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Offenbarung, Dogma und Glaube

Von Prof. Dr. Dr. Julius Beßmer SJ

I. Die übernatürliche Offenbarung

Wer immer mit ruhigen Auge und unbeirrtem Sinn sei es die Natur betrachtet in ihrem Wirken und Walten oder das Kommen und Gehen, das Emporsteigen und das Niedersinken der Völker in der Geschichte, oder endlich sein eigenstes Inneres und die Stimme, die dort gebietet, richtet, lohnt und straft, der kann den Werkmeister und Schöpfer des Weltalls, den Lenker und Leiter der menschlichen Geschicke, den Gesetzgeber und Richter der Menschen auf die Dauer nicht verkennen. Das ist die natürliche Kundgebung Gottes, die unzertrennbar verbunden ist mit der Schöpfung und Regierung der sichtbaren Welt und mit der Erschaffung des Menschen, der in seinem Verstande die Fähigkeit besitzt, von dem Dasein und den Eigenschaften der geschaffenen Dinge zu schließen auf das Dasein, die unendliche Macht, Weisheit und Güte des Schöpfers. Es hat aber Gott dem Herrn gefallen, noch auf eine andere Weise sich selbst und die ewigen Pläne seines heiligsten Willens dem Menschengeschlechte kundzutun dadurch, dass er selber mit den Menschen verkehrte. Dieser uns nicht geschuldeten, die Grenzen der Natur übersteigenden und daher übernatürlichen Offenbarung gelten die Worte des Völkerapostels: „Auf mancherlei Weise und vielerlei Art hatte Gott einst zu den Vätern geredet, zuletzt aber in diesen Tagen hat er zu uns gesprochen durch seinen Sohn.“ Bei dieser übernatürlichen Offenbarung lässt Gott uns nicht lange suchen; er belehrt selber den Menschen über den Schöpfer und dessen Eigenschaften, über seine Absichten und Pläne, seine Gesetze und Gebote; der Mensch hat nichts anderes zu tun, als gelehrig anzunehmen, was Gott der Herr gesprochen hat, und sein Leben danach einzurichten. So wird die übernatürliche Offenbarung Gottes eine reiche Quelle der Erkenntnis für das ganze Menschengeschlecht, aus der alle mühelos, schnell, sicher und ohne Bemischung irgendwelchen Irrtums die religiösen Wahrheiten schöpfen können, zu denen sonst die meisten entweder nie oder nur nach unsäglichen Anstrengungen und jahrelangen Irrsalen gelangt wären. Doch liegt der Grund der absoluten Notwendigkeit der Offenbarung auf einem anderen Gebiete. Gott hat uns nämlich in seiner unendlichen Güte berufen zu einem Ziele, das weit hinausliegt über das kühnste Ahnen des Menschengeistes, er hat uns bestimmt zur Anteilnahme an seinen eigenen göttlichen Gütern, zur beseligenden Anschauung und zum beglückenden Genusse seiner selbst. „Kein Auge hat gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ [1 Kor 2,9]. Zur Erkenntnis dieses Zieles und der Mittel, die nach Gottes Plan zu ihm führen, war die Offenbarung unerlässlich. Mag nun Gott der Herr direkt mit den einzelnen verkehren oder mag er seine Offenbarungen durch besondere Werkzeuge, zu denen er gesprochen, den übrigen Menschen zu teil werden lassen, nie fehlt es ihm an den Mitteln, denen, die auf ihn hören wollen, volle Sicherheit zu bieten, dass er selbst gesprochen habe und somit für die Wahrheit und die göttliche Autorität eintrete. Diese Kriterien der Offenbarung sind Wunder und erfüllte Weissagungen. Der leichteste Weg, der uns zur Offenbarung Gottes führt, ist Christus, der Herr. Wir kennen aus historisch zuverlässigen Quellen die Weissagungen, die an ihm sich erfüllt, die Wunder, die er gewirkt, um seine göttliche Sendung zu beglaubigen. So steht denn Jesus von Nazareth vor uns als Gottgesandter, Messias, Erlöser und Gottes Sohn. Seine Lehre ist Gottes Offenbarung an uns. Sie wirft ein Licht zurück in das Dunkel des Alten Testamentes und enthüllt vor unserem Auge eine ganze Offenbarungsgeschichte.

Die übernatürliche Offenbarung beginnt schon im Paradiese, wo der Herr in vertrautester Weise mit den ersten Menschen verkehrte. Die Spuren der Erinnerung an diesen Verkehr zwischen Gottheit und Menschheit finden sich, wenn auch oft entstellt und kaum mehr erkennbar, in den Sagen und Mythen der bald so tief gesunkenen Heidenwelt, und es erklärt sich so sehr leicht, dass wir die Überzeugung von der Tatsache einer Offenbarung in den verschiedenen Religionen wiederfinden, während die bloße Entwicklung des Selbstbewusstseins nicht zum Begriff der Offenbarung, sondern eher zu dessen Leugnung hätte führen müssen. Im Verlaufe des Alten Testamentes finden wir ein wahres Anwachsen der Offenbarungsweisheiten, einen ständigen Fortschritt in der Zeit der Patriarchen, durch die mosaische Gesetzgebung, durch die Propheten des israelitischen Volkes. Zug um Zug wird dem Bild des kommenden Messias und seines Reiches hinzugefügt, und die geoffenbarte Religion strahlt immer herrlicher in ihrer Lehre von Gott und seinem Walten, von der Ausdehnung auf alle Völker. Da kam die Fülle der Zeiten und mit ihr der gottgesandte Erretter. Im Worte der menschgewordenen Weisheit erschloss sich uns eine Fülle himmlischen Lichtes über das innergöttliche Leben in der heiligsten Dreifaltigkeit, über die Menschwerdung des Sohnes Gottes und die Erlösung, über Gottes Gnadenhilfe und Gnadenmittel, über das Gottesreich der Kirche und seine Segnungen, über die ewige Heimat und das Glück bei Gott. Der Heilige Geist kam hernieder über die Apostel und führte sie ein in alle Wahrheit; was sie nicht verstanden hatten im irdischen Leben des Herrn, das ward ihnen kund nach dem Pfingstfeste im Laufe ihres Wirkens zur Verbreitung der frohen Botschaft. Was der Heiland und die Apostel lehrten, ist niedergelegt in der Heiligen Schrift und in der Überlieferung der Kirche. Damit war der neue Bund vollendet. Eine höhere Gnosis, eine weitere Offenbarung ist für die Kirche nicht mehr zu erwarten. Wohl gibt es noch Privatoffenbarungen, aber keine Offenbarung mehr, die alle verpflichtet, die als allgemeines Mittel einbezogen wäre in die von Gott gewollte Heilsordnung. Das ist in kurzen Zügen die Lehre der Kirche von der Offenbarung und ihrer Geschichte.

Seit Locke und Lessing sind die Vertreter des deistischen Gottesbegriffes Sturm gelaufen gegen die übernatürliche Offenbarung. Die Modernisten haben sich die Einwürfe der Rationalisten zu eigen gemacht und präsentieren sie jetzt als allerneueste Weisheit einer staunenden Welt.

Um sich den Kampf zu erleichtern, geben sie sich den Anschein, als gelte ihr Angriff den bösen “Theologen”, und doch gilt ihr Streit der katholischen Auffassung selber. Der katholische Begriff der übernatürlichen Offenbarung religiöser Wahrheiten soll fallen. Das zeigt der Haupteinwand, in welchem allerdings die katholische Lehre schon verzerrt wird. Man darf, so wird gesagt, die Offenbarung nicht auffassen “als die gewaltsame und unvorhergesehene Einflößung von fertigen Ideen in einen menschlichen Verstand und in ein menschliches Gehirn”; wie kann der Mensch Ideen bekommen, die sich nicht in ihm gebildet haben, wie konnte er Ideen verstehen, die durch keine sinnliche Anschauung vorbereitet waren? “Das Denken der Organe der Offenbarung bewegt sich nicht in ganz anormalen Bahnen und unter physiologischen und psychologischen Voraussetzungen, die sich sonst nirgends finden.... Die Würde der Offenbarung verlangt nicht, dass man aus der Offenbarung einen göttlichen Wahnsinn und die Frucht eines künstlichen Mechanismus macht, dessen Begriff sich nicht einmal philosophisch erfassen lässt” (Firmin-Loisy, L’idee de la revelation, in Revue du Clergé français XXI, Janvier 1900).

