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Die pastorale Nächstenliebe

Von Monseigneur Nicolas Brouwet, Weihbischof von Nanterre

Es handelt sich bei diesem Text um eine Ansprache, die der Weihbischof von Nanterre am 12. September 2009 in Ars an die Seminaristen der Priesterbruderschaft St. Petrus gehalten hat, und zwar im Rahmen einer Fußwallfahrt von Trevoux nach Ars, die das Priesterseminar St. Petrus, Wigratzbad, zusammen mit deutschen, schweizerischen und französischen Gläubigen unternommen hat.
Der französische Text wurde veröffentlicht in Tu es Petrus. Revue des Amis de la Fraternité Saint-Pierre Nr. 125, Septembre-Octobre 2009, S. 33-44.
Die Übersetzung besorgte Dr. Marc Stegherr

„Ich habe festgestellt, daß man niemals mehr Lust hat zu schlafen als während des Unterrichts“, bemerkt der hl. Jean-Marie Vianney schelmisch (zitiert von Bernard Nodet, Jean-Marie Vianney Curé d’Ars, sa pensée, son cœur, Cerf, 2007, p 128).

Wir kommen in dieses Dorf Ars, weil wir von der Heiligkeit dieses einfachen Priesters angezogen, fasziniert, ja magnetisiert sind. Das ist die Gelegenheit, um uns Gedanken über die Heiligkeit dieses Priesters zu machen.

1. Die Nächstenliebe des Hirten Christus

Alle Getauften sind zur Heiligkeit berufen. Aber es gibt eine spezifische Berufung des Priesters zur Heiligkeit, die aus seiner erneuten Hingabe an Gott durch die Weihe stammt. Das ist eine Berufung zur Heiligkeit, die im Weihesakrament wurzelt. Denn durch dieses Sakrament werden die Priester Christus anverwandelt, dem Haupt und dem Hirten der Kirche; sie sind die lebendigen Werkzeuge des Priesters Christus.

In der Apostolischen Exhortation Pastores dabo vobis entfaltet der Diener Gottes, Johannes Paul II., einige sehr schöne Gedanken zu diesem Thema unter den Nummern 21 bis 25.

Durch die Hingabe an das Priestertum, gewirkt durch die Ausgießung des Heiligen Geistes, wird das geistliche Leben des Priesters durch das Verhalten Christi, des Hauptes und Hirten der Kirche, geformt, geprägt, ausgebildet. Verhalten, Haltungen, Empfindungen, die seine pastorale Nächstenliebe bestimmen, das heißt seine Hirten-Liebe; und diese pastorale Nächstenliebe ist uns durch die Weihe gegeben. Dennoch ist es nötig, diese in unserem Dienst zu erhalten und zu entwickeln.

Wie soll man das Spezifikum dieser pastoralen Nächstenliebe fassen? Johannes Paul II. definierte sie, indem er von der Aussage Jesu selbst ausgeht : «Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele.» (Mc 10, 45).

Die Autorität Jesu Christi, Haupt und Hirte der Kirche, fällt mit seinem Dienst zusammen. Ein Dienst, der in dem Opfer gipfelt, das er selbst am Kreuz für die Erlösung des Menschengeschlechts dargebracht hat: Christus ist zugleich Priester und Opfer. Er ist zur Gänze hingegeben im Opfer seines eigenen Lebens für die endgültige Versöhnung der Menschheit mit dem Vater.

