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Bernanos und die Heiligen

Von Michel Verdant

Vorbemerkung: Josef Pieper nimmt in der Vorbemerkung zu seinem Sammelband "Über die Schwierigkeit heute zu glauben" (1974) das Wort Hegels von den "Verwüstungen der Theologie" wieder auf und bezieht es "auf den aufgeklärten, biblisch gebildeten Agnostiker und auf eine ohne Glauben betriebene «Theologie»". Dann fährt er fort: "Georges Bernanos hat sie im Titel eines fast prophetischen Romans bei ihrem wahren Namen genannt und sie als das bezeichnet, was sie wirklich ist, als «Betrug»." Mit diesem Urteil stimmen die Ausführungen Michel Verdants überein, der zeigt, wie Bernanos diesem Typ von Theologen den "Geist der Kindschaft" einer hl. Theresia vom Kinde Jesu gegenüberstellt. Der Aufsatz ist erstmals in französischer Sprache in der Zeitschrift La Nef (B.P. 70, 78690 Les Essarts-le-Roi) erschienen, in deutscher Sprache in der "Umkehr". Wir danken dem Chefredakteur Christophe Geffroy für die freundliche Erlaubnis zur Publikation. Die Übersetzung besorgte Dr. Edeltraud Rösermüller. PER

Angesichts der Zivilisationskrise, die Europa nach dem Ersten Weltkrieg erschüttert, reflektiert Bernanos über die Entwicklung des Menschen.

Unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des Cartesianismus und seines "bon sens"(1) und des allgemeinen geistigen Zusammenbruchs sowie der Unzulänglichkeit der Kasuistik des 19. Jahrhunderts, die in der Sünde lediglich einen Verstoß gegen die Gesetze Gottes erblickt, während sie eine Perversion der Liebe ist, wendet sich Bernanos dem "christlichen Menschentyp zu, den die Kirche selbst sanktioniert hat: dem Heiligen", mit dem Ziel, "sich nach und nach den wahren Sinn der alltäglichsten und durch den Gebrauch am meisten entstellten Wörter" wieder anzueignen.

Bernanos als Hagiograph

"Gott möge uns vor den Heiligen bewahren!" Diese bekannte scherzhafte Äußerung des Dekans Blangermont, einer Gestalt im Journal d'un curé de campagne [Tagebuch eines Landpfarrers], ist viel zu spitzfindig, als daß sie Bernanos ganz ernst genommen hätte. So können wir auch heute noch mit Freuden in Bernanos einen Hagiographen unserer Zeit wiederentdecken.

Wenn er diese Literaturgattung so tatkräftig erneuerte, dann gewiß deshalb, weil ihn die offizielle Hagiographie anwiderte. Seiner Meinung nach grenzte die Einstellung der rationalistischen und positivistischen Geschichtsschreiber ans Absurde. Die Kritik am Werk von Ernest Renan über das Leben Jesu veranlaßte ihn zu dem Ausruf: "Für den, der zu lesen versteht, ist 'La Vie de Jésus' ein Vaudeville (2), dem das Natürliche und die Anmut fehlen." Die "ungläubigen oder skeptischen Dummköpfe" konnten ihn erheitern, doch die "frommen Dummköpfe" regten ihn auf, und die Studien aus klerikaler Hand, mochten sie auch von Dominikanern stammen, befriedigten diesen Spezialisten der Seelenanalyse ebensowenig.

In zweien seiner Romane, L'Imposture [Der Betrug] und La Joie [Die Freude], macht sich Bernanos sogar ein Vergnügen daraus, einen würdevollen Vertreter dieser Denkrichtung zu schildern: den Abbé Cénabre. Nichts fehlt diesem intelligenten Mitglied der Französischen Akademie und vortrefflichen Historiker, nichts außer der Liebe. Sein unersättlicher Wissensdurst erforscht in der Tat selbst Wunder, aber er kann sich nur eine "spirituelle Ordnung, der das Beste, nämlich die Liebe, weggenommen ist", vorstellen.

Für Bernanos beschränkt sich die Nächstenliebe nicht auf das Mitleid; sie ist vielmehr ein Mittel zur Erkenntnis, eine Art intuitiver Vernunft, die es ermöglicht, sofort, auf den ersten Blick den Werdegang eines Lebens, seinen Leitfaden zu erfassen.

