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Religiöse Wandlungen in Indien
im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Von Alfons Väth S.J.

Unter der staatsmännisch-klugen britischen Verwaltung erlebte Indien einen anerkennenswerten materiellen und wirtschaftlichen Aufschwung. Entsprach ihm auch ein geistig-moralisch-religiöser Fortschritt? Daß westliche Staats- und Rechtsauffassungen Eingang fanden und die rohesten Gebräuche des Hinduismus unterdrückt wurden, ist uns schon bekannt. Hat sich aber auch die indische Seele gewandelt in der Richtung auf eine freundliche Einstellung gegenüber der europäischen Geisteskultur und der christlichen Religion? Die Regierung und die christlichen Missionen hatten sich stets mit dieser Hoffnung getragen. Beide arbeiteten zum Teil mit denselben Mitteln, zum Teil nach eigenen Methoden darauf hin. Die Regierung hoffte, durch Vermittlung rein weltlichen Wissens, namentlich durch Eröffnung der Schätze der englischen Literatur, in den höheren Schulen eine Führerschicht heranzubilden, "englisch in Neigungen, Anschauungen, in Sitte und Denken", wie [Thomas Babington] Macaulay [britischer Historiker und Politiker] in seiner bekannten Denkschrift sich ausdrückte. Diese von der Überlegenheit des englischen Geistes durchdrungenen Inder würden sich dann auf Englands Seite stellen und das Volk, das schon durch den Genuß der Segnungen der westlichen Zivilisation günstig gestimmt sei, mit sich ziehen. Die christliche Mission erstrebt naturgemäß einzig die Gewinnung der Inder für das Christentum durch die Mittel des christlichen Beispiels, der religiösen Unterweisung, der christlichen Nächstenliebe und vor allem auch der Schule, die notgedrungen sich der staatlichen Ordnung anpaßte.

In einer Richtung haben sich Macaulays Erwartungen erfüllt. Eine stetig wachsende Gruppe von Hindus der besseren Stände, die begierig die westliche Bildung in sich aufnahmen, kehrte den Überlieferungen ihres Volkes - der abstrusen Philosophie, der Heldensage, dem Götterdienst - den Rücken und lernte englisch sprechen, denken und fühlen. Im Vergleich zur religiös eingestellten Vergangenheit ist der Sinn dieser fortschrittlichen Inder der Diesseitswelt zugewandt; nur darin sind sie noch Kinder ihres Volkes, daß sie sich von der theopanistischen Vorstellung nicht frei machen können. Die Volkssprachen errangen einen endgültigen Sieg über das ehrwürdige Sanskrit und entwickelten sich zu vollwertigen Literatursprachen. Die zahlreich gegründeten Zeitungen und Zeitschriften in englischer und einheimischer Sprache halten sich ganz an das europäische Vorbild. Die Roman- und Erzählungsliteratur und die Dichtung schildert indisches Leben, aber in europäischen Formen. Indien hat Gelehrte auf allen modernen Wissenschaftsgebieten hervorgebracht. Auch die Kunst hat sich zusehends verweltlicht. Das heutige Indien denkt nicht mehr daran, große Tempel zu bauen, sondern errichtet palastähnliche Verwaltungsgebäude, Handelshäuser und Privatwohnungen.

Diese Wandlung zum Modernen läßt sich namentlich in Bengalen verfolgen. Seine Sprache, von Rammohan Pai, Bankim Chandra Chatterji (1838-1894), dem "indischen Walter Scott", und andern Schriftstellern ausgebildet, besitzt eine bedeutende neuzeitliche Literatur. Der größte Bengale der neuen Zeit, Rabindranath Tagore, hat durch seine wunderbaren lyrischen Dichtungen und seine Prosawerke Weltruhm erlangt und wurde 1913 des Nobelpreises für Literatur für würdig erachtet.

Im übrigen haben sich die hochgespannten Erwartungen Macaulays und protestantischer Schulmänner nicht erfüllt. Die indische Führerschicht hat gegenüber England und der christlichen Religion nur in geringem Grade die erhoffte freundliche Einstellung gefunden. Der Hauptgrund ist die völlige Ausschaltung der christlichen Religion aus den Berechnungen der Regierung. Die meisten Kolonialmächte der Neuzeit sind in diesen Fehler gefallen.

Die Regierung verhält sich seit jeher grundsätzlich neutral in religiösen Dingen. Jede Religion erfreut sich gleicherweise gesetzlichen Schutzes. Wer die religiösen Gefühle anderer verletzt, z. B. gegen den Willen der Heiden in einen Tempel eindringt, ein Götterbild verunehrt oder ein heiliges Tier tötet, wird streng bestraft. Die religiösen Feste und Umzüge der Religionsgemeinschaften werden vor jeder Störung geschützt. Das alles läßt sich verstehen. Es entspricht der modernen Einstellung des Staates gegenüber den Religionen der Untertanen, und in Indien mit seiner gewaltigen mohammedanischen und heidnischen Bevölkerung wäre eine andere Haltung kaum möglich.

Aber die Regierung ist auch grundsätzlich religionslos. Von Staats wegen wird keine religiöse Feier veranstaltet, in den Staatsschulen kein religiöser Unterricht erteilt. Es kommt hinzu, daß die Mehrheit der Europäer in Indien, soweit sie nicht Missionare sind, auch persönlich wenig Religion haben oder zeigen, ganz zu schweigen von der moralischen Minderwertigkeit so vieler Soldaten und Angestellten und der verlorenen Existenzen, die das Land heimsuchen. Die gleichen Erfahrungen machen die Inder, die studienhalber die Großstädte Europas und Amerikas besuchen.

