkannt wurde, könnte man fragen, was ein Atheist wie Sartre überhaupt zu unserem Sündenverständnis beitragen kann? Sein „Beitrag“ besteht darin, dass er das Wesen der Sünde zur Grundlage eines philosophischen Systems gemacht hat. Er gibt dies zu, wenn er sagt, dass „der Existentialismus nichts anderes ist als der Versuch, ein umfassendes Konzept aus einer konsequent atheistischen Position heraus zu entwickeln.“ Oder an anderer Stelle: „Der Mensch ist nichts anderes als was er aus sich selbst macht. Das ist das erste Prinzip des Existentialismus.“ Bei der Entwicklung seines Gedankengangs beginnen wir zu erkennen, wie die Sünde uns auf Arten und Weisen beeinflusst hat, die wir nicht einmal bemerkt haben. Dies ist eine wichtige Information für jeden, dessen größtes Verlangen darin besteht, die Sünde hinter sich zu lassen, und es hilft ihm, sich darauf zu konzentrieren, was Sünde wirklich ist. Natürlich ist sich Sartre der Hilfestellung, die er der christlichen Kirche gibt, nicht bewusst.

Der Eckstein seiner Philosophie ist die Eigenständigkeit der menschlichen Freiheit. Er sagt sehr deutlich, was er mit Freiheit meint. Für Sartre ist Freiheit nichts anderes als die Fähigkeit, sich selbst zu definieren, zu bestimmen, was man ist. Alles außerhalb des eigenen Selbst, das irgendeinen Einfluss auf das Sein ausübt, wird als Einschränkung der Freiheit empfunden. Er erklärt dies so: „Es ist daher sinnlos sich beschweren zu wollen, da nichts Fremdes darüber entschieden hat, was wir fühlen, wie wir leben oder was wir sind. Mehr noch ist diese absolute Selbstverantwortung nicht Resignation. Es ist einfach die logische Voraussetzung für die Konsequenzen unserer Freiheit.“

Dies führt Sartre dazu, zwischen dem „In-sich-selbst-Sein“, dem die Freiheit fehlt und das nicht wählen kann, was es ist, und dem „Für-sich-selbst-Sein“, welches sich immerwährend selbst bestimmt und daher keine festgelegte Natur hat, zu unterscheiden. Der Mensch, sagt Sartre, ist das letztere: „Es gibt keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, der sie geschaffen hätte.“ Das heißt, der Mensch ist in einem konstanten Prozess, das zu werden, was er noch nicht ist. Da Sartre nicht sagen kann, dass der Mensch zu irgendeiner Zeit etwas Konkretes ist, setzt er das menschliche „Für-sich-selbst-Sein“ dem Nichts gleich. Es ist amüsant zu sehen, dass jene, die die Souveränität der menschlichen Freiheit voraussetzen, dahin gelangen, dass sie zugeben müssen, dass sie wie Nichts sind. Doch es ist wichtiger zu sehen, dass Sartres Schlussfolgerung willkürlich ist. Der Startpunkt seiner Argumentationen wird nie begründet.

Das offensichtliche Gegenargument an diesem Punkt ist, dass, wenn der Mensch immer solch eine absolut-existentielle Freiheit besitzt, es keinen Grund gibt, von einer Behinderung der Freiheit zu sprechen. Denn auf der einen Seite sagt Sartre uns, dass „der Mensch dazu verdammt ist, frei zu sein“, was aber impliziert, dass es uns nicht möglich ist, die Freiheit zu verlieren. Doch auf der anderen Seite klagt er ständig über die Unfähigkeit des Menschen die Hürden zu überwinden, die ihm seine Freiheit verweigern, wie seine Vergangenheit, seine Umwelt, andere Menschen (mehr dazu später) und vor allem der Tod. Dies ist genau der Punkt, warum Sartre das Wort „verdammt“ benutzt. Er sagt tatsächlich, dass wir immer darum kämpfen müssen, eine Freiheit zu behalten, die wir niemals verlieren können.