Ziehen wir von dieser Einwendung zuerst die Anschuldigung ab, als lehrten die katholischen Theologen, die Offenbarung sei ein “gewaltsamer Eingriff, ein künstlicher Mechanismus, ein anormaler (d. h.pathologischer) Vorgang, ein göttlicher Wahnsinn”. Es würde den Modernisten wohl gelingen, solche Vorstellungen bei Häretikern, nicht aber in der katholischen Theologie zu finden. Was nach Abzug dieser unqualifizierbaren Insinuationen noch übrig bleibt, ist die Behauptung: Gott könne keine Wahrheiten dem Menschengeiste einflößen, es gebe nur Wahrheiten, die der Mensch selber schafft, nur Vorgänge, die rein aus den physiologischen und psychologischen Faktoren sich erklären lassen. Solche Behauptungen leugnen direkt den Offenbarungsbegriff der katholischen Kirche. Loisy hat sich keine Mühe genommen, sie zu beweisen. Hätte er einen Beweis versucht, so wäre klar zu Tage getreten, dass im Hintergrund die Leugnung des Übernatürlichen steht. Was soll es denn für Schwierigkeiten bieten, dass der persönliche Gott eingreifen kann in das intellektuelle Leben seines Geschöpfes, und dass auf diese Weise Begriffe und Urteile entstehen, für welche die rein physiologischen und psychologischen Faktoren ebendeshalb keine genügende Erklärung bieten, weil bei ihrem Werden noch ein anderer Faktor – Gott – in besonderer Weise eingegriffen hat? Was soll es für Schwierigkeiten bieten, dass Gott dem Menschen neue Begriffe, fertige Urteile beibringe? Es hieße Gottes Macht und Weisheit selbst unter den Menschen erniedrigen, wenn man leugnen wollte, dass der Schöpfer mit seinem vernunftbegabten Geschöpfe verkehren und dasselbe belehren könne.

Die Modernisten wagen nicht, das Wort Offenbarung zu tilgen. Aber was bieten sie zum Ersatz für den alten katholischen Begriff der Offenbarung?

Loisy erklärt uns in Autour d’un petit livre (S.195 f) den modernen Offenbarungsbegriff also: “Welches immer die äußeren Umstände seien, an welche sich das Erwachen und die Fortschritte der religiösen Erkenntnis des Menschen heften, das, was man Offenbarung nennt, konnte nichts anderes gewesen sein als das Bewusstsein, welches der Mensch von seiner Beziehung zu Gott erwarb (Anmerkung Beßmer: Eine genaue Analyse der niemals vollständig klaren, oft – ob gewollt oder ungewollt – sich widersprechenden Ausführungen Loisys ergibt in seiner “Offenbarung” drei Stufen: 1° Intuition surnaturelle et expérience religieuse; 2° assertions primitives de la foi; 3° spéculations de la “doctrine” et explications autorisées. Von diesen bildet bei Loisy das erste Moment die eigentliche “Offenbarung”, das zweite und dritte stellen bereits die geistige Verarbeitung der Offenbarung dar. Diese Auffassung von Offenbarung deckt sich vollständig mit dem, was die Enzyklika Pascendi als diesbezügliche Lehre der Modernisten schildert.) Was ist die christliche Offenbarung in ihrem Prinzip und ihrem Ausgangspunkt, wenn nicht die Wahrnehmung in der Seele Christi von der Beziehung, die Christus selbst mit Gott einte, und derjenigen, welche alle Menschen mit ihrem himmlischen Vater verknüpft? …. Das, was in einem gegebenen Augenblick zum Anfang der Offenbarung wurde, war die Wahrnehmung – so rudimentär man dieselbe auch voraussetzen mag – der Beziehung, die bestehen muss zwischen dem seiner selbst bewussten Menschen und dem hinter der Erscheinungswelt gegenwärtigen Gott.”

Wir finden in dieser Ausführung Wort für Wort einen Satz, den das Dekret Lamentabili sane verurteilt hat:

Satz 20: “Die Offenbarung konnte nichts anderes sein als das vom Menschen gewonnene Bewusstsein seines Verhältnisses zu Gott.”

Loisy schickt seiner Behauptung zwei Sätze voraus, von denen jeder ein grundstürzender Irrtum ist. Er sagt, wenn auch verhüllt, Gottes Tätigkeit sei nicht verschieden von der menschlichen Betätigung der natürlichen Kräfte. Damit wird die zuvorkommende Gnade, vor allem jede Gnade innerer Erleuchtung geleugnet. Loisy behauptet ferner, was Gott biete, gehe nie hinaus über die natürliche Fassungskraft des Menschen, ja es gebe keine religiösen Ideen, die nicht abhängig wären von der natürlichen intellektuellen und sittlichen Entwicklung der Menschen. Dadurch spricht er dem Menschen die Befähigung ab, die Offenbarung göttlicher Geheimnisse zu empfangen. Das ist die vollständige Leugnung der übernatürlichen Ordnung. Der Beweis, welchen Loisy für seine Behauptung versucht, die Offenbarung sei nur das von Menschen mit seinen natürlichen Kräften gewonnene Bewusstsein seines Verhältnisses zu Gott, steht auf tönernen Füßen. Es ist wahr, der Hauptzweck, den Gott bei seinen Offenbarungen im Auge hat, ist, uns aufzuklären über unsere Beziehungen zu ihm, aber unwahr wäre die Behauptung, es handle sich dabei einzig oder auch nur in erster Linie um die rein natürlichen Beziehungen zu Gott; und ebenso unwahr wäre es, zu behaupten, Gottes Offenbarungen beschränkten sich auf die Belehrung über unsere Beziehungen zu Gott. Unser ewiges Ziel und Ende, die Geheimnisse des göttlichen Lebens, die Wohltaten der Menschwerdung und Erlösung, die Geschöpfe und ihre Benutzung, all das ist direkter Gegenstand der göttlichen Belehrung. Es ist wahr, jede Offenbarung Gottes an den menschlichen Verstand kommt im Menschengeiste in der Gestalt einer Wahrheit, eines Urteils, einer Erkenntnis zum Ausdruck; aber falsch ist es, dass jede Offenbarung nichts anderes sei als eine durch eigene natürliche Kraft des Verstandes erworbene menschliche Kenntnis. Es ist endlich wahr, dass jede Offenbarung an gewisse Begriffe anknüpft, die sie entweder voraussetzt oder selber schaffen muss, aber falsch ist es, dass jemals die Offenbarung im katholischen Sinne des Wortes eine Kenntnis oder ein Urteil sei, das sich aus den schon vorhandenen Begriffen durch einen rein natürlichen Denkprozess ergibt. Offenbarung im katholischen Sinne ist wesentlich eine freie und ungeschuldete Mitteilung von Wahrheiten von Seiten Gottes.

Der modernistische Offenbarungsbegriff muss natürlicherweise dazu führen, keine abgeschlossene Offenbarung anzuerkennen. Das menschliche Denken geht auch auf religiösem Gebiete seinen Gang; wäre die Offenbarung nichts anderes als das vom Menschen erworbene Bewusstsein seiner Beziehung zu Gott, so kann nach ihm die Offenbarung nicht mit dem Tode der Apostel ihr Ende erreicht haben, und so folgt logisch aus dem neuen Offenbarungsbegriff der im neuen Syllabus verworfene

Satz 21: Die Offenbarung, welche den Gegenstand des katholischen Glaubens ausmacht, war mit den Aposteln noch nicht abgeschlossen.

Die Montanisten und die Manichäer, die Sekten, die im Mittelalter ein ewiges Evangelium predigten, die Pietisten und andere Schwarmgeister kannten nur vereinzelte neue Propheten und neue Offenbarungen. Die Modernisten überragen sie weit. Sie predigen eine stete Weiterentwicklung. Ganz klar und deutlich findet sich dieser Gedanke in Tyrrells Schrift: “Durch Scylla und Charybdis”, einem Buche, das wie jedes modernistische Erzeugnis beim fortschrittlichen Katholizismus des “Zwanzigsten Jahrhunderts” begeisterte Aufnahme fand.

