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Versuch über die „Hymnen an die Kirche“ von Gertrud von le Fort Von Dr. Renate KrügerDer Aufsatz hat seinen Ursprung in einer geplanten Biographie über Gertrud von le Fort, die in der DDR nicht veröffentlicht werden durfte. Ein poetisches Kirchenbild Mit den 1924 publizierten Hymnen an die Kirche beendet Gertrud von le Fort (1876-1971) einen längeren Bewusstwerdungs- und Reflexionsprozess, eröffnet ihr Hauptwerk und setzt zugleich seinen ersten Höhepunkt. In diesen Hymnen entfaltet die Dichterin ihre Ansprüche an christliche Religiosität vor ihrem Übertritt zur katholischen Kirche (1925). Als Hymnus bezeichnete man im alten Griechenland zunächst ein Preislied auf einen Gott, das im epischen Versmaß vorgetragen wurde. Später entwickeltem sich kunstvollere lyrische Versmaße. Im Christentum wurde der Hymnus ein Lobgesang zur Preisung Gottes, Christi, aber auch der Heiligen. Die ältesten christlichen Hymnen gehen auf das 4. Jahrhundert zurück und stammen aus Syrien. In der abendländischen Kirche stammen die ältesten überlieferten Beispiele von Ambrosius von Mailand (339-397) und Hilarius von Poitiers (um 315-367). Seit Klopstock verstand man unter einem Hymnus ein feierlich-getragenes Gedicht mit ernstem, begeisterndem oder besinnlichem Inhalt. Die bekanntesten deutschen Hymnendichter sind Novalis (1772-1801) und Friedrich Hölderlin (1770-1843). Gertrud von le Fort stammt aus einer Familie, die ursprünglich in Norditalien ansässig war und ihres reformatorischen Bekenntnisses wegen in die Schweiz auswanderte. Einer ihrer Vorfahren, François le Fort, war militärischer Ratgeber des Zaren Peters des Großen und entscheidend beteiligt an der Öffnung des russischen Reiches nach Westen. Im Zuge des Nordischen Krieges wurde seine Familie in Mecklenburg ansässig, wo die le Forts zur Ritterschaft zählten. Gertrud von le Fort, Tochter eines preußischen Offiziers, war u.a. in Minden, Koblenz, Hildesheim, Ludwigslust, Boek, Baierbrunn und Oberstdorf ansässig und eröffnete mit den „Hymnen an die Kirche“ ihr literarisches Hauptwerk. Dieses Werk setzt sich aus 46 Einzeldichtungen zusammen, die in drei größere Kapitel eingeteilt sind. Die beiden ersten Kapitel sind noch einmal in kleinere Abschnitte mit eigenen Überschriften eingeteilt. Somit entsteht ein System strenger Ordnung. Der weitaus größte Teil der einzelnen Dichtungen befasst sich in höchst subtiler poetischer Form mit dem Phänomen Kirche, aber auch andere Schwerpunkte werden reflektiert, so die Herz-Jesu- und die Marienverehrung. Es ist anzunehmen, dass die Einzeldichtungen nicht auf die strenge Ordnung hin entstanden, sondern dass sie in sie hinein gefügt wurden. Diese Dichtung setzt eine lange Entstehungszeit voraus, sie kann nicht aus einem Guss entstanden sein. Sie ist das Ergebnis eines jahrelangen kreativen Prozesses mit immer neuen Einfällen, Gedankenverbindungen, Änderungen, Ergänzungen. Zu diesen Formulierungen führte ein langer Weg. Ob sie als Sammlung von Hymnen konzipiert war? Die Endstufe zeigt sich in einer Ordnung, die sich mit Architektur vergleichen lässt. Die Hymnen folgen einem Bewusstwerdungsprozess, der mit der Sprache arbeitet und sich in der Sprache niederschlägt. Ein erster Hinweis auf diesen Prozess findet sich in ihren frühen Gedichten, die im Jahre 1900 als schmales Bändchen in Schwerin erschienen. In einem Gedicht über das Schweizerhaus in Ludwigslust ist von einem