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Die Zweideutigkeit des „Aggiornamento“
Das „Kirchenvolksbegehren“ als Symptom

von Robert Spaemann

Dieser Artikel Spaemanns erschien zuerst in zwei Folgen im Rheinischen Merkur: In klarer Treue zur Tradition. Anpassung an die moderne Zeit? Was wollte das Zweite Vatikanische Konzil?, im Rheinischen Merkur vom 10. November 1995; Ihr Hirten erwacht! Nach dem Kirchenvolksbegehren. War die Aktion richtig, war sie falsch? Worauf kommt es jetzt an?, im Rheinischen Merkur vom 17. November 1995. Er wurde wiederabgedruckt im Sammelband Die Saat geht auf. Ist die Kirche mit ihrer Moral am Ende?, hg. von Gabriele Gräfin Plettenberg, Aachen Dezember 1995, S. 195 - 210, unter dem hier beibehaltenen Titel Die Zweideutigkeit des „Aggiornamento“. Das „Kirchenvolksbegehren“ als Symptom.

Obwohl das sogenannte Kirchenvolksbegehren unseriös und in der Sache belanglos ist, ist es doch ernst zu nehmen als Symptom.

Der Zustand der katholischen Kirche in Deutschland ist teils durch Freudlosigkeit, teils durch einen ungewöhnlichen Grad der Polarisierung gekennzeichnet. Die innerkirchliche Debatte, die freilich meist aus Monologen der einen oder der anderen Seite besteht, läßt sich beschreiben als Streit um zwei entgegengesetzte Interpretationen des Begriffs, den Papst Johannes XXIII sozusagen als Motto über das II. Vatikanische Konzil gestellt hatte, des Begriffs „Aggiornamento“. Die Kirche sollte zeitgenössisch, ihre Botschaft sollte aktualisiert werden. Aber was heißt das?

Es kann heißen, die Kirche solle sich den Denk-und Lebensgewohnheiten der Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts anpassen, 2000jährigen Ballast abwerfen, dafür Sorge tragen, nicht unvermerkt zur kognitiven Minderheit zu werden, zur „Mega-Sekte“, wie Hans Küng sagt. Sie solle es dem sogenannten modernen Menschen leicht machen, sich in der säkularen Welt und in „seiner“ Kirche gleichzeitig zuhause zu fühlen.

Die andere Deutung hält sich eher an das Wort des Apostels Paulus: „Paßt euch dieser Welt nicht an“. Sie benutzt nicht den Ausdruck „Unsere Kirche“, sondern den traditionellen Ausdruck „Kirche Christi“, und sie geht davon aus, dass diese Kirche ebenso wie ihr Stifter ein „Zeichen des Widerspruchs“ sein muß, ein Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft innerhalb einer selbstherrlichen Welt und daß die Christen, wie die Apostel zu sagen pflegten, in dieser Welt immer „in der Fremde“ sind. „Aggiornamento“ kann dann nur heißen: Aktualisierung dieses Widerspruchs, so daß er wahrnehmbar wird als Widerspruch heutiger Menschen gegen die spezifische Gottferne der heutigen Welt und nicht ein Protest gestriger Menschen gegen die heutige Welt oder aber heutiger Menschen gegen die Welt und die Kirche von gestern.

Johannes XXIII hat die Zweideutigkeit des Begriffs „Aggiornamento“ vermutlich nicht bemerkt. Er war selbst, im Unterschied zu seinem Nachfolger Paul VI, kein moderner Mensch und vielleicht eben deshalb von einem gewissen Optimismus mit Bezug auf die moderne Welt, der uns heute rnanchmal als naiv erscheint. Aber wie weit seine Denkart entfernt war von dem, was heute als fortschrittliches Christentum gilt, ist schon daraus ersichtlich, daß sein Wahlspruch lautete: „Oboedientia et pax“. Oboedienta, Gehorsam - das ist für die „Anpassungspartei“ die Reizvokabel schlechthin.

