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Der Heilige der Landstraße

Von Alfred Betschart

Wenn ich die Dornenkrönung betrachte, fühle ich mich erhoben zur Dreifaltigkeit Gottes.”

Dies ist eine nicht alltägliche, ja äußerst überraschende Aussage, und dazu von einem jungen Mann, der während seines kurzen Lebens freiwillig als Vagabund der Landstraße, aber als "heiliger Vagabund" gelebt hat. Es ist Benedikt Joseph Labre, für viele Gläubige unseres Jahrhunderts ein vollkommen unbekannter Heiliger, allein schon deswegen, weil unsere katholischen Heiligen in manchen Kirchen nicht mehr auf den Altären stehen, sondern zusammen mit den Altären und Kommunionbänken auf Bauschutthalden landeten oder auf den Dachböden der Kirchen verstauben. Und so verstauben sie auch in den Gedächtnissen und Herzen der Gläubigen.

Zudem gehört der hl. Benedikt Labre nicht zu den sogenannten berühmten Heiligen, wenn man dieses Wort im Zusammenhang mit den Heiligen gebrauchen darf. Benedikt Labre ist der Heilige der Landstraße. Hans Hümmeler schreibt deshalb über ihn:

"Man ist versucht, das geflügelte Wort vom 'sonderbaren Heiligen' auf ihn anzuwenden; aber es ist nicht wenigen so ergangen, dass sie zuerst den Kopf schüttelten über die seltsamen Formen seines Strebens nach Vollkommenheit, und ihm dann, von dem Zauber seiner Persönlichkeit bezwungen, am liebsten kniefällig Abbitte geleistet hätten. Er selbst hat es niemand verdacht, dass man seine Erscheinung verständnislos anstarrte und ihn wohl gar als einen Tagedieb aus der Kirche trieb. Er ging in Lumpen herum, verlaust und schmutzig. Nur ein Rosenkranz um seinen Hals, ein Messingkreuz auf der Brust und sein schweigsames, in sich gekehrtes Wesen verrieten, dass er nichts mit den Brüdern der Landstraße zu tun hatte."

Betrachtet man das Porträt Benedikt Labres, ist man erstaunt über den hohen Adel und die Innerlichkeit dieses Antlitzes. Die Augen sind halb geschlossen, um seinen Mund spielt ein leises, kaum wahrnehmbares Lächeln Es ist ein Antlitz, das trotz höchster Konzentration eine wunderbare Gelassenheit widerspiegelt. So sah der Künstler Antonio Cavalucci den Heiligen, als dieser in tiefster Anbetung vor dem Allerheiligsten versunken war (siehe Bild).

Die Anbetung des Allerheiligsten Altarssakramentes war denn auch der tiefste und eigentlichste Lebensinhalt Benedikt Labres. Deshalb wollen wir ihn ein wenig kennenlernen, verbunden mit der flehentlichen Bitte, er möge uns etwas von seinem Geist und von seiner glühenden Liebe zum kostbarsten Geheimnis unseres katholischen Glaubens schenken: dem heiligsten Sakrament des Altares.

Herkunft des Heiligen

Benedikt Joseph Labre, wie sein voller Name lautet, wurde am 26. März 1748 zu Amettes, in der Nähe von Boulogne, in Frankreich geboren. Er war das älteste Kind sehr rechtschaffener Eltern, die eine große Kinderschar in christlichem Geiste erzogen. Der sehnlichste Wunsch der Eltern war, dass eines ihrer Kinder Priester werde. Sie setzten große Hoffnungen auf Benedikt, ihren Ältesten. Ein Onkel Benedikts, der Pfarrer war, gab ihm den ersten Lateinunterricht. Doch Benedikt soll sich wenig Mühe gegeben haben. Offenbar lag ihm auch das Studium nicht. Die Armen in abgelegenen Vierteln übten eine größere Anziehungskraft auf ihn aus als das Lateinbuch. Er suchte sie gerne auf und verschenkte ihnen sein ganzes Taschengeld. "Und wenn er dann heimkehrte, beschloss er seine Wanderungen mit einem langen Besuch vor dem Tabernakel in der Kirche seines Onkels" (A. Goodier).