feinen Lavendel- und Moderduft die Rede, eine Formulierung, die später in den Hymnen wieder auftaucht und auf die Verquickung von Schönheit und Vergänglichkeit hinweist. Die Hymnen sind fast durchgehend dialogisch. Einer der Dialogpartner ist das lyrische Ich, das im Dialog aus tiefster Einsamkeit seine Annäherung an die Kirche beschreibt, nachdem alle bisherigen Lebensmuster zusammengebrochen sind. Außer dem Dialog zwischen dem lyrischen Ich (Seele) und der Kirche gibt es noch die Dialogebenen Seele und Welt, Kirche und Welt, Kirche und Ewigkeit, Kirche und Maria. Der Wechsel zwischen diesen Ebenen ist ein wesentliches Gestaltungsmotiv innerhalb der Hymnen, ergänzt durch Monologe der Kirche und der Seele. Die „Hymnen an die Kirche“ trafen auf ein aufnahmebereites Publikum, erfuhren zahlreiche Auflagen, wurden in viele Sprachen übersetzt und waren ein fester Bestandteil des gebildeten Katholizismus, mit dessen Niedergang sie jedoch immer mehr in Vergessenheit gerieten. Schließlich wurden sie als negativ besetzt empfunden, man machte Front gegen das poetische Kirchenbild und setzte es mit kritikloser Verklärung gleich. Das ist nicht die Kirche, die ich kenne… Die ist ganz anders, viel alltäglicher, mit Schwächen und Fehlern, ja Skandalen behaftet, irdischer, komplizierter… Auch kirchentreue Katholiken konnten und können sich nicht mehr mit diesem Kirchenbild identifizieren, und die „Hymnen“ verloren ihren Platz im religiösen Leben. Doch nach wie vor stellen sie eine religiöse Herausforderung dar, vorausgesetzt, die Materie, mit der man sich auseinanderzusetzen hat, ist bekannt, und man geht von sachlichen Positionen aus. Bei den Hymnen an die Kirche handelt es sich um geistliche Dichtung unter Aspekten, die der Eigendynamik christlicher Mystik entsprechen. Am Anfang steht die Reinigung, die schonungslose Eigenkritik. Ihr folgt die Heiligung, das Bemühen um Korrektur, um innere Arbeit, die schließlich in das Einswerden mit dem Ziel der Unio mystica münden. Insofern haben die Hymnen einen hohen Stellenwert auch in der religiösen Praxis. KatharsisReinigung Im Prolog heißt es: Herr, es liegt ein Traum von dir in meiner Seele, aber ich kann nicht zu dir kommen, denn alle meine Tore sind verriegelt! ... Immer, immer bin ich nur in mir! Dieser Prolog ist der Text, der vor dem Wort ausgebreitet wird, nicht das Vorwort schlechthin, auch autobiographischer Ausgangspunkt, der Leiden bezeugt und freimütig Schmerzherde bloß legt. Der Traum ist nicht nur eine Idee im Sinne Platons, sondern Quelle ständig wachsender Sehnsucht, wie sie in der spätmittelalterlichen Mystik als Seelenfünklein (so bei Meister Eckhart, um 1250-1328) und bei Johannes vom Kreuz (1542-1591) als das in der inneren Brust leise glimmende Licht gefaßt wird. Hier ist der Bereich, in dem die Geschichte Gottes mit der Seele ansetzt, von der im Schweißtuch der Veronika (Roman von Gertrud von le Fort 1928) die Rede sein wird. Die ersten Schritte dieser Geschichte bestehen darin, daß der Mensch das Gefangensein in sich selbst erkennt und darunter leidet. Nichts fließt mehr. Kein Prozeß. In der Erzählung Die Abberufung der Jungfrau von Barby (1940) wird diese Situation mit der reich verzierten und sorgfältig gesicherten Truhe verglichen, in dem die Aufzeichnung eines Traumes lagert: die Schrift der von Gertrud von le Fort hoch geschätzten Mystikerin Mechtild von Magdeburg (um 1207-1282) Das fließende Licht. Der Mensch selbst verhindert das