Im Jahrgang 1907, Nr. 34 vom 25. August finden wir Seite 403 die folgende Wiedergabe der Ausführungen des englischen Modernisten:

“Offenbarung ist Erfahrung. Bekanntlich sagt die Scholastik, dass die Offenbarung über den Glauben mit den Aposteln abgeschlossen wurde, während doch die freie Theologie weitere Offenbarungen als möglich erkennt…. Offenbarung im primären Sinn als Erfahrung ist eine plötzliche Erleuchtung, wie ein Fallen eines Schleiers oder das Zerrinnen eines Nebels, ein blitzartiges Erkennen einer Landschaft in der Nacht. Es ist auch nicht nur die Offenbarung von Verborgenem, sondern von Unwahrscheinlichem und Unglaublichem. –
Kann Offenbarung mitgeteilt werden? – Kann ich an die Stärke von Gottes Wort an einen andern glauben? Muss nicht Gott unmittelbar zu mir reden, muss er nicht mich innerlich erleuchten, diese Mitteilung an einen andern zu glauben?....
Ohne persönliche Offenbarung gibt es keinen Glauben, sondern nur theologische und historische Zustimmung. Offenbarung kann nicht von außen in uns hineingelegt werden, sie kann durch Belehrung veranlasst werden, aber nicht dadurch entstehen.”

In diesem kurzen Ausschnitt ist ungefähr alles durcheinander geworfen, was sich auf diesem Gebiete überhaupt verwechseln lässt: unmittelbare und mittelbare Offenbarung, Mitteilung von Wahrheit und Gnade der Erleuchtung, Ergriffensein und Erkennen, Privatoffenbarung und allgemeine Heilsoffenbarung. Sicherlich nicht eine Empfehlung der modernistischen Logik.

II. Die Dogmen und ihre Entstehung

Unter Dogma im strengen Sinne des Wortes versteht die katholische Theologie eine Lehre, von der die höchste kirchliche Autorität erklärt hat, dass sie auf Grund göttlicher Offenbarung für wahr gehalten werden muss.

Der Heiland selber hat wirkliche Lehren vorgetragen und deren gläubige Annahme verlangt: Lehren über Gott, seine Weisheit, Gerechtigkeit, Vorsehung, Vatergüte, die Gottheit des Menschensohnes. Die Lehren Jesu waren die ersten christlichen Dogmen. Vom Meister zu allen Völkern gesandt, um zu lehren, und vom Heiligen Geist in das Verständnis dessen eingeführt, was Jesus sie gelehrt hatte, predigten die Apostel die Lehre des Herrn und verlangten, wie Philippus vom Eunuchen der Königin Candace, das Bekenntnis des Glaubens als Vorbedingung zur Taufe.

Die zum Glauben verpflichtende Predigt führte naturgemäß zur formellen Fixierung der Hauptwahrheiten. Sie tritt uns entgegen im Taufbekenntnis, welches das apostolische Symbolum enthält und die katholischen Grunddogmen lehrt. Einen weiteren Anstoß zur Formulierung musste der feste unabweisliche Verkehr mit der heidnischen Welt, ihren Lehren und Gebräuchen, vor allem auch die Berührung mit der heidnischen Weltweisheit bieten. Tag für Tag kehrte bald da bald dort die Frage wieder: Wie stellen sich diese Lehren und Gebräuche zu meinem Glauben an Jesu Lehre, an die Offenbarung des Alten und des Neuen Bundes? Aus den Briefen der Apostel, vor allem aus den gehaltvollen Briefen des Völkerapostels tritt es uns klar entgegen, wie die kirchliche Unterweisung deutlich ihre Lehre den Irrtümern der Heidenwelt entgegenstellte. Ein dritter Anstoß kam von den Häresien. Die Stellung der Kirche zur jüdischen Synagoge wie zu den heidnischen Religionen und zu der bloßen Weltweisheit brachte es mit sich, dass vereinzelte Gläubige entweder einzelne Lehrpunkte der christlichen Wahrheit opferten oder sie im Sinne einer Vereinigung mit jüdischen, heidnischen oder gnostischen Elementen zu vermengen suchten und so eigene Lehren aufstellten, welche leicht irre zu führen im Stande waren. Ihnen musste, sobald es sich um wichtige Dinge handelte, das kirchliche Lehramt entgegentreten und, um die Gläubigen vor gefährlichem Irrtum zu bewahren, die Offenbarungslehre klar und deutlich vorlegen. Dies geschah in besonders feierlicher Weise durch Konzilsdefinitionen. So haben gerade die großen Häresien dazu beigetragen, dass die kirchliche Lehre immer klarer, bestimmter und bis in ihre Einzelheiten hinein deutlicher sich ausgestaltete. Dennoch waren die so genau formulierten Glaubenssätze inhaltlich gar nichts Neues; es war die alte Glaubenslehre, wie sie Christus und die Apostel verkündet, nur trat jetzt ausdrücklich und genau formuliert hervor, was von den Aposteln und vielleicht noch Jahrhunderte später bloß einschlußweise vorgetragen wurde. So war z.B. der Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit des römischen Papstes in der Glaubenslehre vom obersten Hirten- und Lehramt des Nachfolgers Petri enthalten, und doch wurde die Unfehlbarkeit erst zum Dogma erklärt, als im Gefolge des Gallikanismus und Jansenismus Zweifel an der obersten und inappellablen Lehrautorität des Papstes unter den Gläubigen verbreitet wurden. Es ist klar, dass die einmal definierte Glaubenswahrheit sich nicht ändern kann, und die Kirche hat es im Vatikanischen Konzil ausdrücklich ausgesprochen, dass die alten Lehren bleiben und nie und nimmer ein neuer Sinn ihnen unterschoben werden könne.

Der Entwicklungsgedanke, welcher in den letzten Jahrzehnten die gesamte Biologie beherrschte, hat es den Modernen angetan. Entwicklung, so schallt es in der Geschichte, Entwicklung in der Philosophie, Entwicklung auch auf dem Gebiete der Religion. Dies Zauberwort soll alles erklären.

Das System der modernistischen Theologie steht ganz im Zeichen der Entwicklung und hat, das lässt sich nicht leugnen, mit der Anwendung des Entwicklungsgedankens gründlich Ernst gemacht. Als Urzelle steht am Anfang der Entwicklung das religiöse Gefühl. Aus ihm entwickeln sich rein natürlich die religiösen Wahrheiten und die religiösen Formeln oder Dogmen. Die Enzyklika Pascendi charakterisiert S. 24 ff in musterhafter Weise die Gedankengänge der Modernisten über Entstehung und Entwicklung der Dogmen und schließt dann mit den Worten: “Wahrhaft ein endloser Haufe von Sophismen, der alle Religion verdirbt und vernichtet.”

Drei Hauptirrtümer ragen aus diesem Haufen empor. Sie bilden den kurzen Inbegriff der modernistischen Dogmenlehre. Das Dogma ist ein rein menschliches Gebilde; es hat keinen bleibenden Wert, sondern nur eine vorübergehende Funktion; um diese zu erfüllen, muss es sich mit der geistigen, sittlichen und sozialen Entwicklung der Menschheit stetig ändern. Diese Hauptgedanken finden sich auch auf dem Grunde von

Satz 22. Die Dogmen, welche die Kirche als geoffenbart hinstellt, sind nicht vom Himmel gefallene Wahrheiten, sondern eine Art Auslegung religiöser Tatsachen, zu welcher der menschliche Geist mit Mühe und Anstrengung gelangt ist.

Nach allem, was wir von Loisy vernommen, wird es uns nicht wundern, eine seiner Aufstellungen in diesem 22. Satze wortwörtlich wiederzufinden.