Bemerkenswert ist die uneingeschränkte Übernahme göttlicher Attribute in Sartres Sicht der menschlichen Freiheit. S.U. Zuidema fasst Sartres Position folgendermaßen zusammen:

“Genau genommen läuft dies auf die „Derealisierung“ des Selbst von seiner eigenen Kontingenz hinaus, und auf die Inkorporierung der ‘Realität’ in das Reich des souveränen Selbst; …auf die Aktualisierung und Realisierung der Herrschaft und der formschaffenden Macht des Menschen über die Realität; auf die kulturelle Pflicht des Menschen, in welcher er die Realität seiner eigenen Dienstbarkeit unterstellt, von ihr Besitz ergreift, sie sich einverleibt, sie regiert, sie beherrscht, sich zu ihrem unumstrittenen Meister macht.”

Das ist reine Sünde, wenn man diese zwei Wörter überhaupt ohne einen Widerspruch oder Blasphemie aneinanderreihen kann. Die meisten Leute mit einer ähnlichen Position versuchen drum herum zu reden, um sie weniger rebellisch erscheinen zu lassen. Doch Sartre zögert nicht, auf den Punkt zu kommen und uns zu sagen, dass er das Zentrum der Welt sein will: „Der beste Weg, das höchste Streben des Menschen zu beschreiben ist es zu sagen, dass der Mensch das Wesen ist, dessen Ziel es ist, Gott zu sein. … Der Mensch selbst ist im Grunde das Verlangen Gott zu sein.“ Dies ist auf eine verworrene Weise erfrischend. Es ist die beste Verwirklichung von Augustins „schattenschwarzem Spottbild von Allmacht“. Wir brauchen nicht lange darüber nachzudenken, was Sartres Ziel ist. Aber warum, mag mancher fragen, können wir an diesem Punkt Sartre nicht einfach zur Seite legen und uns stattdessen den Sonntagscartoon in der Zeitung ansehen? Die Antwort ist, weil Sartre noch weiter geht und analysiert, wie sich das Verlangen nach Allmacht im Leben manifestiert, und diese Analyse ist bedeutsam für jeden, der zugibt, dass das Verlangen, Gott zu sein, noch in ihm schwelt. Sie dient als ein Katalog der Symptome, die sich zeigen, wann immer diese Krankheit ausbricht.

Sartre spricht auch von einer dritten Kategorie des Seins, des „Seins für andere“. Dies scheint auf den ersten Blick eine Verbesserung zu sein, da es so aussieht, als wenn der Mensch irgendein Ziel außerhalb seiner selbst habe. Doch in Sartres Welt ist das „Sein für andere“ eine Katastrophe. Man muss im Hinterkopf behalten, dass Sartre sich für allmächtig hält. Das letzte, mit dem jemand wie er konfrontiert werden möchte, ist etwas, über das er keine Kontrolle hat, denn dies ist ein unübersehbarer Beweis seiner eigenen Nicht-Allmächtigkeit. Sartre fühlt sich niemals direkt mit Gott konfrontiert, weswegen er (für eine Weile) damit davonkommt, Ihn zu leugnen, doch andere Menschen umgeben ihn direkt, und jeder einzelne besitzt seine eigene souveräne Freiheit in Konkurrenz zu der Sartres. Das ist unerträglich! Er bemerkt andere Menschen, wenn sie ihn ansehen (es ist natürlich schwer zu glauben, dass er sie nicht bemerkt, wenn sie ihn nicht ansehen). Auf jeden Fall ist es der Blick des Anderen, der die Illusion der Allmacht stört. Sartre ist für sich selbst reines Subjekt, aber der Blick eines anderen verwandelt ihn in das Objekt der Subjektivität des anderen und beraubt ihn daher seiner Illusion. Er existiert nun für einen anderen, und souverän frei seiende Wesen können nicht auf diese Weise leben. Sartre schreit seine Verzweiflung heraus:

“Mit dem Blick des Anderen entgleitet mir die ‘Situation’. Um einen alltäglichen Ausdruck zu verwenden, welcher unseren Gedanken besser ausdrückt, Ich bin nicht länger Herr meiner Situation … Das Erscheinen des Anderen dagegen verursacht das Erscheinen eines Aspektes in der Situation, den ich nicht gewünscht habe, über den ich nicht Herr bin und der mir grundsätzlich entgleitet, da er für den Anderen ist.”

