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Die Kreuzzüge

Von Michael Hesemann

Michael Hesemann hat im Sankt Ulrich Verlag, Augsburg sein Buch “Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte” veröffentlicht. In 20 Kapiteln, vom “leeren Grab” über den “ersten Papst” und die “Päpstin Johanna” bis zu “Giordano Bruno” und die Gerüchte um die Ermordung Papst Johannes Pauls I. untersucht der Historiker und Fachjournalist in spannender Weise heute noch kursierende Legenden und trennt kompetent Fakten von Fiktionen. Das zehnte Kapitel beschäftigt sich mit den Kreuzzügen. Daraus bringen wir einen Ausschnitt.

Kein Thema in der 2000jährigen Geschichte des Christentums ist von so aktueller politischer Brisanz wie die Kreuzzüge, und nur wenige Themen sind so sehr von Vorurteilen belastet. Sie erscheinen als eine Vorwegnahme des “Zusammenpralls der Zivilisationen”, den der US-Politologe Samuel P. Huntington 1993 postulierte und der seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 bittere Wahrheit geworden zu sein scheint. Daran, daß die Wurzeln des heutigen Konfliktes zwischen der islamischen Welt und dem Westen in den Kreuzzügen des Mittelalters liegen, läßt zumindest die Rhetorik der Islamisten keinen Zweifel. So nennt sich die Terrororganisation al-Qaeda offiziell “Welt-Islam-Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzzügler”. Als Islamisten im Dezember 2004 vor dem US-Konsulat in Jiddah/Saudi Arabien einen Autobombenanschlag verübten, erklärten sie diesen zu einem “Angriff auf eine der Burgen der Kreuzzügler auf der arabischen Halbinsel”, so, als hätte er im 12. und nicht im 21. Jahrhundert stattgefunden. “Ich kann Ihnen versichern, daß die Geschichten von den Kreuzzügen noch heute im Nahen Osten erzählt werden und wir immer noch dafür bezahlen”, erklärte Ex-US-Präsident Bill Clinton im November 2001 an der Georgetown-Universität.

Im Westen denkt man nicht viel anders. So bezeichneten etwa Michael Baigent und Richard Leigh sie in ihrem tendenziös-reißerischen Bestseller “Als die Kirche Gott verriet” als “historische (n) Präzedenzfall dessen, was Jahrhunderte später als westlicher Imperialismus und Kolonialismus bekannt werden sollte”. Als Sir Ridley Scott 2005 sein Kreuzzugsdrama “Königreich der Himmel” in die Kinos schickte, wurden die Kreuzfahrer als intrigante, intolerante Fanatiker portraitiert, die Araber dagegen als edel und fair. Der Held des Streifens, fast zum Propheten erhöht, ist der Sultan Saladin, der die christlichen Ritter in der Schlacht von Hattin 1187 nicht nur vernichtend schlug, sondern (in der Realität, nicht im Film) “lächelnden Antlitzes” – so sein Chronist Imad ad-Din – zusah, wie sämtliche überlebenden Ordensritter geköpft wurden.

Das allein schon zeigt, wie wenig Schwarzweiß-Malerei zum Verständnis von Geschichte beiträgt. Es gilt heute als “politisch korrekt”, sich der Kreuzzüge zu schämen. Selbst die meisten Christen denken so, halten “Krieg im Namen Gottes” für eine Perversion der Botschaft Christi und haben damit natürlich recht. Allerdings kennt die christliche Glaubenslehre auch ein Recht auf Notwehr und Selbstverteidigung. Doch was waren die Kreuzzüge? Ein Angriffskrieg, ein Akt der Aggression und religiösen Intoleranz? Oder ging es tatsächlich um bewaffneten Beistand für die christliche Minderheit im Heiligen Land und die Sicherheit der vielen Jerusalem-Pilger, die durch die politischen Verhältnisse dieser Zeit nicht mehr gegeben war?

Um das herauszufinden müssen wir die historischen Quellen studieren, die Berichte von beiden Seiten der Front, die uns erhalten sind, und analysieren, wie es zu dieser Urkatastrophe des Konfliktes zwischen Orient und Okzident überhaupt kommen konnte.