Eine große Stunde hat man leider ungenützt vorübergehen lassen. Im Söldneraufstand hatte sich das Europäertum moralisch überlegen gezeigt und der Hinduismus eine schwere Einbuße an Ansehen erlitten. Hätte die Regierung in diesem günstigen Augenblick bei aller Aufrechterhaltung der religiösen Neutralität ihren eigenen christlichen Standpunkt betont, so hätte wohl eine Bewegung zum Christentum eingesetzt. Eine Reihe von trefflichen hohen Beamten wünschte in der Tat eine christliche Politik und sogar eine Förderung des Christentums. Aber eine andere Richtung siegte. In dem Aufruf, der die Grundsätze der künftigen Regierung den indischen Völkern kundgab, sprach es die Königin in einem Nebensatz schüchtern aus, daß sie Christin sei und den Trost der christlichen Religion dankbar anerkenne, aber dann verkündete sie den Grundsatz der völligen religiösen Neutralität, die in der Ausführung der Religionslosigkeit gleichkam, und bei der Auswahl der Beamten wurde nicht im geringsten darauf geachtet, ob sie sich durch wahre Religiosität empfahlen.

Das mußte sich verhängnisvoll auswirken. In Indien durchdringt die Religion das gesamte öffentliche Leben. Die mohammedanischen und hinduistischen Staaten sind auf religiöser Grundlage aufgebaut, und es wird namentlich vom Herrscher ein Bekenntnis seiner Religion verlangt. Die Kultur ist von religiösem Geist vollständig durchtränkt. Ungläubige hat es in Indien bis in die neueste Zeit kaum gegeben. Ein so religiös eingestelltes Volk kann keine Achtung haben vor fremden Beamten, die keine Religion bekennen und anscheinend keine haben, und von einer reinen Diesseitskultur. Infolge dieses Grundfehlers ist deshalb in weitgehendem Maße das Gegenteil von dem eingetreten, was England erstrebte und hoffte: eine Abkehr vom Geist des Westens und eine Neubelebung des Geistes des Hinduismus und Islams. Die schon so schwierige Missionsarbeit unter den Gebildeten und besseren Klassen wurde noch bedeutend erschwert.

Die Anfänge der christlichen Mission schienen allerdings viel zu versprechen. Der erste Einblick in die christliche Gedankenwelt, den Alexander Duff und andere protestantische Missionare - katholische hat es damals kaum gegeben - in ihren Schulen den jungen Indern eröffneten, brachte seine Wirkung hervor. Eine neue Ideenwelt tat sich dem intellektuellen Indien auf. (...) Manche der Besten des Volkes bekannten sich zum Christentum.

Aber der erste günstige Eindruck verflüchtigte sich, sowie der Inder mit der religionslosen Verwaltung und Schule Bekanntschaft machte und mit den unwürdigen Mitgliedern der weißen Rasse in nähere Berührung kam. Die Früchte der europäischen Erziehung waren nur zu häufig Halbgebildete, die jede Religion und gute Sitte über Bord warfen.

Der Hinduismus entfaltete jetzt die ihm innewohnende starke Widerstandskraft. Die theopanistische Grundhaltung verwehrt bei den Gebildeten die Annahme der christlichen Grundwahrheiten. Der Hinduismus kann sich einer großen Vergangenheit rühmen. Er hat Meisterwerke der Literatur und Kunst geschaffen, denen das äußerlich so armselig erscheinende Christentum wenig gegenüberstellen kann. Er ist mit dem Kulturleben aufs innigste verwachsen, so daß eine Trennung kaum möglich erscheint. Der sinnberückende Glanz des Kultus hält das Volk gefangen. Bei seiner synkretistischen Geistesverfassung fehlt dem Hindu auch der Drang, sich unter Opfern der "fremden" Religion anzuschließen. Er kann alles Gute, das er im Christentum findet, mit seiner eigenen Religion verschmelzen und findet darin Befriedigung. Ja er glaubt damit eine religiöse Form zu besitzen, die das Beste des Hinduismus mit dem besten Christlichen verbindet und somit dem Christentum überlegen ist. Und seine Gesellschaftsordnung bietet ihm ein wirksames Abwehrmittel. Wer den Glauben der Väter verläßt, wird aus der Kaste ausgeschlossen. Eine andere Kaste kann ihn nicht aufnehmen, weil die Kaste angeboren ist. Er steht als Geächteter hilflos in der Welt.

Leider hat mangelnde Anpassung den Widerstand erleichtert. Das Christentum trat wieder zu sehr als ausländische Religion auf. Die europäischen Verkünder derselben behielten ihre fremde Lebensweise und Sitten bei, die der Inder nicht versteht, die ihm häßlich vorkommen. Auch die Neubekehrten nahmen mancherorts noch zu viel von europäischem Denken und fremden Sitten an.

Um die Jahrhundertwende entwarf ein hochbegabter indischer Konvertit aus einer der edelsten Brahmanenkasten, Upadhyaya Brahmabandhav, neue Pläne zur Bekehrung der Intellektuellen und Brahmanen. Im Jahre 1891 katholisch geworden, trug er seit 1894 das safrangelbe Gewand der Sannyasis [Wanderasketen] und verkündete mit Begeisterung durch Wort und Schrift den katholischen Glauben, siegreich gegen alle Gegner. Er befürwortete die weitgehendste Anpassung der Missionare an die Landessitte. Indische katholische Mönche, in Kleidung und Lebensweise genaue Abbilder der Hinduasketen, sollten predigend das Land durchziehen. Das Christentum müsse sich von der europäischen Kultur loslösen und ein indisches Gewand anlegen. Statt der aristotelisch-scholastischen Philosophie solle der Vedanta [die in den Upanishads, also den philosophischen Schriften des Hinduismus, überlieferte Lehre, die sich als Inbegriff des geschauten göttlichen Wissens versteht] dem Aufbau der christlichen Lehre dienen. Dies war der kühnste Gedanke. Er ließ sich unmöglich verwirklichen, weil der Vedanta in seinem innersten Wesen theopanistisch ist. Auch im übrigen kam Upadhyaya in seinem glühenden Patriotismus dem Hinduismus zu weit entgegen. In seiner Hast und Nachgiebigkeit geriet er mit der obersten Missionsleitung in Konflikt. Dies trieb ihn auf dem betretenen Weg nur noch weiter voran, so daß es zweifelhaft ist, ob er bei seinem Tode 1907 noch als Christ gelten konnte. Upadhyayas Gedanken finden noch immer Vertreter in Indien. Sein Schüler Swami Animananda sucht in bescheidener Schularbeit die besseren Kreise von Kalkutta für den Katholizismus günstig zu stimmen und erzielte kleine Erfolge. Aber die Hoffnung, eine neue große Bekehrungsbewegung unter den Brahmanen und Intellektuellen einzuleiten, wie sie Upadhyaya beseelte, geht nicht in Erfüllung.