Doch die Kritik wäre eitel, hätte sich Bernanos nicht selbst mit der Abfassung von Heiligenbiographien beschäftigt. Mit Meisterhand redigierte er einen Saint Dominique, der im Dezember 1926 in der Revue universelle erschien; anschließend verfaßte er auf Bitten von François le Gris für die Revue hebdomadaire anläßlich der 500-Jahrfeier der Befreiung von Orléans (8. Mai 1929) eine Jeanne relapse et sainte [Johanna, Ketzerin und Heilige], die er als heldenhafte Märtyrin gestaltet, die nicht nur ein "Konfitürengesicht" ist, nicht nur ein blasser, "harmloser Tugendengel, von dem die Seminarien träumen".

Es handelt sich um zwei Studien, die zu einem Zeitpunkt entstehen, da Bernanos in seinem Bewußtsein und Gewissen als Christ durch die von Rom ausgesprochene Verurteilung der Action française zutiefst erschüttert ist. In diesen Studien zeichnet ein Bernanos, der von Angst, Verzweiflung und Empörung bedroht ist, zwei Heilige, die auf Gewalt mit Liebe antworten, auf Armut mit Nächstenliebe, auf Verzweiflung mit Hoffnung und Selbsthingabe.
Wirklich herrliche, aber vielfach verkannte Meisterwerke.
Bernanos stellt seine beiden Heiligenleben in den Strahlbereich des "Geistes der Kindschaft".

Für Bernanos ist nämlich der Dominikanerorden aus dem Mitleid hervorgegangen, das der junge Dominikus für die Kastilianer empfand, denen die Gefangennahme als Sklaven durch die Mauren drohte.

Was den Prozeß der Jeanne d'Arc betrifft, so stellt Bernanos den "Geist der Kindheit" dem Geist der Welt gegenüber: eine junge, schelmische Johanna, die sich nichts aus ihren Richtern macht, diesen gelehrten Herren von der Sorbonne mit ihrer Pharisäerrhetorik, die sich mehr darüber aufregen, daß Gott sie nicht über das kanonische Recht befragt hat, als "über das große Elend, das im französischen Königreich herrscht". Eine schreckliche Feststellung für die Kirche Frankreichs, aber auch eine schaurige Kritik an der Ecole Normale Supérieure (3), über die Bernanos und Péguy ein Urteil fällen, dem Enttäuschung zugrunde liegt.

Diese beiden im Ton so freimütigen Hagiographien sind zugleich ein Hymnus auf die Freiheit.

Wenn sich Freud, Marx und andere verbünden, um den Menschen in mechanistische, fast mathematische, determinierte und deterministische Gesetze einzuzwängen, so sträubt sich Bernanos dagegen, denn die Heiligen gehören noch weniger als jeder andere dieser Kategorie von determinierten Wesen an und erfreuen sich einer glanzvollen Freiheit.

Nachdem Bernanos auf diese Weise die Unzulänglichkeiten der traditionellen Hagiographie und die Unangemessenheit eines bloß historischen oder soziologischen Zugangs aufgezeigt hatte, mußte er sich dem Roman zuwenden, und zwar unter dem spirituellen Einfluß des Pfarrers von Ars, der heiligen Therese von Lisieux und der Jeanne d'Arc.

Bernanos und der Pfarrer von Ars

Bernanos las die Biographie des Pfarrers von Ars vor dem Jahr, in dem dieser von Papst Pius XI. heiliggesprochen wurde (1925), und war besonders stark von seinem spirituellen Heroismus beeindruckt. In der Betrachtung dieser Existenz entdeckte er die lichtvolle Intuition wieder, die seine eigene Jugend überstrahlt hatte und die ihn im Jahre 1905, in dem Jean-Marie Vianney seliggesprochen worden ist, zu folgender Mitteilung an seinen ehemaligen Lehrer, Abbé Lagrange, veranlaßt hatte: "Ich habe eingesehen, daß wir nichts einbringen können für Gott und seine Sache und daß das beste Mittel, den Tod verachten zu lernen, in der Aufopferung des Lebens und des Todes besteht."

Diese Realität hat er im Jahre 1926 in seinem ersten Roman, Sous le Soleil de Satan [Die Sonne Satans], wunderbar zum Ausdruck gebracht. Dieses Werk macht in Romanform und auf originelle und einmalige Weise das Leben des Pfarrers von Ars populär.

