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Vianneys Kampf gegen die religiöse Unwissenheit

Von Francis Trochu

Vianney war sich bewusst, dass sich seinem Eifer ein furchtbarer Feind entgegenstemen werde: die ganze niederziehende Schwere und Trägheit von Menschen, die an ihren alten Gewohnheiten festhalten. Keines seiner Pfarrkinder hatte vor ihm die Tür zugeschlagen. Wer bis jetzt in die heilige Messe ging, wird auch weiterhin kommen. Aber er möge um Gottes willen nicht noch mehr verlangen!

Das Gegenteil tat er. Der junge Hirte fühlte sich vor Gott für alle Seelen von Ars verantwortlich und war entschlossen, sie erst an dem Tag in Ruhe zu lassen, an dem alle Missstände aus der Pfarrei verschwunden wären. Über Gebet und Buße hinaus wollte er sich durch Wort und Tat für dieses Ziel einsetzen.

Die Heilighaltung des Sonntags, mit dem das christliche Leben steht und fällt, hatte er sich als Erstes zum Ziel gesetzt. Das Haus des Herrn stand verlassen. Hierher mussten die Gläubigen zurückgeführt werden. Also galt es, das Gotteshaus selber anziehend auszustatten. Die Arser Kirche zum hl. Sixtus war im Jahre 1818 “arm nach innen und außen”. Die Ausstattung war mehr als bescheiden.

Diese alte Kirche hatte Vianney sogleich wie ein Stückchen Vaterhaus in sein Herz geschlossen. Bei der Verschönerung setzte er mit dem Altar, dem Mittelpunkt und tiefsten Seinsgrund des Heiligtums, ein. Aus Ehrfurcht vor der hl. Eucharistie sollte alles so schön wie nur möglich werden. Für diese Anschaffung klopfte er nicht an die Tür des Schlosses, sondern bestritt alles aus eigener Tasche. Mit einer glühenden Herzensfreude half er den Arbeitern, den Altar aufzurichten. Um ihn noch reicher auszustatten, machte er den Weg nach Lyon hin und zurück zu Fuß und brachte aus der Stadt zwei Engelsköpfe heim, die er zu beiden Seiten des Tabernakels aufstellte. Getäfel und Schnitzwerk strich er selber und schuf so der Kirche ein gefälligeres und würdigeres Aussehen.

Dann mehrte er die “Hauseinrichtung des lieben Herrgotts”, wie er sich in seiner bildhaften Sprache ausdrückte. In Lyon suchte er Stickerinnen und Goldschmiede auf und kaufte bei ihnen, was er an Kostbarstem entdeckte.

“In der Nähe lebt ein kleiner Landpfarrer”, vertrauten sich seine Lieferanten gegenseitig an, “mager, schlecht gekleidet, der dreinschaut, als habe er keinen Heller in der Tasche, und dem für seine Kirche gerade das Beste gut genug ist!”

Im Jahre 1825 nahm ihn Fräulein von Ars eines Tages mit in die große Stadt zur Beschaffung eines neuen Messgewandes. Bei jeder neuen Vorlage wiederholte er: “Nicht schön genug ..., es muss schöner sein als das!”

Die äußere Instandsetzung seiner Kirche sollte nicht vergebliche Mühe sein. Sie zeugte für den heiligen Eifer des Pfarrers, erfreute die frommen Seelen und lockte bald einige neue Personen, die vielleicht mehr aus Neugierde als aus Frömmigkeit kamen, in den Sonntagsgottesdienst.

Die Unwissenheit und die daraus erwachsende “Gleichgültigkeit in religiösen Dingen” – nicht aber Unglaube, denn diese Menschen hatten ihren Glauben bewahrt – bildete das Krebsübel bei der armen Bevölkerung. In dieser Unwissenheit sah ihr strenger, aber klar schauender Pfarrer nicht bloß eine Lücke, er betrachtete es als Sünde.

“Ich bin sicher”, erklärte er von der Kanzel herab, “dass diese eine Sünde mehr Menschen in die Hölle stürzt als alle andern zusammen. Denn eine religiös unwissende Person erkennt nicht das Böse, das sie anrichtet, und auch nicht das Gute, das sie durch das Sündigen preisgibt.”