Die Mißinterpretation des II.. Vatikanums

Die Zweideutigkeit des Wortes „Aggiornarnento“ lastet nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten über der Rezeption der Beschlüsse des II. Vaticanums und lähmt, vor allem im deutschsprachigen Gebiet, die Reform, die dieses Konzil anstoßen wollte. Denn sie betrifft genau die Frage, worin diese Reform eigentlich bestehen soll. Das Konzil selbst hat, was es unter „Erneuerung“ versteht, so definiert: „Wachstum der Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“. (U. R. II, 6)

Aus einer solchen Formel läßt sich natürlich nicht die Klärung aller kontroversen Fragen ableiten. Auf jedem Konzil gibt es Gruppierungen und Parteiungen. Es ist Aufgabe der Konzilsgeschichte, die Entstehung der verbindlichen Texte zu rekonstruieren. Die Rezeption dieser Texte muß einem anderen Gesetz folgen. Im Verständnis der katholischen Kirche sind Konzilien, ungeachtet aller „Politik“ während ihres Verlaufs, spirituelle Ereignisse. Es geht in ihnen nicht um Durchsetzung eines Mehrheitswillens, sondern um die gemeinsame Entdeckung des Stifterwillens, um verbindliche Interpretation der Offenbarung und um Herleitung von Weisungen für die eigene Zeit aus dieser Offenbarung.

Die Konzessionen, die hier einander gemacht, die Kompromisse die geschlossen werden, sind in diesem spirituellen Verständnis nicht bedauerliche Abstriche an dem, worum es eigentlich geht, sondern selbst wesentliche Elemente der Wahrheitsfindung. Eine Partei, die nachträglich den erreichten Konsens wieder in Frage stellt und ihre anfänglichen Erwartungen zum Maßstab für die Interpretation des Ereignisses und für seine Beurteilung macht, verkennt das Wesen eines solchen spirituellen Ereignisses und verwechselt es mit einem politischen Prozess, auf dem man einen Etappensieg errungen oder eine Niederlage erlitten hat, ohne selbst verwandelt worden zu sein.

Das verhindert nicht, daß auch nach einem Konzil innerhalb der Kirche unterschiedliche Sensibilitäten, unterschiedliche Beurteilungen der Situation und unterschiedliche Programme Platz haben. Und insofern sich jedes Konzil einreiht in die gesamte maßgebliche Tradition der Kirche wird auch die Einschätzung des relativen Gewichts des jeweils letzten Konzils nicht einheitlich sein. Angesichts der zahlreichen definitiven dogmatischen Aussagen des Trienter Konzils im 16. Jahrhundert wird vermutlich die Bedeutung des II. Vaticanums, das ja ein „Pastoralkonzil“ sein wollte, eher zeitbedingten Charakter haben, und dies vor allem mit denjenigen Dekreten, die sich auf die spezifische Zeitsituation beziehen, wie z.B: die „Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute“, deren Fortschrittsoptimismus der 60er Jahre schon heute der Vergangenheit angehört. Auch ist es nicht unerlaubt, ein Pastoralkonzil an seinem pastoralen Erfolg zu messen. Dabei kann dann die Tatsache nicht einfach außer acht gelassen werden, daß noch nie so viele Priester ihr Amt und so viele Ordensleute ihren Stand verlassen haben wie nach dem II. Vatikanischen Konzil. Für viele aber bilden die Texte dieses Konzils die Mitte ihrer Spiritualität, und sie sehen im Konzil selbst ein Jahrtausendereignis, das seine Fruchtbarkeit noch gar nicht voll zu entfalten begonnen hat. Zu diesen gehört Papst Johannes Paul II. Er versteht sich als der eigentliche Testamentsvollstrecker des Konzils. Das neue kirchliche Gesetzbuch und der neue Weltkatechismus sind nur die sichtbarsten Marksteine dieser Ausführung der Konzilsbeschlüsse.

Das Konzil erscheint hier als Weiterführung der lebendigen Tradition der Kirche, als deren Freilegung, Vertiefung und Übersetzung in eine Sprache, die sich weniger an der scholastischen Tradition als an der Denkweise der Kirchenväter und des ersten christlichen Jahrtausends orientiert. Dahinter steht die Hoffnung, diese Sprache erlaube eher einen Brückenschlag zum Lebensgefühl und zum Selbstverständnis der Kirche unserer Zeit sowie zu den nicht katholischen Christen. Außerdem werden deren Schüsseln seither lieber halbvoll als halbleer genannt, was bedeutende Folgen für den Umgang miteinander hat. Eine wirkliche Neuerung des Konzils besteht darin, daß es den Anspruch auf ausschließlichen Besitz der vollen religiösen Wahrheit mit der grundsätzlichen Anerkennung eines Menschenrechtes auf Religionsfreiheit verbindet. Von großer politischer Bedeutung ist ferner die Entklerikalisierung der Politik. Der Auftrag der Weltgestaltung ist zum spezifischen Bereich der Laien geworden.