Das geistliche Leben des Priesters muß von dem Bewußtsein durchdrungen sein, mit einer Autorität versehen zu sein, die ein Dienst ist, Gottesdienst, Dienst der Kirche, Dienst an der gesamten Menschheit. Und Johannes Paul II. fordert, der Geistliche möge sich über zwei Modelle Gedanken machen:

Das Modell des Hirten Christus:

  • Voller Mitleid für die elenden und verwahrlosten Volksscharen, die waren wie Schafe ohne Hirten (Mt 9, 35-36)
  • Der jene suchen geht, die sich verirrt haben (Mt 18, 12-14)
  • Der seine Schafe kennt und sie mit Namen ruft (Joh 10, 3)
  • Der sie zu den grünen Auen führt (Ps 22) : die Pflicht des Hirten ist es, seine Herde auf die Weide zu führen

Das Modell Christi ist auch das des Bräutigams, der sein Leben für die Braut gibt: «Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben» (Eph 5, 25).
«Der Priester ist aufgerufen, in seinem geistlichen Leben die Liebe Christi des Bräutigams für seine Braut, die Kirche wiederzubeleben. Seine Leben soll daher erleuchtet und ausgerichtet sein durch diesen Braut-Charakter, der von ihm verlangt, ein Zeuge der Brautliebe Christi zu sein; er wird so fähig sein, die Menschen mit neuem, weitem und reinem Herzen zu lieben, unter authentischer Verleugnung seiner selbst, um sich selbst vollkommen, fortgesetzt und treu hingeben zu können» Pastores dabo vobis, 22.

Die pastorale Nächstenliebe gründet sich so auf Folgendes:

Sie ist Teilhabe an der Hirtensorge Christi, des Hirten und und Bräutigams der Kirche.
Sie ist ein unverdientes Gnadengeschenk des Heiligen Geistes.
Zugleich fordert sie eine freie Erwiderung, eine Zustimmung zu diesem Geschenk von seiten des Priesters.

Das was das Herz eines Priesters prägt, ein wahrhaft priesterliches Herz, ist die Art wie er sich dem Herzen des Priesters Jesus gleichförmig machen läßt :
Die Art wie er aus der Quelle, aus dem Sakrament der Eucharistie die Liebe des Hirten schöpft.
Die Art wie das alle seine Handlungen verändert: seine Entscheidungen, seine Begegnungen, seine Art zu unterscheiden, die Handhabung von Konflikten, Unannehmlichkeiten oder Mißerfolgen…

Ich glaube, daß sich der Pfarrer von Ars von dieser Dynamik hat mitreißen lassen: indem er aus dem Geheimnis der Messe die Kraft einer Liebe schöpfte, die sich von Christus ergreifen läßt.

Pastores dabo vobis, 25: „Es gibt keinen Zweifel, daß der priesterliche Dienst, besonders die Feier der Sakramente, seine Heilswirksamkeit aus den Handlungen Jesu Christi selbst erhält, der in den Sakramenten gegenwärtig ist. Aber durch göttliche Fügung, die die absolute Unverdientheit des Heils übersteigen will, indem sie den Menschen zugleich zu einem ‘Erlösten’ und zu einem ‘Erlöser’ macht – stets und allein zusammen mit Jesus Christus – ist die Wirksamkeit des Priesteramtes auch Ausfluß der menschlichen Teilhabe und des mehr oder weniger großen Empfangs (der Gnade). Im besonderen hat die mehr oder weniger reale Heiligkeit des Dieners einen eindeutigen Einfluß auf die Art, das Wort Gottes zu verkunden, die Sakramente zu feiern und die Gemeinde in der Liebe zu führen. Das ist es was in aller Klarheit das Konzil betont: ‘Die Heiligkeit der Priester ist von wesentlicher Bedeutung, um den Dienst, den sie verrichten, fruchtbringend zu machen; die Gnade Gottes kann sicherlich das Werk des Heils auch mit Hilfe unwürdiger Diener vollbringen, aber normalerweise zieht es Gott vor, seine Großtaten durch Menschen manifest werden zu lassen, die für den Einfluß und die Führung des Heiligen Geistes offen sind, durch Menschen die ihre innige Vereinigung mit Christus und die Heiligkeit ihres Lebens fähig macht, mit dem Apostel zu sprechen: „Wenn ich lebe, lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir’. (Gal 2, 20, Presbyterorum ordinis, 12).”