Was kann man dagegen tun? Zurück starren natürlich, bis eine Partei den Kampf gewinnt und reines Subjekt wird, während der Verlierer reines Objekt wird. In Sartres eigenen Worten ist „die Objektivierung des Anderen ... eine Verteidigung eines Teiles meines Seins, welche mich, eben durch die Übertragung eines Für-Mich-Seins auf den Anderen, von meinem Für-Den-Anderen-Sein befreit.“ Obwohl Sartre diese Handlung als Verteidigung beschreibt, ist sie viel mehr eine Gegenoffensive. Zuidema gibt eine weitere scharfsinnige Zusammenfassung:

“Dies alles meint also, dass die ‘Welt’, einschließlich der Welt in mir, ein Schlachtfeld ist, auf dem der immerwährende Kampf zwischen mir und allen anderen gekämpft wird. Es ist ein Kampf um die unendliche Herrschaft über diese Welt.”

Dies ist die Denkweise, die hinter Sartres berühmten Witz in seinem Stück Geschlossene Gesellschaft steht: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Die Albernheit dieser Analyse ist leicht aufzudecken und zu verspotten, aber man darf nicht vergessen, dass dieser dauernde Kampf wirklich stattfindet, überall auf der Welt, die ganze Zeit (natürlich nicht in Form eines Starr-Wettkampfes, sondern als ein Konflikt der Bedürfnisse). Er ist die unumgängliche Folge der Sünde, und die Sünde existiert überall. Er dient sogar als sein eigenes vorläufiges Urteil, das uns auf die Torheit unseres Verlangens nach Kontrolle aufmerksam macht. Sartre sagte mehr als ihm damit bewusst war, als er sagte, dass wir zur Freiheit verdammt seien. Wenn wir zu Recht erkennen, wie töricht Sartres Analyse ist, sollten wir auch erkennen, wie genau sie die Wurzel all unseres eigenen törichten und destruktiven Verhaltens identifiziert.

Sartre ist sich irgendwie auch der Verbindung bewusst, die seine Philosophie mit der Sünde gemein hat, obwohl sein Atheismus ihn davon abhält, ein wirkliches Konzept von Sünde zu entwickeln. Er spricht vom Schamgefühl als unmittelbare Folge des Blicks des Anderen. Er schreibt: „Scham …ist die Erkenntnis der Tatsache, dass ich tatsächlich das Objekt bin, das der Andere gerade betrachtet und beurteilt. Ich kann mich nur schämen, wenn meine Freiheit mir entgleitet, um ein bestimmtes Objekt zu werden.“ Nun erscheint Scham vorwiegend in der Hl. Schrift als die unmittelbare Folge der Sünde (Genesis 2,25; 3,7). Zwischen beidem besteht tatsächlich ein Zusammenhang, aber Sartre kann nicht den Zusammenhang zwischen seiner eigenen Sicht der anderen und der Sünde herstellen. Marjorie Grene erklärt seine Sichtweise:

“Die Ursache der Scham ist die Umwandlung meiner selbst vom frei Handelnden, der seine eigene Welt formt, zu einem Leib, wie er von einem anderen gesehen wird. Daher Sartres Erklärung … der Erbsünde: es ist die Enthüllung meines Leibes als reiner Leib, die mich beschämt; und diese Scham ist die Wurzel des Sündenempfindens.”

In der Tat ist die Enthüllung des Leibes Nacktheit, und die Hl. Schrift stimmt damit überein, dass das Bewusstsein von Nacktheit die ursprüngliche Ursache der Scham war. Wenn wir es nicht besser wüssten, könnten wir sagen, dass Sartre versucht, uns auf die Bibel zu verweisen, und er ist sich dessen bewusst, denn er schreibt:

“Sittsamkeit und besonders die Furcht, in einem Zustand der Nacktheit überrascht zu werden, sind lediglich eine symbolische Beschreibung der Urscham; der Leib symbolisiert hier unseren wehrlosen Zustand als Objekte. Sich zu bekleiden heißt seinen Objekt-Status zu verbergen; es bedeutet die Beanspruchung des Rechts zu sehen, ohne gesehen zu werden; d.h. reines Subjekt zu sein. Darum ist das biblische Symbol für den Sündenfall die Tatsache, dass Adam und Eva „erkennen, dass sie nackt sind“. Die Reaktion auf das Schamgefühl besteht genau darin, denjenigen als Objekt wahrzunehmen, der meinen eigenen Objektstatus wahrgenommen hat.”

