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Gelungenes Debüt

Eine Rezension von Uwe Postl

Andreas Wollbold, Felapton oder Das letzte Glück, Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2018

Logic is not necessarily an instrument for finding truth;
on the contrary, truth is necessarily an instrument for using logic —
for using it, that is, for the discovery of further truth...
Briefly, you can only find truth with logic
if you have already found truth without it.
G. K. Chesterton

Fünf leblos aufgefundene Jünglinge. „Das Lächeln ruhte auf ihnen, unvergänglich gemacht durch den Tod“. Eine Photographie bannt den Nachhall ihres allerletzten Glückes im zeitlichen Wortsinne. Unfall, Mord oder gar ritueller Freitod - was führte zum plötzlichen Ableben der jungen Männer? Robert Schönherr, Gründer und Spiritus Rektor der kleinen klösterlichen Gemeinschaft, der die fünf mysteriös Verstorbenen angehörten, ist spurlos verschwunden. Hat er mit dem Unglück zu tun? Diese Fragen entfachen Jagdfieber. Stilles Faszinosum letzter Dinge und geschäftige, mitunter rastlose Betriebsamkeit, sind von Anfang an Antipoden in Andreas Wollbolds Debütroman.

Reporter der Yellow Press erheischen schrille Schlagzeilen um finsteres Treiben im Dunstkreis der Kirche; unengagiert routiniert der Kommissar; er ermittelt kontrastierend in Grauzonen der Sachverhalte, fragt anfangs jedoch vergebens gegen ordensschwesterliche Schweigegelübde an; Jens Deschwitz, Photograph des rätselhaft anrührenden Leichenbildes schnüffelt nach Hintergründen im akademischen Milieu und wird dort der Studentin Julia Obersieder ansichtig; das kann nicht folgenlos bleiben, denn marmorne Treppen dulden selbst in einem Institut für logische Grundlagenforschung nichts Flüchtiges; sogleich finden die beiden zusammen, sich wie beiläufig auserkoren wähnend, fortan die Guten im Plot zu sein. Ein Hauch von Abenteuer und Detektivfilm beflügelt die eher melancholisch beschwerte junge Frau sowie den ernüchtert vierschrötigen Jens. Gelegentlich gelingt es den beiden beinahe, im anderen erotisches Knistern zu entfachen. Ihre Recherchen dagegen werden konkret und kommen anderen in die Quere, das odd couple gerät selbst in Visiere. Nicht nur den akademischen Karrieristen Frederik Brescher stört die Wahrheit, verdankt er doch seinen Ruhm einem zwar echten aber verschwiegenen alten Schotten; unter anderem dem kam der nun allseits gesuchte ehemalige Exzellenzlogiker Schönherr auf die Schliche; der setzt sich nun ins Ausland ab, man bleibt ihm auf den Fersen, wenige in guten, andere in sehr schlechten Absichten. Weitere klandestine Player gesellen sich auf das Spielfeld. Viele Rechnungen scheinen offen, zügig entwickelt sich ein weitverzweigter Plot; wer ihm ganz folgen möchte, dem sei kontinuierliche Lektüre empfohlen. Doch weglegen wird man „Felapton“ ohnehin kaum lange, weiß der Autor doch den Spannungsbogen der Handlung über die 400 Seiten hoch zu halten auf einen dramatischen Showdown hin. Das Genre mäandert dabei bitte recht frei zwischen Krimi, Thriller und Roadmovie.

Die einzelnen Kapitel indes lassen dem Detail Raum und der Betrachtung Muße. Die Grundperspektive führt den Leser nahe an die je agierenden Personen heran, weist ihm aber einen Platz ein paar Tische im Café oder Sitzreihen in Bus oder Kino oder Kirchenbänke und Wegbiegungen weiter an, gebührender Abstand wird gewährt. In etlichen der Episoden, eingehegt von moritatenhaften Überschriften, erweist sich Wollbold als Könner des Atmosphärischen, visuelle Stringenz läßt im Auge des Betrachters Filmszenen entstehen. Und plastisch konkret werden die zahlreichen Schauplätze für das innere Auge des Lesers vorerrichtet.

