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Gott das Ideal der Wahrheit

Von Arnold Rademacher

Was ist Wahrheit? Das ist die alte und ewig neue Pilatusfrage. Sie kann gestellt werden aus wissenschaftlichem Interesse: Was ist das Wesen der Dinge? So meint sie der Forscher, der hinter den Erscheinungen der Wirklichkeit das ewige Gesetz sucht. Sie kann gestellt werden aus sittlichem Interesse: Wo liegen die wahren Wurzeln des edlen Menschtums? So stellt sie der Ethiker. Wo liegen die letzten und höchsten Maßstäbe des Schönen? So fragt der Ästhetiker. Sie kann endlich - und das ist ihre dringlichste Form - aus religiösem Gesichtswinkel erhoben werden: Wie deute ich mir die Gesamtwirklichkeit durch eine letzte Auskunft auf alle Fragen nach dem Woher und Wohin der Dinge und meines Lebens? In dieser Fassung wird sie auch oft gestellt ohne tieferes Interesse und ohne die Erwartung einer Antwort, als Ausdruck übersättigter pessimistischer Resignation: so mag der abgestumpfte Römer sie gemeint haben, als er dem Gesandten der göttlichen Wahrheit gegenüberstand.

1. Was ist Wahrheit? Es ist hier nicht der Platz zu erkenntnistheoretischen Erörterungen über den Begriff der Wahrheit. Der Religiöse weiß auch ohne Definition, um was es sich handelt, wenn die Frage religiös gemeint ist, mit oder ohne die Empfindung für die Tragik der Tatsache, dass die Philosophen sich über den Begriff der Wahrheit ebensowenig einig sind wie über denjenigen ihrer eigenen Wissenschaft. Es genügt hier die Feststellung, daß in jeder unverbildeten und unverdorbenen Menschenseele ein Verlangen nach der Wahrheit und eine Freude am Finden der Wahrheit lebt.

"Alle Menschen streben von Natur nach Wissen” (Aristoteles, Metaphysik, I 1, 980a 22). Auf primitiver Stufe äußert es sich in der Neugierde, auf einer höheren in der Wißbegier und in der höchstentwickelten Form in dem philosophischen Eros, der erst in der Erkenntnis der letzten Erreichbarkeit Gründe seine Befriedigung findet. Der Widerstreit zwischen der Erkenntnis der Erscheinungen und der Unkenntnis ihrer Gründe bildet den Ausgangspunkt aller Philosophie. Platon spricht mit viel Wärme von diesem philosophischen Eros, welcher besteht in einer Art geistiger Zeugungskraft, in einem angeborenen Verlangen nach dem Ideal des Guten und Schönen, welches selbst wieder mit dem Göttlichen identisch ist. Die sittliche Forderung der Wahrhaftigkeit ist eine Äußerung des Wahrheitstriebes. "An dem Stolz verletzt uns", wie Jean Paul sagt, "nichts so sehr als sein Mangel an Grund", d. i. seine Unwahrhaftigkeit. Selbst das Geheimnis empfängt von dem Verlangen nach Wahrheit den ihm eigenen Reiz, sowohl im Alltagsleben und auf dem Gebiete der philosophischen Erkenntnis als im Reiche des Glaubens. Es ist nicht so sehr das Dunkel, wie Scheeben geistvoll bemerkt, welches uns im Geheimnis anzieht, - denn “unsere Seele, aus dem Lichte und zum Lichte geboren, flieht die Finsternis und seufzt nach dem Lichte” (Matthias Joseph Scheeben, Die Mysterien des Christentums) als vielmehr die Ahnung, daß das Dunkel der Morgenröte einer himmlischen Welt des Lichtes voraufgeht, die unseren Geist in ihrem Bann hält. “Die Geheimnisse müssen an sich lichte, herrliche Wahrheiten sein; die Dunkelheit darf bloß auf unserer Seite liegen, insofern unser Auge nicht imstande ist, aus sich zu ihnen vorzudringen und sie zu erschöpfen.” Der Mensch schämt sich der Unwissenheit oft mehr als der Sünde, weil das Ideal des Wissens oder der Wahrheit in seiner Seele so lebendig ist und er mit Schmerz den Abstand seines Wissens vom Ideal empfindet - eine Erscheinung, die wohl als ein Beweis des Primates des Verstandes über den Willen gedeutet werden muß.