Deshalb ging er mit einer heiligen Leidenschaft an die Unterweisung der Pfarrkinder. Früher hatte er im Schweiße seines Angesichtes die Scholle umgegraben. Aber jene Arbeit der Hände war eitel Erholung gewesen im Vergleich zu der unerhörten Mühe, die er sich in Zukunft auferlegen wird.

Der religiöse Unterricht der Jugend war die dringlichste seiner Hirtensorgen. Die Kinder von Ars wurden schon von frühester Jugend an für die Feldarbeiten herangezogen. Bereits mit sechs und sieben Jahren ließ man sie die Herden weiden. Vom zwölften Jahr ab mussten die Knaben ihren Vätern beim Säen und Ernten zur Hand gehen. Ganz wenige Kinder konnten lesen. Sie kamen nur während der kalten und regnerischen Wintermonate in die Christenlehre und hatten dazu weder Lust noch Liebe, da sie nichts auswendig lernen konnten.

Gingen sie am Sonntag überhaupt in die heilige Messe? Ja, wenn sie an diesem Tag nicht aufs Feld geschickt wurden – und auch dann hielten noch allerlei Arbeiten sie in Hof und Stall zurück. Bald führte schlechte Gesellschaft, zusammen mit der religiösen Unwissenheit, sie in ein unsittliches Treiben hinein. Geistlos, an der Erde klebend, lebten und wuchsen viele dieser armen Kinder heran, wie wenn sie keine Seele hätten. Die erste hl. Kommunion bedeutete für ihr Leben nicht mehr und nicht weniger als irgendein anderes Ereignis.

Der junge Pfarrer von Ars ging daran, sie von Allerheiligen bis zur Zeit der ersten Kommunion jeden Wochentag schon um sechs Uhr morgens um sich zu sammeln. An Sonntagen erteilte er den Katechismusunterricht vor der Vesper, gegen ein Uhr. Mit allerlei frommen Listen lockte er seine junge Welt in die Kirche.

Franz Pertinand, Gastwirt und Fuhrhalter von Ars, berichtet aus seiner Jugend: “Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er zu uns Kindern sagte: ‘Wer zuerst in der Kirche ist, bekommt ein Bildchen von mir. ...’ Um dieses Bildchen zu erobern, waren manche schon morgens früh vor vier Uhr in der Kirche.” Das war offensichtlich in der guten Jahreszeit.

Erst im Jahre 1845, mit dem Tag, da er einen Hilfspriester erhielt, verzichtete er darauf, persönlich die Katechismusstunde zu halten. Siebenundzwanzig Jahre hindurch hatte er ganz allein seines priesterlichen Amtes gewaltet. “Er läutete selbst zur Kinder-Christenlehre”, berichtete Tailhades, “dann verrichtete er auf den Knien, ohne sich je aufzustützen, das Vorbereitungsgebet. Zuerst weckte er die Aufmerksamkeit dieser Kleinen durch einige kräftige Erwägungen, die gewöhnlich so ergreifend zu der Seele sprachen, dass die Anwesenden zu Tränen gerührt wurden. Nach dem Abfragen folgte die kurze, leicht verständliche, seelenvolle Erklärung.” Er drang bei den Kindern auf ruhige Sammlung, wachte streng über sie und strafte sie gelegentlich milde. Aber vor allem verstand er es, sie zu ermutigen, sie durch seine liebevolle, väterlich-gütige Art, in der alle Ehrfurcht beschlossen liegt, zu begeistern.

Er hieß sie auf allen Wegen den Rosenkranz bei sich zu tragen und hatte selber stets mehrere in der Tasche, um sie an Kinder, die den ihrigen verloren hatten, auszuteilen. Gute alte Leutchen haben noch siebzig Jahre später von diesen trauten Kindheitserinnerungen gesprochen. “Als wir in den Katechismusunterricht gingen”, erzählte im März 1895 Papa Drémieux dem damaligen Pfarrer von Ars, Msgr. Convert, “hat Vianney vorn in den Bänken des alten Chors unter den Glocken auf den Knien gebetet und dort gewartet, bis wir alle versammelt waren. Er betete und betete. ... Von Zeit zu Zeit erhob er die Augen zum Himmel und lächelte dabei. ... Wahrhaftig, ich glaube, dieser Mann hat etwas gesehen.”