2. Christus in unser Leben eintreten lassen

„Wenn ich lebe, lebe nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“

Man kann die Liebe Christi nur in sich wohnen lassen, wenn man in seinem persönlichen Leben, im inneren Leben, in den Tiefen der eigenen Existenz Christus einen Platz einräumt.

Das ist das ganze Problem unserer Umkehr: wie öffne ich mich ganz Christus, ohne private Zonen zu lassen, Zonen, die Christus nicht berühren, erhellen, evangelisieren kann.

Beispiel: man will seine «Karriere» meistern, den Verlauf der eigenen priesterlichen Existenz; die Beziehungen zu seinen eigenen Eltern, unser Verhältnis zum Geld, zu den Ferien.

Oft genug deuten diese reservierten Zonen niemals in die spirituelle Richtung; man will von ihnen nicht sprechen; man will sie dem Urteil unseres geistlichen Vaters nicht unterwerfen. Man will sich in diesen Bereichen nicht dem Gehorsam unterwerfen, ein Zeichen, daß wir dort nicht «Fiat voluntas tua» gesagt haben.

Die Öffnung des Herzens ist eines der Prinzipien des geistlichen Lebens, des Lebens nach dem Heiligen Geist. Denn, genauer gesagt, der Geist kann nur dann in das Herz eindringen und sein Werk der Heiligung vollbringen. Der stumme Ungeist treibt uns dazu, davon nichts zu sagen, zu denken, wir würden nicht verstanden werden.

Damit Christus eintreten kann, muß unser Ego das Zentrum räumen, um Platz zu schaffen. Und es muß akzeptieren, daß es nicht mehr allein im Mittelpunkt steht. Die Aufnahme der Liebe Christi beginnt dort: wenn sich meine Freiheit der Freiheit Christi öffnet. Wenn Christus in mein Leben eintreten kann und das verwirklichen kann, wofür er uns geschaffen hat; wenn er durch uns und in uns seine Heilsmission vollenden kann.

Dort findet sich ein Verzicht auf den eigenen Willen, das heißt auf Vorhaben, die nicht von Gott kommen.
«Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat» (Joh 4, 34).

«Ich bin ja nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat» (Joh 6, 38).

Es geht nicht darum, auf jegliche persönliche Willensäußerung zu verzichten, wenn sie auf das Gute gerichtet ist. Es geht darum, wie man dieses Gute erkennt.

«Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!» Mt 16, 24. Der Verzicht auf sich selbst ist keineswegs der Verzicht auf seine Persönlchkeit, auf das was unseren Reichtum ausmacht, auf unsere Charismen, auf unsere Originalität. Es ist der Verzicht auf ein ‘Ich’, das allen Platz beansprucht, das behauptet, das Maß aller Dinge zu sein, und das sich weigert, sich dem Licht Gottes zu öffnen.

Beispiel: der schreckliche Absatz des Endes der Bergpredigt:
„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist.
An jenem Tage werden viele zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder gewirkt? Alsdann werde ich ihnen erklären: Ich habe euch nie gekannt; hinweg von mir, ihr Übeltäter!“ (Mt 7, 21-23).

Man kann durchaus die Dinge oberflächlich ‘gut‘ machen, ohne daß sie wirklich dem Willen Gottes entsprächen.

Presbyterorum ordinis, 14: In der heutigen Welt muß man sich vielen Aufgaben stellen, man wird von vielerlei Problemen verfolgt – die oft eine sofortige Lösung verlangen – so daß man mehr als einmal Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren. Die Priester, sie sind gebunden durch eine Vielzahl von Verpflichtungen ihres Standes, sie werden hin und hergerissen, und sie können sich fragen, nicht ohne Beklemmung, wie sie die Einheit zwischen ihrem spirituellen Leben und den Forderungen der äußerlichen Aktion herstellen sollen. Diese Einheit des Lebens kann weder durch eine rein äußerliche Organisation der priesterlichen Aufgaben, noch durch die alleinige Verrichtung von Frömmigkeitsübungen erreicht werden, die sicherlich einen gewichtigen Beitrag leisten. Was den Priestern erlaubt, hier aufzubauen, ist es, in der Ausübung ihrer Seelsorge dem Beispiel des Herrn Jesus Christus zu folgen, dessen Speise es war, den Willen dessen zu erfüllen, der ihn gesandt hat, um dessen Werk zu tun (Presbyterorum ordinis, 21).