Seit hundert Jahren ringen die katholische und die protestantische Mission heldenhaft um die Seele Indiens. Sie haben auf dem Gebiete des höheren Schulwesens Großes geleistet und durch ihre Wohlfahrtseinrichtungen einen tiefen Eindruck gemacht. Es hat aber nicht genügt, den ungünstigen Einfluß der religionslosen Verwaltung und Staatsschule und das schlimme europäische Beispiel aufzuheben sowie den Widerstand des Hinduismus zu überwinden. So ist das Ergebnis der christlichen Mission bescheiden geblieben. Im Jahre 1931 zählte man im britisch-indischen Reich (mit Einschluß der portugiesischen und französischen Besitzungen) unter 353,5 Millionen der Gesamtbevölkerung rund 6,1 Millionen Christen; davon sind 3,2 Millionen Katholiken, 2,5 Millionen Protestanten und 400.000 Schismatiker aus alter Zeit [Heute sind laut dem Fischer Weltalmanach 2014 von über 1,2 Milliarden Inder ca. 2%, also knapp 25 Millionen Christen, davon wiederum über 19 Millionen Katholiken]. In ihrer Mehrheit gehören die katholischen und protestantischen Christen den niederen Volksschichten an. Es sind Angehörige der in Wald- und Berggebieten hausenden Urbewohner und der Parias. Für diese "Unreinen" hat der Hinduismus nur Verachtung und Bedrückung. Er gibt ihnen keine Hoffnung auf Erlösung im Jenseits. Das Christentum dagegen erhebt sie auf eine höhere gesellschaftliche Stufe, gewährt Schutz vor Bedrückung und stellt die Erlösung in sichere Aussicht. Während in diesen niederen Ständen das Ergebnis immerhin dankenswert ist, bleibt der Erfolg unter den mittleren und höheren Klassen und den Intellektuellen im größeren Teil des Landes, namentlich an den Hauptsitzen der Hindu- und Islamkultur, äußerst gering. Eine Ausnahme bildet der Süden Indiens, die Malabarküste, wo das Christentum seit dem Altertum heimisch ist und als im Lande festgewurzelte Religion Ansehen genießt, sodann das Gebiet der alten Maduramission, wo sich dank der Methode de Nobilis [Roberto de Nobili SJ, 1577-1656. Er begann seine Mission im südindischen Madura, dem Ort des großen Schivatempels, und versuchte dabei, so weit wie möglich den Indern ein Inder zu werden und dabei jede Kooperation mit der portugiesischen Kolonialmacht zu vermeiden] die Religion gleichfalls der Sitte und Gesellschaftsordnung angepaßt hat. Hier bestehen christliche Kastenzweige. Im Süden besitzt die Kirche sogar Gemeinden bekehrter Brahmanen, die in Lebensweise und Sitte nach Möglichkeit Brahmanenart beibehalten und auch von den heidnischen Kastengenossen schon halbwegs als ebenbürtig anerkannt werden.

Gegenüber dem bescheidenen Ergebnis der Missionstätigkeit in den höheren Ständen hat hier der religiöse Synkretismus seine Triumphe gefeiert. Der weitmaschige Hinduismus nimmt in großem Umfang christliche Gedanken und Einrichtungen in sich auf. Er tut dies zum Teil in recht wohlwollendem Geist. Der Vielgötterdienst wird als der Fluch Indiens erkannt, und man bekämpft die noch vorhandenen grausamen und unsittlichen Gebräuche. Die edelsten Geister Indiens begeistern sich für die Persönlichkeit Christi. Sie sind stolz auf den "Asiaten" Christus. Wohl liegt es ihnen fern, in ihm den Gottmenschen, den Künder der einzig wahren Religion, zu sehen; aber er ist ihnen einer der großen Lehrer der Menschheit, vielleicht der größte von allen. Von ihm soll auch Indien lernen. Unter allen heiligen Büchern der Religionen gilt ihnen das Neue Testament als das erhabenste.

Der erste bedeutende Reformer, der durch Verschmelzung von christlichen Gedanken (und von Elementen anderer Religionen) mit dem Hinduismus eine Idealreligion ausbilden wollte, war Rammohan Rai. Frühzeitig bekämpfte er den Götzendienst. Nachdem er das Christentum kennen gelernt, studierte er sogar Griechisch und Hebräisch, um die Bibel im Urtext lesen zu können; doch hielt er die Upanishads für wahrer und tiefer. Er war strenger Monotheist, doch im Sinne der Unitarier, und so leugnete er die Gottheit Christi. Im Jahre 1828 gründete er den Brahma-Samaj (die "Gemeinde der Gottesgläubigen"), in der Gleichgesinnte einmal in der Woche sich zu gemeinsamer Andacht versammelten, wobei Lesungen aus heiligen Büchern mit Ansprachen und Hymnengesang wechselten, aber keine Gebete verrichtet wurden. Nur Brahmanen durften den Gottesdienst leiten.

Nach dem Tode des Stifters übernahm der edel gesinnte Debendranath Tagore (1817-1905) den Vorsitz in der Gemeinde. Er führte in der Andacht das Gebet ein, stand aber als Anhänger der Lehre Ramanujas [hinduistischer Lehrer aus dem 11./12. Jahrhundert] stärker unter dem Banne hinduistischer Ideen als sein Vorgänger.