Wie ist es dann zu erklären, daß gerade der gegenwärtige Papst, der ein so leidenschaftlicher Anhänger des Konzils ist und deshalb von den konservativen Konzilsgegnern um den verstorbenen Alterzbischof Lefebvre offen als Häretiker bezeichnet wird, sich hierzulande immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er wolle die Kirche „hinter das Konzil zurück“ führen? In weiten Kreisen des „liberalen“ katholischen Establishments der deutschsprachigen Länder gilt dieser, vom „Time-Magazin“ zum „Mann des Jahres“ gewählte Papst als Hauptgegner, ja als die Negativfigur schlechthin, als das wichtigste Hindernis auf dem Weg zu einer Reform der Kirche. (Die Erbitterung geht so weit, daß der Direktor einer angesehenen katholischen Akademie dazu auffordert, für den Tod des Papstes zu beten.)

Aggiomarnento bedeutet nicht Traditionsbruch

Die Erklärung liegt wohl darin, daß dieser Papst, gerade weil er in so eminentem Sinn der „Konzilspapst“ ist, einer bestimmten Erwartungshaltung, nämlich der eines Aggiornamento im Sinne von Anpassung, definitiv die Legitimation durch Berufung auf das Konzil entzieht. Eine breite Partei kirchlich engagierter Kreise ging bei der Interpretation des Konzils bisher von folgender hermeneutischer Prämisse aus: Das Konzil war ein Reformkonzil. Es gab aber auf dem Konzil nur eine eigentliche Reformfraktion, insbesondere bestehend aus mitteleuropäischen und amerikanischen Bischöfen. Auch diese blieben weit zurück hinter den Erfordernissen eines als Anpassung verstandenen Aggiomamento. Vor allem waren sie zu zahlreichen Kompromissen und Konzessionen genötigt, denn ein Konzil muß immer Konsens anstreben.

Weil aber das Ergebnis dieser Kompromisse und Halbherzigkeiten den Reformimpuls lähmt, muß es nun nachträglich korrigiert und die „eigentliche“ Tendenz des Konzils herausgearbeitet werden. Darum verdienen die Sätze des Konzils, in denen neue Akzente gesetzt werden, grundsätzlich höhere Beachtung als solche, die klassische Positionen neu formulieren. Einmal von traditionellem Ballast befreit, wird es möglich, aus diesen Sätzen eine Tendenz zu extrapolieren und weitergehende Thesen und Forderungen zu entwickeln, die zwar mit den „traditionellen“ Sätzen in Widerspruch stehen, aber dem „Geist des Konzils“ besser entsprechen als bestimmte Sätze des Konzils.

Mit Hilfe dieses hermeneutischen Prinzips wird das Konzil nachträglich von einer Partei als ihr Programm usurpiert. Schon in der deutschen Ausgabe der Konzilstexte von Rahner und Vorgrimler fällt auf, wie in den Kommentaren Zensuren erteilt und „eigentliche“ von weniger eigentlichen Texten unterschieden werden. Maßstab dabei ist die einfache Umkehrung des Maßstabs der alten Kirche, für die „novitas“ an sich schon ein Anklagepunkt war. Diese Hermeneutik ist inzwischen weitgehend zusammengebrochen. Nur einmal war ihr nachhaltiger Erfolg beschieden, nämlich bei der Liturgiereform, die nicht, wie der Codex und der Katechismus, jahrelang sorgfältig vorbereitet, sondern kurz nach dem Konzil handstreichartig und in offenem Gegensatz zur Intention der Mehrheit der Bischöfe und zum Wortlaut der Konzilstexte durchgesetzt wurde.

