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Spaemanns Schritte über uns hinaus

Eine Rezension von Michael König

Ich habe mich oft gefragt
Und keine Antwort gefunden
Woher das Sanfte und das Gute kommt.
Weiß es auch heute nicht.
Und muß nun gehn.
(Gottfried Benn)

2001 ist im Klett-Cotta-Verlag das Buch "Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns" erschienen, in dem eine Reihe von Interventionen des Philosophen Robert Spaemann zu ethischen Fragen abgedruckt sind. Diese notwendigen Texte, notwendig nicht zuletzt wegen der katastrophalen Verirrung der meisten deutschsprachigen Moraltheologen, sind einigen Menschen, auch mir, ein Vademecum geworden, das einen klareren und schärferen Blick auf diese Probleme ermöglicht.

Zehn Jahre später kamen im selben Verlag zwei Bände heraus, die der eigentlichen Profession des Autors entstammen und zahlreiche kürzere philosophische Abhandlungen enthalten: "Schritte über uns hinaus". Der Titel widerspricht dem berühmten Dictum David Humes, diesem Kernsatz der modernen Weltanschauung: "We never advance one step beyond ourselves", d.h. wir sollten glauben, daß es etwa Wahrheit oder Liebe nicht gibt, daß alles Außer-sich-Sein pure Illusion ist.

Robert Spaemann gelingt es auf sanft zwingende Weise, daß selbst ein dilettantischer Liebhaber (eigentlich eine Tautologie) der Philosophie wie ich, diese Schritte über uns hinaus nachvollziehen kann. Auf dieser Lese- und Denkreise werden die Grundthemen und Grundgedanken dieses faszinierenden Philosophen offenbar. Immer wieder beschreibt er wesentliche Vorhaben der Philosophie: den Traum von der "Letztbegründung", das Anliegen, "absolute Wahrheit (wieder eine Tautologie) zu denken, das Universelle, das Ganze von Einsicht, wie Hegel sagt, "die Frage nach dem, was in Wahrheit ist" oder auch, nach dem, was immer ist. Er vergleicht das Denkschicksal des Philosophen mit Platons Bild vom Brett, "auf dem man durchs Meer des Lebens schwimmt, wenn jemand nicht auf einem göttlichen Logos sicherer fahren kann".

Und dann, scheinbar paradox, aber wohl begründet: "Den Nomos des gegenwärtigen Daseins, des Bewußtseins der Zeit aus einem Horizont zu begreifen, der nicht durch dieses Bewußtsein definiert ist, das schien mir immer Aufgabe der Philosophie zu sein. So muß Philosophie heute explizit oder implizit Theorie der Moderne sein". Für Charles Peguy hieß Modernismus "nicht zu glauben, was man glaubt", d.h. die Frage nach Wahrheit zu ersetzen durch die Frage nach der politischen, sozialen, psychologischen oder biologischen Funktionalität von Überzeugungen. Spaemann macht als zentrale Begründungsinstanz der Moderne die neuzeitliche Wissenschaft aus. "Modernität als 'wissenschaftliche Weltanschauung', als Paradigma des In- der-Welt-Seins hat keine Argumente, sie beruht auf petitiones principii. Wer das Paradigma ignoriert und ungerührt fortfährt, in Sachen der Philosophie, der Religion und der Moral nach Wahrheit zu fragen und die Worte 'gut' und 'böse' oder gar 'Gott' ohne Anführungszeichen zu benutzen, der stößt daher nicht eigentlich auf Gegenargumente, sondern auf die banale Einschüchterungsphrase, so könne man 'heute nicht mehr' sprechen, denken oder fragen." Feste Überzeugungen, gültige Bindungen, selbstverständliche Geltungen, Natur, alles Beständige, das unentbehrlich für die freie Gemeinschaft von Menschen ist, haben es schwer, zu bestehen in den modernen Industriegesellschaften.

Nicht die "science" als Möglichkeit, die Naturgesetze zu begreifen, wird angegriffen; es ist der "Szientismus", diese Anmaßung, die Welt zu erklären. Etwa in der Hirnforschung. "Der Hirnforscher zeigt uns die Mechanismen, die beim Handeln aktiviert werden. Wo er allerdings glaubt, diese Mechanismen seien die determinierenden Ursachen unseres Handelns, da erklärt er nicht das Handeln, sondern er erklärt es weg, er leugnet, daß es so etwas wie Handeln überhaupt gibt, weil er die Relevanz von Gründen bestreitet. Wir glauben nur, etwas aus Gründen zu tun, während wir in Wirklichkeit neurologischen Impulsen folgen, Impulsen, die uns nicht bewußt sind und denen wir uns deshalb auch nicht entziehen können. Man muß sich allerdings über den phantastischen Charakter dieser Annahme klar sein. Er setzt voraus, daß wir ständig zu den Kausalreihen, die durch uns hindurchlaufen, einen rationalen Überbau erfinden, einen Überbau, der uns überhaupt erst zu Subjekten macht statt zur Durchgangsstation kausaler Abläufe. Dieser Überbau muß in sich stimmig sein, obwohl von ihm tatsächlich gar nichts abhängt. Ja, schon die Rede von einem Subjekt, das durch Kausalketten dazu bestimmt wird, dies oder jenes zu tun, ist irreführend, denn das Subjekt ist selbst nur eine Fiktion, ein Überbau, der rein fiktiv ist. Ich bilde mir nur ein, ein Subjekt zu sein. Aber sogar das ist falsch ausgedrückt, denn es gibt nicht jemanden, der sich irgend etwas einbildet, es gibt nur die subjektive Einbildung.