In der deutschen Ausgabe von Loisys Kirche und Evangelium, durch die man modernistische Ideen in Deutschland einzuschmuggeln versucht hat, liest man S. 142: "Die von der Kirche als geoffenbarte Dogmen dargebotenen Vorstellungen (franz. conceptions) sind keine vom Himmel gefallene Wahrheiten, die von der religiösen Tradition in ihrer genauen Ursprungsform aufbewahrt worden wären. Der Historiker sieht in ihnen eine durch mühsame theologische Gedankenarbeit erworbene Interpretation religiöser Tatsachen. Mögen die Dogmen auch ihrem Ursprung und Wesen nach göttlich sein, so sind sie doch durch Bau und Zusammensetzung menschlich. Es ist undenkbar, dass ihre Zukunft nicht ihrer Vergangenheit entsprechen sollte. Die Vernunft hört nicht auf, dem Glauben Fragen zu stellen, und die traditionellen Formeln sind einer beständigen Interpretationsarbeit unterworfen, in der 'der Buchstabe, der tötet', wirksam kontrolliert wird 'durch den Geist, der lebendig macht'."

Wichtig ist es, darüber klar zu werden, was Loisy meint, wenn er einräumt, "die Dogmen mögen ihrem Ursprung und Wesen nach göttlich sein“. Gibt er vielleicht zu, Gott habe Dogmen ihrem unmittelbaren Wahrheitsgehalte nach geoffenbart, und bloß die besondere begriffliche Formulierung, die Ausdrucksweise und Terminologie der Dogmen sei das Werk der Menschen? Dann würde unser Urteil, als sei Loisy ein Gegner des katholischen Dogmenbegriffs, nicht nur falsch, sondern geradezu ungerecht sein. Leider ist dem nicht so. In seinem Aufsatz L'idée de la révélation in Revue du Clergé français und in seinem Autour d'un petit livre lässt uns Loisy nicht im Zweifel, dass er keine unmittelbar von Gott geoffenbarte Wahrheit anerkennt. Der Ausgangspunkt seiner Glaubensentwicklung sind primitive religiöse Tatsachen, d. h. nach ihm das Gefühl und das Bewußtsein einer Beziehung zu Gott oder besser zum Göttlichen. Die Ausprägung derselben zu Wahrheiten und Lehren ist die Arbeit des menschlichen Geistes. Nichts widerspricht Loisys Anschauungen wie der aller Modernisten mehr als eine von Gott geoffenbarte unwandelbare und unfehlbare Wahrheit.

In Autour d'un petit livre (Seite 190 f) gesteht Loisy selber ein, dass die Behauptungen, die er in L`évangile et L`Église aufgestellt habe, unvereinbar seien mit der Idee einer absoluten und unfehlbaren Wahrheit; er gesteht, dass er eine andere Idee habe von der Wahrheit, der Offenbarung, der Autorität. Aber er weiß sich zu beruhigen und zu trösten.

Zunächst glaubt Loisy, Theologen früherer Zeiten für sich zu haben. Gemeint ist Newman [1]. Aber die Modernisten nehmen Newman ganz mit Unrecht für sich in Anspruch. Houtin [Albert Houtin, 1867-1926] – gewiss ein unverdächtiger Zeuge, weil selbst Modernist – sagt in La Question Biblique au XXe siècle 59 f:
“Jedenfalls ist Loisy weit über Newman hinausgegangen. Während z. B. der englische Lehrer, von theologischen Daten ausgehend, glaubte, die Entwicklungen, welche das Dogma durchgemacht habe, seien vom Urheber, Christus, vorausgesehen worden, erkennt der französische Schüler Christus nach den evangelischen Dokumenten bloß ein menschliches Wissen oder vielmehr eine menschliche Unwissenheit zu.“ In der Fußnote fügt Houtin bei: "Newman wandte die Entwicklungsidee bloß an, indem er von der Bibel ausging; er glaubte an die Authentizität und den historischen Charakter des vierten Evangeliums wie des ganzen Neuen und Alten Testamentes -, was natürlich von großen Konsequenzen ist für die Gottheit Jesu Christi, die Einsetzung der Kirche und der Sakramente (er nimmt das Tu es Petrus, das Baptizantes in nomine Patris …, sowie die johanneischen Aussprüche an). Loisy wendet die Entwicklungsidee an, indem er hinaufsteigt bis zu den Uranfängen der Religion, und er hat die Idee einer bloßen Relativität der Dogmen und dogmatischen Formeln viel weiter getrieben als Newman – wenn dieser überhaupt eine solche Idee annimmt.“ Und Houtin beruft sich mit Recht gerade auf Autour d`un petit livre (lettre 6).

Dann tröstet sich Loisy mit der Dogmengeschichte und behauptet sogar (Autour d`un petit livre 206 f) einfach hin: "Die Hauptartikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses haben nicht den ganz gleichen Sinn für die Christen von heute wie jene der ersten Zeiten.“ Die Dogmengeschichte, auf die sich Loisy berufen kann, ist die eines Harnack und anderer rationalistischen Autoren, ein Truggebilde, das sich auf den Forderungen des Agnostizismus und der Immanenzlehre aufbaut. Jede katholische Dogmatik straft die dogmengeschichtlichen Aufstellungen Loisys Lügen.

Endlich beruft sich Loisy für seinen Dogmenbegriff und seine Dogmenentwicklung auf psychologische "Tatbestände“. Er sagt zunächst (a. a. O. 101): "Es scheint evident, dass die Wahrheit in uns notwendigerweise etwas Bedingtes, Relatives, immer der Vervollkommnung fähig, aber auch der Verminderung unterworfen ist.“ Diese Vorstellung von der Wahrheit ist nicht nur grundfalsch, sondern auch der Tod aller Wissenschaft. Es wurde dies schon vor Jahresfrist in diesen Blättern gezeigt (LXXII 137-142) und zugleich auf die unverzeihlichen Sophismen hingewiesen, durch welche ein an und für sich wahrer Gedanke von der Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis zu einem solchen Zerrbild von der Wahrheit selber werde. Loisy sagt weiter: "Die Wahrheit geht nicht auf einmal ganz gemacht in unser Gehirn hinein, sie bildet sich langsam, und man kann nie sagen, dass sie vollendet ist.“ Hier bedarf es mancher Unterscheidung. Versteht man unter Wahrheit die ganze Summe aller erringbaren Einzelerkenntnisse, so ist es wahr. Aber das kommt gar nicht in Frage. Versteht man aber unter dem Ausdruck Wahrheit Einzelwahrheiten über einen bestimmten Gegenstand aus einem bestimmten Gebiet, so ist der Satz Loisys unwahr schon auf rein natürlichem Boden und bei eigener Erforschung und Erringung der Wahrheit. "Zweimal zwei ist vier“, das geht schnell in den Kopf hinein, ist vollkommen wahr und so vollendet, dass keine Vervollkommnung oder gar Änderung mehr möglich ist. Es gibt einen kurzen Weg zur Kenntnis göttlicher Dinge, die Belehrung durch Gott; ist sie vollendet, so ist die Wahrheit, die uns Gott lehren wollte, ganz unser Eigentum geworden, und zu dieser geoffenbarten Wahrheit gesellt sich keine neue Offenbarung hinzu, und was Gott uns gelehrt, ist keiner Veränderung mehr fähig. Alles, was noch geschehen kann, ist, dass uns deutlich, ausdrücklich und klar vor die Augen tritt, was in den geoffenbarten Wahrheiten nur einschlußweise enthalten war. Auf diesem Gebiete ist also Loisy Satz grundfalsch.

Schließlich meint Loisy (a. a. O. 195): "Die Entwicklung des Glaubens kann nicht verfehlen, der intellektuellen und moralischen Entwicklung des Menschen koordiniert zu sein.“ Folgerichtig muss er eine Weiterentwicklung der Glaubenswahrheiten auf Grund anderer Wissenschaften annehmen.