Denn Christus bedient sich, um in der Welt auch weiterhin, durch die Kirche, den Willen des Vaters zu erfüllen, seiner Diener. Er ist es somit, der stets die Quelle und das Grundprinzip der Einheit ihres Lebens bleibt. Die Priester werden die Einheit des Lebens verwirklichen, wenn sie sich mit Christus in der Entdeckung des Willens des Vaters verbinden, und in ihrer eigenen Hingabe an die Herde, die ihnen anvertraut ist (Presbyterorum ordinis, 22). Indem sie so das Leben des Guten Hirten selbst führen, werden sie in der Übung der pastoralen Nächstenliebe das Band der priesterlichen Vervollkommnung finden, das ihr Leben und ihre Tätigkeit zur Einheit zurückführen wird. Denn diese pastorale Nächstenliebe (Presbyterorum ordinis, 23) rührt vor allem vom eucharistischen Opfer her; dieses ist schließlich das Zentrum und die Wurzel des gesamten priesterlichen Lebens, dessen priesterlicher Geist sich bemüht, das zu verinnerlichen, was auf dem Opferaltar geschieht. Das ist nur möglich, wenn die Priester, durch das Gebet, immer tiefer in das Geheimnis Christi eindringen.

Aber der konkrete Nachweis dieser Einheit läßt sich nur durch ein Nachdenken über alle ihre Tätigkeiten erreichen, um beurteilen zu können, was der Wille Gottes ist (Presbyterorum ordinis, 24), das heißt, in welchem Maße diese Tätigkeiten den Gesetzen der im Evangelium grundgelegten Mission der Kirche entsprechen. Denn die Treue zu Christus ist nicht von der Treue zur Kirche zu trennen. Die pastorale Nächstenliebe verlangt denn auch von den Priestern, wenn ihr Mühen nicht ins Leere laufen soll (Presbyterorum ordinis, 25), eine Arbeit, die in ständiger Gemeinschaft mit den Bischöfen und den anderen Brüdern im Priesteramt gelebt wird. So sieht, für die Priester, der Weg aus, um selbst in der Einheit der spirituellen Mission die Einheit ihres eigenen Lebens zu finden. So werden sie sich mit ihrem Herrn verbinden, und durch ihn, beim Vater, im Heiligen Geist; so werden sie von Trost ganz erfüllt sein und vor Freude überschäumen können (Presbyterorum ordinis, 24).

Jemanden zu lieben, bedeutet zu akzeptieren, daß er in unser Leben tritt. Mit seiner Freiheit, mit dem, was er mitbringt, was er aufbaut, was er schöner macht, was uns fasziniert, was uns mit Freunde erfüllt; aber auch mit dem, was er verändert, was wir nicht erwartet hatten, was wir nicht vorhergesehen hatten, was uns verändert.

Was für die Liebe zu Gott gilt, gilt genauso für die Liebe zu anderen. Die pastorale Nächstenliebe des Priesters hat ihren Ursprung im Herzen Christi, das jedoch ein verwundetes Herz ist. Durch die Freiheit des Menschen. Hier ist ein Herz, das sich dem Menschen geöffnet hat und das der Mensch verwundet hat. Wegen dieser Verwundung sind daraus Blut und Wasser geflossen, die Sakramente, die uns das Leben geben. Das Herz des Priesters wird ein verwundetes Herz sein. Denn der Schüler ist nicht größer als der Meister.

3. Das Herz des Priesters

Ein schönes Beispiel der pastoralen Nächstenliebe wird uns vom Heiligen Paulus in der Apostelgeschichte gegeben. Es ist durchaus nützlich für jene, die sich darauf vorbereiten, Priester zu werden, über diese Worte des Apostels nachzudenken.

