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PersonenAmadeus v. L. |
Heute vor 700 Jahren, am 22. September 1306, starb der Theologe Johannes von Paris OP, genannt Quidort. Er starb in Bordeaux, wo sich damals unter Papst Clemens V. (1305 - 1314) gerade die Kurie befand. Er hatte sich dorthin begeben, um gegen die Suspension vom Lehramt an den Papst zu appellieren. Um 1255/1260 in Paris geboren, war er seit mindestens 1290 Magister artium, seit 1304 Magister der Theologie in Paris. "Magister" entspricht in etwa dem heutigen Professor. Er wohnte im berühmten Dominikanerkonvent St. Jacques. Suspendiert worden war er wegen seiner Impanationstheorie. Diese besagt im Zusammenhang der Eucharistielehre, daß die Brotsubstanz nach der Konsekration fortbestehe, in hypostatischer Union mit dem Leib Christi verbunden. Da das Konzil von Trient erst über 200 Jahre später stattfand, befinden wir uns in einer Zeit, in der die Transsubstantiationslehre noch nicht dogmatisiert war. Gegen Luther, der die Impanationslehre in etwas anderer Form als Quidort lehrte, definierte das Konzil 1551 in seiner 13. Sitzung: "Wer sagt, im hochheiligen Sakrament der Eucharistie bleibe die Substanz von Brot und Wein zugleich mit dem Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus bestehen (...), der sei ausgeschlossen." Die Tatsache, daß Quidort wegen seiner Lehre suspendiert wurde, zeigt aber, wie stark schon im Hochmittelalter die Transsubstantiationslehre im Glaubensbewußtsein der Kirche verankert war. Sein vorzeitiger Tod verhinderte womöglich ihre frühere Dogmatisierung. Trotz seines Irrtums war Quidort kein hartnäckiger Häretiker. Martin Grabmann bezeichnet ihn als "die vielseitigste, markanteste Gestalt der Pariser Thomistenschule des späten 13. Jahrhunderts" (LThK 1. Auflage, Bd. V). Quidort schrieb u.a. eine Verteidigungsschrift für Thomas von Aquin gegen Wilhelm de la Mare OFM aus der Bonaventuraschule. Am bedeutendsten dürfte sein Traktat "De potestate regia et papali" sein, mit dem er in den damals tobenden Streit über das Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt eingriff. Der Vorgänger Clemens' V. war Bonifaz VIII. (1294 - 1303) gewesen. Die Wende von Bonifaz VIII. zu Clemens V. bedeutete den Absturz überhöhter päpstlicher Machtansprüche in eine entwürdigende Abhängigkeit vom französischen König im Avignoner Exil. Die reale Auseinandersetzung wurde von einer literarischen begleitet, in der teils polemisch, teils aber auch auf hohem Niveau mit schärfsten Argumenten zwei Typen der Zweigewaltenlehre ausgebildet wurden: die hierokratische, in der die weltliche Gewalt de facto in der geistlichen aufgeht, und die dualistische. Quidort ist zum dualistischen Lager zu rechnen, das sich gegen die übersteigerten päpstlichen Machtansprüche wandte. In meiner Studie "Die hierokratische Zweigewaltenlehre im 14. Jahrhundert" schrieb ich über ihn (Referenzen im Original): "Quidort gehörte zu den Dominikanern, die sich 1303 in Paris der Forderung des Königs nach einem Generalkonzil anschlossen. Die Pariser Universität wurde damals von Philipp dem Schönen aufgefordert, die Frage der Jurisdiktion des Papstes in temporalibus zu untersuchen. Vermutlich steht der Traktat Johannes Quidorts ‘De regia potestate et papali' damit in Zusammenhang. Demnach wäre er in das Jahr 1303 zu datieren. Seine Gegner, mit denen er sich auseinandersetzt, sind Heinrich von Cremona, Aegidius Romanus und Jakob von Viterbo. Dabei kommt ihm der Aristotelismus des Thomas von Aquin zugute, mit dessen Hilfe er die Unabhängigkeit der Staatsgewalt herausstellt. Er wird dadurch nach Grabmann ‘der erste Vertreter der neuen Staatsidee', und nach Alois Dempf gar gebührt eigentlich diesem ‘liberalen Staatsdenker' jener Weltruhm, den Marsilius von Padua geerntet hat. Der Vorrang des Papstes wird auf den der Würde beschränkt. Was ihm bleibt, ist lediglich die Möglichkeit, den König ‘per accidens' abzusetzen, dann nämlich, wenn der König ein hartnäckiger Häretiker ist. ‘Per accidens' heißt: Er kann Maßnahmen ergreifen, die zur Absetzung des Königs durch das Volk führen, z.B. indem er alle exkommuniziert, die den König noch anerkennen. Indem Johannes Quidort letztlich dem Volk das Recht der Absetzung zuspricht, ist er nach Dempf noch vor Marsilius der erste Verfechter der Volkssouveränität. Der Papst selber dagegen kann bereits aus irgendeiner ‘causa rationabilis et deficiens' von einem Generalkonzil oder Kardinalskollegium abgesetzt werden, und wenn Gefahr für die res publica in Verzug ist, kann der König mit Gewalt gegen ihn vorgehen. Quidort ist übrigens der erste, der die allegorische Auslegung der Lukasstelle