Aber Sartre versucht lediglich eine Erklärung für das Schamgefühl zu finden, nachdem er vermutet hat, dass es keine wirkliche Sünde gibt, die diesem zugrunde liegt. Das ist der Grund, weshalb er von einem „Sinn“ (“sense”) für Sünde spricht. Er sucht einen Grund anderswo und denkt, dass er ihn in dem Angriff auf seine Freiheit gefunden hat. Wie Grene darlegt, „impliziert die Existenz eines Betrachters ein Schamgefühl. Furcht und Scham sind für [Sartre] die beiden eigentlichen und unmittelbaren Reaktionen auf das Eindringen einer anderen Person in meine Welt“.

Aber statt das Schamgefühl zu erklären, erklärt Sartre es weg. Was in seiner Argumentation fehlt, ist eine adäquate Erklärung für das Schuldbewusstsein, welches für das Schamgefühl maßgeblich ist. Ein bloßes Eindringen würde lediglich Ärger und den Gedanken verursachen: wir müssen den Eindringling loswerden. Wenn wir gestört werden, fühlen wir uns nicht schuldig. Aber Scham ist keine Scham ohne eben solch ein Schuldbewusstsein.

Sartre versucht diesen Einwand abzuwenden, indem er annimmt, dass wir keine Scham verspüren, solange wir nicht beobachtet werden. Er nimmt es als allgemein gültig an, dass „jeder jene unmittelbare und brennende Präsenz des Blickes des Anderen erkennen kann, der ihn so oft mit Scham erfüllt hat.“ Die Schlussfolgerung ist, dass einsame Menschen kein Schamgefühl kennen. Wilfrid Desan erklärt: „Der Sinn des Schuldbewusstseins ergibt sich durch den Anderen: würde das Bewusstsein von Schuld überhaupt Sinn machen, wenn der Andere nicht existierte? Fühle ich nicht erst in Gegenwart des Anderen meine Erbärmlichkeit, meine Nacktheit?“ Die Idee des Schuldbewusstseins setzt die Existenz des „anderen“ (d.h. eines Betrachters) voraus, daher muss der „andere“ laut Sartre die Ursache für das Schamgefühl sein. Nun kann man einräumen, dass eine absolut einsame Person kein Schamgefühl kennen kann. Wenn ich die einzige Person im ganzen Universum wäre (die Sartre gerne wäre), wäre es unmöglich, dass jemals Scham in mir aufkommen könnte. Dies beweist, dass ein Beobachter für das Schamgefühl notwendig ist. Aber nicht genug, dass ein Beobachter für ein Schamgefühl nötig ist. Es ist möglich, schamlos beobachtet zu werden. Der Blick des Anderen erzeugt kein Schamgefühl, es sei denn, er fällt auf eine Sünde, die objektiv in der beschämten Person existiert. Dies ist ein perfektes Beispiel für den Trugschluss aus einer falschen Ursache.

Zudem kann Sartres „Beobachtung“, dass Scham einen Beobachter impliziert, gegen ihn verwendet werden. Das einzige, das wir annehmen müssen, ist die Tatsache, dass Menschen ein Schamgefühl haben können, wenn sie allein sind. Die meisten Menschen haben diese Erfahrung gemacht und würden daher nicht zögern, unserer Vermutung zuzustimmen. Aber wer ist der Beobachter in diesen Fällen? Es kann nur der Gott sein, den Sartre leugnet. Doch ist sein Verleugnen zugleich ein Zugeständnis: „Gott“, sagt er, „ist nur das Konzept des Anderen, das auf die Spitze getrieben wird“. Wenn Sartre hätte zugeben müssen, dass er sogar nur einmal Scham in der Einsamkeit verspürt hätte, hätte seine eigene Philosophie ihn dazu zwingen müssen, Theist zu werden. Dies wäre sogar ein neuer „Beweis“ für die Existenz Gottes: der „Beweis durch das Schamgefühl in der Einsamkeit“ vielleicht? Und wir hätten ihn allein Jean-Paul Sartre zu verdanken.