Im Jahre 1857 schloß sich Keshub Chandra Sen (1838 bis 1884) der Gemeinde an, ein glänzend begabter Mann und feuriger Redner, doch zuviel Gemütsmensch und Schwärmer. Da er, ein Nichtbrahmane, auch die Kaste und das erzwungene Witwentum bekämpfte, erfolgte 1886 ein Riß in der Gemeinde. Keshub gründete die "Brahma-Kirche von Indien", während Tagores Gefolgschaft als Adi-Brahma-Samaj ("Ursprüngliche Gottes-Gemeinde") weiterbestand. Keshub stellte aus Bruchstücken der heiligen Schriften aller Religionen ein Glaubensbekenntnis zusammen und verkündete eine Universalreligion mit Christus als Mittelpunkt, die alle religiösen Menschen umfassen sollte. Christus ist von allen Religionsstiftern, den Gesandten vom Himmel, der höchste, die letzte Offenbarung der Gottheit, der Höhepunkt der Menschheit. Mit schwärmerischer Begeisterung spricht Keshub von ihm. Leider steigerte sich seine religiöse Überschwenglichkeit zur Überspanntheit. Er glaubte Privatoffenbarungen zu empfangen und durch innere Schau die Wahrheit zu besitzen. Als er unter dem Vorwand einer Privatoffenbarung entgegen dem von ihm selbst geschaffenen Ehegesetz für die Brahma-Gemeinde seine erst vierzehnjährige Tochter mit dem Fürsten von Kuch-Bihar vermählte, spaltete sich 1878 sein Anhang. Die Unzufriedenen bildeten den Sadharan-Samai (die "Allgemeine Gemeinde"), er selbst stiftete einige Jahre später das Nava Vidhan (die "Neue Heilsordnung"), in der sich seine religiöse Schwärmerei fast bis zum Wahnsinn steigerte.

Die drei Zweige des Samaj bestehen noch heute. Ihnen. verwandt sind die Prarthana-Samajes ("Gebetsgemeinden") im westlichen Indien. Diesen gehörten einige der bedeutendsten Männer des neueren Indiens an. Genannt seien R. G. Bhandarkar (1837-1927), Sanskritgelehrter von Weltruf, und M. G. Ranade (1842 - 1901), Oberrichter in Bombay, ein allgemein geachteter Reformer im besten Sinne des Wortes. Ranade gab 1884 den Anstoß zur Gründung der "Erziehungs-Gesellschaft des Dekkan", die ein hochstehendes Schulwesen schuf und leitete und einige der größten Führer des neuen Indien heranbildete. Zum Kreis dieser Männer gehört auch D. K. Karve, für dessen erleuchteten Sinn die Tatsache spricht, daß er in zweiter Ehe eine Brahmanen-Witwe heiratete; er gründete 1916 zu Puna eine von der Regierung völlig unabhängige Frauenuniversität.

Alle diese Reformsekten, die sich nicht mehr zum orthodoxen Hinduismus rechnen, zählen zusammen nur einige tausend Mitglieder; aber es sind Männer von Stand und Bildung, eine Elite der indischen Gesellschaft. Sie bekennen sich zu einer Vernunftreligion. Sie verwerfen den Theopanismus, die Seelenwanderungslehre und den Götterdienst, glauben an einen persönlichen Gott, den Schöpfer und Erhalter der Dinge, an die Unsterblichkeit der Seele, dagegen nicht an die Dreifaltigkeit, die Gottheit Christi und dessen Erlösungswerk. Allen Religionen erkennen sie Berechtigung zu.

Der Dichterfürst Rabindranath Tagore rechnet sich zu dem von seinem Vater geführten Zweig des Brahma-Samaj, hat sich aber eine eigene Weltanschauung mit christlichem Einschlag gebildet. Er ist Theopanist und fühlt sich wesenseins mit der Gottheit und der Natur. Doch trägt diese Gottheit einige christliche Züge. Gott ist Güte. Die Schöpfung ist nicht das Reich des Leidens, sondern die Offenbarung der göttlichen Liebe und Schönheit, "ein gewaltiges Liebes- und Freudenfest", "eine wundervolle Symphonie". Deshalb keine Weltflucht, sondern Weltbejahung, Freude am Leben und an der Schöpfung! Tagore predigt die allgemeine Bruderliebe, auch gegenüber der Natur, die ja der gütige Gott selber ist. Mit solchen Anschauungen läßt sich der Karma- und Seelenwanderungsglaube nicht vereinen. Nicht ein unerbittliches Weltgesetz, sondern der gütige Gott bestimmt die Geschicke der Menschheit. Er wird alle Menschen zu sich führen. Der Tod, das Aufgehen in das göttliche Wesen, soll ein Festtag sein.

Zahlreicher als die Mitglieder dieser Reformsekten sind die synkretistischen Gruppen der Neuzeit, die ausdrücklich dem orthodoxen Hinduismus treu bleiben wollen, ihn aber durch Entlehnung von christlichem Gedankengut veredeln möchten. Nach ihnen hat die europäische Christenheit den Sohn Asiens, den größten Lehrer der Menschheit, mißverstanden und vergewaltigt. Sie hat um ihn ein Gebäude von unverständlichen Lehrsätzen aufgerichtet und verdammt alle, die sie nicht annehmen. Die Christen haben seine Religion des Friedens und der Liebe ins Gegenteil verkehrt. Sie führen Kriege, unterdrücken die Schwachen, rotten fremde Rassen aus, alles unter dem Deckmantel der Religion Christi. Das Ergebnis ist das gewalttätige, nach Reichtum haschende Europa, das den Sinn für das Überirdische gänzlich verloren hat. Dieser "europäisierte" Christus und das Christentum der Kirchen wird abgelehnt. Wir wollen, so vernehmen wir viele Stimmen, den wahren Christus, losgelöst von der abendländischen Kultur, den Geist Christi, wie er sich in der Bergpredigt offenbart. Sein Geist verträgt sich ausgezeichnet mit dem Geist des Hinduismus; er ergänzt und vollendet das, was der Inder schon besitzt. Gerade in den Hinduismus, diese geistige Religion mit ihrem Streben nach dem Göttlichen, paßt diese Persönlichkeit mit ihrer Lehre vortrefflich hinein. In Christus hat das Göttliche sichtbarste Gestalt angenommen, sichtbarer als in Krishna und Buddha. Christus ist die Krone des Hinduismus. Dann wird der Hinduismus die vollkommene Religion sein, die sich schließlich die Welt erobert.