Benedikt Labres Klosterversuche

Eines Tages trat Benedikt mit dem Entschluss vor seine Eltern, Trappist zu werden. Das Ideal dieses Ordens, das in scharfem Gegensatz steht zu den gängigen Normen der menschlichen Gesellschaft, zog ihn plötzlich an. Mit achtzehn Jahren versuchte er, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen, trotz heftigen Widerstandes vonseiten der Eltern. Als sie aber Benedikts Entschlossenheit sahen, gaben sie schließlich nach.

Mit diesem Versuch beginnt für Benedikt – menschlich gesprochen - eine Tragödie. Die Trappisten nahmen ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht auf. Er versuchte es mehrmals bei anderen Klöstern und Orden. Obwohl er Aufnahme fand, war Benedikt der unglücklichste Mensch, er, der felsenfest davon überzeugt war, in der Abgeschiedenheit eines Klosters den Frieden seiner Seele finden zu können. Sobald er in einem Kloster war, überfielen ihn so qualvolle Seelenängste und Versuchungen, dass er buchstäblich aus dem Kloster floh oder von den Oberen entlassen werden musste. Nach dem letzten Scheitern wagte er es auch nicht mehr, zu seinen Eltern zurückzukehren. Er entschloss sich, Frankreich zu verlassen und nach Italien zu gehen.

In einem liebevollen Abschiedsbrief an seine Eltern bat er sie "um Vergebung für allen Kummer, den ich Ihnen je gemacht habe, und bitte Sie, mir Ihren Segen zu gewähren, damit Gott mein Vorhaben segne; es ist einem Befehle Seiner Vorsehung gemäß, dass ich die Reise, die ich tue, unternommen habe. Sorgen Sie vor allem für Ihr Heil und für die Erziehung meiner Geschwister; wachen Sie über ihr Betragen; denken Sie an die ewigen Flammen der Hölle, und an die kleine Zahl der Auserwählten; ich bin sehr froh, die Reise, die ich mache, unternommen zu haben. Ich bitte Sie, meine Empfehlung an meine Großeltern und meine Tanten, an meinen Bruder Jakob, an alle meine Geschwister und an meinen Onkel Choix zu machen ... Ich schließe, indem ich noch einmal um Ihren Segen bitte und um Ihre Verzeihung für alle die Kümmernisse, die ich Ihnen bereitet habe. Geschrieben in der Stadt Chieri, in Piemont, am 31. August 1770."

Dies war der letzte Brief Benedikts an seine Eltern, der letzte Kontakt mit ihnen und seinen Angehörigen.

Benedikt Labres neuer Lebensweg

Es war wirklich die Vorsehung Gottes, die ihn auf die Reise geschickt hatte, nicht, um ein neues Kloster in Italien zu finden, wie Benedikt meinte. Er hat den im Brief angedeuteten Plan auch nie ausgeführt. Gott schickte ihn auf eine Reise, die nicht mehr aufhören sollte bis zu seinem Lebensende. Benedikt pilgerte von nun an von einem Wallfahrtsort zum anderen. Er besuchte die Heiligtümer Italiens, Spaniens, Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz. Sein Leben wurde zu einer unaufhörlichen Pilgerreise, die nichts mit einem "netten Pilgerfährtchen" zu tun hatte. Sein Leben auf diesen Wanderungen war gezeichnet von einer unerhört radikalen Härte gegen sich selbst. Sein Rucksack enthielt nur das Neue Testament, die Nachfolge Christi, ein Brevier und etwas Nahrung, die er irgendwo als Almosen sich erbettelte, wenn er sie nicht auf den Abfallhaufen zusammenlas. Nie wollte er mehr als das Notwendige für einen Tag. Erhielt er Geld, so verteilte er es unter die anderen Bettler. Sein Nachtlager war oft die bloße Erde unter einer schützenden Hecke; manchmal war es auch in einem Stall oder in einer Backstube. Seine Kleider waren erbärmliche Lumpen, voll des Ungeziefers, von dem er sich bewusst nicht trennte. Die Läuse und Flöhe waren für ihn ein lebendiger Bußgürtel, ein Bußgürtel ganz neuer Art, der "furchtbarer als alle Bußwerkzeuge ist". Sehr treffend bemerkt Walter Nigg: "Für den heutigen Menschen hat dieses Ungeziefer noch eine besondere Funktion. Es ist als Abschreckungsmittel notwendig, damit mit dem heiligen Bettler nicht eine unwahre Schwärmerei getrieben werde, wie es die Ästheten mit dem den Schwalben predigenden Franziskus getan haben. Vor Labres Tierchen weichen alle Unberufenen zurück, die allzu täppisch nach dem Pilger greifen wollen."

