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Der Widerstand der katholischen Jugend im Dritten Reich

Von P. Martin Ramm

I. Die Deutsche Jugendbewegung und die Entwicklung der Katholischen Jugend bis 1933

Um die Lage der katholischen Jugendverbände vor der Machtergreifung Hitlers zu verstehen, scheint es mir notwendig, bis zur Jahrhundertwende zurückzuschauen. Es entstand in dieser Zeit in Deutschland das, was man schlechthin die Jugendbewegung nennt. Diese Jugendbewegung verstand sich damals als eine Protestbewegung, eine Revolution der Jungen, die sich einen neuen Lebens- und Kulturstil schaffen wollten. Sie wandten sich damit gegen eine in ihren Augen steife, platte, materialistisch orientierte Gesellschaftsform.

Ihren ersten Ausdruck fand diese Revolte im Wandervogel. Von einem Gymnasiasten, Karl Fischer, wurde der Wandervogel in den Jahren 1897 bis 1901 in Steglitz gegründet. Das Ideal der fahrenden Schüler und die Romantik des Wanderlebens schweißte diesen ersten Bund zusammen. Im Verlauf der nächsten 10 bis 12 Jahre erfuhr der Wandervogel eine beachtliche Ausbreitung, und bald schon kam es zu ersten organisatorischen Spaltungen, so daß neue Bünde entstanden.

Als erstes katholisches Element der Jugendbewegung wurde in Schlesien 1909 der Bund Quickborn gegründet. In sein Leben nahm er wesentliche Elemente der Deutschen Jugendbewegung und des Wandervogels auf. Der Quickborn, der in späteren Jahren vor allem von Romano Guardini geprägt wurde, hatte seinen Mittelpunkt in Burg Rothenfels am Main.

Der erste Weltkrieg schlug der Jugendbewegung eine große Wunde, doch ging man in den darauffolgenden Jahren mit großem Eifer und viel Erfolg an den Neuaufbau. Angesichts einer immer stärker aufkommenden unchristlichen Jugendbewegung sahen es die katholischen Bünde immer deutlicher als ihre Aufgabe, sich die guten Elemente der Wandervögel anzueignen, sich den Auswüchsen einer radikalen Jugend aber entschieden zu widersetzen.

In beispielhafter Weise verwirklichte dies der schon genannte Quickborn: "Alles, was sich beim Wandervogel an gesunder Art der Jugendbewegung zeigte, lebte auch im Quickborn"(Klönne Arno, Geschichte der Jugendbewegung, S. 20).

Einer der größten und geschlossensten katholischen Jugendverbände sollte der 1919 gegründete Bund Neudeutschland (ND) werden, der sich vor allem an Gymnasiasten wandte und unter der Schirmherrschaft der Jesuiten stand. Über Quickborn kam Neudeutschland in Kontakt mit der Jugendbewegung und wurde ebenfalls sehr stark von den Ideen und Formen der Jugendbewegung und des Wandervogels ergriffen. In seinem Programm von 1923 bekannte sich der Bund ND ausdrücklich zur Jugendbewegung und wurde schließlich selbst zum Typ einer katholischen Jugendbewegung. 1935 umfaßte ND in 524 Gruppen 18.509 Jungen (LthK, 2. Auflage, 'Neudeutschland'). Zusammen mit ND wurde ebenfalls 1919 Heliand, der Bund katholischer Mädchen aus höheren Schulen, gegründet, der 1932 ca. 2000 Mitglieder zählte.

Größter und bestausgebauter Jugendverband war mit 390.000 Mitgliedern, 28 Diözesanverbänden und 420 Bezirksverbänden (Stand 1933) der Katholische Jungmännerverband (LThK 'Jugendverbände'). Zwar war dieser schon 1896 gegründet worden, öffnete sich später aber ebenfalls dem Geist und den Formen der Jugendbewegung. Generalpräses des Jungmännerverbandes war seit 1926 Prälat Ludwig Wolker.

Von Bedeutung war ferner die um 1928 gegründete Pfadfinderschaft St. Georg, die sich schnell ausbreitete und 1935 bereits 470 Stämme umfaßte.

Im Jahre 1933 hatten die im Dachverband der katholischen Jugend Deutschlands zusammengeschlossenen 28 Vereinigungen nach verschiedenen Angaben 1,4 bis 2 Millionen Mitglieder (Pottier Joel, Christen im Widerstand, S. 490). Neben den Sportgruppen bildete die katholische Jugend somit den stärksten Block innerhalb der gesamten organisierten Jugend Deutschlands.

II. Die Machtergreifung - ein Programm

Am 30. Januar 1933 ergriff Adolf Hitler die Macht. Wie Bernd Wittschier schreibt, bedeutete für Hitler "Revolutionmachen" nicht lediglich die Macht zu ergreifen, sondern Umerziehung: Erziehung im Sinne einer neuen rassistischen Weltanschauung. [1]

Sein Programm hatte Hitler klar umrissen. Schon 1925 schreibt er in seinem Werk Mein Kampf: “Die Weltanschauung ist unduldsam und kann sich mit der Rolle einer 'Partei neben anderen' nicht begnügen, sondern fordert gebieterisch ihre eigene, ausschließliche und restlose Anerkennung ...” [2] Der Nationalsozialismus will aber Weltanschauung sein. “Während das Programm einer politischen Partei das Rezept für einen gesunden nächsten Wahlausgang ist, bedeutet das Programm einer Weltanschauung die Formulierung einer Kriegserklärung gegen die bestehende Ordnung, gegen einen bestehenden Zustand, kurz gegen eine bestehende Weltauffassung überhaupt” (ebd. S. 508). Weiter schreibt Hitler, die Welt werde seit dem Auftreten des Christentums von einem geistigen Terror bedrängt und beherrscht, und man müsse einsehen, “daß man Zwang nur wieder durch Zwang bricht und Terror nur mit Terror” (S. 507). Erst dann könne aufbauend ein neuer Zustand geschaffen werden. Ihre Krönung müsse die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit darin finden, “daß sie den Rassesinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Hirn der ihr anvertrauten Jugend hinein brennt” (S. 475).