Felapton

Für den Bezug zur Reihe Philosophischer Roman begibt sich der Autor in die Gefilde der Logik.

Nicht nur im Logikinstitut, einem der wenigen Biotope, in denen ein Felapton zusammen mit anderen Denkfiguren noch Zuflucht findet, versucht man mitunter fragwürdigste Situationen mithilfe formallogisch schlüssig verknüpfter Untersätze als stimmig zu behaupten. Wollbold zielt mit der titelgebenden Schlußfolgerungsform des Felapton „auf das Schillern zwischen Sein und Schein“. Auf den Straßen des wahren Lebens hingegen gibt es auch in diesem Roman kein richtiges im falschen. Prämissen gespeist aus den Wolkenkuckucksheimen des Wunschdenkens, sehnsüchtiger Sentimentalität oder des berechnenden Konstrukts, man will sie sich als tragfähig zurechtvernünfteln und taumelt zwischen brillantem Trugschluß und ernüchterndem Kurzschluß hin und her.

Das Felapton spielt keine dominante Rolle in der Form des Romans, sondern bleibt hier vor allem dramaturgischer Kristallisationspunkt des Antagonismus der Breschers und der wenigen Schönherrs dieser Welt, den manipulatorischen Blendern und den echten Suchern nach Wahrheit also; vielleicht dienen derlei rhetorische Figuren, manchen emsigen Studenten und Hilfskräften, die sich das Talent und die Wahrhaftigkeit Roberts mit dem Erfolg Frederiks als in ihrer Person als vereinbar tagträumen als „Opium“, obwohl sie schon längst mehr dem Sisyphos und den Verfangenen Kafkas gleichen? Ohne es auszusprechen, stellt Wollbold hier anscheinend auch eine grundlegende Anfrage an den akademischen Betrieb an sich. Darüber hinaus ist das Felapton hier eher metaphorisch zu assoziierende denn konkret verwobene Engführung mit der Handlung.

Oder das letzte Glück

Der Untertitel impliziert Suche nach glückhafter Dauer -und die meisten der Romanfiguren Wollbolds scheinen in der Tat weit entfernt von einem auch nur vorläufigem Glück. So wirkt etwa der eitle Professor Brescher nicht nur beim Appeasementversuch gegenüber Julia abgeschmackt und peinlich. Eine gelungene Zeichnung des Typus des Karrieristen. Stets getrieben von der Furcht, betrügerische Machenschaften und Intrigen könnten auffliegen, Konkurrenten obsiegen. Der Preis der Hingabe an den machtbewußten skrupellosen Instinkt der zum Erfolg führte, ist die Verfangenheit der ganzen dadurch armselig gewordenen Person in eben jenem. Bezahlen müssen aber vor allem andere, wenn ein für das Allgemeinwohl errichtetes Amt in die Hände von Egomanen fällt.

Wo Größe aufflackert, ergibt sie sich eher impulsiv oder aus Sturheit denn vorsätzlich; etwa als Deschwitz das heißbegehrte und benötigte Vermögen für die Rechte an seinen Totenphotos nur ausschlägt, weil der Vertreter der mysteriösen Käuferorganisation sich allzu arrogant wie ein Ami aufführt, ihm, dem Ossi gegenüber. Folgerichtig wird Deschwitzens Haupt für derlei situatives Heldentum auch nicht mit Lorbeer bekränzt, im Gegenteil, man wäscht ihm gehörig den Kopf. Denn Julia sieht nur den Alleingang Jensens und der ist für sie nichts anderes als Verrat, an ihr und der gemeinsamen Sache. Zürnend verläßt sie, vorläufig für immer, das Lokal; Philip Marlowe Ost ist wieder ganz der Deschwitz und starrt vorerst wieder „allein allein“ auf Pizzareste.