Gegen die falsche Mystik der "Religion der Göttin Frankreich und des heiligen Poilu" (4), gegen "die starken Gifte" des Surrealismus eines André Breton schleudert Bernanos seinen Helden, den Abbé Donissan, in die intellektuelle Auseinandersetzung der Epoche. Nicht wenige der Wesenszüge des Charakters, der Psychologie und Morallehre des Abbé Donissan sind der historischen Gestalt des Jean-Marie Vianney entlehnt. Donissan ist ein unermüdlicher Asket, der sich "ungewöhnlichen und erstaunlichen Abtötungen" unterzieht; er fastet, trägt ein Büßerhemd, geißelt sich, findet seine Ruhe nur im "Gebet, das ihm lieb ist, im schlichten mündlichen Gebet".

Obwohl nur ein kleiner Landpfarrer, dessen intellektuelle Fähigkeiten gering sind, fühlt sich jedermann von seinem Beichtstuhl angezogen und erhebt er sich gegen den religiösen Konformismus und wissenschaftlichen Atheismus.

Zu Beginn seiner Laufbahn greift er mit Glut und aufrichtigem Herzen die Forderung seines Oberen auf: "die Heiligkeit" und macht sich die Lebensregel des Pfarrers von Ars zu eigen: "Wenn wir nicht durch Unschuld heilig werden können, wird es durch Buße geschehen." Ebenso wie der Pfarrer von Ars muß Donissan einen harten Kampf mit dem Teufel ausfechten. Er muß Mouchette, die Mörderin ihres Geliebten, und seine Pfarrei Lumbres, die sich mehr und mehr dem Christentum entfremdet, retten.

In den folgenden Romanen - wie in La Joie mit Abbé Chevance, dem "Pfarrer der Dienstmädchen", oder in Le Journal d'un curé de campagne mit Abbé d'Ambricourt - entlehnt die Figur des Pfarrers stets einige Züge dem Pfarrer von Ars, jedoch nie wieder mit solcher Kraftfülle und solcher Präzision.

Bernanos und die heilige Theresia von Lisieux

Eine Anekdote berichtet, daß Bernanos dem Geistlichen des amerikanischen Krankenhauses in Neuilly, der ihn am 5. Juli 1948, einige Tage vor seinem Tod, besuchte, ironisch zurief: "Glauben auch Sie, Hochwürden, daß «alles ist Gnade» von mir stammt?" In der Tat hatte Bernanos dieses berühmte Wort den erstmals 1926 erschienenen Novissima Verba der heiligen Therese entnommen.

Schon in seiner Kindheit war Bernanos von der Feuernatur dieser jungen Karmelitin aufgewühlt worden; ihre L'Histoire d'une âme [Geschichte einer Seele] kannte er seit 1898. Thereses Verlangen nach ewigem Ruhm, ihr heldenhafter Kampf gegen die Krankheit und die Verzweiflung, ihre eigenwillige Natur, die sie veranlaßte, ihrer Schwester Leonie, die ihr verschiedene Kleider für ihre Puppe vorschlug, zu antworten: "Ich wähle alles!" und die auch zu der Äußerung führte: "Ich will keine halbe Heilige werden", konnten den jungen Bernanos nicht gleichgültig lassen, lautete ja sein Wahlspruch: "Alles oder nichts!"

Deshalb übte die theresianische Spiritualität einen unbestreitbaren Einfluß auf sein Schaffen aus, sowohl auf seine Romane als auch auf seine polemischen Schriften. Hans Urs von Balthasar weist in seinem Buch Bernanos diesen Einfluß bereits für das Jahr 1922 nach, nämlich in einer der ersten Novellen von Bernanos, "Madame Dargent". Den Ausspruch der Heldin dieser Novelle: "Ich werde mit dem Sterben nie zu Ende kommen" kann man in Verbindung bringen mit dem Ausruf der heiligen Therese: "Nie werde ich recht zu sterben verstehen." Doch unter allen Schriften von Bernanos steht La Joie am stärksten unter dem Einfluß der theresianischen Spiritualität. Der Geist der heiligen Therese erfüllt unbestreitbar Chantal de Clergerie. Der Autor stellt die stille Einfachheit und ruhige Seelengröße dieser Heldin dem Abbé Cénabre gegenüber, einem modernen "Judas", ohne Glauben, stolz, "innerlich zerfressen vom Gefallen am freiwilligen Zweifel", zerstört vom "Sakrileg eines Wissensdurstes ohne Liebe", einer Kälte, die bis zur schonungslosen Verachtung seiner selbst reicht.