So wird Christus mit seiner Lehre in den Bau des Hinduismus eingegliedert. Die Evangelien und die Nachfolge Christi werden eifrig gelesen. Unter dem Eindruck des Beispiels und der Lehre Christi bemüht man sich, die Frauenwelt und die niedergedrückten Klassen zu heben, das Los der Witwen zu erleichtern, die Kinderheiraten abzuschaffen. Man schämt sich der Auswüchse des Götzendienstes. Die Karitas hält ihren Einzug. Ordensähnliche Vereinigungen erstehen. Man errichtet Waisen- und Krankenhäuser, Heime für Witwen und Hilflose. Hindus reden zuweilen wie Christen. Sie zitieren Bibelworte. Man kann Ausdrücke hören wie diese: Das ist meine Christenpflicht; ich habe unchristlich gehandelt. Hindus beten aufrichtig zu Christus, gehen aber dann auch in ihre Tempel und beten zu den "andern Göttern". Sie bekennen sich weiterhin zu den Grundanschauungen des Hinduismus: Theopanisrnus, Vielgötterei, Karma und Seelenwanderung. Christus ist ihnen Weisheitslehrer, vorbildlicher Mensch, nicht Erlöser. Jeder Mensch muß sich selbst erlösen.

Der bekannteste Vertreter dieser Richtung ist Mohandas Karamchand Gandhi. Geboren am 2. Oktober 1869 in einer treu hinduistischen Familie der Kaufmannskaste in Porbandar (Kathiawar), an der Universität Bombay und sodann in England als Rechtsanwalt ausgebildet, ist er stets gläubiger Hindu geblieben und wehrt sich gegen Versuche, ihn zum Christen zu stempeln. Seine Religion hält er für geistiger als alle andern, die indes auch Wahrheit besitzen. Die Bhagavadgita ist sein Lieblingsbuch. Die Verehrung der Götterbilder findet als Mittel zum Aufstieg seine Billigung. Er glaubt an die Heiligkeit der Kuh. Sie, das Sinnbild der untermenschlichen Welt, hilft ihm, sein Eins- und Gleichsein mit allem Lebenden zu erkennen, und lehrt ihn Mitleid. Das Kastenwesen erkennt er als heilige Ordnung an und bekämpft nur dessen Auswüchse. Er wünscht, daß alle Inder bei ihrer Religion verharren.

Doch ist gleichzeitig sein Blick bewundernd auf Christus gerichtet, die größte Offenbarung der Gottheit. Er sucht ihn in sich nachzubilden und die Grundsätze der Bergpredigt sich zu eigen zu machen. Keiner hat wie Gandhi den rücksichtslosen Materialismus des Westens verdammt. Seine Freunde nennen ihn christusähnlich, und manch einer mag in ihm eine Verkörperung von Christus im Sinne der Herabstiege Vishnus erblicken. Er ist ein Mahatma ("Große Seele"), einer, der die Welt und das Fleisch bezwungen hat. Nach Christi Vorbild will er den Nächsten lieben wie sich selbst, auch seine Feinde, auch die "Verderber seines Volkes", die Engländer. Er hilft den sittlich Gestrauchelten und ist der Freund der Ausgestoßenen. Seid sanftmütig und demütig; vergeltet Böses mit Gutem; selig, die Verfolgung leiden: diese und ähnliche Grundsätze Christi will Gandhi in die Tat umsetzen. Durch Leiden will er das Übel besiegen. Er fastet, wenn sich seine Anhänger zu Gewalttaten hinreißen lassen, oder um die Bedrückung der Parias zu beseitigen. Es ist wohl altes Hinduideal, zu ertragen und sich gegen Unrecht passiv zu verhalten; aber bei Gandhi ist doch starker christlicher Einfluß klar erkenntlich. Er ergibt sich nicht der beschaulichen Müßigkeit der Hindu-Asketen, sondern verbindet Passivität mit höchstem Tätigkeitsdrang, und er überträgt seine Grundsätze auch auf das gesellschaftliche und politische Gebiet.

Der in den letzten Jahrzehnten vielgenannte und über Gebühr gepriesene Sadhu Sundar Singh (seit Ende 1929 verschollen) mag gleichfalls zu dieser Klasse gerechnet werden. Auf den ersten Blick erscheint es, als habe in ihm das Christentum den Hinduismus ganz überwunden. Nach dem Urteil seines bedeutendsten europäischen Bewunderers hat er alles Hinduistische abgestreift und ist das Vorbild des Christen der Zukunft, in dem sich das Beste des katholischen und protestantischen Wesens zur Einheit verbindet. Aber bei näherem Zusehen entdecken wir in ihm noch viel Hinduismus. Sein Bekehrungserlebnis, als Christus ihm sichtbar erschien und ihn für immer beglückte, gleicht dem hinduistischen Erlösungserlebnis, wenn die Erleuchtung aufblitzt: Ich bin Brahma. Die hinduistische Ungebundenheit im Glauben zeigt sich darin, daß er sich keiner kirchlichen Gemeinschaft anschließen wollte. Der Inhalt seiner Frömmigkeit ist wohl christlich, aber die Form bleibt weitgehend hinduistisch. Die Versenkung ist für ihn der gewöhnliche Zustand im Gebet; er gleicht hierin den hinduistischen Erlösten. Hinduistisch ist ferner, daß er unter dem Eindruck lebte, Christus verkörpere sich in ihm. So suchte er sich im Äußern der Erscheinung Christi, wie der gute Christ sich dieselbe vorstellt, anzugleichen. Er glaubte die Lebensschicksale Christi zu teilen. So redete er sich ein, er habe ein vierzigtägiges Fasten vollendet, sei vom Teufel versucht worden, habe durch Handauflegung und Gebet Kranke geheilt, sei angenagelt worden, nicht an ein Kreuz, wohl aber auf ein Brett. So können wir auch bei Sadhu Sundar Singh eine Verbindung von Christentum und Hinduismus feststellen, in der aber das Christliche überwiegt.