Apostelgeschichte 20, 17-38:
Wir sind am Anfang des Jahres 58. Die Missionsreisen des Heiligen Paulus kommen an ihr Ende; er hat Ephesus verlassen, und ist durch Troas und Milet gekommen. Und von Milet aus wandte er sich an die Ältesten von Ephesus, die wichtigste Gemeinschaft, die er gegründet hat. Das ist ein großes Zeugnis darüber, wie man eine Herde führt.

„Ihr wißt wie ich vom ersten Tage an, da ich Asien betrat, die ganze Zeit bei euch weilte. In aller Niedrigkeit, unter Tränen und Prüfüngen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren, habe ich dem Herrn gedient. Nichts von dem, was dienlich sein konnte, habe ich euch vorenthalten. Alles habe ich euch verkündet und geleehrt, öffentlich und in den Häusern. Juden wie Heiden habe ich beschworen, sie möchten sich zu Gott bekehren und an unsern Herrn Jesus [Christus] glauben.
Und nun drängt es mich unwiderstehlich, nach Jerusalem zu reisen. Was mir dort bevorsteht, weiß ich nicht. Nur das versichert mir der Heilige Geist von Stadt zu Stadt, daß Bande und Drangsale meiner harren. Allein [das alles fürchte ich nicht und] ich achte mein Leben gering, wenn ich nur meine Laufbahn vollende und meine Aufgabe erfülle, die ich vom Hernn Jersus erhalten habe: die frohe Botschaft von der Gnade Gottes zu verkünden.
(…) Darum beteure ich euch am heutigen Tage: Ich bin rein vom Blut aller. Denn ich habe es nicht unterlassen, euch den ganzen Ratschluß Gottes zu verkündigen.
Habt acht auf euch und auf die ganze Herde, über die euch der Heilige Geist zu Vorstehern bestellt hat, die Kirche Gottes zu regieren, die er sich mit seinem Blut erworben hat. Ich weiß, nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch einbrechen, die der Herde nicht schonen. Ja, aus eurer eigenen Mitte werden sich Männer erheben und mit verkehrten Reden die Jünger auf ihre Seite zu ziehen suchen. Darum seid wachsam und denkt daran, wie ich drei jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, einen jeden [von euch] unter Tränen zu ermahnen.
Und nun befehle ich ich euch Gott und seinem gnadenreichen Worte. Er allein kann euch aufrichten und euch das Erbe mit allen Heiligen verleihen. Gold, Silber und Kleider habe ich von niemand verlangt. Ihr wißt, daß diese meine Hände mir und meinen Begleitern den Lebensunterhalt verschafft haben. In allem habe ich euch gezeigt, wie man so durch Arbeit sich der Schwachen annehmen muß, eingedenk des Wortes des Herrn Jesus, der gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen.“

Dieses Testament zeigt, in welchem Geist der Heilige Paulus seine Seelsorge ausgeübt hat: „Ich habe dem Herrn gedient in aller Demut, unter Tränen und inmitten von Prüfungen.“

Was den Heiligen Paulus motiviert und weitermachen läßt, ist der Dienst des Herrn, dem er sich ganz hingegeben hat, für den er alles hinter sich gelassen hat. Auf dem Wesensgrund der Mission des heiligen Paulus ist eine tiefe Verbindung mit dem Herrn Jesus und die Sehnsucht ihm ganz zu gehören, ihm zu dienen. Sehen wir uns an, wie sein Herz eines Apostels sich dem Herzen Christi anverwandelt hat.

1. Es ist zuallererst ein verwundetes Herz. Es dient unter Tränen und inmitten von Prüfungen. Es kennt die Niederlagen und die Schwierigkeiten, mit denen der heilige Paulus konfrontiert wurde (siehe 2 Kor 11). Was kann man im Angesicht einer Niederlage tun? (Ein Tag, den man in der Pfarrei organisiert hat und der nicht geklappt hat, eine Wallfahrt, an der niemand teilnehmen wollte, eine Auseinandersetzung während einer Versammlung, kaum sichtbare Ergebnisse, obwohl man sich während zwei Jahren alle Mühe gegeben hat...Das kann zu Erschöpfung, zu Entmutigung führen...).

