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Aschenblüte

Eine Rezension von Melanie S. Färber

Der Originaltitel „Left to tell“ ist aussagekräftig: Die Autorin wurde „gelassen“, das heißt, sie hat überlebt, um zu erzählen. Was hat sie überlebt? Den Völkermord in Ruanda. Als Tutsi.

Immaculée Ilibagiza berichtet in erster Linie nicht von den politischen Hintergründen, sondern sie erzählt ihre ganz persönliche Geschichte. Wie sie durch ihren Glauben am Leben blieb, wie dieser Glaube in und durch unmenschlich grauenhafte Extremsituationen immer kraftvoller wurde; durch das Beten zu und das Hören auf Gott. Von ihrem unerschütterlichen, das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigende Vertrauen in den himmlischen Vater und die Sicherheit an der Hand der Muttergottes mittels Halt am Rosenkranz des irdischen Vaters. Sie durfte nämlich in ihrer Familie Geborgenheit erfahren und empfand innige Liebe zu den Eltern und Geschwistern. Mit den Nachbarn wurde ein freundlicher Umgang gepflegt. Ihre Eltern schenkten den vier Kindern eine unbeschwerte Kindheit in einem offenen Haus. Jeder Gast wurde herzlich empfangen, unabhängig von seiner Stammeszugehörigkeit oder Religion. Die Kinder wussten nicht einmal, ob sie selbst Tutsi oder Hutu waren.

Den Rosenkranz bekam Immaculée in einem kritischen Moment, als sie ihren Vater in Lebensgefahr ahnte. Sie gab ihm ihr eigenes Skapulier, er ihr als Gegengeschenk seinen Rosenkranz.

Immaculée war und ist eine äußerst vitale Frau, sie arbeitete intensiv in ihrer Studienzeit und genoss ihre Freizeit, hatte seit drei Jahren einen Freund namens John. Die Verlobung stand vor der Tür. John konnte sich als Hutu relativ frei bewegen, konnte seine Freundin sogar im Versteck besuchen. Doch da musste Immaculée erkennen, dass er nicht so sehr an ihrer Person, sondern mehr an ihrem Äußeren interessiert war, dass die Beziehung zu ihrem Innersten abgestorben war, da die körperliche Anziehung nicht mehr spielte. Mit Schmerz, aber ohne Groll hat sie sich von ihm verabschiedet. Auch später, als ein sympathischer Franzose sich in sie verliebte, hat sie sich trotz der ihr angenehmen Aufmerksamkeit vor Gott geprüft und gesehen, dass dies nicht der von Ihm ihr zugedachte Ehemann sei. Ihr Gottvertrauen hat sich auch in dieser Hinsicht hundertfach gelohnt.

John war längst nicht die größte Enttäuschung. Beste Kameraden und Freundinnen aus der Kindheit wollten infolge des ausgebrochenen Stammeskonflikts nichts mehr mit ihr zu tun haben, wandten sich ganz unverhofft ab, ja wurden zu erbittertsten Feinden, die ihr nach dem Leben trachteten. Ihr gesamtes Wertesystem wurde komplett aus den Fugen geworfen. Dies musste Misstrauen gegenüber den Mitmenschen zur Folge haben. Wie konnte Immaculée diese unweigerlich zum negativen Menschenbild drängende Spirale durchbrechen? Wie kam es, dass sie diese Aneinanderreihung von Verletzungen ohne Verbitterung, ohne bleibenden Hass überstehen konnte? Wie konnte ihr Zorn sich wandeln? Wer stellte in ihr wieder Ordnung her? Wer ließ in ihr Mitgefühl aufkeimen? Wer nährte die Liebe in ihrem Herz? Wie war es möglich, dass sie sich noch freuen, noch danken konnte?

Es klingt verrückt, vor dem Mörder - genauer gesagt vor dem brutalsten Schlachter - seiner Familie zu stehen und ihm nichts mehr als ein „ich vergebe dir“ entgegenzuhalten. Das hat Immaculée getan. Genau das, weil die Vergebung das einzige war, was sie noch geben konnte.

Die bedrohliche Gegenwart des Genozids war dank Gottes Schutz für Immaculée nicht nur durchlebbar, sondern Er hat ihr das lebensspendende, heilende Verzeihen möglich gemacht und für die Zukunft vorgesorgt, so dass sie im engsten Versteck, gezwungenermaßen jedes Wort und jede hörbare Bewegung unterdrückend, zusammengepfercht mit sieben anderen Frauen, Englisch lernte.

Wenn man dies liest, könnte man sich fragen, ob das alles so kam, weil Immaculeé besonders brav und stets eifrig auf Gottes Wort bedacht war. Nein, wohl eher, weil sie kompromisslos auf Ihn gezählt hat, Seine Verheißungen für wahr hielt und Ihn leidenschaftlich daran erinnerte!

Wie diese Leidenschaft aussah, davon berichtet sie in ihrem Buch.

Es ist ein Buch vom sprühenden Leben; über den Glauben, der Leben erhält und Berge versetzt; über die Hoffnung auf und in Ihn, die bei Immaculée immer klare Erwartung des Guten ist; über die Hingabe, die sich Gott ganz gibt und alles von Ihm erwartet.

Ein ehrliches Buch, das Immaculées Weg, ihr Ringen mit Gott geradeheraus schildert; spannend, gut und einfach lesbar - was jedoch nicht heißt, dass der Inhalt simpel ist. Nein, er weckt auf, erschüttert und ist oft gar unerträglich.

Ein empfehlenswertes Buch, das die persönliche Gottesbeziehung nicht bloß überdenken lässt, sondern sie - wie auch die Nächstenliebe - stärkt.

Immaculée Ilibagiza, Aschenblüte, Ullstein Taschenbuch, 5. Auflage 2012, 288 Seiten


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