Nachdem auf Befehl Konstantins des Großen im Jahre 325 das Grab Christi und der Golgotha-Hügel freigelegt worden waren, ließ der Kaiser über ihnen eine monumentale Basilika errichten, die “Auferstehungskirche”, die zum bedeutendsten Heiligtum der Christenheit wurde. Fortan strömten Pilger aus der ganzen Welt nach Jerusalem, um an den Stätten zu beten, an denen Christus litt, gekreuzigt wurde und von den Toten auferstand. Als unter Theodosius das Christentum Staatsreligion wurde, erreichte das Pilgerwesen seinen Höhepunkt. Zwar waren Rom und Konstantinopel die Zentren der Kirche, doch Jerusalem, dessen Bischof bald auch zum Patriarchen ernannt wurde, galt als der geographische und spirituelle Nabel der christlichen Welt.

Der letzte Prophet

Im Jahre 610 hatte der vierzigjährige Kaufmann Muhammad (570-632) in der Wüste bei Mekka die erste einer Reihe von Visionen, die ihn überzeugten, der letzte von Gott berufene Prophet zu sein. Er war eingeschlafen und träumte, ein Engel würde ihn bedrängen, ein beschriebenes Seidentuch zu lesen; er weigerte sich, bis der Engel ihn mit dem Tuch zu ersticken drohte und er schließlich nachgab; schweißgebadet wachte er auf, sich an jede Zeile erinnernd. Fortan wiederholten sich, teils unter heftigen Krämpfen, die Visionen. Die Verse, die er dabei empfing, ließ er auf losen Blättern niederschreiben; erst seine Nachfahren stellten daraus ein prophetisches Buch zusammen, das sie Qur'an, “Lesung, Rezitierung”, nannten.

Die Visionen, die er damals hatte, verstand Muhammad als Vollendung der Gottesoffenbarung, die mit dem Alten Testament begann und mit dem Neuen Testament fortgeführt wurde. Allah, wie er auf arabisch Gott nannte, habe sich in Abraham, Moses und Jesus Propheten erwählt, deren letzter er sei. So suchte er zunächst Anerkennung bei den Juden und Christen, die damals auf der arabischen Halbinsel lebten, doch vergeblich. Für die Juden endete die Gottesoffenbarung mit der Weihe des Zweiten Tempels, für die Christen mit dem Ende der apostolischen Zeit. Ihre Weigerung, ihn als Propheten anzuerkennen, ließ in Muhammad die Überzeugung aufkommen, daß beide, Juden und Christen, vom rechten Weg des einen Gottes abgewichen und ihre heiligen Schriften verfälscht seien; es sei jetzt seine Aufgabe, die wahre Religion Abrahams wiederherzustellen. In seinen Visionen reagierte er auf diese Ablehnung, indem er immer radikalere Aussagen empfing, bis hin zu der Forderung, die “verstockten Ungläubigen” mit dem Schwert zu bekehren.

Seine Kritik am Christentum galt dabei in erster Linie der Dreifaltigkeitslehre, die für ihn nur eine Form des Polytheismus war. Jesus war für ihn ein großer Prophet, er glaubte sogar, daß Maria ihn jungfräulich empfangen hatte, aber er sei nicht Gottes Sohn. Auch Kreuzigung und Auferstehung lehnte er ab; nach dem Qur'an war ein anderer an Jesu Stelle gekreuzigt worden.

Kritische Religionswissenschaftler sind heute davon überzeugt, daß viele Inhalte der Visionen Muhammads seinem eigenen Unterbewußtsein und dem, was er auf seinen ausgedehnten Reisen als Kaufmann irgendwo aufgeschnappt hatte, entstammten. So gab es tatsächlich im 7. Jahrhundert in Arabien noch gnostische Sekten, die an keine Kreuzigung glaubten, weil Jesus für sie ein Lichtengel in einem Scheinleib war; er konnte weder leiden noch sterben. Andere, so die Arianer, lehnten die Dreifaltigkeit ab, weil sie Jesus zwar für wesensähnlich, aber eben nicht für wesensgleich mit dem Vater hielten. Sogar Muhammads erste Frau Chadidscha, eine fünfzehn Jahre ältere, reiche und angesehene Kaufmannswitwe, die ihn mit allen nötigen finanziellen Mitteln versorgte, soll eine heterodoxe Christin gewesen sein.