Fließen, indem er sich zur Festung macht und auf Verteidigungshaltung fixiert, obwohl kein Gegner von Fleisch und Blut sichtbar wird. Es sind Ängste, Depressionen und Wahnvorstellungen, von denen sich die Seele bedrängt sieht. Am stärksten aber leidet die Seele darunter, daß auch ihre Liebe eingesperrt und zur Untätigkeit verurteilt ist. In solcher introvertierten Haltung zerstören sich alle schönen inneren Träume selbst und werden zu Schatten. Dieses schmerzliche Selbstbewußtsein führt die Seele im Abschnitt Heimweg zur Kirche zu ersten Selbstaussagen, die der durchlittenen Wirklichkeit entwachsen: Ich bin ein Reis aus entwurzeltem Stamm... Ich bin eine Schwalbe, die im Herbste nicht heimfand... Die Kirche wird in antithetischen Bildern gesehen, so als blühende Säule unter lauter totem Schutt, Symbol der Hoffnung wider alle Hoffnung, aber auch in Naturvergleichen dargestellt, so als Hochwaldschatten, als das Rauschen von Flügeln. Die Hymnen sind nicht nur Dichtung, sondern auch Bekenntnis. Sie beginnen mit der Erfahrung eines existentiellen Ungenügens und legen einen Befindlichkeitsstatus offen. Das lyrische Ich ist bis in die tiefste Tiefe unbefriedigt. Das ewige Allein lässt sich nicht durchbrechen. Der Mensch kann aus sich selbst nichts bewirken, erfährt sich als ohnmächtig, frustriert, depressiv, verzweifelt, sehnt sich nach dem Übersteigen von Grenzen, nach dem Transzendieren: Unruhig ist unser Herz… (Zitat von Augustinus, 354-430). Die Seele schreit nach Therapie, nach Heilung. Man fühlt sich an die Exploration eines Autisten erinnert, der sich in seinen Kammern nicht mehr sicher fühlt, sie sind unruhig und laut, Durchgangs- und Wartezimmer. Das Mondlicht der eigenen Seele erscheint nur noch als Ironie. Die Seele sucht erste schüchterne Anknüpfungspunkte, fühlt sich aber von der Fremdartigkeit, den Forderungen und Zumutungen der Kirche eher abgestoßen als angezogen und klagt darüber: Ich möchte mein Haupt eine Stille lang in deinen Schoß legen! Ich möchte eine Hoffnung lang in deinen Armen rasten! Aber du bist keine Herberge am Weg... Das lyrische Ich erfährt das dialogische Du der Kirche zunächst als unzugänglich, es prallt ab und ist frustriert. Ihm wird die bisher noch nicht so erfahrene Fremdheit der Kirche bewusst, die eine hohe Schwelle aufbaut. Das „nackende Schwert“ steht für die Abweisung. Am Anfang des Weges steht die Erfahrung von Tod und Sterben. Man muss viel einsetzen, um etwas zu erfahren. Die Erfahrungen sind Paradoxa: die Zweifelnden sollen schweigen, die Aufbegehrenden sollen sich fallen und die Flüchtigen sich überrollen lassen, die Fragenden knien. Diese Erfahrungen werden nicht übermittelt, man muss sie selbst machen. Das lyrische Ich lässt sich darauf ein und erklimmt die Schwelle in großer Kühnheit. Mit dem Erfahren der Kirche ist nicht das Kennenlernen ihrer Schattenseiten gemeint, sondern die Dimension des Übersteigens, der Transzendenz. Die Kirche wird nicht zur Ersatzheimat, die sich zu rascher Harmonisierung anbietet. Sie entzieht sich der Benutzung als Hilfe auf der sozialen Ebene. Ihr Angebot an Konfliktlösungen sind harte paradoxe Forderungen an den Menschen, genau das zu tun, was er vermeiden, wovor er fliehen möchte: Schweigen, sich kleiner machen, sich preisgeben, sich fallen lassen. Die Seele, die am Bild der liebenden Mutter festhalten möchte, gibt ihre Ängste an solche Ansprüche und Forderungen zu: Mutter, ich lege mein Haupt in deine Hände: schütze mich vor dir! Denn furchtbar ist das Gesetz des Glaubens, das du aufrichtest... Weißt du, was du tust? Müssen die angebotenen Paradoxa wie Blindheit als Sehhilfe und Taubheit als Weg zum Hören nicht zum Untergang führen? Aber die Seele setzt sich mutig dieser Bedrohung aus und erfährt: Ich bin in das Gesetz deines Glaubens gefallen wie in ein nackendes Schwert. Die Annäherung an die Kirche, das Sich-Einlassen auf ihre Botschaft vollzieht sich nicht in befreitem Jubel, sondern unter dem Bild des Todes. Die Öffnung der in sich gefangenen Seele geschieht unter Schmerzen. Der Spalt, der dein fremdes Licht einläßt, ist eine Wunde. Sie führt auf einen neuen Weg, in den Prozeß mystischer Erneuerung auf den Stufen der Reinigung, Heiligung und Einigung. Das lyrische Ich antwortet jetzt seinerseits mit Paradoxa. Es weiß, dass es Erfahrungen und Entscheidungen gibt, die über der Realität stehen. Es geht nicht darum, das Denken auszuschalten, sondern zu übersteigen. Hier findet eine solche Übersteigung statt. „Den Sinneswahrnehmungen gib (auf diese Weise) ebenso den Abschied wie den Regungen deines Verstandes; was die Sinne empfinden, dem entsage ebenso wie dem, was das Denken erfasst, dem Nichtseienden ebenso wie dem Seienden. Stattdessen spanne dich auf nicht-erkenntnismäßigem Wege, soweit es irgend möglich ist, zur Einung mit demjenigen hinauf, der alles Sein und Erkennen übersteigt. Denn nur wenn du dich bedingungslos und uneingeschränkt deiner selbst wie aller Dinge entäußerst, wirst du in Reinheit zum überseienden Strahl des göttlichen Dunkels empor getragen, alles loslassend und von allem losgelöst.“ (Dionysos Areopagita; Pseudonym eines Autors, der um 500 wirkte) Dabei empfängt die Seele ersten Trost, um die Ich-Grenzen zu überschreiten: Ich will dich noch wollen, wo ich dich nicht mehr will, wo ich selbst anfange, da will ich aufhören. Das Ich teilt sich in alte und neue Bereiche, und die alten werden überwunden. Hier beginnt der Aufbruch, der allmählich zu mystischem Aufstieg wird, die Sehnsucht wird transzendiert. Auf diesen Schritt nun antwortet die Kirche zum erstenmal selbst: Was ich zerbreche, das ist nicht zerbrochen. Sie bekräftigt und rechtfertigt ihre paradoxen Angebote mit dem Hinweis auf die weißen Schatten des Andren, mit den Ufern des Drüben und verheißt: Deiner Seele bin ich Aufbruch und Heimweg und bin der Bogen ihres Friedens mit Gott über den Wolken. Die Seele geht auf diese Angebote der Kirche noch nicht ein, da sie weiter vollauf mit ihrem Reinigungs- und Lösungsprozeß beschäftigt ist: Wer errettet meine Seele vor den Worten der Menschen? Es folgen Anklagen gegen die vielfältigen Botschaften, Modelle, Systeme, Theorien: Ihr seid eine Straße, die nie ankommt... Die Seele steht vor der Notwendigkeit, sich von den Worten der Menschen und ihren Inhalten zu reinigen, dem Schellengeklingel, der vereinnahmenden Lautstärke, der Vermessenheit, Überheblichkeit, Willkür und Gewalt. Erst nachdem die Seele ihrer Bitterkeit Luft gemacht hat, läßt sie sich auf einer neuen höheren Stufe auf die Kirche ein: Du allein suchst meine Seele!... Du hast sie wie eine Königin erhoben... Inzwischen hat die Seele etwas mit sich geschehen lassen, betrachtet sich nicht mehr nur in ihrer Statik, sondern auch in ihrer Dynamik. Die Grenzen des Ich sind aufgebrochen, die Reinigung wird wirksam. Heiligung Dem schmerzlichen Reinigungsprozeß der Seele, der nicht unter moralischen Gesichtspunkten