Man kann zusammenbrechen, aufbegehren, Schuldige suchen. Man kann sich auch vom Kreuz des Herrn erleuchten lassen und vom Heiligen Geist führen lassen. Die Liebe, die Nächstenliebe erwartet uns dort, auch, auf dem Weg des Kreuzes, in den Widrigkeiten der Existenz.

Beispiel: „Das Kreuz ist das weiseste Buch, das man lesen kann. Diejenigen, die dieses Buch nicht kennen, sind Unwissende, mögen sie auch alle anderen Bücher kennen. Es gibt keine wahrhaft Wissenden außer jenen, die es lieben, es zu Rate ziehen, sich darin vertiefen.“ Hl. Jean-Marie Vianney, Nodet, S. 179

„Die Kreuze sind der Weg zum Himmel wie eine schöne Steinbrücke über einen Fluß, um diesen zu überqueren...Die Christen, die nicht leiden, überqueren diesen Fluß über eine brüchige Brücke, eine Brücke aus Draht, die kurz davor steht, unter ihren Füßen zusammenzubrechen.“ Ibid., S. 180.

Wenn der Pfarrer von Ars von den Kreuzen spricht, ruft er eine Vielzahl von Ärgernissen des Lebens vor das geistige Auge: die Verleumdung, das Unverständnis, die Krankheit, das heißt, das Geheimnis des Kreuzes in seiner sehr konkreten Gestalt. Er wußte dort den Herrn zu finden, der ihm die Hand hielt; sie waren ihm stets Gelegenheit, sich mit Christus zu verbinden und in ihm die Gnade zu finden, um das Erlebte hinter sich zu lassen. „Ich war niemals so glücklich wie in den Augenblicken, da ich verfolgt, verleumdet wurde, erzählt er der Comtesse des Garets. Gott überschüttete mich dann mit Tröstungen. Gott gewährte mir alles, was ich von ihm verlangte. Als er diese Worte sprach, füllten sich seine Augen mit Tränen.“ Ibid., S. 186.

Das bewirkte nicht, daß er sich in diesen Momenten in sich selbst verschloß. Er blickte auf Christus. Das ist dieses Fehlen von Selbstmitleid inmitten seiner Prüfungen, die seine große Liebe zum Herrn offenbart.

Msgr. Guy Bagnard, Bischof von Ars, schreibt in einem Büchlein, das er für dieses Priesterjahr verfaßt hat: „Das Kreuz ist leicht, wenn man es annimmt und liebt; es erdrückt einen dagegen, wenn man es ablehnt. Der Mystiker ist ein Realist: wenn man ablehnt, was einem widerfährt, zerstört man sich; wenn man es annimmt, stärkt man sich, indem man es überwindet.“ (Priestertum und Leben des Pfarrers von Ars, Bistum von Belley-Ars, Juni 2009, S. 40). Der heilige Jean-Marie Vianney wußte, inmitten aller Widrigkeiten, die Hand Gottes zu halten und sich der Gnade zu öffnen.

Der heilige Paulus vergoß Tränen. „Glücklich diejenigen, die weinen, sie werden getröstet werden.“ Hier findet sich die Glückseligkeit derjenigen, die es verstehen, den trostreichen Geist inmitten der Verfolgungen und Schwierigkeiten des Lebens anzunehmen.

2. Das Herz eines Priesters ist ein dienstbereites, verfügbares Herz: Paulus hat nicht die Stunden gezählt, sich nicht aufgespart: er hat gepredigt, „in der Öffentlichkeit und in den Häusern, ... Nacht und Tag unter Tränen...“. Hier sieht man eine totale Hingabe an die Mission, ohne zu rechnen, ohne die Erschöpfungen und die Niederlagen zu zählen, ohne sich selbst zu suchen.