"Weiterentwicklung der Religion“ auf Grund der heutigen Wissenschaft und des modernen Denkens, das ist denn auch der liebste Traum der "fortschrittlichen Katholiken“ nicht nur in Frankreich, England und Italien, sondern auch in Deutschland. In dieser Beziehung ist das Programm, welches Thadd. Engert, als Redaktor des "Zwanzigsten Jahrhunderts“, unterm 6. Dezember 1907 entwarf, sehr belehrend. S. 538 f heißt es: "Wie wir dem entschiedenen Fortschritt auf allen Gebieten des Lebens das Wort reden, so treten wir auch entschieden ein für die Weiterentwicklung der Religion … Wir müssen versuchen, an die Stelle des mittelalterlichen scholastischen Systems, das fiel mit seiner Welt und seiner Weltanschauung, ein neues, den modernen philosophischen Forschungsergebnissen harmonisches Gebäude zu errichten. … Religion ist uns Leben, ein unerschöpfliches Suchen und Verlangen, ein Herausarbeiten dessen, was an ewiger Wahrheit in der Menschenseele schlummert. Wir wollen nicht Bruch mit der Vergangenheit, sondern Fortentwicklung, nicht seichte Aufklärung, sondern Abstreifen dessen, was einer vergangenen Kulturepoche entspross und mit ihr verblühte. … In der Seele des modernen denkenden Katholiken wird eine lebhafte Spannung erzeugt; er will sich nicht losreißen vom Erbe, das ihm die Kindheit in die Seele gesenkt, und doch widerspricht sein Innerstes den mannigfaltigen seelenlosen Formen der Kirchlichkeit. Das ist das Problem der Gegenwart im Katholizismus." Was man unter einer "Weiterentwicklung der Religion“ zu verstehen hat, ob einen neuen höheren Glauben, eine neue höhere Theologie, einen höheren Kultus in Sakrament und Opfer, sagt Engert nicht. Doch hat er in seiner "Urzeit der Bibel" uns ahnen lassen, wie radikal seine Weiterentwicklung der Dogmen ausfallen würde.

Bei den Modernisten marschiert alles, Glaube, Religion, Dogma, Theologie, in schönster Unordnung durcheinander, und doch wäre es, wenn einmal von Entwicklung gesprochen werden muss, absolut notwendig, eine reinliche Scheidung zu vollziehen. Zur katholischen Religion gehört vieles, was nicht zum Dogma gehört, und die Wissenschaft vom Glauben oder Theologie umfasst mehr als bloß die von Gott geoffenbarten und von der Kirche vorgelegten Glaubenswahrheiten. Die Glaubenslehren ändern sich nicht; es entstehen keine neuen Dogmen, die nicht in der von Gott geoffenbarten Wahrheit schon einschlußweise enthalten gewesen wären, aber der einzelne Katholik kann sich immer besser im Glauben unterrichten; er kann Glaubenswahrheiten lernen, die er früher wegen mangelnder Belehrung nicht ausdrücklich kannte. Er kann auch innerlich in der Glaubensfestigkeit, Glaubenstreue und Glaubensfreudigkeit wachsen; er kann sein ganzes Leben bis ins einzelnste hinein durchdringen lassen von den Grundsätzen des Glaubens. Die Glaubenswissenschaft oder Theologie aber hat eine Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes. Immer tiefer kann der Geist eindringen in die geoffenbarten Wahrheiten, ebenso wie er durch Verwendung der analogia fidei immer weitere Schlüsse ziehen kann; besonders vermag sich die Theologie zu bereichern an positivem Material mit Hilfe der Geschichte und der philologischen und historisch-kritischen Erforschung der Glaubensquellen. Dabei wird manches problematisch bleiben, manche Lösung von Schwierigkeiten nicht ganz befriedigen, manche bloße Hypothese und Schulmeinung zu Tage treten. Da gibt es Wachstum und Ausscheidung von Unbrauchbarem, vieles aber wird bleiben: theologisch feststehende Schlussfolgerungen, denen sogar die Kirche ihre Sanktion gibt, ein herrlicher Hofstaat für die unwandelbaren Glaubenswahrheiten selber.

Wenn die Modernisten aber von der Kirche verlangen, sie solle jetzt die moderne Philosophie, vor allem die Kantsche, an Stelle der scholastischen Philosophie, der Theologie zu Grunde legen, so bedenken sie nicht, dass die katholische Kirche eine Philosophie nur dann zur Ausgestaltung der Theologie zulassen kann, wenn sie Gewähr für die Wahrheit bietet. Sie ist auch in Benutzung der griechischen, speziell der aristotelischen Philosophie wählerisch vorangegangen; diese musste sich manchen Abstrich, manche Umgestaltung gefallen lassen. Die Kirche muß wachen, und sie wacht. Frohschammer, Günther, Hermes haben den traurigen Beweis geliefert, wohin die katholische Glaubenslehre geführt wird, wenn man die Offenbarungswahrheiten nach den Systemen der deutschen Philosophen umgestalten will. Daß Kants Philosophie durchaus nicht geeignet ist, dem katholischen Denken als Nährboden zu dienen, dürfte schon daraus hervorgehen, dass Kant von Eucken und Paulsen als "Philosoph des Protestantismus“ dem hl. Thomas von Aquin, dem Philosophen des Katholizismus, entgegengestellt wird, dass er der Todfeind der theoretischen Gotteserkenntnis ist, und dass endlich der ganze Modernismus, der "Inbegriff aller Häresien“, in seinem geschichtlichen Werden nichts anderes ist als "ein Versuch der Kantisierung der katholischen Dogmatik“, wie ihn der Protestant Köhler in der Christlichen Welt 1907, Nr. 41 mit Recht nennt.

Das größte Feld für eine segensreiche Entwicklung bildet die Durchdringung und Adelung all der einzelnen, stets wechselnden individuellen und sozialen Verhältnisse durch die Prinzipien der unwandelbaren katholischen Dogmen.

Wer wird sich je um bloße Formeln kümmern, deren Interpretation sich stetig ändern muß, um sich dem jeweiligen Stand des Wissens anzupassen? Wenn ihnen keine absolute Wahrheit entspricht, dann dürfen auch die Dogmen nicht mehr als Kriterium angesprochen werden. Dann bildet im Gegenteil auch auf religiösem Gebiete die Wissenschaft das letzte Tribunal. So dachten die Modernisten, und in ihrem System haben sie damit vollkommen recht. Aus dem Grundirrtum, der die übernatürliche Offenbarung leugnet, ergeben sich diese Folgerungen ganz naturgemäß. Sie treten am klarsten hervor in der Geschichte der christlichen Religion, vor allem in der Bibelkritik. Damit stehen wir vor den Sätzen 23 und 24 des neuen Syballus. Wir können sie zusammen behandeln; denn der zweite ist nur eine mildere Form des gleichen Irrtums.

Satz 23: Zwischen den in der Heiligen Schrift erzählten Tatsachen und den Glaubenssätzen der Kirche, welche sich auf dieselben stützen, kann ein Gegensatz bestehen und besteht wirklich, so dass der Kritiker Tatsachen als falsch verwerfen kann, welche die Kirche als völlig sicher glaubt.

Die aufrichtigeren unter den Modernisten haben diese strammere Form gewählt. Wir können dahin alle jene rechnen, die wegen ihrer exegetischen Anschauungen mit der Kirche völlig brechen und wie Houtin bei den liberalen Trost und Hilfe suchen.

Satz 24: Ein Exeget, welcher Vordersätze aufstellt, aus welchen folgt, dass Dogmen historisch falsch oder zweifelhaft scheinen, ist nicht zu verurteilen, solange er die Dogmen nicht direkt leugnet.