Als Muhammad im Jahre 614 das erste Mal mit seinen Offenbarungen in Mekka an die Öffentlichkeit trat, stieß er auf heftige Ablehnung. Die Stadt war durch die Pilger, die zu dem heidnischen Schrein der Kaaba strömten, reich geworden; nichts konnte sie weniger gebrauchen als monotheistischen Purismus. Nur einige Wenige, die zumeist sozial schwachen Schichten entstammten, waren bereit, seiner neuen Lehre zu folgen. Doch als die "ersten Muslime" zu predigen begannen, wurde es den Mekkanern zu bunt: Kaum war seine Frau und Beschützerin verstorben, vertrieben sie Muhammad und seine Anhänger aus der Stadt.

Schließlich siedelte er sich in der Nachbarstadt Medina an, wo er erneut Anhänger um sich scharte und sogar mit den lokalen Juden ein Bündnis schloß. Kaum war er stark genug, startete er an der Spitze einer gutausgebildeten Armee einen Feldzug gegen Mekka, das er nach zwei Schlachten belagerte und schließlich 627 einnahm. Wer ihm fortan Gefolgschaft leistete, wurde verschont, die Widerständler getötet; einem Großteil der Bevölkerung gelang die Flucht. Eine jüdische Sippe, der er Vertragsbruch vorwarf, wurde öffentlich hingerichtet.

Jetzt hatte Muhammad die Macht, die Kaaba vollständig von den Götzenbildern zu reinigen; sie wurde fortan zum heiligsten Ort seines neuen Glaubens, den er Islam (“Unterwerfung”) nannte. In ihre Richtung hatten seine Anhänger, die Muslime (“die sich Unterwerfenden”), fünf Mal täglich zu beten, zu ihr sollten sie einmal im Leben eine Pilgerfahrt unternehmen.

Der heilige Krieg

Seit der Eroberung Mekkas galt der Krieg im Namen Gottes (Djihad) bei Muhammad als legitimes Mittel zur Verbreitung seiner Religion. Wer sich weigerte, sich ihr zu unterwerfen, hatte nur noch eine Wahl: Er konnte Tribute an die Muslime zahlen. Das, so versicherte der Prophet, sei Gottes Wille:

„Kämpft gegen diejenigen aus dem Volk der Schrift (also Christen und Juden), die nicht an Allah und den jüngsten Tag glauben und nicht als unerlaubt erachten, was Allah und Sein Gesandter als unerlaubt erklärt haben, und die nicht dem wahren Bekenntnis folgen, bis sie aus freien Stücken Tribut entrichten und ihre Unterwerfung anerkennen", heißt es in der 9. Sure (Vers 29) des Qur'an. Daß er dabei nicht nur Arabien, sondern die Welt im Sinn hatte, stellte er unter Beweis, als er 329 mit seinem Heer die Südgrenze des byzantinischen Reiches angriff und Akaba eroberte. Schließlich schickte er Briefe an den Kaiser in Konstantinopel, den König von Persien und den Negus von Äthiopien, in denen er sie aufforderte, sich dem Islam zu unterwerfen. Doch das Führen weiterer „Heiliger Kriege" überließ er seinen Anhängern. Er selbst zog sich ins Privatleben zurück und genoß die Nähe seiner neun Frauen, deren jüngste, seine Lieblingsfrau Aischa, er geheiratet hatte, als sie sieben Jahre alt war. Sein plötzlicher Tod zwei Jahre später war zunächst ein Schock für die Muslime, die fest damit gerechnet hatten, daß er, wie einst Moses, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen werden würde. Doch auch das nahmen sie hin, um sich um so eifriger ihrer großen Aufgabe, dem Djihad, zu widmen. Bis das Jahrhundert Muhammads sich dem Ende neigte, reichte die islamische Welt von Nordafrika bis Afghanistan, vom Jemen bis Syrien. Den Byzantinern blieben von der einstigen Osthälfte des Römischen Reiches gerade einmal Griechenland und die heutige Türkei.

