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Jaime Balmes

Von Weinand

Es handelt sich bei diesem Text um den Eintrag im Staatslexikon, hg. im Auftrage der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch Dr. Adolf Bruder, Erster Band, Freiburg im Breisgau 1889, Spalten 687 bis 704.

Don Jayme (Jacob Lucian) Balmes y Urpía, der hervorragendste katholische Philosoph und Publizist des neuern Spanien, wurde geboren den 28. August 1810 in Vich (Vic), dem alten Ausonia Oberkataloniens, aus dürftiger, aber durch christlichen Tugendsinn sich auszeichnender Kürschnerfamilie. Die hohe Begabung des Knaben entfaltete sich unter der energischen Erziehung einer starkmütigen Mutter, Therese Urpia, so früh, daß der Knabe mit sieben Jahren das Studium des Lateinischen beginnen und mit 16 Jahren den ganzen Studienkurs des bischöflichen Seminars zu Vich (Sprachen, Rhetorik, Philosophie und elementare Theologie) glänzend vollenden konnte. Seltene Liebe zur Arbeit und zur Zurückgezogenheit, Sittsamkeit und Frommsinn, ein überaus lebhafter Familien- und Heimatsinn, das Erbe der Mutter, disziplinierten den beweglichen Charakter des Knaben so glücklich, daß er schon jetzt der Liebling seiner Vorgesetzten und seiner Umgebung wurde. „Niemand“ sagt Balmes von sich selbst, “sah mich anderswo, als im Hause meines Vaters, in der Kirche, dem Seminar, in einigen Klöstern, wo ich öfter verkehrte, und in der bischöflichen Bibliothek, aus der ich mich nur entfernte, wenn man die Türe schloß.“

Die liebevolle Fürsorge des Diözesanbischofs ermöglichte dem armen Seminaristen 1826 mit Hilfe eines kleinen Benefiziums und einer Beca (Burse) im Kolleg San Carlos zu Cervera den Besuch dieser 1717 von Philipp V. gestifteten, seitdem nach Barcelona verlegten katalonischen Universität. Auch hier wurde Jayme bald der Stolz und die Freude der Lehrer und Schüler; er war überaus liebenswürdig, still, zurückgezogen, so fromm und sittenrein, daß, als er von einer schweren Brustkrankheit, deren Folgen den Keim zu frühem Sterben legen sollten, erstand, die Universität (13. Juni 1828) seine Wiedergenesung durch einen Dankgottesdienst feierte. In Cervera wurde seine geistige Überlegenheit und Eigenart bald offenbar. Wie keiner seiner Mitschüler achtete er die Lehrautorität der Professoren, aber wie keiner erstrebte er von Anfang an durch rastlosen Fleiß und meditative Studienweise den Weg zur selbständigen Beherrschung des theologischen und philosophischen Lehrstoffs. Von den sieben Studienjahren in Cervera waren vier ausschließlich der Summa des hl. Thomas von Aquin und den Kommentaren von Bellarmin, Suarez und Cajetan gewidmet, und in diesem tiefgehenden Studium erschloß sich dem scharfen Geiste in seltener Weise der Universalismus scholastischer Lehre und Methode. „Alles findet man dort,“ sagt er, “Religion, Philosophie, Jurisprudenz. In diesen lakonischen Formeln liegen alle Reichtümer begraben.“ Fortan stand seine Studienmethode für das Leben fest: „Wenig lesen, seinen Autor gut wählen, viel denken, das ist die rechte Methode. Wollte man sich darauf beschränken, das zu wissen, was in den Büchern steht, so würden die Wissenschaften nie fortschreiten; das Wesentliche ist, das zu lernen, was die andern nie gewußt haben. In jenen Augenblicken, in jener Dunkelheit gähren meine Ideen, und in meinem Gehirn wallt es wie in einem Kessel.“