Beispiel: Bruder Athanase, einer der engsten Mitarbeiter des Pfarrers von Ars, gibt einen Zeitplan des Pfarrers während der zehn Jahre, die er in dessen Nähe verbrachte: Aufstehen zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens. Beichtehören bis sieben Uhr. Messe um halb acht. Danach Segnung von Andachtsgegenständen, Frühstück. Beichtehören bis elf Uhr. Unterricht von 45 Minuten. Zeit mit anempfohlenen, kranken, behinderten Personen. Karges Mittagessen. Zeitungslektüre. Ruhepause. 12 Uhr 45: Besuch bei einem Kranken, bei seinem Vikar. Gegen 13 Uhr: Beichtehören bis Einbruch der Nacht (18 Uhr im Winter, 20 Uhr 30 im Sommer). Öffentlicher Rosenkranz. Abendgebet. Rückkehr ins Pfarrhaus.

Dieses Programm ist nicht nachzuahmen. Der Pfarrer von Ars hatte eigene Gnadengaben. Aber was nachzuahmen ist, ist die totale Hingabe seiner selbst an das Priesteramt und an die Treue zu der ihm anvertrauten Sendung.

Das steht dem nicht im Wege, seine eigenen Grenzen zu erkennen, Ruhepausen einzulegen, sich zurückzuziehen, was unerlässlich ist.

Aber unsere innere Verfügbarkeit muß stets überprüft werden. Sie ist nicht nur die Verfügbarkeit für das Arbeitspensum. Sie ist, viel tiefer, die Verfügbarkeit des Herzens. Wenn ich mich, zum Beispiel, an alle wende, mache mich dann für alle verfügbar? Oder pflege ich damit irgendwelche Präferenzen? Für die Jungen, die Intelligenteren, für die Personen, die mich schätzen, etc...Wir wissen, daß der Zölibat ein Zeichen dieser Verfügbarkeit des Herzens in der Nachfolge des zölibatären Christus ist, dessen Leben für alle Menschen hingegeben wurde. Die Ehe ist eine Hingabe in der Ausschließlichkeit einer Liebe; der priersterliche Zölibat ist die Hingabe an eine universelle Liebe.

3. Das Herz des Priesters ist ein demütiges Herz: der heilige Paulus hat nichts vernachlässigt, um den vollständigen Plan Gottes zu verkünden: das ganze Geheimnis bekannt zu machen, ohne einen Teil auszulassen, weil das peinlich wäre oder übel vermerkt werden würde. (Beispiel: vom Kreuz zu sprechen, vom Himmel zu sprechen, von der Unauflöslichkeit der Ehe, von der evangelischen Armut). Es ist das Zeichen einer wahren Armut im Geiste, nicht das zu verkünden, was unsere persönliche Botschaft ist, sondern das Evangelium, so wie es uns Gott anvertraut hat.

Wie schwierig ist es manchmal, uns nicht an unsere Ideen zu einer Frage zu halten, oder über unsere Verständnislosigkeiten zu theoretisieren; wie schwierig ist es manchmal, nicht ein Parteigänger eines Denksystems, einer Denkströmung zu werden. Ein Priester ist nicht der Mann eines Systems, einer Partei, einer Denkungsart; er steht im Dienst des Evangeliums Christi.

Das verlangt Studium. Ein Priester soll lesen und arbeiten. Dabei ist die Zeit niemals vertan; und es ist ein Akt der Nächstenliebe für diejenigen, die uns zuhören, die bei uns Rat suchen, oder auch für jene, die uns über den christlichen Glauben befragen.