Auch die Mutter Drémieux wusste noch zu erzählen, wie der heilige Pfarrer die Kinder unterrichtete, wie er zwischen ihnen hin und her ging, da und dort den Kleinen, die nicht aufmerkten, öfters einen Klaps austeilte. “Oh, gar nicht schlimm, er war so mild!”, muss sie in lieber Erinnerung nach so vielen Jahren beifügen. Er berührte ihre Wange mit dem Katechismus, in den er seinen Finger als Buchzeichen eingesteckt hatte. Am Sonntag durften sich auch die älteren Leute zu den Schülern für den Katechismusunterricht gesellen. Die Mutter Verchère, die nach dem Mittagessen leicht einnickte, “musste mehr als einmal wie die Kleinen zur Ordnung gerufen werden. Der Pfarrer kam an ihr vorbei, gab ihr einen Klaps und weckte sie so aus ihrem Nickerchen. Sie war es ganz zufrieden und schien sogar stolz zu sein auf sein Vorgehen.”

Dank den unermüdlichen Wiederholungen und dem eindringlichen Zureden Vianneys waren die Kinder von Ars bald die am besten Unterrichteten in der ganzen Gegend. Bischof Devie erkannte dies gelegentlich einer Firmungsreise an. Und später fühlten sich die Nachfolger des Heiligen in der Pfarrei oft ganz betroffen und tief erbaut von den religiösen Kenntnissen, die sie beim Erteilen der Sterbesakramente an schlichten Seelen feststellen konnten. Ihnen war eben die Gnade zuteil geworden, von Kindheit an die Glaubenslehre aus dem Mund eines Heiligen zu erlauschen.

Es nahmen allerdings nicht alle den gleichen Segen von diesen Stunden mit. Der Pfarrer von Ars bestand auf dem wörtlichen Auswendig-Lernen des Katechismus. Manches Gedächtnis sträubte sich gegen solche Arbeit. Aus diesem Grund zwang er junge Leute zu jahrelangem Ergänzungsunterricht – gewisse Moralisten scheinen ihn in diese ängstliche Strenge getrieben zu haben – und schob so in unglaublicher Weise die erste hl. Kommunion hinaus. Papa Drémieux wusste davon zu erzählen:
“Peter Cinier, Stephan Perroud und Cinier des Gardes gingen erst im Alter von sechzehn Jahren zur Erstkommunion. Cinier des Gardes ging in Amérieux. Mich musste man nach Mizérieux schicken. ... Es war doch lästig, so alt noch in den Katechismusunterricht zu müssen!”

Mit noch glühenderem Eifer widmete sich Vianney der Unterweisung seiner Gläubigen von der Kanzel herab.

Er richtet sich in der Sakristei ein. Er öffnet die Tür zum Heiligtum. Er, der Priester, will unter den Augen seines ewigen Meisters arbeiten. Der Ankleideraum, wo er die Gewänder für das heiligste Opfer anlegt, wird sein Studierzimmer. Er durchackert die Heiligenlegende, den Katechismus von Trient, das theologische Nachschlagewerk von Bergier, die Abhandlungen über das innere Leben von Rodriguez, die Predigtbücher von Le Jeune, von Joly, von Bonnardel und andern.

Seine einzige Erholung bei dieser angespannten Tätigkeit ist von Zeit zu Zeit ein Blick auf den Tabernakel. Die innere Erleuchtung sucht er vor dem Altar. Auf der untersten Stufe hingeworfen, betrachtet er, was er soeben gelesen hat. In seinem Geist ziehen die armen, schlichten Leute an ihm vorüber, denen er diese Wahrheiten verkünden soll. Hier vor ihm im Tabernakel ist der Meister, der alle diese höchsten Wahrheiten den Fischern, den Bauern, den Hirten verständlich zu machen wusste. Ihn bestürmt er mit Tränen in den Augen, auch ihm jenen Gedanken einzugeben, auch auf seine Lippen jenes Wort zu legen, das sein Volk rühren und bekehren wird.

Er geht in die Sakristei zurück. Er beginnt die Niederschrift. Als Künder der Wahrheit steht er aufrecht bei seinem Werk, wie ein Soldat zum Kampf bereit. Seine Feder läuft über das Papier und oft bedeckt er mit seiner feinen, geneigten, eiligen Schrift acht, zehn Seiten in einer einzigen Nachtwache.