Mit dem Grade eines Lizenziaten der Theologie verließ Balmes 1833 Cervera, bewarb sich in öffentlicher Prüfung (nach tridentinischer Vorschrift) in Vich ohne Erfolg um eine Kanonikats-Präbende, bereitete sich dann in 100tägigen Exerzitien auf die heilige Priesterweihe vor und kehrte nach Empfang derselben auf den Wunsch seines Bischofs nochmals nach Cervera zur ferneren Ausbildung und als Supplent der Professoren zurück (1835). Als er nach zwei Jahren 1837 als Ehrendoktor der Theologie (der höchste von der Universität in öffentlicher Bewerbung jährlich dem besten Schüler zuerkannte Preis) nach Vich zurückkehrte und dort, weil eine anderweitige Verwendung für seine Kenntnisse sich nicht bot, eine Lehrstelle – für Mathematik annahm, ahnte niemand, welchen tiefgehenden, fortan seine reichen Geistesgaben ganz beschäftigenden Problemen er nachhing. Das stille verborgene Leben in seiner Familie, an der er mit ganzer Seele hing, der entlegene, wenig Anregung und Studienmittel bietende Aufenthaltsort, ein verzehrender Arbeitseifer bei körperlicher Hinfälligkeit, sein ausgeprägter Hang zur Meditation, die vollendete Zurückhaltung seines Wesens und Charakters hielten ihn vier volle Jahre abseits alles öffentlichen Wirkens; die fieberhafte Aufregung, die Spanien damals durchflutete, schien ihn nicht zu berühren. Im Augenblick, wo er (1839) durch die Erringung des im Madrileño catolico ausgeschriebenen Preises für die beste Schrift über den Priesterzölibat vor einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, starb seine Mutter (29. Mai 1839) mit den Worten: „Sohn, von dir wird die Welt viel reden!“ Sie hatte Recht. Mit Don Jayme sollte in das Geistesleben der spanischen Katholiken ein neues Ferment kommen. Der Tod der Mutter schenkte ihn dem öffentlichen Leben.

Am 29. September 1833 war Ferdinand VII. gestorben, Spanien als zweifaches Erbe die Verfassungs- und die Erbfolgefrage hinterlassend, die bis zur Stunde der Rückkehr dieses Landes zu einer nationalen Politik hindert. Ferdinand war nach der französischen Intervention als absoluter Monarch im Verfolg der Politik der Kongresse von Troppau–Laibach–Verona am 13. November 1823 zurückgekehrt; er hatte, nicht belehrt durch die blutigen Kämpfe zwischen den revolutionären Idealisten der Verfassung von Cadiz (1812) und den Anhängern des Rey neto, zu Gunsten der am 10. Dezember 1829 geehelichten neapolitanischen Marie Christine, da er ohne männliche Nachkommen war, durch die pragmatische Sanktion vom 29. März 1830 das geltende Thronfolgerecht aufgehoben, welches die Frauen, solange männliche Erben da waren, vom Throne ausschloß. Er bestätigte damit zu Gunsten der am 10. Oktober 1830 geborenen Tochter Isabella zwar nur eine (bis dahin geheim gehaltene) pragmatische Sanktion Karls IV., allein er gab das mit den Bourbonen gekommene Erbrecht, entgegen den eigensten Familieninteressen, zunächst denen seines Bruders Don Carlos, auf. (Philipp V. hatte das salische Gesetz nicht vollständig aufgehoben; er hatte nur festgesetzt, daß die Frauen bloß in Ermangelung eines männlichen Thronerben zur Erbfolge berechtigt seien.) Ferdinands Retraktion (September 1832) und die Anerkennung des Don Carlos, dann deren Widerruf und Isabellas nochmalige Anerkennung unter Christinens Regentschaft (Oktober) und der Protest des Don Carlos' (29. April 1833) schürten die Erregung im Lande; die Erhebung des gemäßigten und fortgeschrittenen Liberalismus (Moderatos und Exaltados) brachte die Revolution, und das Eingreifen der englisch-französischen Politik machte sie unheilbar.