Ähnlich muß das Urteil lauten über eine edle indische Frau. Es ist die Brahmanenwitwe Ramabai Sarasvati (1858-1922), die, weil in der indischen Philosophie bewandert, den Titel Pandita (Meisterin) führte. Als junge Witwe kam sie unter protestantischen Einfluß und besuchte England, wo sie getauft wurde, und Amerika. Da sie als Witwe nicht mehr heiraten durfte, entschloß sie sich zu einem Leben der Karitas. So entstand bei Puna die Niederlassung Mukti, die sich mit unglücklichen Frauen und Mädchen füllte. Ihre Zahl betrug schließlich 2000. Zumeist waren es Opfer der Hungersnot: Witwen, Waisenmädchen, gestrauchelte Frauen und Mädchen, unheilbar Erkrankte. Ramabai hat Erstaunliches geleistet. Sie war Unitarierin, d. h. sie verwarf das Dogma von der Dreifaltigkeit, folglich auch die Gottheit Christi. Der Erlöser war ihr nur Vorbild und Führer. Sie selbst leitete den Gottesdienst ihrer Gemeinde, der aus Bibelerklärung und Gebet bestand.

Wie ist diese synkretistische Bewegung in ihren verschiedenen Abarten zu beurteilen? Wir sehen hier einen Erfolg der christlichen Mission, mögen die Inder dies auch leugnen und die christlichen Kirchen verketzern. Die Überlegenheit des Christentums über den Hinduismus ist klar erwiesen. Daß christliche Ideen ins Volk eindringen und viel Gutes wirken, daß durch sie der krasse Götterdienst gemildert wird, verdient Anerkennung. Protestanten liberaler Richtung wie Stanlev Jones, der in seinem Buch "Der Christus der indischen Landstraße" die Bewegung schildert, begrüßen mit übertriebenen Hoffnungen diesen religiösen Synkretismus, der zur allmählichen Christianisierung Indiens - im Sinne der liberalen Protestanten, denen am dogmatischen Christentum wenig gelegen ist - führen werde. Auf katholischer und konservativ-protestantischer Seite dagegen steigen auch starke Bedenken auf. Der Hinduismus veredelt sich und gewinnt an Widerstandskraft. Hindus wie Gandhi fühlen sich befriedigt in ihrer durch christliche Gedanken und Einrichtungen bereicherten Religion. Es fehlt ihnen jeglicher Antrieb, das volle Christentum aufzunehmen. Doch besteht die Hoffnung, daß einmal in der Zukunft auf dem christlich durchsäuerten Boden sich eine wirkliche Christianisierungsbewegung größeren Stils einleiten läßt. Mit dieser Hoffnung vor der Seele widmet sich in Kalkutta eine Gruppe von katholischen Gelehrten unter Führung der Jesuiten Dandoy [Georges Dandoy, 1882-1962] und Johanns [Pierre Johanns, 1882-1955] der Aufgabe, die christliche Religion in anziehender Form dem intellektuellen Indien näher zu bringen, ferner den Wahrheitsgehalt der indischen Weisheitssysteme herauszuschälen und zusammenzustellen und gleichzeitig durch Einbürgerung fehlender und Berichtigung falscher Begriffe den höheren Hinduismus zu läutern.

Größeren Umfang als die wohlwollenden synkretistischen Strömungen hat unter dem Einfluß des Westens eine rein hinduistische und reaktionäre Bewegung angenommen, die Hindu-Renaissance genannt worden ist. In den höheren englischen Schulen lernte der Inder erst seine große Vergangenheit und die reiche religiöse Überlieferung seines Volkes kennen. Gar mancher richtete seinen Blick begeistert auf das Gute und Wertvolle in Altindiens Religion und Philosophie, darin bestärkt durch das überschwengliche Lob, das von europäischen Gelehrten der indischen Weisheit gespendet wurde. Anderseits sah er vor allem die Schattenseiten der westlichen Kultur, für die er gar zu gern das Christentum verantwortlich machte. Gegenüber dem europäischen christlichen Menschen unter der Herrschaft des Seelen erstickenden Materialismus erscheint der Inder solchen Hindus als ein geistiger Mensch, der nach der Vervollkommnung und Erlösung der Seele strebt. Also Abkehr vom Christentum und um so treueres Festhalten am Hinduismus. Allerdings bedarf dieser einer Läuterung und festeren Organisation. Deshalb sucht auch diese Richtung den allergröbsten Götzendienst sowie das Alberne und Unsittliche in der Religion zu beseitigen. Man eignet sich auch hier westliche und christliche Einrichtungen an, um die Stellung des Hinduismus zu festigen; doch wird nicht eingestanden, daß das Christentum als Vorbild dient. Auf Anregung der Theosophin Besant [Annie Besant, 1847-1933, Bild] wurde 1898 eine hinduistische Fachschule zu Benares gegründet; seit 1915 ist sie zu einer Hindu-Universität ausgebaut. Hier in den theologischen Vorlesungen und auch sonst in theologischen Zeitschriften sucht man den Hinduismus einschließlich seiner Vielgötterei wissenschaftlich zu begründen. Allgemeiner Gottesdienst und religiöse Unterweisung des Volkes, die man bisher nicht kannte, werden eingeführt, religiöse Vereine und Anstalten der Nächstenliebe, gegründet.

Diese künstlich geläuterte, neubelebte und gefestigte Religion preist der selbstbewußte Hindu als den Sanatana-Dharma, das ewige Gesetz, das alles umschließt, was die übrigen Religionen bruchstückweise enthalten. Als Krone dieser Einzelformen niederen Wahrheitsgehalts bietet der Hinduismus in der Vedantaphilosophie die höhere Wahrheit, die allein den Weg zur Erlösung zeige. Jetzt beginnt der Hinduismus auch bewußt Mission zu treiben. Er will die geisterverehrende Urbevölkerung sich schnell einverleiben und die einheimischen Christen, von denen er sich bisher stolz abgewandt, wieder mit sich vereinigen. Auch Europäer können sich ihm jetzt anschließen. Auf internationalen Religionskongressen verkünden Hindus begeistert ihre "Weltreligion" und "Weltphilosophie".