Zu gewissen Zeiten arbeitete er sieben Stunden ohne Unterbrechung bis tief in die Nacht hinein. Er streicht kaum die eine und andere Stelle. Unvollendete Sätze verraten seine Eile, die Glut seines Eifers. Die Zeit ist kostbar. Er muss voran, koste es, was es wolle. Nun folgt das härteste Stück seiner Arbeit: das Auswendiglernen. Sein Gedächtnis ist bis ans Ende widerspenstig geblieben; und doch gilt es, sich fünfunddreißig bis vierzig, in einem Zug, ohne Absätze, ohne ersichtliche Einteilungen geschriebene Seiten einzuhämmern.

In der Nacht vom Samstag auf Sonntag machte er seine Vorübungen und trägt die Predigt laut vor. Vom Weg herüber, der am Kirchhof vorbeiläuft, haben ihn verspätete Heimkehrer oft seine Sonntagspredigt einüben hören. Übermannte ihn der Schlaf, so setzte sich der Asket auf die bloßen Steinplatten und lehnte sein Haupt gegen den eichenen Kredenztisch, wo er sich für einige kurze Augenblicke dem Schlummer überließ. Diese schrecklichen Stunden zählen zu seinen verdienstvollsten und zu den ergreifendsten seines ganzen Priesterlebens.

Dann kommt der Morgen, wo er vor seine Zuhörer treten muss. Außer in der für die Schlossfamilie bereitgestellten Bank füllte lauter Bauernvolk die Kirche. Sie hatten kritische Augen im Kopf und billigen Spott auf den Lippen und manche unter ihnen, vor allem die Jüngeren, wären am liebsten anderswo gewesen. Das wusste er. Aber er wusste auch, dass es um Seelen ging, denen er die Frohbotschaft verkünden sollte. Tiefer als jeder andere Priester war der Heilige von dieser Überzeugung durchdrungen. Dieser Glaube gab ihm den nötigen Mut. Allerdings war der Kopf des armen Pfarrers von der schweren Nachtarbeit wie zerschlagen. Und nun sollte er nach dem Fasten seit gestern Abend, nach dem Hochamt um elf Uhr, jetzt, wo es bereits auf zwölf Uhr ging, seine Predigt halten, die immer eine ganze Stunde dauerte.

Er predigte fast ständig in einer etwas erhöhten Stimmlage. Vortrag und Geste waren natürlich. “Warum schreien Sie denn so laut?”, fragte ihn Fräulein von Ars, besorgt, er könnte sich auf der Kanzel überanstrengen. “Schonen Sie sich doch ein bisschen mehr!” - “Herr Pfarrer”, stellte ihn eine andere Person zur Rede, “warum sprechen Sie so leise, wenn Sie beten, und so laut, wenn Sie predigen?” - “Wenn ich predige”, erwiderte er treuherzig, “rede ich eben zu tauben Ohren und zu schläfrigen Leuten; wenn ich aber bete, spreche ich zum lieben Gott, der ja nicht taub ist.”

Es verwundert nicht, dass bei einer derartigen Überanstrengung sein Gedächtnis manchmal aussetzte. “Auf der Kanzel”, sagt der Lehrer Johannes Pertinand, “verlor er manchmal den Faden und musste noch vor dem Schluss herabsteigen.” Eine solche Beschämung vor seinen Pfarrkindern, die er vielleicht gerade scharf zurechtgewiesen hatte, brach seinen Mut nicht, steigerte vielmehr seinen heiligen Eifer. Am folgenden Sonntag erschien Vianney wieder auf der Kanzel.

Diesmal hatte er aus Sorge, sein Misserfolg könnte seinen seelsorgerischen Einfluss schädigen und seine priesterliche -Autorität herabsetzen, selber viel gebetet und andere beten lassen. Und diesmal zeigte sich sein Gedächtnis nicht so untreu, ja er fand sogar den Mut, einige Worte aus dem Stegreif einzufügen.

Was predigte “dieser Stümper in der Kunst der Rhetorik” eigentlich seinen Pfarrkindern? Ihre Pflichten. Sein Wort richtete sich einzig an die ihm anvertrauten Seelen, mit Klarheit, ohne Umschweife, ohne gewundene Schmeicheleien. Manche seiner Sätze klingen sehr hart. Aber der Prediger schlägt, vor allem in den ersten Jahren, scharf drauf, damit der Nagel eindringt. Dabei ist seine Stimme oft von Milde, Weichheit, Innigkeit durchzittert. Er, der Apostel, ist eben nicht bloß Menschenbekehrer, er ist auch Hirte, Vater. Er weiß es: Drunten sitzen Menschen, deren Herzen er ermuntern und deren Willen er emporreißen muss.