Entgegen dem bourbonischen Hausinteresse verfolgte Louis Philippe die Sonderinteressen der orleanistischen Linie bei der Unterstützung der schwankenden Politik der Regentin unter Zea Bermudez' “aufgeklärtem Despotismus” und Martinez de la Rosas gemäßigtem Konstitutionalismus bei dem Erlasse des sogen. Estatuto real (10. April 1834), welches die altspanischen Freiheiten der Fueros, zumal der baskischen Provinzen, beseitigte. Die antinationale Politik der sogen. Quadrupel-Allianz (22. April 1834) zu Gunsten der orleanistischen Sonderinteressen führte zu den entsetzlichen Bürgerkriegen (25. Juli 1835 die blutige Erhebung Saragossas) und, seit den Exaltados unter [Juan Álvarez] Mendizabal die Regierung zugefallen [25. September 1835], zu einer so radikalen Verfolgung der Kirche, zumal der religiösen Orden, zu so brutalen Exzessen gegen die Personen und die Güter der Kirche, wie das katholische Spanien sie noch nicht gesehen. Die Entlassung dieses odiosen Ministeriums (15. Mai 1836), die schwankende Politik des Ministeriums [Francesco Xavier de] Isturiz und die Preisgabe des Estatuto real (12. August 1836) rief aufs neue die Exaltados, diesmal unter ihrem verschlagensten Generale und Staatsmann Baldomero Espartero, ans Ruder. Die Beschimpfung des Hofes in la Granja [St. Ildefonso], die Madrider Emeute, die Ermordung des Generals [Vicente Jenaro de] Queseda [15. August 1836], die siegreiche Stellung des Don Carlos in ganz Nordspanien, die neue Verfassung Esparteros (18. Juni 1837), das Erscheinen des Don Carlos vor Madrid (12. September 1837), die nun obsiegenden Erfolge Esparteros und die Konvention von Vergara (31. August 1839), sowie die Gefangensetzung des nach Frankreich übergetretenen Don Carlos führten zwar den siebenjährigen Krieg zu Ende, aber zugleich unter der Regentschaft des zum Siegesherzog erhobenen Espartero zu einer so schamlosen Erniedrigung des Königtums und so rachsüchtigen Niedertretung der Kirche und des spanischen Volkes, daß Gregor XVI. im tiefsten Schmerze über das namenlose Elend der Kirche und des Volkes öffentliche Gebete (in Form eines Jubiläums) für das unglückliche Spanien verlangte. Die furchtbare Insurrektion, die in Barcelona und in Katalonien abermals ausbrach, wurde auch jetzt wie 1842 unterdrückt, erzielte indes (Juli 1843) den Sturz des Siegesherzogs. Narvaez als Führer der Moderatos übernahm die Regierung, die 13jährige Isabella wurde mündig erklärt, Marie Christine und Martinez de la Rosa kehrten zurück.

Was vom Erlasse des Estatuto real, welchen Balmes noch in Cervera feierte, bis zum vollendeten Siege der Exaltados über Monarchie und Kirche in der Einsamkeit von Vich, wo die bis unter seine Mauern tobende Kriegsfurie ihn nur vorübergehend von seinen Studien abbringen konnte, in seinem Geiste vor sich ging, wissen wir nicht; wir hören nur gelegentlich von seiner eingehendsten Beschäftigung mit Geschichte, Jurisprudenz und besonders mit der Poesie der spanischen Mystiker. Daß das unermeßliche Unglück seines Vaterlandes, die schrankenlose Herrschaft der Revolution über den katholischen und monarchischen Geist seines Volkes, die Ergründung des hier zur Erscheinung kommenden Elends die ganze Kraft seines geistigen Arbeitens gefangen hielt, wußte kaum seine nächste Umgebung. Tiefer Ernst und eine ihm angeborene Zurückhaltung hatten sich so scharf bei ihm ausgeprägt, daß sein Freund und Landsmann, Kanonikus Antonio Soler, später von ihm sagen konnte: „Kein Wort ist je aus dem Mund von Balmes gekommen, welches das Recht gäbe, zu sagen, er sei mehr oder weniger liberal, weiß oder schwarz (nach damaliger Parteibezeichnung) gewesen. Er war nicht der Mann, der seine Gedanken hätte durchschauen lassen. Wenn man von seinen öffentlichen Schriften absieht, so ist es gewiß, daß seine innerste Meinung nicht einmal geahnt werden konnte, so groß war seine Zurückhaltung.“ Daher das allgemeine Erstaunen, als im April 1840 von ihm eine gegen Esparteros Kirchenplünderung gerichtete Schrift Observaciones sociales, politicas y económicas sobre los bienes del clero (Vich; 2.Aufl. Barcelona 1854) erschien und Martinez de la Rosa, ungeachtet der gegen seine eigene politische Vergangenheit sich richtenden Kritik, auf einen bis dahin fast unbekannten Namen sich stützend, dessen Autorität gegen Espartero in den Cortes unter Vorlesung der Hauptstellen anrief. Was solches Aufsehen verursachte, war nicht so sehr der Inhalt der Schrift, sondern der Standpunkt und die Überzeugungskraft, die sich hier zur Geltung brachten: die Frage nach den Gütern des Klerus war keine Frage liberaler oder radikaler Parteipolitik; es handelte sich in ihr um das Christentum, das Existenzrecht der Kirche, die gesamte Sozialordnung des Landes. Das kirchliche Eigentum, so alt wie die Kirche, war der Lohn für ihre Dienste, das Instrument ihrer Wohltaten, der Schutzwall ihres freien sozialen Wirkens. Durch den Feudalismus der Caritas brach die Kirche den Feudalismus der rohen Gewalt; durch den Großbesitz und die an ihm haftende politische und soziale Machtstellung wurde sie die Bildnerin aller Elemente der modernen Zivilisation in Wissenschaft, Rechtspflege, Gewerbe, Verkehr, Kunst, Gesittung bis zur Schöpfung der Nationalitäten. Der Raub des Kirchengutes ist ein Attentat auf die Nation und eine der Grundbedingungen ihrer Existenz, Freiheit und Unabhängigkeit; jede anderweitige Verteilung des sozialen Reichtums, die Verschleuderung des Kirchengutes wurde die Mutter des Pauperismus und ist der Sieg des Sozialismus.