4. Das Herz eines Priesters ist ein Herz, das von sich selbst absieht: es läßt sich vom Geist führen, wie Jesus: „es drängt mich durch den Geist nach Jerusalem zu reisen, ohne zu wissen, was ich dort finden werde“. Hier liegt die wahre Verfügbarkeit für den Heiligen Geist, die der Schlüssel des Priesteramtes ist, der Sendung; die den Unterschied macht zwischen dem, der auf eigene Rechnung lebt, der seine Ideen aufdrängen will, sein Projekt Oberhand gewinnen lassen will, und einem Priester Jesu Christi.

Der Gehorsam ist ein gutes Unterscheidungskriterium, ganz sicher: Wie bereitet man sich darauf vor, den von unserem Vorgesetzten geäußerten Willen anzunehmen? Wie akzeptiert man, ein Projekt aus der Hand zu geben, das man ausgearbeitet hat oder dessen Initiator man selbst war?

Beispiel: Um das Jahr 1847 beruft der Bischof von Belley die Laien, die die Regierung der ‚Providence‘ stellen, ab, um sie durch Nonnen zu ersetzen. Der heilige Pfarrer ist erschüttert (es hatte Wunder gegeben – Vermehrung von Mehl und Wein ... – Gebet der kleinen Mädchen, das alles erreichte, Tod von Benoîte Lardet, einer der Leiterinnen, im Ruf der Heiligkeit). Doch der Pfarrer von Ars sagt, indem er sich verneigt: „Ich sehe dort nicht den Willen Gottes, aber Monseigneur sieht ihn. Uns bleibt nichts übrig als zu gehorchen“ (Nodet, S. 39).

All das lebt der heilige Paulus in wahrhafter Selbstverleugnung vor: „mein Leben zählt nicht“. Er sucht es nicht. Es ist wahrhaftig eine starke Versuchung, seinen Vorteil zu suchen, sein ‚Ich‘ an die erste Stelle zu setzen (Beispiel: Karriere machen zu wollen; belohnt, in den Himmel gehoben, gefeiert, entschädigt werden zu wollen, der Liebling der Jugend oder der Pfarrangehörigen zu sein ...). Das verlangt wahren Verzicht. Und es ist nicht damit getan, die Anhänglichkeiten zu entdecken, die tief in uns verwurzelt sind (an einen guten Ruf, an irdischen Ruhm, an das Geld, an Ehren, an Glückwünsche von seiten der Großen, daran ein Buch zu schreiben...).

5. Es ist ein freies Herz. Es gibt bei Paulus eine große Freiheit in Bezug auf die Berufung, der er sich verschrieben hat. Er erhebt keinen Anspruch auf die Ergebnisse. Er überläßt die Früchte der Gnade Gottes. Drei Jahre lang hat er gepredigt: er weiß, daß die Wölfe in den Schafstall eindringen werden, daß einige die Jünger in die Irre führen werden, und dennoch macht er sich auf den Weg nach Jerusalem, geführt vom Heiligen Geist: „Ich weiß, daß die reißenden Wölfe sich bei euch einschleichen werden, wenn ich nicht mehr da sein werde, und die Herde wird nicht verschont werden. Auch unter euch werden Menschen aufstehen, die lügenhafte Reden führen werden, um die Jünger auf ihre Seite zu ziehen.“ Die Kirche gehört nicht ihm; er benansprucht sie nicht: sie ist das, was sich Gott zu eigen gemacht hat „dank des Blutes, das sein eigener Sohn vergossen hat“.

Ein verwundetes Herz, ein verfügbares Herz, ein demütiges Herz, ein Herz, das von sich absieht, ein freies Herz. Das ist das Herz eines Priesters, in dem die Liebe Christi wohnt und das denen ergeben ist, zu denen ihn der Herr gesandt hat. Die innere Umkehr ist niemals beendet. Aber sie ist ein Weg des Friedens und der Freude. Ein Weg des Glücks. Ich habe es niemals bedauert, dem Herrn mit Ja geantwortet zu haben. Denn mir hat sich so viele Male das Wort Jesu bestätigt: „Geben ist seliger als empfangen“.


Luis Maria Martínez: Der Priester – ein Geheimnis der Liebe

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