Selbst Robert Schönherr, der jugendlich den leidvollen Kampf mit dem Asperger-Syndrom bestand und im akademischen Betrieb zum großen Sprunge ansetzte, bevor er von diesem abgestoßen seine geistliche Gemeinschaft initierte, bleibt in all seinen Metamorphosen für die Menge stets der Außenseiter, nur von Wohlwollenden verstanden, von allen anderen distanziert beäugt oder gar angefeindet. Ein treffend gezeichnetes Exemplar des Begabten, den der Durchschnitt ächtet, sobald er ihn nicht ausnutzen oder verwerten kann. Die gern als Loblied im Munde geführte Rede vom Hochbegabten verschweigt die aggressive Unduldsamkeit des Mittelmaßes, das nur sich selbst als höchstes Maß aller Dinge gelten läßt.

Im alten Dorfpfarrer Kerninger, von Wollbold deutlich als von Josef Ratzinger inspiriert gezeichnet, wird ein anderer Widerpart zum Gewöhnlichen angelegt. Er, der Studierte und Belesene mit der Lust am Dozieren und Räsonieren, erschließt die Dinge fast kindlich unmittelbar aus ihrem So-Sein; weiß um in Formen und Erscheinungen gebannte Inhalte.

Welch schöne Seite des heute so verpönten Vor-Urteils, in einer Zeit, in der Menschen geradezu darauf abgerichtet werden, ihren Sinnen, ihren Anmutungen, ihrem eigenen Urteil zu mißtrauen. Hier steht auch ein anderer Typus Mensch selbstgewiß gegen eine Welt, die ebenso blind für das Schöne wie auch für das Böse ist. Die wie dressiert hier dem Ressentiment, dort einem voraussetzungslosen sentimentalen Wohlwollen huldigt, das sich jede Kritik aggressiv verbittet. Und so nimmt es nicht wunder, daß Kerninger auch im Roman ein hochbetagter Mann ist, bezeichnet er doch eine wohl aussterbende Art. Seinem Verstand, seinen Sinnen entgeht nichts. Und doch entgleiten auch ihm, der bis an die Grenzen des sinnlich und vernünftig Faßbaren artikulieren kann, an diesen die Dinge ins Namenslose. Nur noch schweigender Ernst, Versenkung ins Gebet sind dann noch möglich. Oder auch kindlich freudiges Spiel.

Wie Schönherr mit dem nur „vielleicht gläubigen“ Weihbischof Rasso Merkur, über den mit diesem Zitat nahezu alles gesagt ist, geriet auch Kerninger in Konflikt mit dem Kirchenapparat; bei beiden führte die Ablehnung zum Wachsen in Demut. Aber anders als bei Robert, der den Weg vom in Funktionen gefangenen Denken und Wahrnehmen zum gläubigen Praktiker in großen Kehren schmerzhafter Erfahrung durchläuft, macht Wollbold in der Person des Pfarrers neben der gelungenen Hommage an den „Papa emeritus“, hier sozusagen den „Mystiker aus Einsicht“ (wie Alexander Kissler Benedikt XVI. in der Rückschau auf dessen Pontifikat nannte) als literarische Figur plastisch greifbar.

Felapton, wie hältst du's mit der Religion?

Der eingeführte Priester sei hier Fanfare zur Frage Gretchens, die wohl - zumal hier- von einem Teil der Leserschaft gestellt werden wird: ist „Felapton oder das letzte Glück“ ein katholisches Buch? Ich meine ja. Auch wenn der Autor, von Berufung Priester und im Hauptberuf Professor der Pastoraltheologie ganz offensichtlich kein in Erzählform gepreßtes Bekehrungsstück beabsichtigte.

Zum einen: es gibt Katholiken im Roman, einen Pfarrer und Robert Schönherr, dessen kleines quasi selbstgeschaffenes Refugium im Glauben so grausam zusammenstürzte, aber eben auch die Studentin Julia, die sich weit entfernt hat von und nun vielleicht wieder annähert an den Glauben und die Kirche? Also ein Abbild derzeitiger Verhältnisse, das quantitativ sogar sehr vorteilhaft ist.