Am meisten jedoch schulden wir Sartre für die Entlarvung der furchtbar absurden Konsequenzen der Gottesverleugnung, indem wir uns an Seine Stelle setzen. Sartre schließt mit einem Echo eines Lebens fern von Gott, wie es im Buch der Weisheit beschrieben wird. Desan fasst zusammen:

"Das Für-sich-selbst ist ein Fehler in seiner Eroberung der Welt: es wird nie das sein, was es sein will, das Für-sich-selbst-in-sich selbst, d.h. Gott. 'Mensch sein ist nutzlose Passion … und sich allein in einer Bar zu betrinken oder die Nationen zu führen ist gleichermaßen sinnlos.'"

Die letztere Paraphrase ist Sartres eigene Schlussfolgerung aus seinem Das Sein und das Nichts, in dem das meiste der oben dargelegten Rebellion dargelegt wird. Diese Welt der Nichtigkeit und des endlosen Konflikts, die aus Sartres missglückter Suche nach der souveränen Freiheit resultiert, ist jedoch nur für diejenigen notwendig, die darauf bestehen, sich darauf einzulassen. Traurigerweise schließt das uns alle ein. Wir können Spiegelbilder aus Sartres Suche in unseren eigenen Konflikten entdecken. Sie sind alle zurückzuführen auf unser eigenes oder jemandes anderen Verlangen die Welt zu beherrschen. Doch die Erkenntnis dessen bringt uns unter die Oberfläche unseres sündigen Verhaltens zu dem sündigen Kern, der uns so häufig verfolgt und verstört. Die tiefste Reue muss die Anerkennung unserer Begrenztheit als Geschöpfe und die Anerkennung der von Gott gesetzten Grenzen mit einschließen. Sartre hat uns den Gefallen getan, uns zu zeigen, wie unsere Weigerung, unsere Grenzen zu akzeptieren, die Wurzel unserer Neigung ist, andere als Objekte zu behandeln und andere für die Weisen zu hassen, in denen sie uns begrenzen.

In unseren Beziehungen zu anderen wird uns die einfache Annahme, dass der „andere“ als ein Subjekt wie wir geschaffen wurde, vor dem Versuch bewahren, seine Subjektivität unter der unseren zu zerquetschen. Ebenso sollte der Gedanke, ein Objekt zu sein, keinen solchen Frust verursachen. Das gehört einfach zum Geschöpf sein dazu. Andere werden uns notwendigerweise in ihre Weltsicht inkorporieren, aber es ist selbstverständlich, dass ihre Sicht unvollständig sein wird, da sie ja selbst Geschöpfe sind. Es ist allein die Sicht Gottes, die uns zu kümmern braucht, und für all jene, die wissen, dass zu Seinem Blick Vergebung und Heilung gehören, erscheinen alle Befürchtungen Sartres als purer Nonsens.

Augustinus beendete seine Analyse seiner eigenen Schlechtigkeit mit dem folgenden Ausdruck des Abscheus. Man sollte ihn mit Sartres vergeblicher Suche im Hinterkopf lesen:

“Wer kann diese höchst vertrackte und unentwirrbare Verzwicktheit auflösen? Sie ist mir zuwider: ich hasse den Gedanken daran; ich hasse es, sie anzuschauen… ich riss mich in meiner Jugend von Dir los und kam auf Irrwege, mein Gott, indem ich zu weit weg von meinem Hüter und meiner Bleibe wanderte, und ich wurde mir selbst zur Einöde.”

Ironischerweise können diejenigen, die im Gegensatz zu Sartre Augustins Abscheu teilen, bei Sartre unbeabsichtigte Hilfe finden, um den Knoten zu lösen.

Es handelt sich bei diesem Text um eine mit freundlicher Erlaubnis veröffentlichte Übersetzung des Artikels Learning from Sartre by John T. Mullen, erschienen in First Things.


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