durchlebt wird, sondern auf radikaler Eigenkritik beruht, folgt gemäß der Mystikersystematik die Stufe der Heiligkeit, die sich an der Heiligkeit der Kirche orientiert. So lautet das Motto des zweiten großen Abschnittes der Hymnen. Auf einer unteren Stufe kirchlicher Selbstdarstellung spielen Tradition und Kontinuitäten eine Rolle: Ich weiß noch, wie man die Gewitter fromm macht und das Wasser segnet. Denn ich bin Mutter aller Kinder dieser Erde... Ich bin die Straße aller ihrer Straßen. Diese Aussage bezieht sich auf die Anklage der Seele gegen die Worte der Menschen: Ihr seid wie eine Straße, die nie ankommt.... Gertrud von le Fort definiert die Heiligkeit der Kirche über das Wesen der Heiligen. Sie sieht sie wie Helden aus fremden Ländern, mit Gesichtern wie eine unbekannte Schrift. Sie sind wie Wasser, die aufwärts fließen gegen die Berge. Sie sind wie Feuer, die ohne Herdstatt brennen. Sie sind wie ein Jauchzen an den Tod, sie sind wie ein Leuchten unter dunkler Marter. Bürgerliches Wohlverhalten und moralische Aspekte spielen keine Rolle. Die Abschnitte Heiligkeit der Kirche, Das Beten der Kirche und Corpus Christi Mysticum gipfeln an keiner Stelle in Beruhigung und Harmonisierung. Die drängende Unruhe bleibt wirksam. Die Entfaltung des inzwischen Erfahrenen vollzieht sich im Abschnitt Das Jahr der Kirche. Der erste Hymnus ist ein Dialog der personifizierten Ewigkeit mit der Kirche als Einstimmung in eine andere Qualität der Zeitrechnung: Siehe, es ist zuviel Heute auf dieser Erde, es ist zuviel Hinweg unter den Menschenkindern! Die Menschen sind erfüllt vom Vorüber, von der Vergänglichkeit. Im Advent kehrt die Seele ins Menschliche zurück: Steige ab vom Himmel in dein kleines Haus! Die Ankunft Gottes auf der Erde steht unmittelbar bevor. Der Hymnus Weihnacht ist ein Lobgesang auf Maria, der sich die Kirche geschwisterlich verbunden fühlt. Sie zieht Vergleiche mit Maria: Ich bin eine durstige Schale, aber du bist ein offenes Meer des Herrn! Die Passionshymnen nehmen gegenüber Weihnachten einen breiteren Raum ein. Der erste Hymnus reflektiert das Leid, mit dem die Kirche eine enge Lebensgemeinschaft eingegangen ist: Ich lebe aus dem Leid, ich bin eine Kraft aus dem Leid, ich bin eine Herrlichkeit aus dem Leid.... Der zweite Hymnus hinterfragt das Glück: Denn deine Tiefe wird vom Glück verwundet, es greift in sie hinab mit kalten Händen... Glück ist nicht das höchste Ziel aller Bewegungen. Es kann Leiden auslösen und selbst zum Leid werden. Der dritte Passionshymnus gilt der Geschichte der Seele, die sich auf die Kirche eingelassen hat, gilt ihrer Verwobenheit in eine lange Familiengeschichte: Ich habe alle deine Väter und Mütter mit dem Kreuz gesegnet... Du hast mich dunkles Schweigen gekostet viele Menschenleben... Es folgt die Apotheose des Leidens: Denn das Leid der Erde ist selig geworden, weil es geliebt wurde... Im fünften Passionshymnus erwächst aus tiefstem Leid die Unio mystica: Herr, ich bette meine Seele auf dein Kreuz! Während die Passionshymnen der strengen Liturgie angepasst sind, werden im Osterhymnus poetische Töne angeschlagen, die wiederum an die mystischen Schriften der Mechtild von Magdeburg erinnern. Es ist ein fein gesponnener Dialog zwischen einer nicht näher bezeichneten Stimme und der Seele, die ausdrücklich ihre Liebe sprechen lässt: Und ich hob die Krone auf meine Stirn, da brach ein Licht an ihr auf, das war weiß wie das Wasser in den Bergen... Und das Licht