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Die Jagd nach den Eizellen

Von Kirsten Brodde

Weibliche Keimzellen sind ein knappes Gut, der schwarze Markt floriert. Die Abnehmer sind kinderlose Paare – und zunehmend auch Wissenschaftler.

Zehnmal ist Ines Schmid bereits ins Ausland gereist, um Eizellen zu kaufen und sich einpflanzen zu lassen. Mit der normalen künstlichen Befruchtung hatte es zuvor nicht geklappt. Ihre eigenen Eierstöcke produzierten keine gesunden Keimzellen, deshalb stieg sie auf die Früchte fremder Körper um. Das Sperma für die Befruchtung der Spenderzellen lieferte ihr Mann Christoph, der sie in Krankenhäuser nach Brünn in Tschechien, nach Bratislava in der Slowakei und nach Kapstadt in Südafrika begleitete.

Schwanger wurde die 47-Jährige bislang trotzdem nicht. Ines Schmid selbst spricht nicht mehr gerne über die Torturen, die das Kindermachen im Ausland mit sich bringt, seit sich sogar auf ihrer Internetseite für Gleichgesinnte Kritik an ihren zahlreichen Versuchen regte. 180 bis 200 Interessierte lesen täglich, was das Paar aus Süddeutschland über Behandlungskosten, Ärzte und Kliniken in aller Welt berichtet.

Nur über die Eizellspenderinnen schweigt das Ehepaar sich aus. Die Schmids kennen deren Namen nicht, obwohl diese Frauen ihretwegen eine anstrengende und riskante medizinische Behandlung auf sich nehmen: tägliche Hormonspritzen, die müde und launisch machen, und eine Operation unter Vollnarkose, wenn die Eizellen abgesaugt werden (siehe Zeichnung S.74/75). Milde Komplikationen wie einen aufgeblähten Bauch, Übelkeit oder Depressionen erleben viele Spenderinnen, aber auch lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie Nierenversagen, Lungenembolien und Schlaganfälle treten in einzelnen Fällen auf. Und wenn bei dem Eingriff beispielsweise der Eileiter verletzt wird, droht den Frauen Unfruchtbarkeit.

Christoph Schmid spielt die Risiken nicht herunter, sagt aber, „anonym soll es trotzdem bleiben". Wohl wissend, dass die Sache einen weiteren Haken hat: Die Eizellspenderin ist die genetische Mutter des von der Empfängerin ausgetragenen Kindes, denn mit der Keimzelle wird auch ihr Erbgut übertragen. Diese Situation wirft eine Fülle von moralischen und juristischen Fragen auf, denen die Gesellschaft noch weitgehend ratlos gegenübersteht.

Gespaltene Mutterschaft und Risiken für die Spenderin – zwei Gründe, weshalb die Eizellspende in Deutschland verboten ist und interessierte Paare in Länder ausweichen, welche die Prozedur erlauben. Reisen, um ein fremdes Organ zu erhalten oder um aus dem Leben zu scheiden, werden hierzulande lautstark in der Öffentlichkeit diskutiert. Der Eizellen-Tourismus hingegen ist bislang ein stilles Geschäft. Weit reisen muss keine. Ein Billigflug reicht, denn die Bundesrepublik ist umgeben von Ländern, in denen die Regelungen der Fortpflanzungsmedizin weniger rigide sind. Kundinnen aus dem Ausland sind dort willkommen – Hauptsache, sie zahlen. Das Angebot an frischen Eizellen treibt unfruchtbare Frauen nach Belgien, Spanien oder Tschechien. Manche, weil ihre Eierstöcke nach einer Krebsbehandlung keine Eizellen mehr hergeben, die meisten, weil sie schlicht zu alt sind und ihre biologische Reserve versiegt ist.

Schätzungen gehen von mehreren tausend Paaren jedes Jahr aus, die in Dutzenden Kliniken weltweit diesen Service in Anspruch nehmen. Das Eldorado des „Baby Business" sind die USA, wo Agenturen die Eizellen blonder, blauäugiger Mädchen für durchschnittlich 4000 bis 6000 Dollar anbieten. Athletinnen oder Studentinnen an Elite-Universitäten versprechen die Eizellen-Makler schon mal bis zu 50.000 Dollar. Der Dokumentarfilm „Frozen Angels" erzählt, wie die ehemalige Schauspielerin Shelley Smith 1991 in Los Angeles eine Agentur für Eizellenspenden eröffnet, jungen „Engeln" eine „finanzielle und emotionale Gelegenheit" bietet und das Verkaufen der Ware zu einem Akt der Nächstenliebe stilisiert.