Worum es dem NS-Regime letztlich ging, war also nichts weniger als das “innere Ja” zum neuen NS-Rasse-Mythos. Man wollte mehr als Loyalität, man wollte den Menschen ganz, total, auch sein Inneres. Zur Erlangung dieses Zwecks ernannte Hitler am 24. Januar 1934 Alfred Rosenberg zum Reichsleiter mit dem bedeutungsvollen Titel: Der Beauftragte des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP. Er sollte sich besonders der “Erziehungsarbeit” an der Jugend und den Lehrern widmen.

Als der eigens von Hitler eingesetzte Reichsjugendführer Baldur von Schirach lauthals verkündete, der Weg der HJ sei der Weg Alfred Rosenbergs, schmetterte ihm Ludwig Wolker entgegen: “Dann ist der Weg der katholischen Jugend nicht der Weg der Hitlerjugend!” [3]

III. Von der Machtergreifung 1933 bis zur völligen Aufhebung aller Jugendverbände 1939

Hitler handelte nach dem Motto: Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. Er erkannte die Bedeutung der Jugend für das Fortbestehen seiner Sache, und gerade die Jugend schien ihm in besonderem Maße begeisterungsfähig und verführbar zu sein.

Mit besonderem Interesse widmete er sich der NSDAP-Jugendorganisation, die er nach sich selbst umbenannte und sie zur Hitlerjugend (HJ) machte. Wie Hitler selbst mit einem unzweideutigen Absolutheitsanspruch besonders weltanschaulicher Art auftrat, so sollte auch die HJ nach seinem Willen zu der deutschen Jugend werden.

Die stärkste Guppe innerhalb der damaligen deutschen Jugendorganisationen, auf die Hitler stieß, war die katholische Jugend.

Vom Anfang bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes stand diese im Abwehrkampf. Freilich war zu Beginn die Sache noch nicht so klar durchschaubar wie für uns heute, doch schon damals ließen erste Signale von Seiten der Regierung deutlich erkennen, was die eigentlich angestrebten Ziele waren, nämlich ein Vernichtungskampf gegen die Kirche.

Bereits die Zeit vor dem Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 war von vielfältigen Aktionen gegen die katholische Jugend bestimmt. So ließ Hitler schon im April 1933 die Geschäftsstelle des Reichsausschusses deutscher Jugendverbände einnehmen und gelangte so in den Besitz wertvollen Adreßmaterials. Am 17. Juni wurde Baldur von Schirach, der seit 1931 die NSDAP-Jugend geleitet hatte, zum Jugendführer des Deutschen Reiches befördert. Schirach erklärte bald, da die NSDAP einzige Partei sei, so müsse auch die HJ einzige Jugendorganisation sein. Parteineugründungen waren am 17. Juli verboten worden. Das Programm Schirachs war die "Gleichschaltung". Am 19. Dezember 1933 traf er ein Abkommen mit dem für die evangelische Jugend zuständigen Reichsbischof Müller, welches die gesamte evangelische Jugend der HJ eingliederte. Diese Eingliederung nennt Georg May einen "Dolchstoß in den Rücken der katholischen Jugend", weil sich dadurch der Druck der HJ auf sie verstärkt habe und jede Solidarität katholischer und evangelischer Jugend im Kampf unmöglich gemacht worden sei.[4]

Es wird so verständlich, warum sich im Jahre 1933 die Mitgliedszahlen der HJ von etwa 80.000 auf 4 Millionen erhöht haben! (May, S. 444). Von ca. 100 Verbänden überstanden einzig die katholischen Jugendverbände diese ersten "Gleichschaltungsaktionen".

Es ist auch wichtig zu wissen, daß am 29. Juli 1933 vom Reichsjugendführer das Verbot ergangen war, gleichzeitig im nationalsozialistischen und in einem konfessionellen Jugendverband zu sein. Diese Zeit war von vielen Schikanen und Übergriffen geprägt.

Die Jahre 1934/35 nennt Georg May "Zeiten fast ununterbrochenen Ansturms von nationalsozialistischer Seite gegen die katholischen Jugendverbände" (May, S. 445). Es kam zum offenen Kampf. Anfang 1934 wurden zahlreiche regionale Verbote, Einschränkungen und Schikanen gegen die katholische Jugend erlassen. Wer darauf beharrte, Mitglied eines katholischen Jugendverbandes zu bleiben, lief Gefahr, seine Lehrstelle oder seinen Ausbildungsplatz zu verlieren. Trotzdem konstatierte die Staatspolizeistelle Kassel im Mai 1934, die Werbetätigkeit für die katholischen Jugendorganisationen habe noch täglich zugenommen (ebd.) "Unsere katholische Jugend wird an vielen Orten verfolgt", schreiben die deutschen Bischöfe am 7. Juni 1934 (May, S. 448).