Bernanos projiziert diese wahrhaft kontemplative Seele in eine Welt von Lügen, heraufbeschworen von einem Heuchler, Abbé Cénabre, einem mittelmäßigen Psychiater, Docteur La Pérousse, einem äthersüchtigen Chauffeur, Fiodor, und einem schwachen Vater, M. de Clergerie.

Doch im Gegensatz zu Abbé Donissan, der zu den "Heiligen, die sich durch Wunder und Wundertaten auszeichnen", zählt, lebt Chantal nach den Ratschlägen von Abbé Chevance in der Freude und Einfachheit; ebenso wie Therese entdeckt sie ihren "kleinen Weg" und begreift, daß es nicht nötig ist, Großes zu vollbringen, um eine Heilige zu werden. Sie gibt sich also mit "täglichen, vertrauten Prüfungen, die nie angestrebt und nie abgelehnt werden, zufrieden: die Betroffenheit, die ein spöttisches Wort auslöst, ein (beim Kochen) mißlungenes Gericht". Indessen gibt Bernanos seiner Heldin eine tragische Dimension: noch jung, wird sie von Fiodor ermordet. Es ist keine Seltenheit, daß Bernanos in seinen Werken die heilige Therese in Verbindung mit Jeanne d'Arc evoziert.

Bernanos und Jeanne d'Arc

Wenn Bernanos seine Jeanne d'Arc relapse et sainte mit einem Hinweis auf die heilige Therese beschließt, übersieht er nicht, daß die Kirche beide der Verehrung der Gläubigen des 20. Jahrhunderts empfohlen hat, und zwar im gleichen Jahrzehnt (Johanna wurde am 16. Mai 1920 heiliggesprochen, Therese am 17. Mai 1927).

Es liegt hier mehr also bloßer Zufall vor, eine geheimnisvolle Beziehung, die Bernanos dazu anregt, in Les Grands Cimetières sous la lune [Die großen Friedhöfe unter dem Mond] zu schreiben: "Christen, die Heiligsprechung der Jeanne d'Arc im 20. Jahrhundert trägt den Charakter einer feierlichen Warnung; das außergewöhnliche Schicksal einer unbekannten kleinen Karmelitin erscheint mir als ein noch ernsteres Zeichen."

Es darf demzufolge nicht überraschen, daß Bernanos bei zahlreichen Anlässen im Laufe seines Lebens diese beiden Töchter Frankreichs mit derselben Begeisterung und Liebe zueinander in Beziehung bringt.

So ließ er im Jahre 1942 in seiner Lettre aux Anglais [Brief an die Engländer] nochmals den Geist der Kindheit dieser beiden Mädchen anklingen. "Ist der Gedanke nicht ergreifend", schrieb er, "daß die Kirche meines Landes eben jetzt, da sie sich zu allen möglichen kühlen Spekulationen der sterilen Klugheit bereit findet, zwei Mädchen so hoch erhebt: die heilige Johanna und die heilige Therese."

So brachte er im September des Jahres 1943 in einer warmen und begeisterten Huldigung erneut die beiden Heiligen in Verbindung, als er bei einer Feier, in deren Verlauf ein Flugzeug namens Jeanne d'Arc getauft wurde, den Vorsitz führte.

So verkörpern endlich 1948 in seinem letzten Werk, dem Meisterwurf Dialogue des carmélites [Die begnadete Angst], Constance und Blanche die "Gestalten mit kindlichem Herzen" Johanna und Therese.

Über diese Heiligen appellierte Bernanos an das Zurückfinden der Kirche zu den Quellen, an das Evangelium, an die Weckung der Spiritualität in der Welt, an die Schaffung einer neuen christlichen Gesellschaft.