Daß es eine Wahrheit gibt, läßt sich nicht beweisen; es könnte ja nur wieder geschehen durch Vermittlung von anerkannten Wahrheiten. Man kann die Tiefe des Meeres nicht messen, wenn das Senkblei nicht einmal auf dem Grund aufstößt. Unser Geist will auch nichts wissen von einer nur subjektiven und wandelbaren Wahrheit, ebensowenig wie von der hochmütigen Meinung, daß die Wahrheit ein Selbstgeschöpf unseres Denkens sei wie das Netz einer Spinne. Augustin sagt: “Ich würde eher zweifeln daran, daß ich bin, als daran, daß es eine Wahrheit gibt” (Bekenntnisse, VII, 10, vgl. III, 6).

Es muß als ein Zeichen von Ungesundheit und Verkehrung der seelischen Naturanlage angesehen werden, wenn einer Zeit oder einer Gesellschaftsklasse oder einer philosophischen Richtung das Wahrheitsgefühl, der sichere Instinkt für Wahrheit abhanden gekommen ist. Der bekannte Lessingsche Ausspruch, als mache der Besitz der Wahrheit den Menschen träge und stolz, so daß er, “wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, immer und ewig zu irren, verschlossen hielte” und spräche: Wähle!, in Demut in seine Linke fallen und sagen würde: “Vater gib! die Wahrheit ist ja nur für dich allein,” ist, wenn er mehr als der Ausdruck der Forscherfreude sein soll, die Formulierung jener skeptischen Geistesrichtung, die das Vertrauen in die Kraft und Sicherheit des Wahrheitstriebes verloren hat. Ebenso ist die agnostizistische Stimmung, wie sie einen großen Teil unserer heutigen Denker beherrscht, soweit sie nicht von der Demut gegenüber der Wahrheit eingegeben ist, ein Krankheitssymptom, welches auf eine Übersättigung mit Erkenntnissen niederer Ordnung hindeutet, denen das einigende Band der Wahrheit, d. h. einer einheitlichen Weltanschauung fehlt. Über das Denken des Verstandesmenschen legt sich leicht eine solche Resignationsstimmung. Wir haben auf dem religiösen Gebiete die Unbefangenheit des Bejahens eingebüßt. Die Ursachen dieser Erscheinung sind vielfach. Eine von ihnen liegt sicherlich in der Rationalisierung der Glaubensobjekte, durch welche Widersprüche erzeugt werden, die dann bei Verwechslung von Glauben und Wissen in das Objekt selbst hineingetragen werden und den Glauben erschüttern. Darum finden wir oft so mühsam, was dem Naturkind instinktiv aufgeht. Die den Philosophen, besonders den deutschen, oft nachgesagte “Scheu vor der Klarheit”, die sich in geheimnisvollen Wendungen gefällt, um der Philosophie den Charakter einer esoterischen Wissenschaft oder ihrem Jünger den Anstrich eines Orakelpriesters zu geben, ist ein Mangel an Achtung vor der Wahrheit und weit entfernt von jener heiligen Ehrfurcht vor ihr, welche allzu scharfe Formulierungen deswegen vermeidet, weil sie fürchtet, die göttliche Wahrheit zu vermenschlichen. Auch das Spezialistentum, so wertvoll es für den Fortschritt der Wissenschaft im ganzen ist gegenüber der Barbarei des “Tausendkünstlertums”, wie Kant die oberflächliche Vielwisserei nennt, hat leicht den Nachteil im Gefolge, daß es dem dauernd auf ein bestimmtes Einzelgebiet eingestellten Geiste nach und nach die Anpassungsfähigkeit an ein ausgedehnteres Gesichtsfeld benimmt.

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Aus: Arnold Rademacher, Die Gottsehnsucht der Seele, München, Theatiner Verlag, 1922, S. 71 ff.


Eduard Kamenicky: Hebe den Stein auf... Mut zur Begegnung mit Gott

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