In den Frühjahren 1934 und 1935 organisierte die HJ jeweils großangelegte "Frühjahrsoffensiven" gegen die katholische Jugend (Wittschier S. 79). In einer Schlagzeile des NSDAP-Organs Beobachter heißt es hierzu: "HJ sagt konfessionellen Verhetzern den Kampf an" (ebd.).

Im März 1934 gründete der Kölner Kardinal Schulte eine Überwachungsstelle zum Schutz der Jugend, die von ihrem Leiter Joseph Teusch in eine Abwehrstelle umgewandelt wurde. Teusch erwiderte die genannten Frühjahrsoffensiven mit der Aktion Vom guten Recht der katholischen Jugend (ebd.).

1935 war nach Georg May eine "Zeit des planmäßigen Angriffs" (May, S. 449). Per Polizeiverordnung wurde den katholischen Jugendverbänden im Juli jede Betätigung verboten, die nicht rein kirchlich religiöser Art war, worunter gemeinsame Fahrten, Wanderungen sowie das Tragen von Uniformen fiel. Das eigentliche Jugendleben sollte damit unterbunden werden.

Im Februar 1936 setzte dann eine Verhaftungswelle gegen Führer und Seelsorger katholischer Jugendverbände ein. Das sogenannte Gesetz über die Hitlerjugend vom 1. Dezember 1936 erklärte, für die gesamte körperliche, geistige und sittliche Erziehung der Jugend in Deutschland außerhalb von Schule und Elternhaus sei allein die Hitler-Jugend zuständig (May S. 452).

"Das Jahr 1937 stand im Zeichen des Angriffes gegen die katholische Kirche insgesamt." Ab Juli wurden die ersten regionalen Aufhebungen und Verbote für katholische Jugendverbände ausgesprochen. In den Jahren 1938/39 griff das Regime immer mehr zu Polizeimaßnahmen. Von Februar bis Juli 1939 wurden die letzten katholischen Jugendverbände, nämlich Neudeutschland und Quickborn, endgültig verboten. Jetzt blieb nur noch die Arbeit in der Pfarrjugend übrig. (May S. 454)

IV. Die Kölner Abwehrstelle

Am 16. März 1934 gründete der Erzbischof von Köln, Kardinal Schulte, angesichts der zunehmenden Bedrohung besonders der Jugend durch die nationalsozialistische Propaganda eine zentrale Überwachungsstelle in Köln, also bereits wenige Wochen nach der Ernennung von Alfred Rosenberg zum ideologischen Reichsleiter am 24. Januar 1934. Diese ursprünglich wohl mehr zum Zweck der Beobachtung der Geschehnisse gedachte Einrichtung wurde bald durch ihren Leiter, den Jugendpräses Joseph Teusch, umgewandelt in eine Abwehrstelle gegen die nationalsozialistische antichristliche Propaganda.

Bernd Wittschier, der Leiter des Joseph-Teusch-Werkes (Bad Neuenahr-Ahrweiler, Barbaraweg 12), unterstreicht von 13 durchgeführten großen Aktionen, die in der Folge von dieser Abwehrstelle ausgingen, besonders folgende drei [6]:

- Zwischen 1934 und 1939 wurden 20 Kampfbroschüren in einer Auflage von 17 Millionen von ca. 100.000 ehrenamtlichen Helfern in Deutschland verteilt. Diese Broschüren waren vor allem gegen den NS-Rassenmythos gerichtet.

- Gegen Rosenbergs Buch Mythus des 20. Jahrhunderts wurde eine wissenschaftliche Gegenschrift erarbeitet und in einer Auflage von 200.000 und eine Kurzfassung von 1 Million verteilt. Mit dieser Schrift sollten vor allem Wissenschaftler und Lehrer erreicht werden. Rosenberg reagierte auf diese Aktion 6 Monate später mit seiner Schrift An die Dunkelmänner unserer Zeit.

- Besonders an die Jugend gerichtet war die Aktion Katechismuswahrheiten. Joseph Teusch verfaßte eine Auflistung von 35 pseudoreligiösen Glaubenssätzen der Nationalsozialisten und stellte diesen die Wahrheiten des katholischen Glaubens in 35 "Katechismuswahrheiten" gegenüber. Die Katechismuswahrheiten wurden in einer Auflage von 6 Millionen verbreitet. Einer der nationalsozialistischen "Glaubenssätze" lautete: "Das deutsche Volk glaubt auf dieser Erde allein an Adolf Hitler und an sonst keinen... Die deutsche Jugend bekennt sich zu dem Leitsatz: 'Deutschland und nicht Christus!'"

Die Katechismuswahrheiten sollten nach Anordnung der deutschen Bischöfe Grundlage der Unterweisung in Predigt und Jugenderziehung sein. Am 20.11.1936 wurde jedoch deren Benutzung in den Schulen staatlich verboten.

Wittschier schreibt einen großen Teil des Verdienstes daran, daß die katholische Kirche als einzige Großgruppe das "Dritte Reich" äußerlich und innerlich überstanden habe, Joseph Teusch zu, gerade aufgrund seiner Katechismuswahrheiten.