Inzwischen erzielt die Fruchtbarkeitsindustrie in den USA jährlich einen Umsatz von drei Milliarden Dollar – und bleibt bis dato unbehelligt von Bundesgesetzen. Wer kriminalisiere schon ein Produkt, das sich zu einem Kind entwickle, erklärt Debora L. Spar von der „Harvard Business School" die juristische Zurückhaltung. „Es ist in Kalifornien leichter, eine Samenbank zu eröffnen als eine Pizzeria", bestätigt Bill Handel, Inhaber der weltgrößten Agentur für Leihmütter und Eizellspenderinnen in Los Angeles. 40 Prozent seiner Kunden kämen aus dem Ausland.

In Europa ist Spanien führend bei der High-Tech-Zeugung und dem Handel mit menschlichen Eizellen. Das katholische Land verfügt über ein liberales Fortpflanzungsgesetz, und die etwa 200 einschlägigen Kliniken in Marbella, Barcelona oder Valencia genießen einen ausgezeichneten Ruf. „Pässe, Tickets, Sonnencreme, Sperma" titelte unlängst die britische Zeitung „Observer" und beschreibt, wie unfruchtbare Britinnen Urlaub an der Costa del Sol machen, um in der Ceram-Klinik von Dr. Hugo Benito schwanger zu werden. Unterstützung erhalten die Patientinnen von der dort angestellten britischen Krankenschwester Ruth und ihrem Ehemann Simon, der das auf Reproduktionstourismus spezialisierte Reisebüro „IVF Travel Solutions" betreibt. In England ist die Eizellspende zwar erlaubt, aber die Britinnen selbst halten sich zurück, so dass es lange Wartelisten gibt. Frauen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, zapfen daher lieber ausländische Quellen an.

Was aber treibt die Spanierinnen, ihre Haut zu Markte zu tragen? 600 bis 1000 Euro bezahlen spanische Kliniken einer Frau pro Spende – oft sind die Spenderinnen 18 bis 25 Jahre alt und damit extrem jung. „In erster Linie lockt das Geld", sagt die Bioethikerin Itziar Alkorta Idiakez, Juristin an der Universität des Baskenlandes in San Sebastián. Worauf sie sich einließen, wüssten die wenigsten, und über schlechte Erfahrungen spreche man nicht. Ein nationales Register, das beispielsweise die Nebenwirkungen der Hormonbehandlung erfasse, fehle. Fast amüsiert berichtet Alkorta Idiakez, dass Spanien beginne, die Konkurrenz aus Südosteuropa zu fürchten.

Tatsächlich blüht der Handel mit Eizellen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Aber inzwischen wächst dort auch der Groll. Auf einer Tagung in Berlin zum Thema „egg cell trafficking" (illegaler Handel mit Eizellen) beklagten sich Frauen aus Albanien, Lettland, Ungarn, Polen und Russland heftig über Patientinnen aus reicheren Ländern, die viel Geld für Eizellen zahlten und so die Preise in die Höhe schnellen ließen. „Kinderwunsch-Paare aus unseren Ländern können sich die Behandlung schlicht nicht mehr leisten", sagt die Moskauer Gynäkologin Anastasia Barykina, deren Organisation Probirka (Reagenzglas) unfruchtbare Russinnen vertritt.

Die Eizellspenderinnen wiederum triebe die pure Not – sie bezahlten mit den paar hundert Euro Entschädigung ihre Miete, Holz für den Ofen oder warme Kleidung. Internationales Aufsehen erregte der Skandal um die Bukarester Klinik „GlobalArt", in der junge Rumäninnen hormonell für die Eizellproduktion stimuliert wurden, während Kundinnen in London bereits auf die Embryonen warteten. Die tiefgekühlten Spermien ihrer Partner gingen per Post nach Bukarest, wo die geernteten Zellen befruchtet wurden. Einige Spenderinnen allerdings wurden bei Hormonbehandlung und Eizellentnahme so schlampig versorgt, dass sie fast gestorben wären. Zwei Frauen klagen jetzt. Die dubiose Klinik, die zu einem schwer durchschaubaren internationalen Netzwerk gehört, ist bis heute nicht geschlossen.

Aber der Fall hatte ein politisches Nachspiel: EU-Abgeordnete kritisierten, dass mit diesem grenzüberschreitenden Geschäft einer neuen Form der Ausbeutung Tür und Tor geöffnet werde. Seit Anfang April gilt nun eine EU-Richtlinie, die verhindern soll, dass Frauen als lebendige Eizellfarmen missbraucht werden. Die Regelung schreibt vor, dass Spenden menschlichen Gewebes nur freiwillig und unentgeltlich erfolgen dürfen – allerdings bleibt eine Aufwandsentschädigung erlaubt. „Das lässt viele Fragen offen", warnt Ingrid Schneider, Politologin von der Universität Hamburg und Mitglied der Frauenorganisation „ReproKult". Ein fairer Preis für eine Eizelle lasse sich kaum ermitteln: Zu wenig Geld sei Ausbeutung, zu viel aber ein Anreiz. Was in Großbritannien als bescheidene Kompensation erscheine, könne in Osteuropa ein halbes Jahresgehalt ausmachen.