Wilhelm Villier, der bei Vianneys Amtsantritt neunzehn Jahre zählte, berichtet: “Oft sagte er uns Worte wie folgende: ‹Oh, ihr meine lieben Pfarrkinder, wir wollen uns bestreben, ins Paradies zu kommen! Dort werden wir Gott schauen. Wie werden wir glücklich sein! Wenn die Pfarrei gut wird, gehen wir alle wie in Prozession hinauf, und euer Pfarrer wird an eurer Spitze marschieren.›”

Ein andermal lauteten seine Worte: “In den Himmel müssen wir kommen! Welch ein Schmerz, wenn einige von euch auf der anderen Seite stünden!” Gern wiederholte er den Gedanken: Das Heil ist leicht zu wirken für Leute vom Land, die so bequem bei ihrer Arbeit beten können. Für die Burschen und Mädchen von Ars, die ihren Übermut aufgaben und entschlossen den Weg christlicher Reinheit gingen, hatte er Worte des Lobes, die an das Feinste der Seele rührten.

Bei denen, die noch in die Kirche kamen – die Abtrünnigen sollten später an die Reihe kommen – verlangte er vor allem ehrfürchtiges Benehmen, die Haltung des Christen, der sich bewusst ist, dem Heiligsten unserer Geheimnisse beizuwohnen. Bei den meisten muss er leider eine faule Bequemlichkeit feststellen, Geflüster, breites, lautes Gähnen aus Langeweile, was nur zu klar auf ihren inneren Überdruss schließen lässt. Die Nachzügler lassen die Tür dröhnend ins Schloss fallen. Die Übereiligen verlassen die Kirche mitten in der heiligen Handlung. Die Jungen “gaffen von der Decke zum Boden, von einer Ecke der Kirche in die andere ... lassen ihre Blicke umherschweifen, um diese Schönheit und jenen Aufputz zu mustern”. Die Kinder führen sich nicht besser auf. “Schaut das Lachen, seht die Zeichen, die sich diese kleinen Nichtsnutze geben, all die kleinen Dummköpfe.”

Diese Seelen sind nichts anderes als harte Felsen; und es braucht starke Schläge, um sie dem Wort zu öffnen. Vianney greift ihre Redewendungen auf, übernimmt ihre Redensarten und hält ihnen in ihrer eigenen Sprache den Mangel an echtem, lebendigem Glauben vor, manchmal in so scharfen Ausdrücken, dass man sie nur aus der Glut seines heiligen Eifers heraus verstehen und entschuldigen kann. Auch auf die Gefahr hin, manche Leute öffentlich bloßzustellen, trifft er sie wo nötig “ohne Schonung”, ohne Umschweife, ohne Rücksicht. Seine Vorhaltungen sind “lebhaft, gehen direkt auf die Person los”. “Weise sie scharf zurecht, damit sie im Glauben gesunden”, schreibt der hl. Paulus an seinen Schüler Titus. Zu Beginn seines Wirkens nahm der Pfarrer von Ars dieses Wort buchstäblich. Und zuweilen brach auch ein Rest seines beißenden, spöttischen Temperamentes durch, das die Tugend noch nicht überwunden und zur Vollkommenheit milder Sanftmut durchsonnt hatte. Auch hatte seine Erfahrung noch nicht die volle Reife erlangt. So blieb er, der gegen sich selber streng bis zum Heroismus war, ein wenig allzu unnachsichtig gegen andere. Es hatte allerdings auch seine Zeit auf ihn abgefärbt. Der Baum des Jansenismus war gefällt worden, aber im Grund waren seine Wurzeln noch nicht ganz tot. Die katholischen Kanzeln im Umkreis von Ars hatten zwar nicht die Gnade, einen Heiligen zu tragen, warfen aber ganz ähnliche Worte unter das gläubige Volk.