V. Formen des Widerstandes

Wenn man das Wort Widerstand hört, ist man vielleicht zu schnell geneigt, darunter nur eine organisierte Form aktiven Kämpfertums zu verstehen und den Widerstand in seinen weniger spektakulären Formen zu übersehen. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß den Menschen der damaligen Zeit noch vieles nicht so deutlich vor Augen stand wie uns heute im nachhinein. Deshalb manifestierte sich der Widerstand der katholischen Jugend auch zunächst in der Resistenz, der einfachen Entschlossenheit, den bewährten Weg weiterzugehen und nicht die Knie vor dem Baal zu beugen.

Aber schon allein dadurch, daß sie die einzigen waren, die sich nicht von der staatlichen Gleichschaltungspropaganda ab 1933 mitreißen ließen, und daß sie nicht bereit waren, ihre Identität aufzugeben, war es klar, daß die katholische Jugend Stein des Anstoßes werden mußte.

Wie Oskar Neisinger in einem Aufsatz schreibt, gewährte bis zum endgültigen Verbot aller bis dahin verbliebenen Bünde 1939 das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 noch eine gewisse Atempause. Obgleich die Nationalsozialisten sich de facto in den Einzelbestimmungen wenig um das Konkordat kümmerten, sollte doch diese Zeit die Vorbereitung auf die Arbeit in der Illegalität erleichtern (Neisinger, S. 492). Es soll hier nur an die Arbeit der Kölner Abwehrstelle erinnert werden.

Von offizieller kirchlicher Seit wurde ab 1936 in den Richtlinien für die katholische Jugendseelsorge eine Umorganisation der bisherigen Strukturen auf Pfarrebene angestrebt. Durch den so erzwungenen Wegfall entbehrlicher Äußerlichkeiten der Jugendarbeit fand nach Neisinger eine "Konzentration junger Menschen auf die Herzmitte des christlichen Glaubens" statt, und so habe sich ein "überaus reiches Jugendleben im Verborgenen" entfaltet (S. 493). Er schreibt sogar von einem schweigenden neuen Aufbruch katholischer Jugend in der Dunkelheit Deutschlands der Jahre 1939 bis 1945 (S. 492).

Die gezielte Organisation der Jugendgruppen war durch die Tatsache erschwert, daß zur Zeit der Verbote ein großer Teil der Führerschaft zur Wehrmacht oder zum Reichsarbeitsdienst eingezogen war.
Nun waren Einfallsreichtum, Phantasie und Mut gefordert, um mit äußerst begrenzten Mitteln Freiräume für ein katholisches Jugendleben zu schaffen.

Besondere Bedeutung gewannen jetzt sogenannte Bekenntnisveranstaltungen: Wallfahrten, Feierlichkeiten zu Dreifaltigkeitssonntag, Christkönigssonntag oder Georgsfest, Prozessionen, Exerzitien und Einkehrtage schufen die Möglichkeit zu legalem Widerstand, der von den zuständigen staatlichen Stellen auch durchaus als solcher gewertet wurde. Neisinger schreibt ferner von Hilfsaktionen, Lebensmittelhilfe und Unterstützung von Juden, Verfolgten und Gefangenen, Aufbau einer Korrespondenz mit den Freunden in der Wehrmacht und im Reichsarbeitsdienst und die Arbeit mit geheimen Druckereien. Eine solche Geheimdruckerei sei etwa in Würzburg in einer Speisekammer installiert gewesen, die Tausende von Sonetten Reinhold Schneiders und Gertrud von Le Forts Hymnen an die Kirche verbreitet habe (Neisinger, S. 494).

VI. "Eine katholische Jugend im Dritten Reich"

Ein anschauliches Beispiel, wie sich für die katholische Jugend aus damaliger Sicht die Ereignisse dargestellt haben, findet sich in dem Buch von Gisbert Kranz Eine katholische Jugend im Dritten Reich [8], in welchem er seine Erinnerungen über diese Zeit aufgeschrieben hat. Gewidmet hat er dieses Werk seinen Eltern, Lehrern und verstorbenen Freunden, "qui non curvaverunt genua ante Baal", die nicht ihre Knie gebeugt haben vor dem Baal.

1932, zur Zeit des Hitlerwahlkampfes, war Gisbert Kranz gerade 11 Jahre alt. In seiner Heimatstadt Steele fiel ihm zunächst auf, daß auf Litfaßsäulen, Bauzäunen und Hauswänden immer häufiger der "Heilbringer mit Schmachtlocke und Bürste" zu sehen war (S. 72).

Als Hitler wenige Monate später an die Macht kam, begriff Kranz noch kaum, was vor sich ging. Er sah nur, daß vieles anders war als bisher. Er beschreibt den allgemeinen Begeisterungstaumel, die Aufmärsche der SA und HJ und die begeisterten Gesichter seiner Mitschüler: Die Schule sei öfters ausgefallen, um Führerreden anzuhören oder Nazifilme im Kino anzusehen, und fast täglich seien die Straßen ein Meer von Fahnen gewesen.

Demgegenüber stand jedoch sein Elternhaus in Opposition. Auch der junge Gisbert machte selbst weiter Beobachtungen. So wurde durch die Straßen von Steele ein Mann geführt mit einem Schild auf Brust und Rücken mit der Aufschrift: "Ich Schwein bin ein Volksverräter", und im April 1933 fand er auf den Schaufenstern der jüdischen Lebensmittelläden Plakate, die sagten: "Wer vom Juden frißt, stirbt daran." (S. 73) Bald wurde der Direktor seines Gymnasiums aus dem Dienst entlassen, nachdem er öffentlich vor den Schülern für die Juden gesprochen hatte.