Hauptförderer dieser Renaissance wurde Narendranath Datta (1862-1902, Bild), unter seinem Sannyasinamen Swami Vivekananda bekannt. Er entstammte der einflußreichen Shudrakaste der Kayasthas. Der hochbegabte, redegewandte und modern gebildete Mann hatte sich zuerst dem Brahma-Samaj angeschlossen, wählte sich aber bald Ramakrishna (1834-1886) zum geistlichen Führer. Dieser wenig gebildete, aber tiefreligiös veranlagte Brahmane, ein inbrünstiger Verehrer der Kali, war ein typischer Hindu der alten Schule. Er glaubte Krishna geschaut zu haben. Von dem Augenblick an erfüllte ihn seliger Frieden. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in einem Kali-Heiligtum nördlich von Kalkutta, Neugierige ohne Zahl kamen, um ihn in der Versenkung und Verzückung zu betrachten. Er starb als "Vollendeter" (Paramahansa), der zur Einheit mit dem eigenschaftslosen Sein gelangt war, und wurde als Verkörperung Krishnas vergöttert. Unter diesem Guru wurde Vivekananda ein begeisterter Vertreter des Hinduismus. Sechs Jahre verbrachte er als Einsiedler im Himalaya. Seit 1892 begann er predigend das Land zu durchziehen. Dann weilte er lange Jahre in Amerika und England. Auf dem Religionskongreß von Chicago (1893) erregte er großes Aufsehen. Im Jahre der Pariser Weltausstellung (1900) warb er auch in Frankreich für seine Ideen. Nach Indien zurückgekehrt, wo man ihn als Nationalhelden empfing, gründete er einen Asketenorden und stiftete das Ramakrishna-Missionswerk. Durch Wort und Schrift predigen die Missionare Nächstenliebe und Treue gegen den Hinduismus, im Ausland vor allem die Weltanschauung des Vedanta als Krone der historischen Religionen, die wohl nützlich, aber von minderem Wahrheitsgehalt seien. In den Klöstern, wo die Missionare ausgebildet werden, wechseln nach fester Tagesordnung Betrachtung, Studium und Erholung. Nur in einem Himalayakloster obliegt man einzig der Beschauung.

Schon vor Vivekananda war als Gegenstück des Brahma-Samai eine Vereinigung entstanden, die sich zur erfolgreichsten reaktionär-hinduistischen Reformbewegung ausgewachsen hat. Es ist der Arya-Samaj (Gemeinde der Arier), 1875 von Dayanand Sarasvati, einem Brahmanen aus Kathiawar, zu Bombay gegründet, aber heute hauptsächlich in Nordindien verbreitet. Dayanand verschloß sich standhaft europäischer Bildung und machte kein Hehl aus seiner Feindschaft gegen das Christentum. Rückkehr vom entarteten Hinduismus der Gegenwart zur reinen Lehre des ursprünglichen Veda! war sein Kampfruf. Der Veda ist nach seiner Überzeugung ganz monotheistisch - die Götter sind nur Sinnbilder der Naturkräfte -, und er lehrt, daß es drei ewige Wesenheiten gibt: einen persönlichen Gott, einen Urstoff und eine Vielheit der Seelen. Gott bildet, regiert und zerstört die Welt, die in ewigem Wechsel entsteht und vergeht. Die Seelen wandern im Geburtenkreislauf umher, bis sie durch Erkenntnis und Verehrung Gottes und tugendhaften Wandel die Erlösung und die Seligkeit des Himmels erlangen. Da. ihre Zahl begrenzt ist, die der Weltperioden aber unbegrenzt, müssen beim Entstehen einer neuen Welt auch die erlösten Seelen wieder in den Stoff zurückkehren, damit nicht schließlich der Vorrat an Seelen ausgehe. Weil der Veda das Wissen Gottes ist, enthält er alles, was der Menschengeist bisher ersonnen hat oder noch ersinnen wird, die Kenntnis des kopernikanischen Systems, alle bisherigen und künftigen Erfindungen. Der Reform des Hinduismus wandte Dayanand alle Aufmerksamkeit zu. Er bekämpfte die Auswüchse des Kastenwesens und die Sitte der Kinderheiraten und bemühte sich um die Hebung der niederen Stände, die allgemeine Volksbildung, die Mädchenerziehung und überhaupt die Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne.

Nach dem Tode des Stifters (1883) spaltete sich die Gemeinde. Eine strengere Partei richtete ihr Erziehungswesen ganz nach altindischen Grundsätzen ein und besitzt in der Veda-Hochschule zu Hardwar eine Bildungsstätte eigener Art. Eine freiheitlichere Richtung macht Zugeständnisse an das europäische Erziehungswesen und erlaubt den Fleischgenuß. Ihr 1886 zu Lahor gegründetes Dayanand-Anglo-Vedic-College zählt zu den bedeutendsten höheren Unterrichtsanstalten Indiens. Die Anhänger des demokratisch regierten Arya-Samaj, über eine halbe Million, wollen im Kampfe gegen ausländische Einflüsse das goldene Zeitalter Altindiens wiederherstellen und entfalten unter den Mohammedanern und Christen eine rührige Missionstätigkeit.

