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Das leere Universum

Von P. Engelbert Recktenwald

2019 ist ein Band mit Texten von C.S. Lewis herausgekommen, die in deutscher Sprache noch nie veröffentlicht worden waren. Norbert Feinendegen hat sie bei Fontis unter dem Titel „Durchblicke. Texte zu Fragen über Glauben, Kultur und Literatur“ herausgegeben.

Lewis hat das Talent, Zusammenhänge in einer so verständlichen Weise darzulegen, dass sie einem plötzlich wie selbstverständlich vorkommen und man sich verwundert fragt, warum man nicht selbst darauf gekommen ist. Besonders fasziniert hat mich der Text Das leere Universum. Lewis beschreibt den Fortschritt in der Erforschung des Universums als einen Vorgang, der das Universum entleert. „Zu Beginn erscheint das Universum vollgestopft mit Willen, Intelligenz, Leben und positiven Qualitäten (…) Der Fortschritt des Wissens entleert nach und nach dieses reichhaltige und beseelte Universum, erst der Götter, dann seiner Farben, Gerüche, Töne und seiner Geschmäcker …“

Es ist klar, was Lewis hier meint. Die erste Phase dieses Fortschritts ist das, was Max Weber mit seiner berühmten Formel der „Entzauberung der Welt“ bezeichnete: Das Universum enthält nichts Geheimnisvolles. Alles in ihm kann von der Wissenschaft erklärt werden. Den nächsten Schritt haben John Locke (1632-1704) und seine empiristischen Freunde vollzogen: Farben, Gerüche und dergleichen sind Sekundärqualitäten, die ausschließlich im wahrnehmenden Subjekt existieren. In der letzten Konsequenz bleibt dann auf der Objektseite nichts mehr übrig: „Esse est percipi“ („Sein ist Wahrgenommenwerden“) lautet die berühmte Formel von George Berkeley (1685-1753). Die ganze Fülle des Universums wandert jetzt ins Subjekt: „Das Subjekt wird vollgestopft, aufgebläht, auf Kosten des Objekts“, beschreibt Lewis den Vorgang.

Dieses Subjekt ist nichts anderes als Bewusstsein, Geist, Ich. Und nun tritt – als zweite Phase jenes Fortschritts – die Gegenbewegung ein, die nun wiederum das Subjekt seiner Wirklichkeit beraubt: Es gibt keinen Geist, sondern nur Materie. Der Empirismus hat Materie in Erscheinung verwandelt, der Materialismus wiederum verwandelt das Subjekt, dem etwas erscheint, in bloßen Schein. Es gibt kein „Selbst“, kein „Ich“, sondern nur das materielle Gehirn. Was wir „Bewusstsein des Menschen“ nennen, ist nur „ein abgekürztes Symbol für bestimmte verifizierbare Fakten in Bezug auf sein Verhalten: ein Symbol, missverstanden als ein Ding“, schreibt Lewis. Er hat hier den Behaviorismus Gilbert Ryles (1900-1976) im Auge, der glaubte, durch die Reduktion des Begriffs des Geistes auf reine Verhaltensdispositionen die Vorstellung eines „Gespenstes in der Maschine“ überflüssig machen zu können. Die einzige Realität ist die Maschine, die Materie, das Objekt. Es gibt kein Subjekt: Denn das Bewusstsein ist eine Illusion – so heute mit noch eindeutigerer Ausdrucksweise als zur Zeit Lewis‘ Philosophen wie Daniel Dennett (1942-2024).

Das Resultat des Fortschritts also lautet in den Worten Lewis': „Das Subjekt ist ebenso leer wie das Objekt.“ Wie können wir mit einem solchen Nihilismus leben? Denn „wir empfinden es als unmöglich, mit unserem Bewusstsein in der verdrehten Form zu verharren, die diese Philosophie von uns verlangt, und sei es auch nur für zehn Sekunden.“ Lewis nennt die Antwort David Humes (1711-1776), der meinte, man solle Backgammon spielen, um sich vor der Verzweiflung zu bewahren und sich von der Finsternis abzulenken, mit der seine Philosophie die Antwort auf existentielle Fragen wie „Was bin ich?“, „Was für Wesen umgeben mich?“ einhüllt.