Diese in der Geschichte fast einzigartige Expansion, allenfalls vergleichbar noch mit dem Feldzug Alexanders des Großen, versetzte Europa in Angst und Schrecken, zumal sie keine Grenzen zu kennen schien. Im Jahre 711 überquerten die Muslime die Straße von Gibraltar und besetzten innerhalb von einem Jahr die gesamte iberische Halbinsel; 732 hätten sie vielleicht auch noch das Frankenreich erobert, wären sie nicht von Karl Martell, dem Großvater Karls des Großen, in der Schlacht von Poitiers gestoppt worden. Auch eine Belagerung Konstantinopels scheiterte 717/718.

Als die Muslime 638 unter ihrem zweiten Kalifen, Muhammads Gefolgsmann Umar, Jerusalem eroberten, leisteten die Christen keinen Widerstand. Die „Religionssteuer", die sie als „Ungläubige" entrichten mußten, war allemal geringer als die Steuern des byzantinischen Reiches, und Umar garantierte ihnen in einer eigens ausgefertigten Urkunde „absolute Sicherheit für Eure Leben, Euren Besitz und Eure Kirchen". Immerhin hatte Muhammad im Qur'an auch ganz klar festgestellt: „Es soll kein Zwang sein im Glauben" (2, 256).

Auch in den anderen unterworfenen Gebieten zeigten sich die Araber zunächst tolerant. Im maurischen Spanien übernahm die christliche Minderheit sogar die arabische Sprache und Schrift für den Gottesdienst. Die friedliche Koexistenz der Zivilisationen und Religionen, die sich gegenseitig inspirierten, führte in al-Andalus, wie die Araber Spanien nannten, zu einer kulturellen Blüte, die für das frühe Mittelalter einzigartig war. Um seinen Friedenswillen zu demonstrieren, übertrug der legendäre Kalif Harun ar-Raschid, ein Mann von höchster Bildung und Kultur, dem Kaiser des Westens, Karl dem Großen, 801 (nach anderen Berichten schon 797) offiziell das Eigentum an den heiligen Stätten in Jerusalem und übersandte ihm eine Kopie des Schlüssels der Grabeskirche. Das war um so erstaunlicher, als Karl noch ein Jahrzehnt zuvor in Nordspanien gegen die Sarazenen gekämpft und ihnen die „spanische Mark", Katalonien, abgerungen hatte.

Zusammenstöße mit den Christen

Doch das Blatt wendete sich bald. Im 10. Jahrhundert kam es auch im Heiligen Land zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen. Als 966 die Byzantiner Teile Syriens zurückeroberten, erklärten die Araber den Djihad und ließen ihre Wut über die Niederlage an den Christen von Jerusalem aus. Dabei setzten sie auch das Dach der Auferstehungskirche in Brand. Drei Jahre später drangen die Fatimiden, eine Berberdynastie aus Marokko, die ihre Abstammung auf die Muhammad-Tochter Fatima zurückführte, an die Macht und fielen in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Fatimiden-Kalifen Ibn Moy im Jahre 979 wurde in die Tore der Auferstehungskirche Feuer geworfen, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen um. Erst 984 konnte sie notdürftig wiederhergestellt werden.

Als der fatimidische Kalif Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) bei einem Angriff auf das byzantinische Reich kläglich scheiterte, rächte er sich an den Christen, die in seinem Reich lebten: Öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen aus allen öffentlichen Ämtern verdrängt oder zur Annahme des Islam gezwungen, in den nächsten zehn Jahren rund 30.000 Kirchen enteignet oder geplündert. Die Tage der konstantinischen Auferstehungskirche waren damit ebenfalls gezählt. Im Jahre 1009 befahl der Kalif in einem Anfall von religiösen Fanatismus dem Gouverneur von Ramla, das wichtigste Heiligtum der Christenheit “zu zerstören, ihre (christlichen) Symbole zu entfernen und alle Spuren von ihr und die Erinnerung an sie zu beseitigen.” Die Einrichtung, darunter ihre kostbaren Ikonen, wurde entfernt und verbrannt, die Kirche aber bis auf die Grundmauern geschleift, “mit Ausnahme dessen, was nicht zerstört werden konnte oder nur mit Mühe auszugraben und fortzuschaffen war”. Das Heilige Grab selbst, die damals noch komplett erhaltene Felsenhöhle, die zur Stätte der Auferstehung Christi geworden war, sollte weggemeißelt werden. “Da sie nicht imstande waren, ihn zu zerschlagen, setzten sie den Felsen einem mächtigen Feuer aus”, berichtete ein Augenzeuge, der Benediktinermönch Ademar von Jerusalem, voller Entsetzen. Dann wurde das Feuer mit kaltem Wasser gelöscht, der brüchig gewordene Stein “abgebrochen”. Nur ein Stumpf trotzte der nackten Gewalt, darunter die Steinbank, auf der einst der Leichnam des Gekreuzigten lag.

Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die christliche Welt, als man in Europa von der Schändung der heiligen Stätte erfuhr, und nicht wenige, die um die Jahrtausendwende den Weltuntergang erwarteten, sahen darin ein Zeichen, daß das Ende nahe sein mußte. Doch auch das 1000. Jahr nach dem damals angenommenen Datum der Kreuzigung Jesu, das Jahr 1033, verging, ohne daß der Herr wiederkam. Während al-Hakims Nachfolger mit dem byzantinischen Kaiser über den Wiederaufbau der Auferstehungskirche (die im Westen Grabeskirche heißt) verhandelte, wuchs in Europa das Unbehagen über die Vorstellung, daß das Heilige Grab der Willkür der “Ungläubigen” ausgeliefert war. Die Garantie des Kalifen Umar, so hatte sich gezeigt, war das Pergament nicht wert, auf dem sie geschrieben worden war. Die Sorge erwies sich als berechtigt, denn auch 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen und europäischen Pilgern verboten, die Grabeskirche zu betreten. Als 1065 der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Utrecht, Bamberg und Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch mit bewaffneter Begleitung möglich. “Sie hatten auf dieser Reise vieles von den Heiden zu erdulden”, berichtete der Chronist Berthold von Reichenau, “sie waren sogar genötigt, sich in einen Kampf mit denselben einzulassen”. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung.

Ein Kaiser in Bedrängnis

Bald darauf drohte dem Heiligen Land eine neue Gefahr. Die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Vorfahren der heutigen Türken, brachen mordend, plündernd und brandschatzend über den Orient herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1071 schlugen sie bei Mantzikert die Byzantiner und nahmen Kaiser Romanus IV. gefangen, 1076 eroberten sie Syrien, 1077 Jerusalem. Hatte ihr Emir Atsiz bin Uwaq auch versprochen, die Bewohner der heiligen Stadt zu verschonen, wenn sie sich kampflos ergeben, töteten seine Männer doch 3000 muslimische Zivilisten. Nachdem sie Anatolien überrannt hatten, verlieh sich ihr Anführer Kilidsch Aslan den Titel “Sultan von Rum”, womit er sich nicht nur als der wahre Herrscher im Land der (Neu-)Römer bezeichnete, sondern auch seinen Anspruch auf Konstantinopel anmeldete. Ausgerechnet Nizäa, die Stadt, in der die Christenheit ihr erstes Konzil der nachapostolischen Zeit abhielt, wurde seine Hauptstadt. Mit keinen 100 Kilometern Entfernung kam er damit der alten Reichshauptstadt, dem Zentrum der Ostkirche, bedrohlich nahe. Die christliche Präsenz im Nahen Osten sah allmählich ihrem Ende entgegen.