rann von meinem Scheitel und ward breit wie ein Strom und zog an meinen Füßen. Es ist die Liebe jenseits des Untergangs, die hier zu Wort kommt. Die beiden folgenden Hymnen Nach der Himmelfahrt des Herrn sind Frage und Antwort. Der erste Hymnus nimmt Gedanken des Prologs wieder auf und klagt über Beschränkungen, in denen sich die Seele gefesselt fühlt. Hier dominiert das Wörtchen „nur“: Ich weine meine Schmerzen alle Nächte, aber es sind auch nur Brunnen, die auf Erden fließen! Die Ostereuphorie und die Freude über die Erfahrbarkeit Gottes scheinen vorüber. Da aber tritt die Kirche wieder tröstend auf. Der Trost erwächst aus prallen Naturbildern: Siehe, ich segne deine Äcker und Auen, ich tue meine Hände auf wie springende Knospen. Ich tue mein Herz auf wie der Schoß der Erde: segnend segne ich mich selber mit der Hoffnung! Im Pfingsthymnus fehlt das Wort Geist, aber die Begeisterung über die Natur scheint alle Grenzen zu sprengen. Die Kirche empfindet sich als die Schwester der Natur: Es ist über mich gekommen, wie das Knospen über den Strauch kommt, er ist in mir aufgebrochen wie Rosen an Hecken! Ich blühe im Rotdorn seiner Liebe.... Dieser religiöse Eros setzt sich im Hymnus zu Fronleichnam weiter fort: Nun birgt sich Liebe nur noch mit Liebe: im offenen Golde trag’ ich sie durch offene Lande! Der Hymnus Te Deum bildet den großen Abschluß des Festkreises. Die Be-Geisterung gipfelt zu immer neuen Höhepunkten. An einigen Stellen spricht die Kirche auch als „wir“. Die beiden folgenden, durch einen kurzen Hymnus zur Vigil von Mariä Himmelfahrt getrennten Litaneien gehorchen der streng konventionellen Gebetsform und stehen in der Nähe volkstümlicher liturgischer Texte. Die Litanei zum Fest des allerheiligsten Herzens ist ein ungewöhnlich langer Hymnus an die Liebe: Von Liebe ist alles genommen, zu Liebe muß alles werden.... Die Litanei zur Regina Pacis zeigt enge Bezüge zur Gegenwart: Denn der Friede der Erde ist todkrank. Frieden wird erbeten für die verängstigten Kreaturen, wegen der Sterbenden auf den Schlachtfeldern, wegen der Bombennächte, um der Lieblichkeit der Erde willen, um der unversehrbaren Majestät der Meere willen, um der reinen Hoheit der Gebirge willen... Mit den beiden Hymnen auf das Königsfest Christi schließt der Zyklus des Kirchenjahres. In archetypischen Bilden und in Anlehnung an das biblische Hohe Lied wird die Liebe gepriesen: Das Königslied hebt an mit der Liebe, die wird von der Königsbraut gebetet... Das Königslied endet mit der Liebe, die ist der Kranz der ewiglich Erwählten. Unio mystica Den Abschluß der Hymnen an die Kirche bilden vier Reflexionen über die Letzten Dinge, über Tod und Vollendung. Gertrud von le Fort hält sich dabei nicht an die herkömmliche Gliederung in die Bereiche Tod, Gericht, Himmel und Hölle, sondern verwebt die Betrachtung dieser Begriffe miteinander. Den Tod sieht sie als den Abschied von der Unrast der Welt. Das Gericht besteht in der Verheißung an die Welt: Du wirst einen Tod finden, den du ewiglich nicht träumst. Die Kirche empfindet sich in einer besonderen, einmaligen Situation: Siehe, ich stehe als Letzte auf der großen Brücke des Abschieds, ich halte in den Armen alle, die das Leben wegstößt. Im dritten Hymnus, dem auf die Letzten Dinge, findet Gertrud von le Fort zu abschließenden Identifikationen mit der Kirche. Sie sieht sie auch in Begrenztheit und Schwachheit. Beides ergibt sich aus der besonderen Beziehung zum Herrn der