Sein bester Biograph, Leon Aubineau, urteilt über den Heiligen: "Durch diese unaussprechlichen Lumpen und aus der Mitte des Ungeziefers strahlte eine Majestät hervor, von welcher niemand sich Rechenschaft zu geben wusste, von der es jedoch schwer war, nicht betroffen zu sein."

Man fragt sich deshalb, was den Betrachter so unwiderstehlich zu diesem "reinen und kristallklaren Bettler" (W. Nigg) hinzieht.

Heroisches Büßerleben

Das ist einmal sein heroisches Büßerleben. Labre lebte im Zeitalter der sogenannten Aufklärung, einer Zeit des Unglaubens, des Luxus und des Lasters. Er verkörperte demgegenüber die erlösende Kraft des Opfers und des Kreuzes.

Darüber gab einer der Beichtväter Labres, Pater Temple, ein eindrückliches Zeugnis: "Benedikt Joseph Labre war einer jener verschlossenen Gärten und eine jener Blumen, welche der Gegenstand des Wohlgefallens Gottes sind; eine mit den reichsten Segnungen des Herrn begabte Seele; ein Wunder von Heiligkeit, der Welt unbekannt und nur von Gott gekannt; ein Seraph an Liebe, lebend vom Leben Jesu Christi und bestimmt, in den jetzigen kritischen Zeiten die Wahrheit der göttlichen Verheißungen wieder zu bestätigen; von Gott erweckt, um die Christen von den irdischen Gegenständen loszureißen und sie durch sein Beispiel zur Buße und zur Liebe des höchsten Gutes zu bewegen ..."

Dies betonte auch Papst Pius IX. deutlich in seinem Apostolischen Rundschreiben anlässlich der Seligsprechung Labres. Er schreibt, dass Benedikt von der Vorsehung Gottes nicht für das Kloster, sondern für die Öffentlichkeit bestimmt war, damit er "inmitten vieler Menschen sein Leben zubringe, nämlich dass er, der Keusche, der Demütige, der an allen Dingen Arme, durch sein Beispiel jenes weichliche und durch viele eitle Anstrengungen beunruhigte Leben beschäme, dem sich die meisten Menschen hingeben, indem sie weder an die Schätze der Seele noch an das ewige Leben denken, sondern einzig dahin streben, in sinnlichen Vergnügungen zu schwelgen und andere Menschen entweder an Macht oder an Reichtum zu übertreffen; denn alles, was in der Welt ist, sagt der Apostel, ist Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens".

Dritter Teil

Labre war von Gott berufen, eine lebendige Predigt für die Menschen gegen die Laster ihrer Zeit zu sein. Er suchte mit allen Mitteln das Opfer, das Leiden, das Kreuz. Leon Aubineau, sein Biograph, berichtet:
“Es war ihm namentlich in seinen letzten Jahren gelungen, ein Gegenstand des Ekels und des Widerwillens für jedermann zu werden. Sein bloßer Anblick konnte Übelkeiten erregen. Die Zeugen, die man für die ihm erwiesene Bewunderung aufstellen und zählen kann, sind wenige im Vergleich mit der Menge, in deren Mitte der Selige in Lumpen und mit Ungeziefer bedeckt, für eine Schmach angesehen wurde ... (Für ihn waren) alle Beschimpfungen eine Wohltat, eine wirklich fühlbare Wohltat, eine Freude, eine überströmende Wonne ...”

Einen nicht unwesentlichen Anteil an diesem opfervollen Zeugnisgeben des Heiligen hatte das Sakrament der Beichte, das er wöchentlich, meistens am Freitag, empfing. Benedikt Labre war der festen Überzeugung, ein wirklich großer Sünder zu sein, obwohl die Beichte des öfteren damit endete, dass der Beichtvater keine Materie für eine Lossprechung fand und er den heiligen Büßer mit dem Segen entließ. “Während dieser Beichten, wo der Büßer sich mit so vielem Nachdruck vorwarf, ein großer Sünder zu sein und Gott nicht zu lieben, konnte der Beichtvater nicht immer seine Bewunderung zurückhalten” (L. Aubineau).