Allerdings ist diese Theorie insofern selbstwidersprechend, als sie einen Anspruch erhebt, den sie selbst verwirft. Der materialistische Theoretiker kann natürlich für seine Theorie keine Wahrheit beanspruchen. Seine Theorie ist in Wirklichkeit selbst nur ein Komplex von Hirnzuständen. Aber schon die Rede vom Gehirn ist eigentlich unzulässig. Denn das Gehirn ist selbst wieder nur eine Vorstellung im Gehirn des Hirnforschers und so fort bis ins Unendliche."

Denken aktiviert zwar bestimmte Regionen des Gehirns, nur sagt das nichts aus über das, was gedacht wird. "Denkend und fühlend haben wir immer schon einen step beyond ourselves getan." Spaemann stellt uns den Begriff der hypothetischen Gesellschaft vor. Nichts gilt mehr unbedingt und selbstverständlich, alles gilt nur mehr bis auf Weiteres, d.h. bis die Wissenschaft anfängt, sich damit zu beschäftigen. Die Theorie hat jetzt nichts mehr mit staunender Kontemplation zu tun, sondern sie wird zum Instrument, Hypothesen zu entwickeln und zu testen. Die Wissenschaft verwandelt alles, mit dem sie zu tun hat, in Kontingenz und somit die Zivilisation in eine hypothetische. Die Folge ist eine Durchrationalisierung und Verzweckung aller Lebensbereiche. Etwa in der Schule, wo alles vom Lernziel her geplant und vom Gesichtspunkt der Erreichung dieses Zieles kontrolliert wird. Früher trat neben das Unterrichten von Lehrstoff die Intention der Bildung und Erziehung. Als Erziehungsziel nennt Spaemann: "In Freundschaft mit sich selbst zu leben." Das hat mit dem ständig wechselnden pädagogischen Kalkül unserer Zeit nichts mehr zu tun.

Robert Spaemann hat einmal in einem Interview auf die Frage nach dem Kerngedanken seiner Philosophie geantwortet:
"Mir geht es vor allem um zwei Einsichten. Die eine betrifft die Natur des Lebendigen. Mit dem Lebendigen tritt etwas in die Welt, das aus Nichtlebendigem nicht herleitbar ist. Was ist das? Es ist das, was ich mit Hegel Negativität nenne. Negativität ist aus Positivität, Minus aus Plus, Schmerz aus bloßem Vorhandensein nicht herleitbar. Lebendiges ist nicht einfach Faktizität, sondern Aus-sein-auf. Damit gibt es für Lebendiges die Differenz zwischen dem Richtigen und dem Falschen, dem Gelingen und Mißlingen, dem Guten und dem Schlechten. Das bedeutet: es gibt eine fundamentale Ähnlichkeit zwischen uns und allem, was lebt. Natur ist nicht nur Objekt unserer Herrschaft, sondern 'Mitsein'. Und es scheint mir für die Zukunft unserer Gattung entscheidend zu sein, daß diese Einsicht wiedergewonnen wird.
Die andere zentrale Einsicht ist das Ende des Denkens. Es ist die Einsicht: Gott ist. Es gibt das andere Ende des Denkens: die materialistische Annahme, Denken sei nur ein materieller Prozeß, und wir seien nicht, wofür wir uns halten: wahrheitsfähige, freie Wesen. Dieses Ende ist Zusammenbruch. Das andere Denken bedeutet die Gründung des Denkens in unvordenklichem Licht. Nur diese Gründung rechtfertigt - das hat Nietzsche gesehen - das Vertrauen in unsere Vernunft. Glaube und Vernunft sind so wenig Gegensätze, daß vielmehr Vernunft selbst auf einem Glauben beruht. Descartes hat uns belehrt, daß wir auch am Evidentesten zweifeln können. Aber sogar der Zweifel setzt Gott voraus. Denn er setzt voraus, daß es einen Wahrheitsraum gibt, der nicht identisch ist mit dem Raum unseres Bewußtseins. Diesen Raum aber gibt es nur, wenn es Gott gibt. Es muß ja zu denken geben, daß es heute vor allem die Christgläubigen sind, die die Leistungsfähigkeit der Vernunft verteidigen.
Ich kann nur hoffen, daß ich die beiden Einsichten bei dem einen oder anderen Leser oder Hörer befördert habe. Vor allem aber hoffe ich, daß die eventuelle Schwäche meiner Argumente niemandem Anlaß zum Mißtrauen in die Sache selbst gegeben hat. Denn die Sache selbst ist wichtiger als die Philosophie."

Ich gehöre zu den dankbaren Lesern, deren Einsichten gründlich befördert wurden. So kann ich diese beiden Bände, aber auch das etwas später (ebenfalls bei Klett-Cotta) erschienene autobiographische Interviewbuch "Über Gott und die Welt" nur wärmstens empfehlen.


Über Robert Spaemann

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