Wollbold gewährt seinen Figuren Illusionen und Enttäuschung, den Rausch und den Kater; doch läßt er sie nicht in existenzialistischer Leere zurück; für einen gedruckten Film Noir ist auch des Autors dezent aber reichlich versprühter Humor zu menschenfreundlich. Dem Schmerz bleibt die Hoffnung, und offen bleiben die Wege, ein Scheitern ist immer möglich, aber nie zwingend. Aber das gilt ja auch für Umkehren. Eine solche wird angedeutet, anrührend weil unprätentiös erzählt, so im Rückblick auf die Bekehrung Schönherrs oder in den Begegnungen Julias, der sich peu à peu als solche entpuppenden Hauptfigur des Romans, mit Pfarrer Kerninger.

Doch scheut Wollbolds scharfer Blick keineswegs die Niederungen in denen menschliches Dasein auch so oft stattfindet. In einer düster beklemmenden Sequenz am nächtlichen Busbahnhof schreckt der gejagte Robert Schönherr ungewollt ein heruntergekommenes im Gebüsch kopulierendes Paar auf, woraufhin ihn der Mann unflätig attackiert. Doch selbst hier läßt der Autor durch das Verhalten der beteiligten Frau durchscheinen, daß auch das äußerlich elendste Leben dennoch eines ist. Und also bestanden sein will. Mitfühlend ist die Haltung, aber sie beschönigt, sie relativiert nichts. Wohlwollend aber realistisch nüchtern ist die Perspektive. In jedem, weiß der Autor, tobt der Kampf zwischen Gut und Böse. Doch welcher irdische Weg der beste für den Sieg des ersteren ist, das weiß nur Gott. Zwar mahnt der Auto zum Mitleid mit den irdisch Geschundenen, doch selig schreibt er sie nicht. Ebensowenig wie er die vermeintlich Privilegierten verdammt.

Eine besondere Begabung Wollbolds zeigt sich in einem vermeintlichen Paradoxon: die Räume, die der Autor so kraftvoll zu errichten weiß, die Figuren, die mit so viel Drive agieren: alles entrückt immer wieder fast unmerklich so als atmete es unsichtbar aus Kohelet „Windhauch, Windhauch!“ zwischen die Zeilen. Alles Geschehen, alles Tun ob in Mühe oder freudigem Eifer, es bleibt durchscheinend, eitel, vorläufig. Transzendenz weht als Ahnung in die Realität. Das feste, allzu feste Fleisch, es schmilzt zwar auch hier nicht, aber, man verzeihe den Kalauer, es wird gewandelt. Ein Priester darf das ja.

Wer freilich einen christlichen Erbauungsroman erwartet, in dem das Gute bittesehr durch wackere Apologeten aus Schwarzweißfilmen oder durch einen auch geistig Armen vom Rande oder eine sich zu klampfig gefühligem Gruppengesinge verzückt verrenkenden Charismatikerin zu siegen hätte, der greife besser zu anderer Lektüre. Diese ist in diesem spezifischen Aspekt erfrischend weit entfernt von der leider auch in katholischen Sphären wuchernden postmodernistischen Zeichensetzeritis, aber auch von den ortsüblichen sakristeiseligen monsignorischen Andekdotenhubereien des weißwurschtig bierdimpfligen Stammtischkatholizismus.

Fazit

Ein mehr als nur gelungenes Debüt. Lektüre, die nicht vermißt sein will. Die nach mehr hungrig macht. Da alle Lust Fortsetzung will, auch die des Lesens. Dieser begründende Untersatz ist uns Beweis genug, daß wir Recht haben. Ob das ein echtes Felapton ist? Wozu auch. Diesen Roman gibt es ja tatsächlich. Zum Glück. Es muß ja nicht das letzte sein.


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