Während fast alle seine Mitschüler sich der HJ anschlossen, trat Kranz Ostern 1933 in den katholischen Bund Neudeutschland ein. Wie wir gesehen haben, war es das Ziel des Bundes ND, die Jungen durch Wanderungen und Gruppenlager zu einem naturnahen Leben im Sinne der deutschen Jugendbewegung zu führen. Kranz schreibt nun, bald habe auch für ND die Serie von Schikanen begonnen, und wie die Nationalsozialisten Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler und Juden verfolgt hätten, so hätten sie fortan auch die katholischen Jugendverbände attackiert (S. 75), - und dies trotz des Reichskonkordats. Zunächst wurde das Tragen von Fahrtenmessern verboten, dann wurden von HJ-Horden ND-Heime zertrümmert, und schließlich mußte er erleben, wie 1934 ein ND-Lager polizeilich vorzeitig aufgehoben wurde.

Eine große Hilfe waren für Kranz die Wochenzeitung Die Junge Front, die Broschüren mit Predigten des Kölner Domvikars Josef Teusch, der übrigens am selben Gymnasium wie Gisbert Kranz in Steelen sein Abitur gemacht hatte, sowie die 1933 gehaltenen Adventspredigten Kardinal Faulhabers (+ 1952). Die Zeitung Die Junge Front war im Sommer 1932 von Jugendpräses Prälat Ludwig Wolker gegründet und Ende 1932 von dem Berufsjournalisten Johannes Maaßen übernommen worden. Sie verstand sich als Widerstandsblatt und dokumentierte die aktuelle Entwicklung durch Fakten, indem sie Konkordatsbrüche sammelte. Gisbert Kranz schreibt darüber: "Jedem Leser, der noch schwankte, mußte bei Lektüre dieses Blattes klar werden, daß er nicht Christ und Nationalsozialist zugleich sein könne." (S. 78) Artikelserien stärkten den Glauben und die Bereitschaft zum Martyrium. Die erste Phase des Widerstandes bestand gerade darin: die "Front" zu klären und die Knie nicht zu beugen vor Baal, d.h. vor den äußeren und ideologischen Gleichschaltungsaktionen der Nationalsozialisten. Nach mehreren Verboten einzelner Nummern wurde 1935 der Titel Die Junge Front verboten, und Maaßen benannte das Blatt kurzerhand um nach dem großen Erzengel: fortan erschien es unter dem Namen Michael und erreichte immerhin eine Auflage von 330.000!

"Der Ton blieb scharf, die Front klar." (S. 78) Erstaunlicherweise wurde Michael erst 1936 endgültig verboten.

Als den Dichter der katholischen Jugendbewegung bezeichnet Gisbert Kranz Georg Thurmair, der besonders durch seine Lieder einen großen Einfluß auf die katholische Widerstandsbewegung ausübte. Wegen seines 1934 veröffentlichten Liedes zu St. Georg dem Drachentöter wurde Thurmair von der Geheimen Staatspolizei in Düsseldorf vernommen. Gisbert Kranz zitiert diesbezüglich aus einem Brief von Georg Thurmair: "Man wollte wissen, wen ich damit meinte, als ich schrieb: 'Die Lüge ist gar frech und schreit, und hat ein Maul so höllenweit, die Wahrheit zu verschlingen'." (S. 79) Als 1935 eine massive Kampagne gegen die katholische Jugend losbrach, wollte der vierzehnjährige Gisbert Kranz nicht untätig bleiben. Er beschreibt, wie er mit seinem Druckkasten und Klebestreifen einige hundert Aufkleber hergestellt habe mit der Aufschrift "KATHOLISCHE JUGEND BLEIB TREU!" und diese in Steele an Schaufenstern und Laternenpfählen angebracht habe. Sein ND-Führer, der nachträglich davon erfahren habe, sei erbleicht. (S. 81)

Um sich zur Abwehr zu wappnen, versuchte er, sich vor allem aus der Kirchengeschichte Fakten anzueignen, wodurch er besonders in der Schule die Vorwürfe gegen das Christentum wirksamer widerlegen konnte. Er brachte es so weit, an einem dunklen Oktoberabend auf der Straße blutig geschlagen zu werden.

Ab Ostern 1938 übernahm Kranz selbst die Leitung der ND-Ortsgruppe, wobei ihm eine große Stütze die Zusammenarbeit mit den Sankt-Georgs-Pfadfindern war.

Seit 1939 war der Bund ND völlig verboten, doch trotzdem setzte Kranz die Arbeit illegal fort, bis er 1941 selbst zum Kriegsdienst eingezogen wurde.

VII. Die Gruppe Neudeutschland im Bruchsal

Ein weiteres Beispiel des Widerstandes ist die ND-Gruppe in Bruchsal. In dem Urteil des Karlsruher Landgerichtes vom 21. November 1941 wegen illegaler Fortführung des durch Erlaß des Reichsführers der SS und Chefs der Deutschen Polizei vom 27. Juni 1939 verbotenen Jugendbundes Neudeutschland heißt es bezeichnenderweise: "Das einem Verbot unzugängliche innere Bundesleben hat nie aufgehört." [9]

In den frühen zwanziger Jahren gegründet, umfaßte die Gruppe 1933, als Hitler an die Macht kam, ca. 35 Mitglieder. Otto Roegele, selbst Mitglied dieser Gruppe, berichtet uns in seinem Artikel Katholische Jugend in der Illegalität, wie erst eine gewisse Unsicherheit bezüglich des neuen Regimes herrschte und aufgrund des Reichskonkordates vom 20. Juli 1933 zunächst sogar noch Hoffnung zu sein schien, die sich aber bald als trügerisch erwiesen habe.