Zur Gruppe der waschechten Modernisten, die stets einen Ausweg finden, ist als Hauptverteter Loisy zu nennen. Immer stoßen wir bei ihm auf Ausdrücke, wie : „Ich habe die Tatsache konstatiert, und meine Pflicht war es, sie zu konstatieren“ (Autour d`un petit livre 201), d. h. er stellt Behauptungen auf, scheinbar unbekümmert um das, was aus ihnen folgt. So behauptet er, Christus habe sich nie als eingeborenen Sohn im eigentlichen Sinne des Wortes hingestellt, er habe an keine Erlösung gedacht, die Auferstehung des Herrn lasse sich historisch nicht erweisen. Wenn aber diese Tatsache, die er konstatiert zu haben meint, mit dem Dogma in Widerspruch zu stehen scheint, dann stellt er noch keineswegs das Dogma in Abrede. Er hat andere Auswege. Das Dogma ist ihm dann nur ein „Ausspruch des Glaubens für den Glauben“, der über den historischen Sachverhalt nichts aussagt; oder er macht den Vorschlag, die Formel umzudeuten, so daß sie dem jetzigen Standpunkt der Kritik entspreche. Man sieht, Loisy ist reich an Auskunftsmitteln und nie verlegen. Nicht mit Unrecht fasst Harnack (Dogmengeschichte I, 4 Aufl., 8) die Logik Loisys in die Worte zusammen: „Kritisiere, was du willst, aber laß das kritisch Vernichtete als Lehre der Kirche bestehen, denn sie ist die Trägerin der Entwicklung.“

Für den Katholiken ist das Dogma der sichere und unfehlbare Ausdruck einer von Gott geoffenbarten Wahrheit. Gehört diese zugleich der historischen Ordnung an, so ist es für den Katholiken unzweifelhaft, dass eine vom Dogma gelehrte historische Tatsache absolut sicher ist, und dass eine wahre Geschichtswissenschaft niemals das Gegenteil beweisen wird. Solche geschichtliche Tatsachen sind die Geheimnisse des Lebens und Leidens unseres Heilandes, die Menschwerdung, die jungfräuliche Geburt, die Selbstbezeugung als Gottessohn, der Erlösungstod, die Auferstehung und die Himmelfahrt, die Gründung der Kirche, die Herabkunft des Heiligen Geistes. Da steht die göttliche Autorität für die Wahrheit der Tatsachen ein, ohne dass der einzelne Gläubige gehalten wäre, philologische oder textkritische Untersuchungen über die Quellen der Offenbarung oder historisch-kritische Forschungen über den Verlauf der einzelnen Tatsachen zu unternehmen, die von der Kirche zu glauben vorgestellt werden. Die Lehre der unfehlbaren Kirche bietet hier jedem, auch dem Gelehrten, auch dem Theologen, eine doppelte Gewähr: erstens dass die vorgelegte Lehre wirklich in den Urkunden der Offenbarung enthalten ist, und zweitens dass die von der Offenbarung verbürgten Tatsachen wirklich geschichtliche Tatsachen sind. Auch dann, wenn aus Mangel an schriftlichen Dokumenten der historische Beweis sich nicht erbringen ließe oder aus geschichtlichen Monumenten sich Schwierigkeiten ergeben, bleibt es für den Katholiken absolut sicher, dass Christus den Primat, die Kirche, die heiligen Sakramente eingesetzt hat.

Es ist daher vom katholischen Standpunkt aus unmöglich, sei es in der Geschichte, sei es in der Exegese, Anschauungen zu verfechten, die dem Dogma entweder direkt widersprechen oder aus denen Folgerungen sich ergeben, die mit dem Dogma sich nicht einen lassen.

III. Der Glaubensakt.

Es ist nicht anders möglich: die so ganz verschiedenen Begriffe, welche die katholische Lehre und das modernistische System von Offenbarung und Dogmen haben, müssen ihren Einfluß ausüben auf die Auffassung vom Glauben nach seiner subjektiven Seite. Und so ist es in der Tat.

Den katholischen Glaubensbegriff hat das Vatikanische Konzil in der dritten öffentlichen Sitzung genau umgrenzt. Der Glaube, der Anfang des menschlichen Heiles, ist die übernatürliche Tugend, durch welche wir unter Anregung und Hilfe der göttlichen Gnade für wahr halten, was Gott geoffenbart hat, nicht auf Grund der natürlichen Einsicht in die innere Wahrheit der Dinge, sondern wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst. Dennoch soll unser Glaube nicht ein blinder Akt, sondern ein Gehorsam sein, welcher der Vernunft entspricht und ihren Forderungen gerecht wird. Darum fügte Gott zu der inneren Gnadenhilfe äußere Beweise für seine Offenbarung, nämlich göttliche Taten, und vor allem Wunder und Weissagungen, die, weil Werke der Allmacht und des unendlichen Willen Gottes, vollständig sichere und dem Verständnis aller angepasste Wahrzeichen der göttlichen Offenbarung sind.

Bis weit ins verflossene Jahrhundert hinein war es das Vorrecht der Rationalisten, gegen die Beweise für die Offenbarungstatsache Front zu machen und auf diese Weise den Glauben zu untergraben. Ihnen hat sich aber um die Jahrhundertwende Abbé Loisy zugesellt. Er schrieb in einem Aufsatz, betitelt Les preuves et l`économie de la révélation (Revue du Clergé français XXII (1900) 126 ff), folgende Sätze, welche die Lehre des Vatikanischen Konzils vollständig umdeuten und entwerten, zu denen wir eine Reihe von Bemerkungen nicht unterlassen dürfen.

"Das Vatikanum hat Wunder und Weissagungen nicht wissenschaftlich definiert, aber es hat ihren wesentlichen Charakter angegeben; sie sind göttliche Tatsachen, und gerade die göttliche Tatsache ist es, die als Beweis für die Religion dient. Eine göttliche Tatsache ist eine solche, durch die Gott sich einer Seele mit gutem Willen erkennbar macht [2]. Die große, göttliche Tatsache ist die Religion selbst in ihrem beständigen Fortschritt seit ihren geringen und weit entlegenen Anfängen bis zum Heiland Jesus und seit Jesus in der Kirche. Diese große übernatürliche Tatsache ist gleichsam ein Gewebe aus sehr verschiedenen göttlichen Offenbarungen, von denen jede für sich als eine göttliche Tatsache betrachtet werden kann, unerklärlich für die Vernunft und gerade dadurch vom Standpunkt des Glaubens aus eine wahre Offenbarung [3].
Die besonderen Tatsachen, die man gewöhnlich mit dem Namen Wunder und Weissagungen bezeichnet, sind nur die am meisten auffallende Klasse dieser göttlichen Tatsachen, die im Grunde genommen alle wahre Wunder sind [4]. Gerade die ganze religiöse Entwicklung in ihrer Gesamtheit und ihren Einzelheiten, in der Person ihrer Vertreter, ihren Reden und ihren Handlungen, macht das Außerordentliche aus [5]. Jede Tatsache für sich genommen, trägt nicht die Evidenz ihres göttlichen Charakters an sich, weil es eine solche Evidenz auf dem Gebiete der Tatsachen und der Geschichte nicht gibt [6]. Vom Standpunkt der Vernunft aus hat man nur eine moralische Sicherheit von den berichteten Dingen; in Bezug auf diejenigen, deren Zeuge man selbst ist, ist die physische Sicherheit beschränkt durch die reellen Bedingungen der Beobachtung; und wenn es sich um Erkenntnis der höheren Ursachen handelt, um die metaphysischen Bedingungen der beobachteten Tatsache, so steht nur das Feld der Hypothesen und nicht das der Gewissheit offen [7]. Die übernatürliche Erklärung kann diejenige sein, die für den nicht voreingenommenen Geist allein alle Merkmale der Wahrscheinlichkeit in sich vereinigt; aber dieser Hypothese kommt keine absolute Notwendigkeit zu, weil die Schlussfolgerung, die sie stützt, sich auf zwei Gegenstände bezieht, deren direkte Erfassung uns versagt ist, nämlich das innerste Wesen der Dinge und das Sein Gottes.“

Es wird uns nicht wundern, dass wir bei Loisy plötzlich wieder vor einem Satze stehen, der im „neuen Syllabus“ verurteilt ist.

Satz 25: Die Glaubenszustimmung gründet sich endlich und letztlich nur auf eine Summe von Wahrscheinlichkeiten.

“Die Anhäufung außerordentlicher Tatsachen, welche die Geschichte der Religion darstellt, ist vor der Vernunft nur eine Anhäufung von Wahrscheinlichkeiten, die für ihre Göttlichkeit und, wenn man so sagen darf, für Gott selbst sprechen. Die Vernünftigkeit des Glaubens ergibt sich aus dieser Anhäufung, die das vernünftige Fundament der Gewissheit in der moralischen Ordnung ist; aber die absolute Gewissheit der göttlichen Tatsache ergibt sich nicht aus ihren Beweisen und kann sich nicht daraus ergeben; sie entspringt aus einem höheren Lichte, welches die Beweise und die Tatsachen selbst beleuchtet; das ist das Licht des Glaubens.”

Im Hintergrunde aller Ausführungen Loisys steht, wie bei allen Modernisten überhaupt, eine grundfalsche Auffassung vom “Glaubensakte”.