Im Juli 1840 war Balmes nach Barcelona gezogen; er sah hier, nachdem [General Ramón] Cabrera mit den Resten der im Felde stehenden Karlisten nach Frankreich übergetreten, in schamlosen Pöbelexzessen die von Esparteros Übermut dekretierte Erniedrigung der Monarchie. Seit 29. Juni 1840 befand sich hier Marie Christinens Hof; Espartero benutzte das den spanischen Unabhängigkeitsgeist tief verletzende Gesetz über die Ayuntamientos und die blutige Niederwerfung (21./22. Juli) des gegen dasselbe sich erhebenden Volkes, um die Königin zur Abdankung zu zwingen (10. Oktober 1840). Im August 1840 trat Balmes kühn mit den Consideraciones politicas sobre la situacion de Espana (Barcelona) nochmals der siegreichen Revolution mit der Anklage der Zertrümmerung der nationalen Existenz Spaniens entgegen, die Ordnung der politischen Lage als eine weitere Grundlage der sozialen Rekonstitution mit derselben Festigkeit und Mäßigung, aber noch vollendeterer Meisterschaft des politischen Urteiles und der Sprache betonend. „Ich habe“, erklärte Balmes selbst später, Inhalt und Tendenz der Schrift genau würdigend, „nicht die Verteidigung der Königin Christine geführt; an den Personen lag mir wenig; ich hielt die gesunden religiösen und monarchischen Traditionen aufrecht. Obschon bereits damals die Bestrebungen der Revolution und der Ehrgeiz Esparteros offenbar wurden, behauptete ich doch die Notwendigkeit, daß die Regierung in königlichen Händen bleibe. Ich drückte mich mit voller Freiheit zu Gunsten der Karlisten aus, indem ich ihren Überzeugungen und Absichten Gerechtigkeit widerfahren ließ und damals schon erklärte, was ich heute (1848) wiederhole, daß bei uns kein politisches System sich befestigen kann, das nicht jene große Partei als ein Element in die Regierung aufnimmt. In dem Augenblick, als ich jene Sprache führte, waren die Karlisten unterlegen und die Revolution stand in voller Kraft.“

