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Hirntod in der Bedrängnis

Stephan Sahm hat in einem Beitrag der FAZ vom 14. September 2010 Ist die Organspende noch zu retten? auf die neueste wissenschaftliche Entwicklung in Amerika hingewiesen: Sie sägt an dem Ast, auf der die Transplantationsmedizin sitzt, nämlich an der Hirntodtheorie. Das entscheidende Argument, mit der diese Theorie bisher begründet wurde, hat sich inzwischen als falsch erwiesen. Man meinte, dass mit dem Hirntod “der Organismus biologisch aufhöre, ein integriertes Ganzes zu sein: Er sei dann eben kein Organismus mehr.” Mit anderen Worten: Der Organismus funktioniere nicht mehr; die komplexe Integrationsleistung, die ihn zusammenhalte, falle aus.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: “So halten Hirntote ihre Homöostase aufrecht, den Gleichgewichtszustand des Organismus. Sie regulieren Körpertemperatur und bekämpfen Infektionen, produzieren Exkremente und scheiden sie aus. Die Wunden heilen bei Hirntoten ebenso, wie ihr proportioniertes Wachstum gesteuert wird. Schwangere Hirntote können gesunde Babys austragen. Nicht zuletzt reagieren Hirntote mit Ausschüttung von Stresshormonen auf Schmerzreize. Ein britischer Anästhesist wird mit den Worten zitiert, er befürworte die Transplantation von Organen, gedenke aber nur dann einen Spenderausweis bei sich zu führen, wenn er sicher sein könne, dass er vor der Entnahme betäubt würde.”

Interessantes Detail am Rande: Als im Herbst 2009 die Zeitungen meldeten, dass ein katholischer Pfarrer seine Stelle verlassen musste, weil er die Hirntodtheorie ablehnte, wurde dies von der Süddeutschen Zeitung begrüßt und die Kritik des Pfarrers als “krude Ansichten” verächtlich gemacht. Als dagegen Michael Broch wegen seiner Diffamierung des Papstes seine Stelle im ifp verlor, sah Matthias Drobinsky von der SZ das freie Wort in der Kirche in Gefahr. Ist also für die Süddeutsche Zeitung das freie Wort in der Kirche nur dann schützenswert, wenn es dazu benutzt wird, den Papst zu diffamieren?


Hirntod: Ist die Frage entschieden?

“Das Problem ist also nicht, ob hirntote Menschen tot sind, sondern wie man sie behandeln darf, obwohl sie noch nicht tot sind,” so lautet das Resümee, das der Philosoph Ralf Stoecker in seinem 367 Seiten starken Buch Der Hirntod: Ein medizinethisches Problem und seine moralphilosophische Transformation, Freiburg i.Br. 2010, zieht (zitiert in der Rezension von Dr. Maria Overdick-Gulden in LebensForum, 1. Quartal 2011).

Bei dem von Stoecker angesprochenen verbleibenden praktischen Problem geht es um das der Organentnahme zwecks Transplantation. In dem Moment, wo es sich um ein lebensnotwendiges Organ handelt, bedeutet die Entnahme eine Tötung, und damit hat sich das Problem erledigt, weil die Tötung selbstverständlich nicht erlaubt ist. Eine Organspende, die zum Tod des Spenders führt, wird deshalb auch von der Kirche eindeutig verurteilt (vgl. etwa KKK 2296).

Die entscheidende Frage ist also die, ob der Hirntod tatsächlich der Tod des Menschen ist. Nicht nur der Philosoph Stoecker hält sie für entschieden. In der Tagespost vom 15. Juni 2011 berichtet Stephan Rehder, dass sich auch in der Naturwissenschaft das Blatt wendet und die Hirntodtheorie aufgegeben wird. Die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen sei empirisch widerlegt, meint etwa das amerikanische President’s Council on Bioethics in seinem White Paper Controversies in the Determination of Death aus dem Jahr 2008. Rehder: “Die Zweifel daran, dass der Tod des Organs Gehirn in jedem Fall mit dem Tod des Menschen gleichgesetzt werden könne, haben in der wissenschaftlichen Welt in den zurückliegenden Jahren extrem zugenommen” (auch die FAZ hatte 2010 darüber, siehe oben).

Mit Recht hat deshalb die Aktion Leben e.V. die Kirche in Deutschland schon Ende letzten Jahres in einer Pressemitteilung aufgefordert, ihr Schweigen zu brechen und ihre uneingeschränkte Empfehlung der Organspende zurückzunehmen. Wie weit sich die Kirche in dieser Frage verrannt hat, zeigt die Berufung auf die angebliche kirchliche Lehre, mit der ein deutsches Ordinariat im Jahr 2009 gegen einen Pfarrer vorging, der den neuen Erkenntnissen Rechnung trug und schließlich sein Amt aufgeben mußte, weil er vor der Organspende gewarnt hatte.


1,61 Milliarden

Niemand soll jenen Medizinern, die durch Organtransplantationen kranken Menschen helfen wollen, die gute Absicht absprechen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es mächtige Interessengruppen gibt, die die Organstransplantation forcieren und jede Diskussion über den Hirntod, den die Organspende voraussetzt, vermeiden und womöglich verhindern möchten. Darauf macht Stefan Rehder in seinem Leitartikel Endlich über Hirntod reden (Tagespost vom 2. Juli 2011) aufmerksam. Er gibt zu bedenken, dass die Pharmaindustrie mit Immunsuppressiva allein 2010 in Deutschland “1,61 Milliarden Euro umsetzte, mehr als mit jeder anderen Indikationsgruppe.” Hinzu kommt, dass der demographische Wandel der Transplantationsmedizin und damit dem entsprechenden Wirtschaftszweig “fantastische Wachstumsraten” bescheren wird. Wer will da schon Spielverderber sein?


Tod oder Querschnittslähmung?

“Vom Rückenmark aus gesehen ist der Hirntod ja nichts anderes als eine hohe Querschnittslähmung.” Diesen Satz, der dem renommierten Münchner Neurologen Prof. Dr. Heinz Angstwurm am 29. Juni 2011 während der Öffentlichen Anhörung zur Organspende, veranstaltet vom Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages, entfuhr, zitiert Stefan Rehder in der Tagespost vom 2. Juli 2011 (Life Style Organspende?). Rehder erinnert daran, dass der US-amerikanische Neurologe Daniel Alan Shewmon, “früher ein vehementer Verfechter der Hirntod-Theorie”, inzwischen das Hauptargument dieser Theorie bestreitet, nämlich dass das Gehirn eine unersetzbare Rolle zur Aufrechterhaltung des Organismus spiele. Mit anderen Worten: Mit dem Hirntod ist der Organismus noch nicht tot, sondern bloß gelähmt.

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