Dies ist ein leicht erklärbares Phänomen, das sich bei allen Heiligen zeigt: je heiliger ein Mensch wird, das heißt, je mehr er sich Gott, dem unendlich Heiligen, nähert und vom göttlichen Licht erfüllt wird, desto deutlicher und klarer sieht er auch die kleinsten Fehler und Unvollkommenheiten. Es lässt sich vergleichen mit einem Raum, in den der helle Strahl der Sonne dringt. Dieses Licht macht selbst Staubpartikel sichtbar, die in der Luft schweben oder sich auf Gegenständen abgelagert haben.

Benedikt Labre selbst hatte sehr präzise Vorstellungen über eine gute Beichte. Als er einmal gefragt wurde, welche Bedingungen für eine gute Beichte erforderlich seien, sagte er:
“Dazu sind vorzüglich drei Bedingungen erforderlich: eine gute Gewissenserforschung, die wahre Zerknirschung des Herzens oder Reue und ein aufrichtiger Entschluss sich zu bessern.”

Um seinen Zuhörern begreiflich zu machen, dass der Mangel an Reue und an einem aufrichtigen Vorsatz gewöhnlich dıe Ursache so vieler schlechter Beichten und “des Unterganges so vieler Seelen sind”, erzählte er folgendes:

"Ich hatte einstens in der Nacht einen Traum; ich sah nämlich drei verschiedene Prozessionen von Beichtenden. Die erste Prozession war wenig zahlreich und bestand ganz aus weiß gekleideten Personen. Die zweite bestand aus langen Reihen von Menschen, deren Gewänder rot waren und in der dritten Prozession befanden sich sehr viele Menschen in Trauerkleidern von schwarzer Farbe. Die erste Prozession bedeutet jene, welche im Augenblick des Todes von jeder Sünde frei, mit Heiligkeit und Unschuld geschmückt ins himmlische Vaterland eingehen. Die zweite Prozession bedeutet jene, welche ins Fegfeuer wandern, um darin die göttliche Gerechtigkeit für jene Fehler zu sühnen, für welche sie während ihres Lebens nicht hinlänglich Genugtuung geleistet haben. Die dritte bedeutet jene unglücklichen Sünder, welche wegen ihrer schlechten Beichten zur Höllenstrafe verurteilt werden. Ach wie viele Seelen werden wegen ihrer schlechten Beichten in die ewigen Abgründe der Hölle hinabgestürzt! Sie fallen leider in dieselben eben so zahlreich als Schneeflocken zur Zeit des Winters herabfallen.”

Anbeter des Allerheiligsten Altarssakramentes

Das Zweite ist, was die Menschen unwiderstehlich zu diesem Heiligen hinzieht - und darauf gibt sein Biograph, Leon Aubineau, wohl die beste Antwort:

“Das Gebet war in seinen Augen die wünschenswerteste Gnade, ohne die man keine Fortschritte im Dienste Gottes machen konnte. Deshalb, was er auch tun mochte, hörte er niemals auf zu beten. Das Gebet war seine Beschäftigung, sein Zeitvertrieb, seine Erholung und seine Wonne. Er gab ihm sein Herz, seine Kräfte, seine Zeit, alle seine Handlungen.”

Benedikt hatte Gott gefunden, und damit die höchste Erfüllung seines Verlangens nach Glückseligkeit. Obwohl mitten unter den Menschen, lebte er ein Leben völliger Innerlichkeit, der immerwährenden Anbetung.

“Man hatte niemals in dieser Weise (jemanden) beten sehen, und nichts hatte jemals eine deutlichere Idee von der Anbetung der Engel gegeben”, wie Benedikts Beten, heißt es über ihn bei L. Aubineau.

Seine Kraft schöpfte er aus dem immerwährenden Gebet vor dem Tabernakel in irgendeiner Kirche. Unaufhörlich befand er sich in einem inneren Zwiegespräch mit Christus im Sakrament. Das ist das Geheimnis dieses Heiligen, der so stark mit seinem Herrn und Gott im Allerheiligsten Altarssakrament verbunden war, dass Zeit und Ort für ihn nicht mehr zu existieren schienen. Jede verstandesmäßige Erklärung solcher Hingabe ist zum Scheitern verurteilt; sie ist nur dem gläubigen Herzen zugänglich.

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