Dritter Teil

Hatte Balmes seit der fruchtlosen Erhebung der Moderatos in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli sich überzeugt, daß es sich in Spanien um etwas ganz anderes handle, als dynastische Interessen und politische Parteikämpfe, und daß deren Obsiegen nach keiner Seite hin mehr die Zukunft sichern könne, dann mußten die Ursachen so furchtbarer Krankheitserscheinungen tiefer gesucht werden. Seine beiden ersten politischen Schriften, eine strenge Rechenschaftslegung über die Wirklichkeit der politischen und sozialen Lage Spaniens, waren Pfadfinder seines rastlos arbeitenden Geistes geworden, und mit aller Energie auf Studien zurückgreifend, die, in Cervera angeregt, in der jahrelangen Einsamkeit zu Vich vertieft wurden, kam er jetzt zur Klarheit, daß den Krankheitserscheinungen der Zeit eine Fälschung der christlichen Zivilisation zu Grunde liege, die allein einen wissenschaftlich ausreichenden Grund für das beständige Schwanken der modernen Gesellschaften zwischen Freiheit und Despotie, zwischen Fortschritt und Verelendung, zwischen Leben und Tod biete. Es handelte sich für Balmes um geschichtlich-philosophische Forschungen über den Entwicklungsgang der modernen Zivilisation; sie kamen in Barcelona zum Abschluß, und im Jahr 1842 begann die Drucklegung des Werkes, welches er unter dem furchtbaren Wechsel der eigenen Lebensschicksale und der seiner Umgebung „seinen Traum, seine Hoffnung, sein Ideal in dieser Welt“ genannt hatte. Das Werk erschien unter dem Titel: El Protestantismo comparado con el Catolicismo en sus relaciones con la civilizacion europea (Barcelona 1842-1844, 4 Bde.; 3. Aufl. das. 1849): „Protestantismus und Katholizismus in ihren Beziehungen zur europäischen Zivilisation“ (aus dem Spanischen übersetzt von F. X. Hahn, Regensburg 1862, 2 Bde.). Den Ausgangspunkt seiner Untersuchungen, die Balmes selbst als eine Weiterführung der Untersuchungen Bellarmins und Bossuets nach den Anforderungen unserer Zeit bezeichnet, legt er in folgenden Worten im Hinblick auf die tiefen und nicht endenden Umwälzungen der Neuzeit also dar: „Diese Erschütterungen waren so gewaltig, daß der Boden unter unseren Füßen so zu sagen sich öffnete und der menschliche Geist, der eben noch voll triumphierenden Stolzes unter Siegesjubel und Beifallsgeschrei und gleichsam mit Lorbeeren überladen einherschritt, erschreckt in seinem Laufe innehielt und von tiefem Gefühle bewältigt an sich die Frage stellte: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist meine Bestimmung?“ Das Problem der Zivilisation, wie es die Revolution gestellt, war also nicht, wie [François] Guizot [1787 - 1874] es gestellt, das Problem der fortschreitenden Freiheit, sondern das Problem der die Freiheit bestimmenden, leitenden und ihr Wirken allein erklärenden Gesetze der Religion. Hinter der durch die namenlose Barbarei des Radikalismus geschändeten Zivilisation erhebt sich die religiöse Frage in ihrer Riesengestalt, das Haupt im Himmel, die Füße im Abgrund, auf dem Gipfelpunkte der Gesellschaft, hoch über der überraschenden Entwicklung der materiellen Interessen, dem Fortschritt der empirischen und exakten Wissenschaften, dem immer noch steigenden Einflusse politischer Erörterungen. Die entscheidende Frage ist: „Was hat in religiöser, sozialer, politischer und literarischer Beziehung das Individuum und die Gesellschaft der Reformation des 16. Jahrhunderts zu verdanken?“ Nach einer im großen Stile gehaltenen Parallele zwischen dem Einfluß des Katholizismus und des Protestantismus im allgemeinen führt Balmes dieselbe hinsichtlich der Stellung des Individuums, der Ehe, der Familie, der bürgerlichen und der religiösen Gesellschaft, der Befreiung der Sklaven, der Erhebung der menschlichen Persönlichkeit, der Heiligkeit und Unauflöslichkeit des Ehebandes, des öffentlichen Gewissens, der Milderung der Sitten, der Caritas, der Inquisition, der religiösen Orden, der sozialen und politischen Doktrinen, der Wissenschaften und Künste in detaillierter Fassung, methodisch, in oft bewundernswert poetischer und beredter Sprache durch. Seine Behandlungsweise ist gleich weit entfernt von Guizots doktrinär-mechanischer Darstellung wie von Donoso Cortez' blendenden Antithesen hinsichtlich der Prinzipien; auch läßt er sich nicht, wie [Jean Marie-Sauveur] Gorini [1803 - 1859], in historische Detailkritik gegen Guizots Irrtümer ein; seine Erörterung bleibt immer historisch-dogmatisch, da, wo die Sache es erfordert, spanische Verhältnisse besonders berücksichtigend. Das Resultat seiner Forschungen resümiert Balmes (Kap.73) selbst wie folgt: „Vor dem Protestantismus hatte sich die europäische Zivilisation so weit entwickelt, als es möglich war; der Protestantismus aber lenkte sie in falsche Bahnen und brachte den neueren Völkern unberechenbares Unheil; die Fortschritte, die seit der Reformation gemacht wurden, sind nicht durch ihn, sondern trotz ihm gemacht worden.“