Der kirchlichen Jugend wurde jede "weltliche Aktivität" untersagt, was bedeutete, daß sie nicht über die kirchlichen Räumlichkeiten hinaus tätig werden durfte. Für ND war dies nicht unbedeutend, da das Wirken nach außen und die gemeinsame Fahrt ja durchaus wichtige Elemente des Bundes waren. Da nun aber gemeinsame Fahrten nicht mehr möglich waren, wurde die Gruppe erfinderisch: "Was früher ein Spiel im Zeltlager gewesen war, wurde nun zum Ernstfall", berichtet Otto Roegele (S. 497). Trotz aller Verbote wurde -natürlich mit äußerster Wachsamkeit - das Gruppenleben fortgesetzt.

Als am 27. Juni 1939 Neudeutschland als Organisation formell verboten wurde, bewahrheitete sich in Bruchsal der Satz, daß man nur die Organisation, nicht aber die Gesinnung verbieten könne. Da jeder Versuch, unter dem bisherigen Namen weiterzuarbeiten, aussichtslos war, nannte sich die "neue" Gruppe, die sich fortan im Pfarrhaus traf, Christopher. Zur besonderen Aufgabe machte sich Christopher, den Kontakt und Gedankenaustausch mit den ehemaligen Mitgliedern von ND, die nun im Arbeitsdienst und in der Wehrmacht waren, aufrechtzuerhalten. Dies war umso nötiger, als viele junge Katholiken mit ihren Gewissenskonflikten bezüglich des Waffendienstes unter dem Hakenkreuz allein gelassen waren, ohne Gleichgesinnte zu finden. Da das Abschreiben der Briefe mit der Schreibmaschine zu beschwerlich wurde, entschloß man sich zur Herausgabe von vervielfältigten Heften, die den Titel Wir erhielten, deren Versand aber mit der Reichspost und Feldpost geschehen mußte. Durch Kontrolle der Soldatenpost kam man der Bruchsaler Gruppe auf die Spur. Der Gruppenleiter Wilhelm Eckert war gerade mit der Zusammenstellung des fünften Wir-Heftes beschäftigt, als er am 12. Mai 1941 von einem Kommando überrascht und verhaftet wurde, welches alles samt dem Vervielfältigungsgerät beschlagnahmte.

"Man habe eine von jugendlichen Verbrechern geleitete Verschwörung entdeckt" (S. 502), wurde bei einer öffentlichen Kundgebung verlauten lassen, und die Bestrafung war durchaus kollektiv: Wilhelm Eckert bekam acht Monate Gefängnis und wurde vom Schulbesuch sowie vom späteren Studium ausgeschlossen. Sieben weitere Gymnasiasten erhielten "Jugend-Arrest", die Väter der Gruppenmitglieder wurden, soweit sie Beamte waren, versetzt, den beteiligten Familien wurden Kinderzulagen und Erziehungsbeihilfen entzogen, das Haus, in dessen Kapelle die Gruppe zuweilen Gottesdienst gefeiert hatte, wurde beschlagnahmt, und Gruppenmitglieder, die Wir an der Front bezogen hatten, wurden mehrfach verhört und mußten teilweise Degradierungen hinnehmen.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis blieb Wilhelm Eckert unter Polizeiaufsicht und fiel im Juli 1943 als Soldat auf Sizilien.

VIII. Pfadfinder in Augsburg

Als letztes Beispiel für zähen und lebhaften Widerstand nehmen wir die 1931 gegründete Pfadfindergruppe der Pfarrei St. Moritz in Augsburg. Die Idee der Pfadfinderei, die sich in Deutschland ab 1909 besonders durch das Pfadfinderbuch von Alexander Lion ausbreitete, ist die natürliche Verbindung von Glaube und Leben mit der Natur, weshalb der spezifische Ausdruck der Pfadfinderei das Lagerleben ist. Daß es hier Reibungen mit dem neuen Staat geben mußte und daß vor allem das Zeichen der äußeren Einheit, die Pfadfinderkluft, Anstoß erregen mußte, war abzusehen. Dessen war sich denn auch der Augsburger Stamm bewußt, wenn in seiner Chronik am 30. Januar 1933 schon zu lesen ist, die Auswirkung der nationalsozialistischen Machtergreifung werden aller Voraussicht nach auch das "Jugendreich" nicht ohne weiteres übergehen. [10] Ein erstes "Uniformverbot" gab es vom 26. Juli bis 5. August 1933, welches am 2. Oktober endgültig verhängt wurde. Befolgt wurde dieses Verbot allerdings erst seit 1936, nachdem die diesbezüglichen Auseinandersetzungen mit der HJ nicht nur immer handgreiflicher geworden waren, sondern auch 13 Pfadfinder nach einer Gerichtsverhandlung wegen verbotenen Tragens von Uniformen zu einer Buße von je 17.50 RM verurteilt worden waren.

Vom Bezirksleiter der katholischen Jugend zum Aushalten ermuntert, wurde im Oktober 1933 noch eine neue Wölflingsgruppe gebildet. Für das Jahr 1934 kann man sogar trotz der 15 in der Chronik notierten Anmerkungen über Probleme mit den NS-Machthabern eine Intensivierung der Gruppenarbeit feststellen (Michel, S. 18).

