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Greta und der Synodale Weg

Was man von Greta lernen könnte

Von P. Engelbert Recktenwald

Das Phänomen der Fridays for Future-Bewegung kann zumindest teilweise erklärt werden auf dem Hintergrund dessen, was der Psychiater Viktor E. Frankl das “existentielle Vakuum” nannte. Darunter versteht er ein Sinnlosigkeitsgefühl, das sich in Form von Langeweile (Verlust an Interesse) und Gleichgültigkeit (Mangel an Initiative) manifestiert. Es sei ein Produkt der Industrie- und Konsumgesellschaft, die alle Bedürfnisse befriedige außer dem Sinnbedürfnis. Denn dieses Bedürfnis kann nur gestillt werden durch die Möglichkeit, etwas Wertvolles zu tun. Sinnvolles Tun besteht in der Bewältigung einer Herausforderung, in der Erfüllung einer wertvollen Aufgabe.

Aber in einer Gesellschaft, die immer komplexer, in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, erlebt sich der Einzelne als machtlos, überfordert, einflusslos. Seinem Wirken sind enge Grenzen gesetzt. Um alles Wichtige kümmert sich der Staat, gegebenenfalls sind vielleicht noch Wissenschaftler und Experten gefragte Gutachter und Ratgeber, aber der einzelne Bürger kann nichts Großes vollbringen. Er ist ein kleines, leicht ersetzbares Rädchen in einem riesigen, unüberschaubaren Räderwerk. Sein eigenes Tun ist zur Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Von diesem existentiellen Vakuum ist nach Frankl besonders die Jugend betroffen, weil sie durch den Abbruch von Traditionen entwurzelt und jenen Werten entfremdet sei, die die Tradition noch vermittelt habe. Und wir können hinzufügen: Gerade weil in der Jugend das Sinnbedürfnis und der Drang nach großen Tagen besonders ausgeprägt ist, leidet sie unter dem Sinnvakuum besonders schmerzlich.

Und genau das ändert sich schlagartig mit der Fridays for Future-Bewegung. Hier kann der Jugendliche zum Weltretter avancieren. Er wird Teil einer Bewegung, von deren Erfolg die Zukunft abhängt. Die Unübersichtlichkeit reduziert sich auf das eine große Problem des Klimawandels, das zu eindeutigem Handeln aufruft. Gut und Böse sind klar verteilt, und es geht um ein Anliegen, wie es bedeutsamer nicht sein kann: um die Zukunft der Menschheit. Die Klimabewegung erlöst den Jugendlichen von der Langeweile und füllt sein Sinnbedürfnis. Der unterdrückte Idealismus, der Hunger nach einem Engagement, das allen Einsatz wert ist, der Drang nach großen Taten, all das findet hier ein Ventil. Im Engagement für den Klimaschutz nimmt für den jungen Menschen der Sinn seines Tuns überdimensionale Ausmaße an.

Nur stellt sich die Frage: Hat die Kirche nicht eigentlich auch eine solche Aufgabe anzubieten? Eine Aufgabe, die an Bedeutung sogar noch den Klimaschutz übertrifft, eine göttliche Aufgabe, die ihr von Jesus Christus anvertraut wurde? Bei der Klimabewegung geht es um die Rettung der Erde, bei der Evangelisierung um die Rettung unsterblicher Seelen. Dort geht es um die Zukunft, hier um die Ewigkeit. Dort geht es um die Bewahrung vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels, hier um die Bewahrung vor ewiger, qualvoller Gottesferne. Die Rettung der Seelen war das Anliegen, das schon im Jugendalter den edelsten Idealismus der Heiligen zu wecken vermochte - von der hl. Theresa von Avila über den hl. Don Bosco bis zum hl. Maximilian Kolbe. Sie wollten der Welt nicht nur ein gutes Klima, sondern Christus den Retter bringen. Was für eine Chance hätte die Kirche, mit ihrer im Vergleich zur Greta-Bewegung noch viel größeren Sendung das existentielle Sinn-Vakuum auszufüllen!

Doch diese Chance nimmt sie nicht wahr. Statt dessen präsentiert sie sich als eine ratlose Institution, die mit ihrem synodalen Weg den Weg in die Zukunft sucht. Synodalität bedeutet in diesem Kontext Beteiligung an dieser Suche, also Teilhabe der Jugend an ihrer eigenen Ratlosigkeit. Statt die Jugend mit einer Vision zu begeistern, laden Bischöfe sie ein, ihnen zu helfen, eine solche Vision überhaupt erst zu finden, frei nach dem Motto: Liebe Jugendliche, was sollen wir tun, damit wir euch gefallen? Was wollt ihr hören? Welche Wünsche habt ihr an uns? Wie unglaublich interessant! Was für ein Interesse soll die Jugend denn an den Selbsterhaltungsanstrengungen einer Institution haben, die selber nicht mehr weiß, wozu sie da ist?

Die Gegenprobe liefern Bewegungen wie das Mission Manifest: Sie aktivieren das jugendliche Begeisterungspotenzial, während - wie für den aufmerksamen Beobachter schnell klar wird - sich unter der Flagge von Initiativen wie Maria 2.0 eher frustrierte Angehörige der älteren Generation versammeln. Kein Wunder, dass sie den Neid und die Kritik jenes Teils des kirchlichen Establishments provozieren, dem die Vision der Evangelisierung, der Glaube an die Notwendigkeit der Seelenrettung, der Sinn für die Schönheit des christlichen Missionsauftrags abhanden gekommen ist.

Greta hat die Klimajugend nicht dadurch gewonnen, dass sie mit ihr Probleme wälzte, sondern ihr eine Vision anbot und eine gewaltige Aufgabe übertrug. In dieser Hinsicht sollten die Bischöfe von Greta lernen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Cathwalk. Man kann ihn auch hören.


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