In dieser Stunde der Not und Bedrängnis überwand Kaiser Alexios I. Komnenus (1081-1118) den Stolz und die Vorurteile, die man in Konstantinopel gegenüber der Kirche Roms hegte. Die Wunden, die das Schisma von 1054 geschlagen hatte, waren zwar noch frisch, aber jetzt ging es um das nackte Überleben. Er faßte sich ein Herz und bat den Papst um Hilfe. Anfang 1095 machte sich eine Delegation auf den Weg nach Westen, um Urban II. (1088-1099) seine Botschaft zu überbringen. Der Chronist Bernold von St. Blasien hielt damals fest, wie “der Kaiser von Konstantinopel den Herrn Papst und alle Christgläubigen inständig anflehte, ihm einige Hilfe gegen die Heiden zur Verteidigung der Heiligen Kirche zu bringen, welche die Heiden in jene Gegenden schon fast vernichtet hatten, da sie jene Gegenden bis an die Mauern von Konstantinopel eingenommen hatten.” Um nicht allzu eigennützig zu klingen und eine Abfuhr zu riskieren, gab er der Christenheit des Westens noch ein zweites, ferneres Ziel vor: Jerusalern. Schließlich, so der byzantinische Historiker Theodoros Skutariotes, “hielt er es für eine Gottesgabe, daß dieses Volk (der Westler) die Herrschaft der Perser (gemeint waren die Seldschuken) über Jerusalem und das lebengebende Grab unseres Retters Jesus Christus für unerträglich hielten, und dies sah er als Vorteil an.”

Als die kaiserliche Delegation in Italien eintraf, hielt der Papst gerade in Piacenza eine Synode ab. Die Bischöfe wurden Zeuge, wie die Gesandten die Bedrohung aus dem Osten in dramatischen Bildern schilderten. Sie fühlten, daß sie ihre christlichen Brüder und Schwestern, die so zu leiden hatten, nicht im Stich lassen konnten. Jesus hatte zwar Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit gelehrt, aber spätestens seit dem 4. Jahrhundert glaubte man, daß es Ausnahmesituationen gibt, die Waffengewalt rechtfertigen. Kein Geringerer als der Kirchenlehrer Augustinus, der größte Theologe des Westens, hatte das Prinzip vom “Gerechten Krieg” eingeführt. Wer angegriffen wird, so lautet sein simpler Lehrsatz, hat das Recht, sich zu verteidigen. Wer bestohlen wird, darf sich sein Eigentum zurückholen – notfalls auch mit Waffengewalt, gegebenenfalls in einem Krieg. Schon Urbans Vorgänger Gregor VII. (1073-1085) hatte die Idee eines Krieges zur Befreiung der heiligen Stätten erwogen, nachdem sein Legat in Konstantinopel ihm vom Vordringen der Seldschuken und den daraus entstehenden Gefahren für die Jerusalem-Pilger berichtet hatte. Papst Alexander II. (1061-1073) hatte 1064 den Rittern, die den Christen Spaniens bei der Rückeroberung ihrer Länder zur Seite standen, für diese brüderliche Hilfe den Erlaß ihrer Bußstrafen zugesagt. So fiel die Antwort, die Alexios' Gesandte an den Bosporus zurückbrachten, äußerst hoffnungsvoll aus: Der Papst und die Bischöfe hatten feierlich versprochen, “Hilfe zu leisten gegen die Heiden”.

Aus: Michael Hesemann, Die Dunkelmänner, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2007.

Das Kapitel über die Kreuzzüge geht noch mit folgenden Abschnitten weiter:
“Gott will es so!”
Echte Frömmigkeit oder zügellose Gier?
Der Volkskreuzzug
Das Massaker von Jerusalem.

Hesemann stellt klar heraus, dass es bei den Kreuzzügen nie um “Imperialismus”, “Kolonialismus” oder Zwangsbekehrung der Muslime ging, sondern um das Überleben der Christen im Osten und die Sicherheit der Pilger nach Jerusalem. Eine Verweigerung des Kreuzzugs wäre einer unterlassenen Hilfeleistung gegenüber dem Notruf des christlichen Bruderlandes gleichgekommen.


Kreuzzugslegenden

Giuseppe Nardi räumt in einem Artikel von November 2011 mit einigen Legenden über die Kreuzzüge auf. Dazu gehört etwa das vom Film Königreich der Himmel (Ridley Scott, 2005) vermittelte Bild von den edlen Muslimen (besonders Saladin) und den blutrünstigen Kreuzfahrern. Auch die Mär vom jahrhundertealten Trauma der Muslime, das die Kreuzzüge hervorgerufen haben sollen, ist in Wirklichkeit bloß das Produkt des Westens vom Ende des 19. Jahrhunderts. Nardi stützt sich auf ein neues Buch von Giorgio Fedalto.


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