Kirche mit seinen geheimnisvollen Namen Unerkennbar und Tief verborgen: Er verbirgt alle seine Kräfte unter Namen, die Menschen geben... Siehe, ich bin unterworfen den Schleiern meiner Schwachheit.... Und so nimmt alles Transzendieren Rücksicht auf den Menschen, auf seine Schwachheit und Begrenztheit, kehrt aus mystischem Höhenflug immer wieder zum Menschen zurück. Der vierte Hymnus aus der Reihe Die Letzten Dinge stellt eine Apotheose der Kirche dar: Und die Gestirne werden ihr Loblied in mir erkennen, und die Zeiten werden ihr Ewiges in mir erkennen, und die Seelen werden ihr Göttliches in mir erkennen, und Gott wird seine Liebe in mir erkennen.... Vierter Teil Ordnung und Sprache Die Hymnen an die Kirche zeichnen sich durch strenge architektonische Form aus. Nichts ist zufällig so geworden, nichts hat sich nun einmal so ergeben, sondern alles ist vielfältig reflektiert und auf eine letztmögliche Anordnung und Formulierung gebracht. Einzelne Hymnen mögen aus unterschiedlichen Situationen auch ganz spontan erwachsen sein, aber sie bildeten danach brauchbare Bausteine für das genau berechnete und überlegend entworfene Gebäude des Ganzen. Willkürliches ist nicht zugelassen, auch kein schweifendes experimentierendes Kreisen der Gedanken. Am Ende des Prozesses ordnet sich alles dem strengen Plan unter, dominieren Ordnung und Durchformung. Dennoch wird immer wieder die Gestalt der Dichterin mit bewältigten und offenen Problemen sichtbar. Die Einfachheit der Sprache ist Ergebnis eines intensiven geistigen Prozesses und erwächst aus der Überwindung des Komplizierten. Es beweist hohe künstlerische Potenz, vielschichtige Aspekten und Problemen zur Einfachheit zu führen. Es handelt sich ja nicht um ein zweipoliges Gespräch zwischen der menschlichen Seele und der Kirche, um schlichten Wechsel von Fragen und Antworten, sondern um eine aufsteigende Entwicklung der Individualitäten, um die Offenlegung unterschiedlicher Bereiche in den Ich-Einheiten, um Dialoge, die zu immer neuen Erfahrungen führen. Als Methode dienen Vergleiche, freimütige Äußerungen schmerzlicher Selbsterfahrungen des als hilfreich und wohlwollend empfundenen Partners. Darüber entfalten sich Personifizierungen der Liebe, wird die Welt als Du angesprochen, werden weitere Ich-Stimmen hörbar, so die Ewigkeit, die Gestirne. Tragende Grundlage des Sprachbaus ist der Einfluß der alttestamentlichen Psalmendichtung mit dem meditativen Element der Parallelität: Aber du bist keine Herberge am Wege, und deine Tore öffnen sich nicht nach außen... An dir wird jede Wanderschaft lahm, und jede Wallfahrt findet an dir nach Hause. Biblische Zitate lassen sich nur schwer ausmachen. Es gibt nur wenige biblische Bezüge, behutsame, ja scheue Annäherungen an das Hohe Lied, die Apokalypse. Maria kommt ein herausragender Platz zu, sie bildet eine eigene Schicht innerhalb der Hymnen. Le Forts Bilder haben keine eigene Tradition, sie sind neue Erfindungen. Auffällig ist der Hang zur Aphoristik. Der Umgang mit Paradoxa erinnert bisweilen an Zen-Texte. Spürbar sind auch sprachliche Berührungspunkte mit der deutschen Mystik, besonders mit den Schriften der Mechtild von Magdeburg, zu der Gertrud von le Fort auch an anderen Stellen Beziehungen zeigt: Und ich rief mit großem Erschrecken: „Herr, wohin willst du, daß ich die Krone trage?“ Und die Stimme antwortete: „Du sollst sie ins ewige Leben tragen.