Bernanos und die heilige Passion

Als Schriftsteller, dessen Themen die Gnade und die Erlösung waren, konnte Bernanos seine "Helden und Heiligen" nicht besser einen als dadurch, daß er sie am Leiden Christi formte. Jenseits der Epochen, der Charaktere, der Milieus, die sie voneinander entfernen, erfahren sie alle die Versuchungen der Verzweiflung und zerschmettern den Feind durch die Hingabe ihres Lebens. Selbst ihr Todeskampf besitzt diesen heiligen Charakter einer Opfergabe, eines Opfers, dem in Freiheit zugestimmt wird.

"Niemand stirbt für sich allein", erklärt im Dialogue des carmélites schelmisch Schwester Constance, die offenbar zum treuen Interpreten der Überzeugungen des Autors geworden ist.

Bernanos' Heilige schließen sich den Betrachtungen und Gebeten Christi am Ölberg an und sterben für die Sünder: Chevance und Chantal für Abbé Cénabre; Abbé Donissan für Mouchette; der Pfarrer D'Ambricourt für die Gräfin.

Auf diese Weise schloß Bernanos vor seinem Tode diese lange Reflexion über die Heiligkeit ab, die er an dem Tag begonnen hatte, an dem er auf dem Schlachtfeld in einem Stacheldrahtverhau den entsetzlich verstümmelten und auseinandergerissenen Leichnam eines Mannes erblickt hatte.

Dem 20. Jahrhundert mit seinen Entgleisungen in den Totalitarismus kommunistischer oder faschistischer Prägung führte Bernanos seine Sicht der Welt, die auf Heiligkeit gründet, vor Augen.

In seinen jungen Jahren schrieb er: "Die Christen sind keine Übermenschen. Die Heiligen ebensowenig oder sogar noch weniger, da sie die menschlichsten der Menschen sind. Die Heiligen sind nicht erhaben, sie bedürfen des Erhabenen nicht; vielmehr würde das Erhabene ihrer bedürfen."

So legt sein Werk Zeugnis ab von dem originellen Versuch, die christlichen Werte in unsere Zeit einzugliedern.

Anmerkungen:

1) "bon sens" wird von Descartes gleichgesetzt mit "raison", bedeutet also die "Fähigkeit, richtig zu urteilen und das Wahre vom Falschen zu unterscheiden" (s. "Discours sur la Methode"). (Anmerkung der Übersetzerin)

2) Vaudeville: französisches volkstümliches Lied, Singspiel (Anmerkung PER)

3) berühmte Elitehochschule mit Internat in Paris zur Ausbildung von Gymnasiallehrern (Anmerkung der Übersetzerin)

4) Poilu: Spitzname des französischen Soldaten (Anmerkung PER)


Zu Paul Claudel:

"Es gibt gute Gründe, einen Dramatiker wie Paul Claudel (1868-1955) wieder auszugraben. In Zeiten, in denen der Westen angesichts des wuchernden Kapitalismus einerseits und seiner höhnischen Verachtung durch den Tugendterror des fundamentalistischen Islams andererseits hektisch nach seinen Werten fahndet. Denn dieser Claudel war nicht nur ein sprachgewaltiger Stückeschreiber, sondern auch bekennender Katholik, der seine Religiosität als radikale Kritik der Moderne verstand. Claudel ahnt schon die Dialektik der Aufklärung, deren Verlustrechnung er lange vor der Frankfurter Schule aufzumachen beginnt."

Esther Slevogt in der TAZ vom 2. April 2007 in einer Besprechung der Theaterinszenierung von Paul Claudels Trilogie "Die Geisel, Das harte Brot, Der Erniedrigte" unter dem Titel "Die Gottlosen" durch den Schweizer Regisseur Stefan Bachmann am Berliner Maxim Gorki Theater.