Schneider fordert deshalb, die Richtlinie nachzubessern. Strittig ist auch, ob die Anonymität der Spender aufgehoben werden solle. „Die Kinder haben ein Recht, ihre genetischen Wurzeln zu kennen", sagt Schneider. Das erfordere Spenderregister. „Solche Geheimnisse lassen sich ohnehin nicht wahren", sagt Walter Merricks vom britischen „Donor Conception Network". Spätestens bei einem Familienstreit mit aufsässigen Teenagern komme die Wahrheit ans Licht, und die Kinder fühlten sich zutiefst getäuscht. Merricks Organisation in Nottingham produziert Briefe, Bilderbücher und Videos, mit denen Eltern ihren Nachwuchs aufklären können. Dies ist in England seit April 2005 vorgeschrieben, was viele britische Spenderinnen abschreckt und dem Eizell-Tourismus weiter Aufschwung verschafft.

Nicht nur deshalb wird sich der Mangel an dem Rohstoff Eizelle weiter zuspitzen. Mittlerweile begehren ihn nicht mehr nur kinderlose Paare, sondern auch Wissenschaftler: Stammzellenforscher hoffen, mit der Hilfe dieser Alleskönner eines Tages maßgeschneidertes Ersatzgewebe für Diabetes-, Alzheimer- und Parkinson-Patienten herstellen zu können. Egal, ob man diesen Ansatz für spekulativ hält oder nicht – der Fälschungsskandal um den südkoreanischen Klonforscher Hwang Woo Suk offenbarte, wie wenig effizient die Technik ist und wie viele Eizellen sie verschlingt. Insgesamt hatte Hwang mehr als 2000 Eizellen von 119 Frauen eingesammelt, einige weibliche Forscher aus seinem Team zur Spende genötigt und mehr als 60 Frauen mit bis zu 1400 US-Dollar bezahlt. Der entzauberte Starforscher hatte zunächst behauptet, über die Herkunft der Eizellen nicht informiert gewesen zu sein. Die Strapazen der Spenderinnen waren vergeblich: Die menschlichen Stammzellen, die der Koreaner aus geklonten Embryonen hergestellt haben will, gibt es nicht. Seine Erfolgsquote lag bei null Prozent.

Die Empörung der Stammzellenforscher über die mangelnde Moral des Kollegen Hwang ist allerdings nicht frei von Heuchelei – vor allem in den USA. Dreist schaltet etwa die amerikanische Firma „Advanced Cell Technology" (ACT) Anzeigen, die Spenderinnen mit dem Slogan locken: „Let your eggs be part of the cure" (Lasse deine Eizellen Teil der Therapie sein) – einer Therapie, die noch längst nicht existiert. Und Forscher Michael West von ACT verkündete ungerührt, das koreanische Fiasko biete den USA die Chance, in der Stammzellenforschung wieder „die Führung zu übernehmen".

Abseits von nationalem Getöse stellt sich die Frage, wie viele Eizellen eigentlich notwendig wären, um genug Stammzell-Linien für irgendwann vielleicht mögliche Therapien zu erzeugen. Reichten, wie optimistische Experten schätzen, 1000 Stammzell-Linien aus, um neue Herz, Hirn- oder Muskelzellen für alle Bedürftigen zu züchten? Oder müsste jeder Mensch seine eigene Stammzell-Linie parat haben, um im Notfall gerüstet zu sein? Für eine geklonte Stammzell-Linie würden Wissenschaftler rund 250 Eizellen benötigen.

Zwar hofft die einschlägige Forscherszene weltweit auf Tausende „überzähliger" Embryonen, die noch in den Kühlschränken der Reproduktionsmediziner ruhen. Aber wer soll den Rest spenden? Selbst im überaus patriotischen Südkorea sind die Frauen gespalten, ob sie wirklich als Nachschublieferantinnen für die Forschung dienen wollen. In Europa sprechen sich Frauengruppen mit deutlichen Worten dagegen aus, so auch die britische Organisation „Comment on Reproductive Ethics" (CORE) aus London: „Hände weg von unseren Eierstöcken" lautet der plastische neue Slogan.

Dieser Artikel ist mit freundlicher Erlaubnis entnommen der Ausgabe 3/06 des Greenpeace-Magazins.


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