Folgsam gegenüber den Vorschriften des Konzils von Trient erklärte der Pfarrer von Ars seinen Gläubigen oft die gesamte Liturgie des heiligen Opfers und suchte ihren Seelen so Verständnis und Liebe zum Heiligsten unseres Glaubens einzupflanzen. Es galt nicht bloß, Falsches auszureißen, man musste neuen Samen in das aufgerissene Erdreich legen. Er erklärte ihnen der Reihe nach das Wesen, die Notwendigkeit, den Wert, die Gnaden des allerheiligsten Altarsakramentes. Überhaupt beherrschte dieses eine Streben und Ideal sein ganzes priesterliches Leben: die Seelen loszulösen von irdischer Sorge und Neigung und sie hinzuführen zu der Gnade des Altares.

Natürlich hatte er in seiner Pfarrei immer noch einige von jenen Gleichgültigen, die, anstatt der heiligen Messe beizuwohnen, einen Nachbarn aufsuchen und mit ihm eine gute Flasche trinken; die sich kein Gewissen daraus machen, einen Freund, den sie gerade auf dem Weg treffen, mit heimzunehmen und die heilige Messe für ein andermal aufzuschieben; solche, welche die Zeit des Gottesdienstes mit Spielen und Trinken, mit Arbeiten, Reisen oder Tanzen totschlagen, alles Leute, die leben, wie wenn sie sicher wären, sie hätten gar keine Seele zu retten.

Diesen drohte der Pfarrer von Ars mit den Strafen der jenseitigen Welt. “Arme Leute! Wie seid ihr doch elend dran! Trottet nur euren Weg weiter! Geht, ihr habt nur etwas zur erwarten: die Hölle ...!” Er nahm sie auch an ihrer schwachen Stelle, an ihrem persönlichen Eigennutz. “Eines ist klar: Sie gehen fast alle elend zugrunde ... Der Glaube schwindet aus ihren Herzen und ihre Güter verfallen. So sind sie doppelt unglücklich geworden.”

Bei all seinem Eifer musste der Prediger jedoch schmerzlich erkennen, dass er sich meist an Abwesende wandte und “für die Wände sprach”. Nur an bestimmten Hochfesten führte ein von christlichen Voreltern überkommener Brauch noch fast die ganze Pfarrei in die Kirche. Das war für den jungen Pfarrer die beste Gelegenheit, die seelenmordenden Laster zu geißeln. Am Himmelfahrtstag griff er alle auf einen Schlag an. Seine Predigt setzt mit einem wohlgezielten Hieb gegen die Sünder ein, “die überallhin ihre Ketten und ihre Hölle schleppen”. Aber plötzlich bricht er ab. “Nein, meine Brüder, hier wollen wir innehalten, dieser Gedanke ist zu verzweifelt, diese Worte stimmen nicht zu dem heutigen Tag. Lassen wir diese Unglücklichen, Verlorenen in ihrer Finsternis, weil sie selber dort bleiben wollen. Sie mögen sich selbst verdammen, da sie sich nicht retten wollen ...!” Mit diesen Worten brach er ab und wandte sich dem praktizierenden Teil seiner Herde zu: “Kommt, liebe Kinder ...”

Am Patronatsfest werden auch jene kommen, die den Tag und die darauffolgende Nacht mit Tanzen und Trinken entweihen, doch nicht den Mut haben, der heiligen Messe auszuweichen. Er wird sein ganzes Volk vor sich haben und er wird sie nicht gehen lassen, bevor er sie mit “frischen Ruten geschlagen” hat. Er kritisiert die Arser Tanzunsitten. “Ihr werdet mir antworten: Uns von Tanz und seinen bösen Folgen zu sprechen, ist doch verlorene Zeit ...! Mag sein! Ich werde dennoch weiterreden und das tun, was meine Pflicht ist. Es soll euch nicht verletzen. Euer Hirte erfüllt einfach seine Pflicht.” Und so geißelt er Reihe um Reihe “die Burschen und Mädchen, die ihren Durst an dieser Sündenquelle stillen ... die blinden, verirrten Eltern, die ihnen diesen Weg vorangegangen sind”.

Der Kampf ist aufgenommen. Und der Pfarrer von Ars ist – falls Gott ihm das Leben lässt – entschlossen, die Waffen erst nach siegreich gewonnener Schlacht zu strecken.

______________

Es handelt sich bei diesem Text um ein Kapitel aus dem Buch Francis Trochu, Der heilige Pfarrer von Ars. Jean-Marie Vianney 1786-1859. Aus dem Französischen übersetzt von P. Justinian Widlöcher, Kapuziner. Das Buch gilt als die beste Lebensbeschreibung des hl. Johannes Maria Vianney. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Christiana-Verlags.


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