Auch die Theosophie ist ein Erzeugnis des westlichen Einflusses, da sie im Westen ersonnen und hauptsächlich von westlichen Träumern - Blavatsky [Helena Petrovna Blavatsky, 1831-1891], Besant u. a. - gefördert wurde. Sie ist eine wesentlich hinduistische Sekte mit ihrem theopanistischen Gottesbegriff, ihrem Glauben an die Weltentstehung aus dem unerfaßlichen Absoluten und an die Weltzerstörung, an Karma und Seelenwanderung, an die im Himalaya wohnenden "vollendeten Seelen" (Mahatmas) und ihrer Lehre von der Wahrheit aller Religionen, deren wesentlichen Kern die Theosophie darbieten will. Doch scheint dem verschwommenen Mystizismus in Indien keine große Zukunft beschieden zu sein. Der Traum von der Wiederverkörperung des großen Weltlehrers im Hindujüngling Krishnamurti dürfte mit dem Tode der Frau Besant (1933) in sein Nichts zerronnen sein.

Der Islam Indiens hat sich gleichfalls nicht ganz dem westlichen Einfluß entziehen können, und da und dort haben Reformbewegungen eingesetzt, die den hinduistischen gleichen. Alle Reformer leitet das Bestreben, der mohammedanischen Gemeinschaft etwas von dem Ansehen und der beherrschenden Stellung wiederzuerobern, die sie durch die englische Herrschaft, die Niederwerfung des Soldatenaufstandes und die neuzeitliche Kräftigung des Hinduismus verloren hat. Auf fast allen Gebieten sehen sich ja die Mohammedaner von den viel strebsameren Hindus überflügelt.

Die wahhabitische Bewegung Arabiens griff nach Indien über und erstrebte die Ausmerzung hinduistischer Gebräuche im Islam sowie die Rückkehr zur strengen Moral des Koran. Der Mohammedanismus hat immer eifrig Mission getrieben und unter den niederen Volksschichten große Erfolge erzielt, da er alle Neubekehrten als gleichberechtigte Glaubensgenossen betrachtet und damit auf eine höhere gesellschaftliche Stufe erhebt. Man darf in der neueren Zeit seinen Gewinn auf jährlich 100.000 schätzen.

Bekannter sind die Bemühungen, das mittelalterliche Gewand des Islams abzustreifen, westlicher Bildung Eingang zu verschaffen und damit die Religion der neuen Zeit anzupassen. Als Führer hat sich Sayyid Ahmad Khan (1817-1898) einen Namen gemacht. Er war loyaler englischer Beamter, hat 1869 auch England besucht und zwei Söhne dort erziehen lassen. Im Jahre 1875 gründete er zu Aligarh das Anglo-Orientalische Kolleg. Seit 1878 der Universität Kalkutta, sodann der neuen Universität Allahabad angegliedert, ist es seit 1920 selbständige Universität. Es wird von mohammedanischen Studenten aus ganz Indien und aus andern islamitischen Ländern besucht. Zahlreiche europäische Gelehrte, darunter auch Deutsche, sind als Professoren und Direktoren berufen worden.

Am häufigsten wird die islamitische Sekte Ahmediya genannt, die von Indien ausgegangen ist und in der ganzen Welt für sich wirbt. Ihr Gründer war Mirza Ghulam Ahmed, mongolischer Abstammung, 1836 zu Kadian im Paniab geboren. Der religiös gestimmte Mann kam mit protestantischen Missionaren in Berührung. Vom vierzigsten Lebensjahre an glaubte er Offenbarungen zu erhalten. Er kam zur Überzeugung, er sei ein gottgesandter Prophet, der Mahdi und der Messias in einer Person, die Krone aller Propheten, berufen, die Welt zu erlösen. In einem vierbändigen Werk, "Die Beweise der Ahmediva" (1880/84), legte er seine Gedanken nieder. Er wollte den absterbenden Islam durch Wiederherstellung seiner ursprünglichen Reinheit neu beleben, dann mit geistigen Waffen das Christentum bekämpfen und den Islam als die einzige vernunftgemäße und einzig wahre Religion zur Weltreligion erheben. Christus sei am Kreuze nur scheintot gewesen; wiederhergestellt, sei er 120 Jahre alt zu Srinagar in Kaschmir eines natürlichen Todes gestorben. Auch als Verkörperung Krishnas hat sich Ahmed betrachtet. Die mohammedanische Orthodoxie schloß ihn als Ketzer aus der islamitischen Gemeinschaft aus. Er starb 1908. Es erfolgte eine Spaltung der Sekte in zwei Gruppen. Beide treiben Mission im Westen, namentlich in England, Deutschland und in den Vereinigten Staaten. London und Berlin erhielten Moscheen. Die vom Sohn des Stifters, Mahmud Ahmed, geführte Gruppe scheint den größeren Erfolg zu haben.

Noch eine letzte, recht bedauerliche Wandlung ist zu nennen als Folge des Einbruchs der seelenlosen Zivilisation des Westens, des Mangels jeglicher religiösen Beeinflussung in den Staatsschulen und der Berührung mit dem religiös gleichgültigen Europäertum. Es ist der sogenannte Säkularismus, die alles Übernatürliche und Religiöse mißachtende oder positiv ablehnende Welt- und Lebensauffassung. Sie hat weithin die führenden Schichten der Hindus und andern Religionsgemeinschaften erfaßt und gewinnt an Umfang unter der studierenden Jugend, die damit auch leicht dem Laster verfällt, und in der Arbeiterschaft, wo der Kommunismus für seine Ideen wirbt. Diese modernen Menschen wenden ihren Blick ab von der religiösen Vergangenheit ihres Volkes und von der christlichen Gedankenwelt, verachten ihre Asketen und das gläubige Volk. Doch ist die Bauernschaft, die Hauptmasse der Bevölkerung, wenig berührt von diesem Geist und scheint auch der bolschewistischen Werbetätigkeit noch zu widerstehen.

Es handelt sich um einen Auszug aus dem Geschichtswerk: Alfons Väth S.J., Die Inder, Freiburg im Breisgau: Herder 1934, S. 238 ff (Des dritten Teils Indien unter europäischem Einfluß und britischer Herrschaft. Die Neuzeit Kapitel 12 Geistige und religiöse Wandlungen der letzten hundert Jahre). Das Buch erschien als 28. Band der Geschichte der führenden Völker, hg. von Heinrich Finke, Hermann Junker und Gustav Schnürer.


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