Das bedeutet also: Solche Philosophie ist nicht lebenstauglich. Der Versuch, sie zu leben, wirkt selbstzerstörerisch. Um also eine Philosophie zu finden, die den Praxistest besteht, fordert Lewis: „Wir müssen zurückgehen und von vorne anfangen.“ Der Anfang der Fehlentwicklung aber bestand, wie wir uns erinnern, in der Entzauberung der Welt. Worin die Alternative zu dieser Entzauberung besteht, macht Lewis in diesem Aufsatz nicht mehr deutlich. Wir können aber in seinen Spuren weiterdenken. Es ist klar, dass die Wiederverzauberung nicht in einer Rückkehr zum Glauben an Götter, Nymphen und Dryaden, mit denen die Welt bevölkert sei, bestehen kann. Worauf es ankommt, ist vielmehr unsere Fähigkeit, die Natur als Träger von Wert, Sinn und Bedeutung wahrzunehmen! Die Natur ist ein Buch, das von uns gelesen werden will. Die Naturwissenschaften analysieren bloß die Form der Buchstaben und die chemische Zusammensetzung des Papiers. Das Buch zu lesen und seine Botschaft zu verstehen, ist ein völlig anderer Vorgang. Dessen Möglichkeit setzt voraus, dass das Universum auf eine Weise geisterfüllt ist, die es zu unserem Geist in ein Verhältnis setzt, das Erkenntnis im Sinne von innerem Verstehen möglich macht. Das setzt voraus: Der objektive Geist der Natur passt zum subjektiven Geist unseres Ichs wie der Schlüssel zum Schloss. Die Wirklichkeit wird intelligibel. Das wiederum setzt einen ewigen Intellekt voraus. Diesem verdanken wir unsere Vernunft, die sein Abbild ist, und die Welt verdankt ihr die Vernünftigkeit, ihre innere Rationalität, so dass sie Objekt unserer Vernunfterkenntnis werden kann. Lewis bringt diesen Sachverhalt in einem anderen Text des vorgestellten Buches zur Sprache: „Weder der Wille noch die Vernunft ist ein Produkt der Natur. Daher bin ich entweder selbstexistent (ein Gedanke, den niemand akzeptieren kann) oder ich bin ein Abkömmling eines Denkens und Willens, die selbstexistent sind. Die Vernunft und Güte, die wir erreichen können, müssen von einer selbstexistenten Vernunft und Güte abstammen, also in der Tat von etwas Übernatürlichem“, schreibt Lewis in „Bulverismus“ oder Die Grundlage des Denkens des 20. Jahrhunderts. (Ich würde das englische „self-existent“ mit „selbständig existierend“ übersetzen: Erst in dieser Bedeutung bekommt der Satz, der Mensch sei self-existent, den von Lewis behaupteten inakzeptablen Sinn).

Von jener selbständig existierenden, also subsistierenden Vernunft und Güte kündet uns das Universum: „Aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe wird in Entsprechung ihr Schöpfer erschaut“ (Weisheit 13, 5). Diese Schau bewahrt uns vor einer Entzauberung, die Natur auf eine gleichgültige Verfügungsmasse für unsere Herrschafts- und Gestaltungsgelüste reduziert. In einer Schau sah Lewis‘ Lieblingsmystikerin Juliana von Norwich, „dass alle Dinge, die Er [Gott] erschaffen hat, vielfältig und schön, groß und gut sind.“ Sie sah, was Christen aufgrund des Schöpfungsberichtes glauben: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1, 31). In eine solche Welt passt der Geist. Er ist in ihr kein Fremdkörper, so wie auch die Natur aufhört, uns gegenüber bloß das Fremde, das schlechthin Andere der Vernunft zu sein. Sie wird zu unserer Heimat. Weder löst sich dann – empiristisch – Natur in Bewusstsein auf, noch unser Ich – naturalistisch – in Physik und Chemie. Vielmehr wird die Wirklichkeit als Schöpfung zu einer Gabe des Schöpfers an uns, die wir ihm in sittlicher Bewährung zurückgeben sollen. Alle geschöpfliche Wirklichkeit ist die Liebesbotschaft ihres Schöpfers an uns, die sich durch unser Erkennen und Anerkennen in eine Liebesgabe verwandelt, die wir Gott zurückgeben. „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament“ (Ps 19, 2). Gott verherrlicht sich durch die Schöpfung, also durch die Erschaffung jener Wirklichkeit, die seine Herrlichkeit widerspiegelt. Wir verherrlichen Gott, indem wir im Spiegel die gespiegelte Herrlichkeit und damit auch den Spiegel als Spiegel erkennen. Entzauberung bedeutete, den Spiegel seines Charakters als Spiegel zu berauben. Die Heilung kann nur darin bestehen, dem Universum seinen Spiegelcharakter zurückzugeben. Aber auch unser eigenes Erkennen ist ein Spiegeln. Die in der Natur gespiegelte Herrlichkeit Gottes wird im Erkennen durch unseren Geist gespiegelt.

Von der Romantik wurden diese Zusammenhänge mehr erahnt als erkannt. Die Romantiker fühlten die Verarmung, die die von Lewis beschriebene Entleerung des Universums bedeutete, und wollten den verlorengegangenen Reichtum wieder zurückerobern. Eichendorff beschreibt diese romantische Ahnung sehr gut:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Er sucht nach dem Zauberwort, das den Spiegel in der Natur erweckt, so dass die Botschaft, die in allen Dingen verschlüsselt ist, freigesetzt wird. Dass diese Botschaft als ein Lied bezeichnet wird, deutet ihren frohen Charakter an. Und tatsächlich wurde uns die Frohe Botschaft durch das WORT gebracht: nicht durch ein Zauberwort, das der Mensch gefunden hat, sondern durch den Logos, der in die Welt gekommen ist, um den Menschen zu finden. Für den, der IHM begegnet, trifft tatsächlich zu: „Und die Welt hebt an zu singen“. Es wird zu einer so lebendigen Wahrheit, dass ein anderer katholischer Dichter sich zu ihr selbst angesichts erlebter Grausamkeit und trotz Unverständnis und Verspottung etwa durch Adorno bekennen konnte:

„Was aus Schmerzen kam
war Vorübergang.
Und mein Ohr vernahm
nichts als Lobgesang.“
(Werner Bergengruen).

_______

C. S. Lewis, Durchblicke. Texte zu Fragen über Glaube, Kultur und Literatur. Deutsche Erstveröffentlichung von Essays, Vorträgen, Briefauszügen und Passagen aus dem Werk von C. S. Lewis, ausgewählt, zusammengestellt und übersetzt von Norbert Feinendegen, Fontis-Verlag 2019, 416 Seiten.


Anna Diouf, Die Kunst, die Wahrheit auszuloten. Über C. S. Lewis' Du selbst bist die Antwort.

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