“ Einige Sprachelemente erinnern an Ausdrucksformen des Jugendstils und des Expressionismus, so Weltnis, die Wortprägungen prächtigen, mächtigen, gewaltigen, einsamen, herrlichen (als Verbinifinitve, nicht als Adjektivformen). Kräftige ausdrucksstarke Wortbildungen sind auch einschleiern und verbeten (sich im Gebet verströmen). Aus der Denkweise der Mystik ist die Wortbildung Vorübervolle geboren, eine Charakterisierung von Menschen, die erfüllt sind vom Vorüber(gehenden), vom Vergänglichen. Noch einmal sei auf die sprachformende Wirkung kirchlicher Gebrauchstexte auf Gertrud von le Fort hingewiesen, wie sie in den Litaneien zum Ausdruck kommt, die somit einen neuen „Gebrauchswert“ erhalten. Motivbereiche Die beiden wichtigsten Motivbereiche sind Natur und Liebe. Die Natur ist in mystische Schichten erhöht und die Liebe in die vielschichtigen Entfaltungsmöglichkeiten des Eros einschließlich der religiösen Unio mystica hinaufgeführt. Am Anfang steht die nach Befreiung dürstende, in der introvertierten Seele gefangenen Liebe. Sie befreit sich im Bewußtsein des Corpus Christi Mysticum und erhebt sich über die bisherigen bitteren Erfahrungen, in denen der Wind des Verlassens wehte: Sie küssen sich von Einsamkeit zu Einsamkeit. Sie lieben sich tausend Schmerzen weit von ihren Seelen. Man kann nicht lieben ins Sprachlos-Ew’ge. Im Osterhymnus kommt die Liebe selbst zu Wort. Sie hat viele Stufen, Gott aber flutet von Liebe zu Liebe bis auf den Seelengrund. In den Reflexionen zum Pfingstfest erweist sich Liebe als Auftrag eines göttlichen Eros: Es ist über mich gekommen, wie das Knospen über den Strauch kommt, er ist in mir aufgebrochen wie Rosen an der Hecke! Ich blühe im Rotdorn meiner Liebe... Gemäß mystischer Überlieferung sieht Gertrud von le Fort das Herz Jesu als Sitz aller Liebe an, und in der Litanei zum Fest des allerheiligsten Herzens sind die Begriffe Herz und Liebe austauschbar. Hier findet sich auch ein Ansatzpunkt zu le Forts Definition von Dichtung als einer Form der Liebe, als Hingabe der Persönlichkeit: Ich will anstimmen den Preisgesang, den man nicht singt, sondern liebt! Der Hymnus auf das Königsfest Christi ist eine Aufgipfelung des Eros in die Brautmystik, die bei le Fort zeitlebens eine besondere und bevorzugte Rolle spielte, stärker noch als die Liebesbeziehung der Mutter zum Kind. Der Braut gebührt höchster Lobpreis, denn ihr Leib ist das Geheimnis seiner Liebe... Das Königslied endet mit der Liebe, die ist der Kranz des ewiglich Erwählten. In den Zusammenhang der Brautmystik gehört auch das für le Fort so charakteristische Motiv des Schleiers, das bereits in dieser ersten großen Dichtung zur Entfaltung kommt. In den Hymnen auf Die Letzten Dinge sagt die Kirche von sich: Ich bin unterworfen den Schleiern meiner Brautschaft, ich bin unterworfen den weißen Schleiern meines himmlischen Erbes... Aber wenn einst anhebt das große Ende aller Geheimnisse... dann wird der Enthüllte mein Haupt aufrichten, und vor seinem Blick werden meine Schleier emporfahren in Feuer. Die meisten Vergleiche und Bilder zur Beschreibung und Vergegenwärtigung einer Stimmung entnimmt Gertrud von le Fort dem Bereich der Natur, angefangen von den Vögeln, die bald seelische Unordnung, bald Sehnsucht verkörpern, bis hin zum Rotdorn, der zum Ausdrucksträger von Liebe und Freude wird. Sterne, Meere und Gebirge erweitern und beleben die Szene. Eine besondere Rolle spielen Blumen, insbesondere Rosen. Wird fortgesetzt |
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