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Vianneys Kampf gegen die religiöse Unwissenheit

Von Francis Trochu

Vianney war sich bewusst, dass sich seinem Eifer ein furchtbarer Feind entgegenstemen werde: die ganze niederziehende Schwere und Trägheit von Menschen, die an ihren alten Gewohnheiten festhalten. Keines seiner Pfarrkinder hatte vor ihm die Tür zugeschlagen. Wer bis jetzt in die heilige Messe ging, wird auch weiterhin kommen. Aber er möge um Gottes willen nicht noch mehr verlangen!

Das Gegenteil tat er. Der junge Hirte fühlte sich vor Gott für alle Seelen von Ars verantwortlich und war entschlossen, sie erst an dem Tag in Ruhe zu lassen, an dem alle Missstände aus der Pfarrei verschwunden wären. Über Gebet und Buße hinaus wollte er sich durch Wort und Tat für dieses Ziel einsetzen.

Die Heilighaltung des Sonntags, mit dem das christliche Leben steht und fällt, hatte er sich als Erstes zum Ziel gesetzt. Das Haus des Herrn stand verlassen. Hierher mussten die Gläubigen zurückgeführt werden. Also galt es, das Gotteshaus selber anziehend auszustatten. Die Arser Kirche zum hl. Sixtus war im Jahre 1818 “arm nach innen und außen”. Die Ausstattung war mehr als bescheiden.

Diese alte Kirche hatte Vianney sogleich wie ein Stückchen Vaterhaus in sein Herz geschlossen. Bei der Verschönerung setzte er mit dem Altar, dem Mittelpunkt und tiefsten Seinsgrund des Heiligtums, ein. Aus Ehrfurcht vor der hl. Eucharistie sollte alles so schön wie nur möglich werden. Für diese Anschaffung klopfte er nicht an die Tür des Schlosses, sondern bestritt alles aus eigener Tasche. Mit einer glühenden Herzensfreude half er den Arbeitern, den Altar aufzurichten. Um ihn noch reicher auszustatten, machte er den Weg nach Lyon hin und zurück zu Fuß und brachte aus der Stadt zwei Engelsköpfe heim, die er zu beiden Seiten des Tabernakels aufstellte. Getäfel und Schnitzwerk strich er selber und schuf so der Kirche ein gefälligeres und würdigeres Aussehen.

Dann mehrte er die “Hauseinrichtung des lieben Herrgotts”, wie er sich in seiner bildhaften Sprache ausdrückte. In Lyon suchte er Stickerinnen und Goldschmiede auf und kaufte bei ihnen, was er an Kostbarstem entdeckte.

“In der Nähe lebt ein kleiner Landpfarrer”, vertrauten sich seine Lieferanten gegenseitig an, “mager, schlecht gekleidet, der dreinschaut, als habe er keinen Heller in der Tasche, und dem für seine Kirche gerade das Beste gut genug ist!”

Im Jahre 1825 nahm ihn Fräulein von Ars eines Tages mit in die große Stadt zur Beschaffung eines neuen Messgewandes. Bei jeder neuen Vorlage wiederholte er: “Nicht schön genug ..., es muss schöner sein als das!”

Die äußere Instandsetzung seiner Kirche sollte nicht vergebliche Mühe sein. Sie zeugte für den heiligen Eifer des Pfarrers, erfreute die frommen Seelen und lockte bald einige neue Personen, die vielleicht mehr aus Neugierde als aus Frömmigkeit kamen, in den Sonntagsgottesdienst.

Die Unwissenheit und die daraus erwachsende “Gleichgültigkeit in religiösen Dingen” – nicht aber Unglaube, denn diese Menschen hatten ihren Glauben bewahrt – bildete das Krebsübel bei der armen Bevölkerung. In dieser Unwissenheit sah ihr strenger, aber klar schauender Pfarrer nicht bloß eine Lücke, er betrachtete es als Sünde.

“Ich bin sicher”, erklärte er von der Kanzel herab, “dass diese eine Sünde mehr Menschen in die Hölle stürzt als alle andern zusammen. Denn eine religiös unwissende Person erkennt nicht das Böse, das sie anrichtet, und auch nicht das Gute, das sie durch das Sündigen preisgibt.”

Deshalb ging er mit einer heiligen Leidenschaft an die Unterweisung der Pfarrkinder. Früher hatte er im Schweiße seines Angesichtes die Scholle umgegraben. Aber jene Arbeit der Hände war eitel Erholung gewesen im Vergleich zu der unerhörten Mühe, die er sich in Zukunft auferlegen wird.

Zweiter Teil

Der religiöse Unterricht der Jugend war die dringlichste seiner Hirtensorgen. Die Kinder von Ars wurden schon von frühester Jugend an für die Feldarbeiten herangezogen. Bereits mit sechs und sieben Jahren ließ man sie die Herden weiden. Vom zwölften Jahr ab mussten die Knaben ihren Vätern beim Säen und Ernten zur Hand gehen. Ganz wenige Kinder konnten lesen. Sie kamen nur während der kalten und regnerischen Wintermonate in die Christenlehre und hatten dazu weder Lust noch Liebe, da sie nichts auswendig lernen konnten.

Gingen sie am Sonntag überhaupt in die heilige Messe? Ja, wenn sie an diesem Tag nicht aufs Feld geschickt wurden – und auch dann hielten noch allerlei Arbeiten sie in Hof und Stall zurück. Bald führte schlechte Gesellschaft, zusammen mit der religiösen Unwissenheit, sie in ein unsittliches Treiben hinein. Geistlos, an der Erde klebend, lebten und wuchsen viele dieser armen Kinder heran, wie wenn sie keine Seele hätten. Die erste hl. Kommunion bedeutete für ihr Leben nicht mehr und nicht weniger als irgendein anderes Ereignis.