Man sieht es diesen epochemachenden Untersuchungen der größten Zeit- und Weltprobleme, ihrer für den heutigen Geschmack oft zur Weitschweifigkeit neigenden Auseinandersetzung der Prinzipien und geschichtlichen Gesetze nicht an, daß sie in einer Zeit endloser Unruhe, anderweitiger Arbeiten des Verfassers, zuletzt unter dem Entsetzen des Bürgerkriegs, in dessen nächster Nähe, ihre letzte Form erhielten. - 1840 hatte Balmes noch in Vich die kleine aszetische Schrift Máximas de San Francisco de Sales para todos los dias de ano, dann eine Kinderlehre über die Grundbegriffe der Religion von wunderbarer Einfachheit und Kraft, wohl von allen Schriften des Verfassers, soweit das spanische Idiom in Europa, Amerika und Asien herrscht, die verbreitetste, unter dem Titel La religion demonstrada al alcanze de los ninos (deutsch Freiburg 1863) verfaßt.

In Barcelona war Balmes im Frühjahr 1841 zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt worden; dort fand er, als er im Juli desselben Jahres zu dauerndem Aufenthalte eintraf, einen Kreis tüchtiger, für seine Ideen und Arbeiten begeisterter Männer, vor allem [José] Tauló, dem Verleger seiner Consideraciones politicas. Dieser bewog ihn zu Anfang 1842 zu einer Reise nach Frankreich, um dort eine gleichzeitig mit der spanischen Ausgabe des „Protestantismus und Katholizismus“ erscheinende französische Ausgabe dieses Werkes zu besorgen und in Albéric de Blanche Raffin, einem der Redakteure des Pariser Univers, den Übersetzer und späteren Biographen zu finden. So zurückhaltend Balmes auch hier trotz der ihm dargebrachten Ovationen sich zeigte, dem engern Verkehr mit der katholischen Presse, namentlich den Annales de philosophie chrétienne von [Augustin] Bonnetty [1798 - 1879], wich er nicht aus. Während er ihnen in dem herrlichen, französisch (in die Revue critique et littéraire) geschriebenen Aufsatze über die Persönlichkeit und Bedeutung seines Landsmannes Mariana huldigte, lehnte er ein Zusammentreffen mit Guizot, das sehr gewünscht wurde, ab, welcher der streng sachlichen und überaus edel und ruhig gehaltenen Kritik seiner Histoire de la civilisation persönliche Erwägungen entgegengestellt hatte, die in Fragen wie die vorliegende rein wertlos waren. Von einem kurzen Besuche in England brachte er von der religiösen Anlage des Volkscharakters eine hohe, von der materialistisch-radikalen Weltpolitik eine äußerst geringe Wertschätzung mit. - Als er im Oktober nach sechsmonatlicher Abwesenheit wieder in Barcelona eintraf, war er einer der von der Geheimpolizei Esparteros ständig Überwachten. Dies hinderte ihn nicht, sofort mit zweien seiner Freunde, [Joaquin] Roca y Cornet [1804 - 1873], einem Philosophen und Literaten, und [José] Ferrer y Subirana [1813 - 1843], einem Juristen, vorab in des erstern Zeitschrift Religion, welche von nun an halbmonatlich als La Civilizacion erschien, dann nach 1½ Jahren in La Sociedad allein (ein Jahr lang) mächtig auf die Zeitströmung aus religiös-nationalem Gesichtspunkte einzuwirken (1843 und 1844). In letzterer erschienen die Cartas á un esceptico [Briefe an einen Skeptiker] (1-14); die letzten 11 Cartas wurden der Gesamtausgabe (Barcelona 1846; deutsch von Dr. Fr. Lorinser, Regensburg 1864) beigefügt. Diese „Briefe“ sind für die Beurteilung der Gesamtanlage des Verfassers das Bedeutsamste, für den weitesten Leserkreis sicherlich das Nützlichste. Sie trafen den wundesten Fleck der Zeit und der Menschen: die Skepsis in Sachen des religiösen Denkens nach allen ihren Erscheinungen auf dem individuellen wie öffentlichen, religiösen wie politischen und sozialen Gebiete. In nachhaltig kräftiger, oft poetisch hinreißender Sprache wird das Wesen und die letzte Ursache der modernen Religions- und Gottlosigkeit dargelegt, und es ist bewundernswert, wie Balmes das an sich haltlose und jedem Angriff immer wieder sich entziehende, alles auflösende Wesen der modernen Skepsis zu fassen versteht. Wie in keiner andern Schrift bricht sich hier der Genius des spanischen Volkscharakters, Gläubigkeit und gesunder Menschenverstand, triumphierend Bahn.

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