Christian Pesch fasst in seiner Schrift „Glaube, Dogmen und geschichtliche Tatsachen“ (Theologische Zeitfragen IV 147) die modernistischen Anschauungen über den Glauben unter Angabe der Belegstellen in folgenden Sätzen zusammen: „Loisy belehrt uns, dass die Offenbarung ein psychologischer Vorgang ist, bei dem Gott auf die Seele einwirkt, und dass der Glaube die entsprechende Rückwirkung ist, durch welche die Seele Gott entgegenstrebt, keine Aussage theoretischer Sätze, sondern eine vitale Vereinigung der ganzen Seele mit Gott. Ähnlich redet Tyrell: Gegenstand des Glaubens ist der göttliche Liebeswille, dem wir unseren Willen anpassen. Der Glaube ist eine Tätigkeit des 'religiösen Sinnes', d. h. 'des Bewusstseins gewisser Wirklichkeiten, denen wir unser Benehmen anpassen müssen, und gewisser Gefühle und Strebungen zu denselben.' 'Glaube an Gott bedeutet Glaube an das Gewissen, die Aufrichtigkeit, die Wahrheit, blinden Glauben an etwas, was weder Schlussfolgerung noch Erfahrung rechtfertigen kann, was aber den Herzen zugeflüstert und geoffenbart wird, dass nämlich Wahrheit und Recht schließlich siegen müssen.' Die Seele erfasst die Wirklichkeit Gottes und seines Einflusses und entspricht diesem Einfluss durch eine Tätigkeit, die zugleich Schauen, Fühlen und Wollen ist. Nach Laberthonnière ist der Glaube eine tiefinnere Tätigkeit, durch die man sich dem Absoluten erschließt und hingibt, und die Wahrheit des Glaubens 'besteht nicht in definierten Ideen, sondern in jener lebendigen und vielfältigen Wirklichkeit, die das Sein Gottes und das Sein der anderen heißt'.“

Daher betonen die Modernisten immer wieder, Christus habe nicht ein dogmatisches Lehrsystem gebracht, sondern nur eine religiöse Bewegung veranlasst; „der theologische Intellektualismus“ sei im Unrecht, der Glaube bilde nicht „die Zustimmung der Vernunft zu einem System von Vernunftbegriffen“ (Tyrrell, A Much abused Letter, London 1906, 51); das primitive Christentum hatte Glauben und doch seine Glaubenssätze (Loisy, Autour d'un petit livre 200). Gebert (Katholischer Glaube und die Entwicklung des Geisteslebens [1905] 14 f) behauptet, der Glaubensinhalt könne nur im Willen, in der Nachfolge Christi erfasst werden. Erkenntnis vermöge ihn höchstens anzudeuten, begriffliche Fassung desselben sei erst ein Abgeleitetes, ein Sekundäres, nicht das Dogma führe zur religiösen Psyche, sondern erst die religiöse Psyche führe zum Dogma. Zieht man das Fazit aus all den Ausführungen der Modernisten über den Glauben, so ist es klar, das Glauben für sie nicht die Zustimmung des Verstandes zu einer von Gott geoffenbarten Wahrheit ist, sondern eine Willenstat, durch die sich die Seele für Gott erschließt, sich ihm vertrauensvoll und unbedingt hingibt. Das ist aber nichts anderes als ein Stück rationalistischer Religionsphilosophie, wie sie sich auf Grund der Anschauungen Kants und Schleiermachers in der Ritschlschen Schule ausgebildet hat. Man hat denn auch in Frankreich anfangs keinen Hehl daraus gemacht, dass man zu Kant in die Schule gegangen ist. Auch Gebert aber verlangt, dass man die Apologetik auf Kant aufbauen solle (vgl. Zwanzigstes Jahrhundert 1903, 385).

Die modernistischen Theologen Frankreichs erhielten plötzlich eine unerwartete Hilfe in dem Mathematiker Le Roy. Wohl möchten sie ihn wieder gerne los werden. In der kurzen Zeit ist er ihnen bereits zum enfant terrible geworden. Während Loisy u. a. mehr schüchtern und unter allerlei Klauseln erklären, gewisse Dogmen bedürfen einer zeitgemäßen Interpretation, Umdeutung und Revision, platzt Le Roy in seinem Aufsatz Qu’est ce qu’un dogme? [8] gleich mit dem Geständnis seiner Überzeugung heraus: Alle Dogmen der katholischen Kirche stehen im schreiendsten Widerspruch mit dem wissenschaftlichen Denken. Die Gegner der Kirche hätten recht mit ihren Argumenten, die Dogmen seien unbeweisbare Behauptungen, absolut unbegreiflich und undenkbar, unverträglich mit der Einheit unseres Geisteslebens.

Solche Positionen sind für einen Katholiken unhaltbar, sie stehen im Widerspruch mit dem katholischen Denken und Fühlen, und kündigen den Entscheidungen der Konzilien den Gehorsam.

Le Roy sucht die Dogmen dadurch zu retten, dass er ihnen nicht zunächst einen intellektuellen, sondern vor allem einen praktischen Sinn unterstellt. Er beruft sich dafür auf P. Laberthonnière, der ja in seinen Essais de philosophie religieuse auch gesagt habe: „Die Dogmen sind nicht einfachhin rätselhafte und finstere Formeln, die Gott im Namen seiner Allmacht uns vorlegen würde, um den Stolz unseres Geistes zu erdrücken. Sie haben einen moralischen und praktischen Sinn; sie haben einen lebenskräftigen Sinn, der uns mehr oder weniger zugänglich ist, je nach der Stufe, die wir im geistlichen Leben erreicht haben.“ Damit stehen wir wieder vor einem Satze, den die Kirche im Dekret Lamentabili sane verurteilt hat.

Satz 26: „Die Dogmen des Glaubens braucht man nur festzuhalten nach ihrer praktischen Bedeutung, d. h. als gebietende Norm des Handelns, nicht aber als Norm des gläubigen Fürwahrhaltens.“

Le Roy brachte (a. a. O. 509 ff 517 ff) drei Beispiele, die uns am besten seine Anschauung erklären. „Derjenige, welcher eine intellektuelle Deutung des Dogmas von der Persönlichkeit Gottes sucht, steht vor einem unlöslichen Dilemma; denn entweder definiert man das Wort Persönlichkeit, und dann fällt man mit fataler Notwendigkeit in einen Anthropomorphismus; oder man definiert ihn nicht, und dann mündet man ebenso notwendig in den Agnostizismus.“ Das Dogma von der Auferstehung des Herrn ist als "intellektuelle Aussage gefasst", „eine bloße Metapher, die sich nicht in genaue Vorstellungen umgestalten lässt. Auch hier braucht es strenggenommen eines neuen Wortes, das allein für diesen Fall reserviert und von dem folglich keine regelrechte Definition möglich wäre.“ In Bezug auf das Dogma der wirklichen Gegenwart Jesu im allerheiligsten Sakramente sagt Le Roy: „Hier gilt es, den Ausdruck Gegenwart zu deuten. Was bedeutet er gewöhnlich? Ein Wesen ist gegenwärtig, wenn es wahrnehmbar ist, oder ... wenn es sich durch wahrnehmbare Wirkungen kundgibt. Nun aber ist nach dem Dogma selbst keines von beiden der Fall. Die Gegenwart, welche in Frage kommt, ist eine geheimnisvolle, unaussprechliche, eigenartige, die keinerlei Ähnlichkeit hat mit irgendetwas, was man gewöhnlich unter diesem Namen zu verstehen pflegt. Dann frage ich also, welche Idee bietet das für uns? Etwas, was man nicht analysieren, nicht einmal definieren kann, kann doch nur mißbräuchlicherweise Idee genannt werden. Man will, dass das Dogma eine Aussage intellektueller Ordnung sei? Was besagt es also? Unmöglich, es genau zu sagen. Ist das nicht eine Verurteilung der Hypothese?“

Le Roy durfte sich nicht auf das Glatteis der Theologie wagen, wenn er von seinem Glauben und von gesunder Philosophie nicht mehr verstand, als er hier zum besten gibt. Wenn man unter Person ein mit Verstand und Willen begabtes, für sich bestehendes Wesen versteht, so ist das kein Anthropomorphismus. Wenn man sagt, dass am dritten Tag die Seele und der Leib des Herrn zu neuer Lebenseinheit sich verbanden, so lässt sich bei diesem Satz wohl etwas denken. Wenn wir endlich bekennen, dass Jesus Christus nach der Konsekration unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig sei, so versteht sogar ein Kind, was wir damit sagen wollen, und der Spott der Ungläubigen ist ein Beweis, dass man wohl begriffen hat, was die Katholiken mit diesem Bekenntnis ausdrücken wollen. Es zeigt endlich wenig Anlage zur Philosophie, wenn man „Gegenwärtigsein“ gleichbedeutend setzt mit Einwirken auf die Sinne.