Der junge Pfarrer von Ars ging daran, sie von Allerheiligen bis zur Zeit der ersten Kommunion jeden Wochentag schon um sechs Uhr morgens um sich zu sammeln. An Sonntagen erteilte er den Katechismusunterricht vor der Vesper, gegen ein Uhr. Mit allerlei frommen Listen lockte er seine junge Welt in die Kirche.

Franz Pertinand, Gastwirt und Fuhrhalter von Ars, berichtet aus seiner Jugend: “Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er zu uns Kindern sagte: ‘Wer zuerst in der Kirche ist, bekommt ein Bildchen von mir. ...’ Um dieses Bildchen zu erobern, waren manche schon morgens früh vor vier Uhr in der Kirche.” Das war offensichtlich in der guten Jahreszeit.

Erst im Jahre 1845, mit dem Tag, da er einen Hilfspriester erhielt, verzichtete er darauf, persönlich die Katechismusstunde zu halten. Siebenundzwanzig Jahre hindurch hatte er ganz allein seines priesterlichen Amtes gewaltet. “Er läutete selbst zur Kinder-Christenlehre”, berichtete Tailhades, “dann verrichtete er auf den Knien, ohne sich je aufzustützen, das Vorbereitungsgebet. Zuerst weckte er die Aufmerksamkeit dieser Kleinen durch einige kräftige Erwägungen, die gewöhnlich so ergreifend zu der Seele sprachen, dass die Anwesenden zu Tränen gerührt wurden. Nach dem Abfragen folgte die kurze, leicht verständliche, seelenvolle Erklärung.” Er drang bei den Kindern auf ruhige Sammlung, wachte streng über sie und strafte sie gelegentlich milde. Aber vor allem verstand er es, sie zu ermutigen, sie durch seine liebevolle, väterlich-gütige Art, in der alle Ehrfurcht beschlossen liegt, zu begeistern.

Er hieß sie auf allen Wegen den Rosenkranz bei sich zu tragen und hatte selber stets mehrere in der Tasche, um sie an Kinder, die den ihrigen verloren hatten, auszuteilen. Gute alte Leutchen haben noch siebzig Jahre später von diesen trauten Kindheitserinnerungen gesprochen. “Als wir in den Katechismusunterricht gingen”, erzählte im März 1895 Papa Drémieux dem damaligen Pfarrer von Ars, Msgr. Convert, “hat Vianney vorn in den Bänken des alten Chors unter den Glocken auf den Knien gebetet und dort gewartet, bis wir alle versammelt waren. Er betete und betete. ... Von Zeit zu Zeit erhob er die Augen zum Himmel und lächelte dabei. ... Wahrhaftig, ich glaube, dieser Mann hat etwas gesehen.”

Auch die Mutter Drémieux wusste noch zu erzählen, wie der heilige Pfarrer die Kinder unterrichtete, wie er zwischen ihnen hin und her ging, da und dort den Kleinen, die nicht aufmerkten, öfters einen Klaps austeilte. “Oh, gar nicht schlimm, er war so mild!”, muss sie in lieber Erinnerung nach so vielen Jahren beifügen. Er berührte ihre Wange mit dem Katechismus, in den er seinen Finger als Buchzeichen eingesteckt hatte. Am Sonntag durften sich auch die älteren Leute zu den Schülern für den Katechismusunterricht gesellen. Die Mutter Verchère, die nach dem Mittagessen leicht einnickte, “musste mehr als einmal wie die Kleinen zur Ordnung gerufen werden. Der Pfarrer kam an ihr vorbei, gab ihr einen Klaps und weckte sie so aus ihrem Nickerchen. Sie war es ganz zufrieden und schien sogar stolz zu sein auf sein Vorgehen.”

Dank den unermüdlichen Wiederholungen und dem eindringlichen Zureden Vianneys waren die Kinder von Ars bald die am besten Unterrichteten in der ganzen Gegend. Bischof Devie erkannte dies gelegentlich einer Firmungsreise an. Und später fühlten sich die Nachfolger des Heiligen in der Pfarrei oft ganz betroffen und tief erbaut von den religiösen Kenntnissen, die sie beim Erteilen der Sterbesakramente an schlichten Seelen feststellen konnten. Ihnen war eben die Gnade zuteil geworden, von Kindheit an die Glaubenslehre aus dem Mund eines Heiligen zu erlauschen.

Es nahmen allerdings nicht alle den gleichen Segen von diesen Stunden mit. Der Pfarrer von Ars bestand auf dem wörtlichen Auswendig-Lernen des Katechismus. Manches Gedächtnis sträubte sich gegen solche Arbeit. Aus diesem Grund zwang er junge Leute zu jahrelangem Ergänzungsunterricht – gewisse Moralisten scheinen ihn in diese ängstliche Strenge getrieben zu haben – und schob so in unglaublicher Weise die erste hl. Kommunion hinaus. Papa Drémieux wusste davon zu erzählen:
“Peter Cinier, Stephan Perroud und Cinier des Gardes gingen erst im Alter von sechzehn Jahren zur Erstkommunion. Cinier des Gardes ging in Amérieux. Mich musste man nach Mizérieux schicken. ... Es war doch lästig, so alt noch in den Katechismusunterricht zu müssen!”

Es handelt sich bei diesem Text um ein Kapitel aus dem Buch Francis Trochu, Der heilige Pfarrer von Ars. Jean-Marie Vianney 1786-1859. Aus dem Französischen übersetzt von P. Justinian Widlöcher, Kapuziner. Das Buch gilt als die beste Lebensbeschreibung des hl. Johannes Maria Vianney. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Christiana-Verlags.

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