Am 11. Februar, dem ersten Bannschulungstag der HJ, marschierten die Pfadfinder provokativ in Kluft durch Augsburg, wofür sie sich bei den HJ-Führern sogar Anerkennung ihres Mutes verdienten und von diesen eines "Bekehrungsversuches" gewürdigt wurden, was anscheinend nicht gelang (Michel, S. 19).

Deutlich schärfer wurde das Vorgehen der HJ 1935, doch schlichen die Pfadfinder sich trotz des an Pfingsten von der HJ eingerichteten Streifendienstes paarweise zu gemeinsamen Lagern aus Augsburg heraus. Zahlreiche Austritte gab es nach der polizeilichen Auflösung eines Gruppenabends im Juni 1935. Die Beteiligung an den Gruppenstunden lag nun nur noch bei 10 Jungen, die Mitgliederzahl Anfang 1936, dem dritten Kampfjahr, betrug noch 47 (1933 waren es ca. 70).

Wenn auch das Uniformverbot ab 1936 befolgt wurde, so wurde doch auf pfadfinderische Betätigung nicht verzichtet. Nach dem Erlaß des Gesetzes über die Hitlerjugend heißt es in der Chronik des Stammes: "Es wird spannend!" (Michel, S. 21)

Am 25. Januar 1938 wurden in sämtlichen bayerischen Diözesen die katholischen Jungmännervereine aufgelöst und verboten. Von den zu diesem Zeitpunkt 45 Mitgliedern der Augsburger Gruppe wollten 33 weitermachen. Wenn auch die Chronik 1938 endet, so ging die Pfadfinderarbeit doch sicher weiter.

IX. Der Schulkampf

Neben den Kampf um die katholische Jugendarbeit trat von Anfang an der Kampf um die katholischen Schule, auf den hier ebenfalls kurz eingegangen werden soll.

Die Maxime des Staates Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft bedingte, daß jeder andere Einfluß auf die Erziehung der Jugend ausgeschlossen werden mußte. Man hoffte, daß nach dem allmählichen Wegfall der älteren Generation und durch Gewinnung der Jugend “sich von selbst allmählich eine andere geistige Haltung entwickeln und die Kirche auf ihr ureigenstes Gebiet zurückgewiesen und beschränkt, vielleicht auch abgelöst” werde, wie dies der Bayerische Ministerpräsident am 30. Oktober 1941 an den Gauleiter von München schrieb. [11]

Eine Insel einer in christlichem Geist verwurzelten erzieherischen Wirksamkeit konnte vom NS-Regime nicht geduldet werden. Es sollte “ein geschlossenes nationalsozialistisches Erziehungssystem” aufgebaut werden, “das im Kindergarten begann und bis zu den Universitäten reichte und die permanente Beeinflussung der Jugend im Geiste der NS-Weltanschauung sicherte”. [12]

Im Jahre 1933 waren von 52569 Volksschulen 83,6% katholische oder evangelische Bekenntnisschulen.[13] Da Hitler im Reichskonkordat deren Bestehen vor der Weltöffentlichkeit garantiert hatte, konnte er sie nicht einfach durch ein Reichsgesetz abschaffen, weshalb er vor allem Propagandamittel einsetzte. Daß diese ihr Ziel nicht verfehlten, zeigt das Beispiel München: Der planmäßige Abbau begann Ostern 1935. 1934 wurden in München 85 % der Kinder für die Bekenntnisschulen eingeschrieben, 1935 waren es 65 %, 1936 noch 38 % und schließlich 1937 nur noch 4 %. [14]

Papst Pius XI. schreibt dazu in seiner Enzyklika Mit brennender Sorge: “Die Kirche (...) kann daher gar nicht anders, als die im Zustand notorischer Unfreiheit erfolgten Schuleinschreibungen der jüngsten Vergangenheit als ein Zwangsprodukt zu erklären, dem jeglicher Rechtscharakter abgeht.”

Von April bis Mai 1939 gingen bei der Gauleitung Westfalen Nord 90000 schriftliche Einsprüche gegen die Einführung der völkischen Gemeinschaftsschule ein, und diese waren - wie berichtet wird - “fast ausschließlich von Katholiken”(May, S. 465). Überhaupt war es sehr deutlich, daß der überwältigende Schwerpunkt des Protestes auf katholischer Seite zu finden war.

An der Entschlossenheit des Staates, die “Massenimprägnierung” der Jugend durchzusetzen, konnte dieser Protest leider nichts ändern. “Im Jahr 1939 wurde der öffentlichen Bekenntnisschule endgültig der Garaus gemacht. Seit 1941 war die Bekenntnisschule überhaupt beseitigt” (May, S. 465).