Paul Claudel an Jacques Rivière

“Rimbaud ist derjenige gewesen, der mich am allerstärksten beeinflußt hat. Von anderen sind es besonders Shakespeare, Dante, Aeschylos, Dostojewski jene Lehrer gewesen, die mir die Geheimnisse meiner Kunst gezeigt haben. Doch Rimbaud allein hat auf mich einen Einfluß ausgeübt, den ich samenhaft oder zeugerisch nennen möchte; das läßt mich wirklich glauben, dass es in der Ordnung der Geister wie in der der Körper eine Zeugung gibt. Ich werde mich stets jenes Junimorgens 1886 erinnern, da ich jenes kleine Heft der Vogue kaufte, das den ersten Abdruck der Illuminations enthielt. Es wurde für mich wirklich eine ‘Erleuchtung’. Endlich trat ich heraus aus dieser verhaßten Welt eines Taine, Renan und anderer Moloche des 19. Jahrhunderts, aus diesem Gefängnis, aus dieser ekelhaften Maschine, die ganz durch vollständig starre und (schließlich als Gipfel des Schreckens) sogar erkennbare und lehrbare Gesetze gelenkt wird. (Die Automaten haben mir immer eine Art hysterischen Schreckens eingejagt.) Ich hatte die Offenbarung des Übernatürlichen. Der Geist zeigte sich da in seiner erhabensten und reinsten Form - wie eine Inspiration, die wirklich aus einer anderen Welt kam.”

Paul Claudel in einem Brief vom 12. März 1908 an Jacques Rivière, in: Paul Claudel / Jacques Rivière, Briefwechsel 1907 - 1914, hg. von Robert Grosche, übersetzt von Hannah Szasz, München 1928, S. 133 f. Claudel (1868 - 1955) führte durch diesen Briefwechsel den jungen Rivière (1886 - 1925) zum Glauben.


Überwindung des Relativismus

Der französische Dramatiker und glühende Katholik Paul Claudel erlebe seit einiger Zeit auf deutschen Bühnen eine Renaissance, meint in der Welt vom 29. Januar 2010 Stefan Keim anlässlich der Neuinszenierung des philosophischen Beziehungsdramas Der Tausch durch den bekannten Opernregisseur Christoph Loy. Über die Gegenwartsbedeutung Claudels schreibt er: “Doch vor allem fragt Claudel beharrlich nach Werten, zeigt den verführbaren, sündhaften Menschen, diskutiert die Alternativen seines Handelns. Das macht ihn interessant für Regisseure, die den immer noch allgegenwärtigen Relativismus überwinden wollen.”


Paul Claudel über Kunst

Vor 100 Jahren, am 12. Oktober 1912, schrieb der Schriftsteller Paul Claudel, einer der bedeutendsten Vertreter des Renouveau catholique, an Jacques Rivière einen Brief, in dem er sein Kunstverständnis erklärt. Dem Konzept der “l’art pour l’art” wirft er vor, das Mittel zum Ziel zu machen, und nennt es “die Kunst zur Befriedigung der Sinne”. Dann schreibt er unter anderem: “In einer Gesellschaft, die einzig auf den materiellen Genuss hingerichtet ist, ist der Künstler, wenn er nicht eine sittliche Kraft in sich hat, die der furchtbaren und tödlichen Verantwortung, die auf ihm lastet, gleichkommt, zur Verzweiflung und zum Untergang verurteilt oder zu einer Kunst reiner Spielerei. Die Beispiele von Poe, Baudelaire, Rimbaud, Verlaine und vielen anderen im letzten Jahrhundert haben das zur Genüge gezeigt. In diesem Sinne ist für den Künstler das Wahre die Bedingung des Schönen, weil es allein ihn von einer zerstörerischen Umwelt absondert und ihm den Gebrauch jener Fähigkeiten gestattet, die die Gnade ihm gewährt hat.
Ein Künstler, der heute nicht an Gott glaubt, der nicht einzig und allein zur Ehre Gottes arbeitet - für wen will er arbeiten? Für sich selbst? Das heißt sich im Kreise herumdrehen; denn er selbst ist das Werk und nicht das Ziel. Für die anderen? Für ihr Vergnügen? Um sie zu unterhalten?
Die Religion schafft in uns keine neuen Fähigkeiten, aber sie erlaubt uns den Gebrauch der Fähigkeiten, die wir haben. (...)
Glauben Sie, dass Shakespeare oder Dostojewski oder Rubens oder Tizian oder Wagner gearbeitet haben, um Kunst zu machen? Nein, sondern um (ganz gleich, wie) ihre Bürde loszuwerden, um jene große Last lebendiger Dinge in die Außenwelt zu setzen, opus non factum: und nicht um äußerlich eine kalte, künstliche Zeichnung zu kolorieren” (Paul Claudel / Jacques Rivière, Briefwechsel 1907-1914, hg. von Robert Grosche, aus dem Französischen übersetzt von Hannah Szasz, München o. J., S. 213 f).

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