Wenn Le Roy unglücklich ist in seinem Kampfe gegen die ehrwürdige, altüberlieferte Erklärung der Dogmen, so ist er noch viel unglücklicher in dem Versuch, bloß „praktische Verhaltungsmaßregeln“ aus ihnen herauszulesen. Er schreibt:
„'Gott ist persönlich' will sagen: 'betrage dich in deinem Verkehr mit Gott wie in deinem Verkehr mit einer menschlichen Person', 'Jesus ist auferstanden' will sagen: 'verhalte dich gegen ihn, wie du es getan haben würdest vor seinem Tode, wie du sich verhältst gegen einen Zeitgenossen'. Das Dogma von der wirklichen Gegenwart will sagen, dass man vor der konsekrierten Hostie eine Haltung annehmen soll, die jener gleich ist, die man haben würde, wenn Jesus von Angesicht zu Angesicht sichtbar würde."

Das ist ganz fromm gesagt; aber es ist nicht der Ausdruck der kirchlichen Lehre, selbst dann nicht, wenn es Le Roy gelänge, alle Dogmen so moralisch zu deuten. Nicht der gläubige Katholik, sondern Le Roy steht vor einem Dilemma. Entweder stützen sich die praktischen Verhaltungsmaßregeln auf die Wirklichkeit, und dann muß Le Roy zugestehen, dass das Dogma einen intellektuellen Gehalt hat, ober sie können sich auf keine Wirklichkeit stützen, und dann sind sie unerträgliche Tyrannei und Lüge. Ich kann Gott gegenüber mich nur verhalten wie gegen eine Person, wenn es wirklich einen persönlichen Gott gibt; ich darf Jesus nur preisen und bekennen als den Auferstandenen, wenn er wirklich zu neuem Leben erstanden ist; ich darf nur dann anbetend vor der konsekrierten Hostie niederknien, wenn der Heiland wirklich unter den Gestalten von Brot und Wein zugegen ist. Le Roy hat in seinem Buch Dogme et critique (S. 151 255 258) seinen Regeln eine andere Fassung gegeben. Da gesteht er zu, „Gott ist so, dass er von uns wenigstens wie eine Person behandelt werden muß“. „Der gegenwärtige Zustand Jesu ist so“, dass wir Jesum nicht wie einen Toten, sondern wie einen Zeitgenossen behandeln müssen. „Die Wirklichkeit (der heiligen Eucharistie) ist eine solche“, dass wir vor der konsekrierten Hostie uns betragen müssen, als sähen wir Jesum. Das ist entschieden ein Schritt zum Besseren. Aber wenn Le Roy, wie er beteuert, Katholik sein will, so kehre er zurück zur Lehre der Kirche, welche in den geoffenbarten Dogmen vor allem Wahrheiten sieht, die wir gläubig annehmen müssen, ehe wir nach ihnen leben können.

Die Modernisten hatten versprochen, den Glauben zu festigen; sie haben ihn ruiniert. statt des Brotes der geoffenbarten Wahrheit bieten sie Steine aus dem Trümmerfeld des Rationalismus.

Anmerkungen:

[1] Vgl.Chr. Pesch, Glaube und Dogmen und geschichtliche Tatsachen in Theologische Zeitfragen IV ff; Tablet, n. 3530, 4. Jan. 1908, 7: Newman and Modernism, wo schlagend nachgewiesen wird, dass die Grundsätze Newmans dem modernistischem System widersprechen.
Dem gleichen Nachweis dient die eben erschienene, sehr warm geschriebene Broschüre des Bischofs von Limerick, Edward Thomas O`Dwyer: Cardinal Newman and the Encyclica Pascendi dominici gregis. (8° (XII u. 44) London 1908, Longmans, Green & Co. 1sh.) Der hochwürdigste Verfasser prüft noch ganz besonders drei Punkte der Theologie Newmans: a) das Verhältnis von Natur und Übernatur in der Religion; b) die Beweise für das Christentum und deren Bedeutung für den Glauben; c) die Frage der Lehrentwicklung. In Bezug auf alle drei Punkte mögen die Modernisten vereinzelte Ausdrücke des Kardinals für sich zitieren, seine Lehre hat nichts mit der ihrigen zu tun.

[2] Diese Definition hat Loisy selbst erfunden. Sie macht von vorneherein jede Beweisführung zu Gunsten der Offenbarungstatsache zum Kreisschluß.

[3] D. h. für den, der schon glaubt, ist die Offenbarung für sich selbst Zeugnis. Daß die Einzeltatsache für die Vernunft unerklärbar sei, stimmt absolut nicht zu den sonstigen Aufstellungen Loisys und wird von diesem sogleich geradezu geleugnet.

[4] Hier hätte Loisy notwendig beifügen müssen, was er an anderer Stelle deutlich sagt: Es gibt keine Wunder im Sinne von übernatürlichen Tatsachen. „Das Wunder, richtig aufgefasst, ist der Lauf der Welt und des Lebens nach der Anschauung des Glaubens, der allein das Rätsel durchdringt. Derselbe Lauf der Welt und des Lebens, von außen her, durch die Vernunft betrachtet, ist die Naturordnung, das Gebiet des Wissens und der Philosophie“. Das gibt den sich anschließenden Erörterungen ein ganz anderes Licht.

[5] Kein Mensch vermag die "ganze religiöse Entwicklung in ihrer Gesamtheit und ihren Einzelheiten" zu überblicken. So ist denn auch die letzte Ausflucht Loisys eine Sackgasse. Auf dem Standpunkt Loisys ist ein vernünftiges Glauben unmöglich.

[6] Bestimmte Tatsachen, wie z. B. die plötzliche Genesung von einer schweren Krankheit, die Auferstehung vom leiblichen Tode, tragen die Evidenz ihres göttlichen Ursprungs zur Schau. Diese Evidenz gründet sich nicht auf geschichtliche Kenntnis, nicht auf bloße Beobachtung, sondern sie ist metaphysischer Art, sie stützt sich auf das Gesetz vom hinreichenden Grund.

[7] Es ist vollkommen unwahr, wenn Loisy behauptet, bei “der Erkenntnis der metaphysischen Bedingungen der beobachteten Tatsache stehe nur das Feld der Hypothesen offen; im Gegenteil haben wir wenigstens reduktiv metaphysische Sicherheit über die Ursachen der beobachteten Tatsache. Diese setzt in unserem Fall weder eine komprehensive Erkenntnis der Dinge noch eine wesenhafte Erkenntnis Gottes voraus, sondern bloß die sichere Überzeugung von der Beschränktheit der irdischen Kräfte.

[8] Quinzaine, 16 avril 1905. Das "Zwanzgiste Jahrhundert", arm an Mitarbeitern, die sich auch nur entfernt mit den französischen Modernisten messen könnten, benutzte die günstige Gelegenheit, Le Roys Theorie unter Anführung ziemlich guter Leumundszeugnisse unterm 7. Januar 1906 bei seinen Lesern einzuführen.

Es handelt sich bei diesem Text um einen Artikel, der 1908 in den Stimmen aus Maria-Laach erschien, Band 47, S. 279 - 300. Bei den Stimmen aus Maria Laach handelt es sich um die Jesuitenzeitschrift, die 1914 in Stimmen der Zeit umbenannt wurde und heute noch erscheint. Julius Bessmer (1864-1924) war ein hochgelehrter und anerkannter Wissenschaftler.


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