Am 13. Dezember 1942 noch schrieb der Bischof von Berlin in einem Hirtenbrief, die religiöse Unterweisung und Erziehung der Kinder seien “ein Heiligtum, in das keine andere Macht eingreifen darf. Die Eltern haben das Recht und die Pflicht, die Kinder zu Christus zu bringen.” [15]

X. Der Papst und die Jugend

“Eure Sache ist unsere Sache”, rief Pius XI., der sich immer wieder auf die Seite der katholischen Jugend stellte, deutschen Jugendlichen Ostern 1934 zu. [16]

In eindrucksvoller Weise bekräftigte der Papst dies in seiner Enzyklika Mit brennender Sorge vom 14. März 1937, deren Text in enger Zusammenarbeit mit Kardinal Faulhaber entstanden war. In einem eigenen Abschnitt wendet sich der Papst an die Jugend: “Von tausend Zungen wird heute vor euren Ohren ein Evangelium verkündet, das nicht vom Vater im Himmel geoffenbart ist. Tausend Federn schreiben im Dienst eines Scheinchristentums, das nicht das Christentum Christi ist.” Im Zusammenhang mit der Anerkennung des Ausharrens in kirchlichen Vereinigungen (= Jugendverbänden) schreibt Pius XI.: “Es ist Uns nicht unbekannt, wie mancher ungenannte Soldat Christi in euren Reihen steht, der trauernden Herzens, aber erhobenen Hauptes sein Schicksal trägt und Trost findet in dem Gedanken, für den Namen Jesu Schmach zu leiden.”

“Wer das Lied der Treue zum irdischen Vaterland singt, darf nicht in Untreue an seinem Gott, an seiner Kirche, an seinem ewigen Vaterland zum Überläufer und Verräter werden.” Der Papst ermuntert die Jugendlichen in diesem Wort, das von allen Kanzeln verkündet werden sollte, zum Durchhalten und schließt mit der Erwartung, daß der höchste und heiligste Ehrgeiz der katholischen Jugend Deutschlands der bleibe, “in der Rennbahn des Ewigen Lebens den Siegerkranz zu erringen.”

Anmerkungen:

[1] Wittschier, Katechismuswahrheiten, in: Theologisches 9/1986 S. 7268

[2] Hitler Adolf, Mein Kampf, S. 449

[3] Wittschier, Kath. Widerstand, S. 83

[4] May Georg, Kirchenkampf oder Katholikenverfolgung. Ein Beitrag zu dem gegenseitigen Verhältnis von Nationalsozialismus und christlichen Bekenntnissen, Stein am Rhein 1991, S. 445

[5] Wittschier, Katholischer Widerstand, S. 83

[6] Wittschier Bernd, Die Bedeutung der Katechismuswahrheiten, in: Theologisches 9/86, S. 7268

[7] Neisinger Oskar, Katholische Jugend, in: Pottier, Christen im Widerstand, S. 491/492

[8] Herder Taschenbuch 1990. Im Folgenden wird bei der Quellenangabe nur die Seitenzahl aus diesem Buch angegeben.

[9] Roegele Otto, Katholische Jugend, in: Pottier, Christen im Widerstand, S. 505

[10] Michel Karl-Georg, Die nationalsozialistische Gleichschaltung ab 1933: Ziele und Methoden der NS-Machthaber, Verhaltensweisen und Reaktionen betroffener Gruppen, Manuskript, Königsbrunn 86, S. 17

[11] Huber Heinrich, Dokumente christlichen Widerstandes, Heft VII, 18

[12] Kress O. E., Kirche Staat und Katholiken, S. 81

[13] Wittschier, Katholischer Widerstand, S. 73

[14] May, Kirchenkampf oder Katholikenverfolgung, S. 463

[15] zitiert nach: Adolph Walter, Verfälschte Geschichte, S. 82

[16] Schellenberger Barbara, Was hat die Kirche denn konkret gegen die Nazis gemacht? - Kirche und Nationalsozialismus, in: Müller Michael (Hrsg), Plädoyer für die Kirche, Aachen 1991, hier S. 444.

Diese Studie von P. Martin Ramm ist auch als Broschüre erschienen. Sie kann bei mir (cf. Impressum) bestellt werden, nicht nur zum eigenen Gebrauch, sondern auch zum Weitergeben z.B. an interessierte Schüler im Geschichtsunterricht.


Werner Laukus

Vor 100 Jahren, am 14. September 1912, wurde in Dresden Pfarrer Werner Laukus geboren. Als überzeugter Katholik lernte der Jugendliche unter den Nazis, sich in seinem Glauben nicht durch Druck verbiegen zu lassen. “Die Bedrohung der Jugendarbeit durch Spitzel der Hitler-Jugend, durch Verbote, Inhaftierungen und KZ-Auslieferungen konnte unseren Idealismus nicht hemmen”, schrieb er über die damalige Zeit. In Bautzen empfing er am 30. Juli 1939 von Bischof Petrus Legge, der später von den Nazis in einem Schauprozess verurteilt wurde, die Priesterweihe. Am 10. Mai 1945 geriet er als Sanitätssoldat in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst vier Jahre später wieder freikam. Seit 1955 war er 33 Jahre lang Pfarrer von St. Benno in Meißen. Er starb im Jahr 2000.
Heinrich Bohaboj berichtet aus der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft, wie er im Arbeitslager im kaukasischen Tiflis der Erlaubnis erhielt, einen Weihnachtsgottesdienst zu feiern: “Seine katholischen Kameraden besorgten ihm vom polnischen Pfarrer in Tiflis Hostien, ein ungarischer Offizier den Wein, ein Tischler aus dem Eichsfeld drechselte einen Holzkelch, ein Schneider nähte eine Stola, um den Hals trug er das Sterbekreuz eines Gefallenen” (Diener im Weinberg des Herrn. Priesterpersönlichkeiten aus zwölf Diözesen, München 2008, S. 144 f).


Kirche und Nationalsozialismus

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