über die beiden Schwerter als Beweismittel ablehnt. Damit ist er ‘der erste, der den Prinzipien der Bibelinterpretation des hl. Thomas von Aquin in der politischen Publizistik Eingang verschafft' (Fritz Bleienstein)". Anton Berlage Heute vor 125 Jahren, am 6. Dezember 1881, starb in Münster der Theologe Anton Berlage. Berlage wurde am 21. Dezember 1805 in Münster geboren. Ab 1824 studierte er Philosophie und Theologie in Münster, ab 1826 in Bonn. In Münster hörte er den Hermesanhänger Wilhelm Esser (1798 - 1854), der dort seit 1823 dozierte, in Bonn Georg Hermes (1775 - 1831) selbst, der als Dogmatikprofessor im Dezember 1819 von Münster nach Bonn gewechselt hatte. Hermes war vom rationalistischen Zeitgeist beeinflußt und versuchte, die Scholastik verachtend, die rationalistische Methode in die Theologie einzuführen. Er gewann viele Schüler, die sein System in ganz Deutschland verbreiteten. Matthias Josef Scheeben schreibt mit Blick auf Hermes und ähnliche Theologen: Der Streit um das Systems Hermes' spaltete damals die Theologie und die Kirche. Gegen die Verkennung und Verzerrung der Scholastik durch Hermes und Günther schrieb Joseph Kleutgen seine "Theologie der Vorzeit". Während die Bischöfe von Münster und Paderborn ihren Theologiestudenten den Besuch der Vorlesung Hermes' verboten, schätzte der Kölner Erzbischof Ferdinand August Graf von Spiegel (1824 - 2.8.1835) Hermes so sehr, daß er ihn 1825 zum Domkapitular ernannte. Da die Auseinandersetzung um die Theologie Hermes' auch nach dessen Tod weiterging, und zwar heftiger denn je, griff Rom schließlich ein. Im Breve "Dum acerbissimas" vom 26. September 1835 verurteilte Papst Gregor XVI. (1831 - 1846) den Hermesianismus: "Und unter die Lehrer eines derartigen Irrtums wird aufgrund seines beständigen und in Deutschland fast allgemeinen Rufes Georg Hermes gezählt, der ja, vom Königspfad, den die gesamte Überlieferung und die heiligen Väter bei der Auslegung und Verteidigung der Glaubenswahrheiten geebnet haben, verwegen abweichend, ja, ihn sogar hochmütig verachtend und verwerfend, im positiven Zweifel als der Grundlage jeder theologischen Forschung und in dem Prinzip, das er aufstellte, daß die Vernunft die Hauptnorm und das einzige Mittel sei, mit dessen Hilfe der Mensch die Erkenntnis der übernatürlichen Wahrheiten erlangen könne, den finsteren Weg zu jedweder Art Irrtum bahnt." (DH 2739). Rom stützte sich dabei auf das Gutachten einer Gruppe von Theologen, deren bedeutendster Giovanni Perrone (1794 - 1876) war. Dessen "Praelectiones" erkennt Scheeben "das große Verdienst und die Ehre" zu, "bei ihrer großen Verbreitung fast in der ganzen Welt das kirchliche Bewußtsein geweckt und die Luft gereinigt zu haben" (HKD, nr. 1115). Der Nachfolger Spiegels, Clemens August Freiherr Droste zu Vischering (18351845), ging entschieden gegen den Hermesianismus an der Bonner Theologischen Fakultät vor, was ihn, neben der Mischehenfrage, in Konflikt mit dem Preußischen Staat und schließlich in eine anderhalbjährige Festungshaft brachte: das berühmte "Kölner Ereignis". Berlage studierte also bei Hermes und machte sich dessen Lehre und Geist zueigen. Das änderte sich allerdings, als er 1829 nach Tübingen ging. Dort hörte er Johann Sebastian Drey (1777 - 1853), den Begründer der Tübinger Schule, Johann Adam Möhler (1796 - 1838), deren bedeutendsten Vertreter, und Johann Baptist von Hirscher (1788 - 1865). Er konnte sich vom rationalistischen Geist lösen und einer gesunden Theologie zuwenden. 1830 ging er nach München und begann unter Ignaz von Döllinger seine Dissertation "Über dogmengeschichtliche Studien", die er in Münster abschloß. 1832 wurde er dort Privatdozent und zum Priester geweiht. Im Wintersemester 1832/33 war unter seinen Hörern der schon erwähnte Joseph Kleutgen (1811 - 1884), der einer der entscheidenden Begründer der Neuscholastik in Deutschland werden sollte. 1835 wurde Berlage Professor für Moraltheologie, doch gab er ab 1843 nur noch Vorlesungen in Dogmatik. Für Jahrzehnte prägte er in Münster die Theologie. Nach Peter H. Görg im BBKL war Berlage "wohl der einzige Dogmatikprofessor im deutschen Sprachraum, der ein Votum für die Dogmatisierbarkeit der Unbefleckten Empfängnis abgab." 1839 bis 1864 erschien seine siebenbändige "Katholische Dogmatik". "Die Arbeit ist das beste Prototyp dessen, was und wie man um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland auf gut kirchlicher Seite dogmatisch lehrte, zugleich ein Muster klarer Exposition und eleganter Diction" (Franz Kaulen in Wetzer und Welte's Kirchenlexikon II, 1883, Sp. 413). Weitere Artikel: |
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