Inzwischen aber ist jedem, der lesen kann, deutlich, daß diejenigen, die - sei es in konservativer oder in revolutionärer Absicht - das Konzil als Bruch mit den dogmatischen und disziplinären Traditionen der Kirche verstehen möchten, aus den Texten des Konzils - vielleicht mit Ausnahme der Erklärung über die Religionsfreiheit - keinen Honig saugen können. Um nur einige Beispiele zu nennen: Das Ökumenismusdekret erklärt: „Die heilige katholische Kirche ist der mystische Leib Christi und besteht aus den Gläubigen, die durch denselben Glauben, dieselben Sakramente und dieselbe oberhirtliche Führung im Heiligen Geist organisch geeint sind“. Das Konzil lehrt die Siebenzahl der Sakramente, die sakramentale Basis des Unterschieds von Klerikern und Laien, den uneingeschränkten Jurisdiktionsprimat des Papstes, die Unfehlbarkeit seiner Lehre, wenn er die höchste apostolische Vollmacht in Anspruch nimmt, die Pflicht, den Gehorsam gegen die Lehre der Kirche, insbesondere des Papstes, nicht zu beschränken auf diese letzverbindlichen Entscheidungen, den spirituellen Vorrang des ehelosen Lebens, die moralische Relevanz der Geburtenregelung und die Pflicht der Katholiken, sich auch in diesem Bereich an die Interpretation des göttlichen Gebotes durch das kirchliche Lehramt zu halten.

Das Konzil bekräftigt mit ungewöhnlichem Nachdruck den Zölibat aller Priester der lateinischen Kirche, es fordert die Beibehaltung der lateinischen Sprache als der Liturgiesprache des Westens - bei Zulassung der Volkssprache für den „Wortgottesdienst“ -‚ sowie die Pflege des gregorianischen Gesanges. Es empfiehlt dringend die tägliche Feier der Messe durch jeden Priester, auch dann, wenn keine Gläubigen anwesend sind. Schließlich mahnt das Konzil „alle Kinder der Kirche, den Kult, vor allem den liturgischen, der seligen Jungfrau großmütig zu fördern, die Gebräuche und Übungen der Frömmigkeit zu ihr, die im Lauf der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzuschätzen und das, was in früherer Zeit über die Verehrung der Bilder Christi, der seligen Jungfrau und der Heiligen festgesetzt wurde, fromm zu beobachten“.

Seit dem II. Vaticanum sind alle genannten Elemente der kirchlichen Lehre und Praxis Gegenstand einer sich ständig verschärfenden Kritik geworden, allerdings fast nie in der offenen Form einer Kritik am Konzil, sondern unter ständiger Beschwörung des „Geistes des Konzils“, den man gegen rückwärtsgerichtete Machenschaften von „Lehramtsfundamentalisten“ verteidigen müsse. So stehen wir heute häufig vor der paradoxen Situation, daß eben jene dezidiert konservativen Gruppierungen in der katholischen Kirche, die immer mangelnder Akzeptanz des Konzils verdächtigt werden, die Texte des Konzils sorgfältig studieren, sich aneignen und ihre Praxis daran zu orientieren suchen, während ihre Kritiker mit diesen Texten, wenn sie sie überhaupt lesen, äußerst selektiv verfahren, sich aber dafür unaufhörlich auf „das Konzil“ berufen.

Diese Berufung ist allerdings seltener geworden und beginnt allmählich zu verstummen. Im sog. Kirchenvolksbegehren ist erstmals davon nun überhaupt nicht mehr die Rede. Diese Aktion ist offenbar der letzte Versuch, das auf dem Konzil gescheiterte Projekt der Anpassung bzw. die dahin gehenden und durch das Konzil frustrierten Erwartungen nun auf plebiszitärem Weg durchzusetzen, und dies ungeachtet der Tatsache, daß Kirchen, die fast alle Forderungen dieses Projekts seit langem realisiert haben, in ihrem Vitalitätsverlust der katholischen Kirche weit voraus sind. Daß es darum gehe, den Mitgliederschwund oder den Resonanzverlust der kirchlichen Autorität aufzuhalten, kann deshalb niemand ehrlicherweise behaupten. Es geht also offenbar nur noch darum, die existentiellen und intellektuellen Parameter des christlichen Glaubens denen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, der hedonistischen Konsumgesellschaft und ihrer demokratischen Legitimationsstruktur gleichzuschalten. Die Spannung der Existenz des Christen als eines Bürgers zweier Welten soll beseitigt werden.

Die Kirche ist keine Demokratie

Schon das Unternehmen als solches orientiert sich nicht an kirchlichen, sondern an politischen Modellen demokratischer Willensbildung. Nach katholischer Lehre ist die Leitungsstruktur der Kirche in ihrem wesentlichen Gehalt „göttlichen Rechts“, also durch den Stifterwillen vorgegeben. Stiftungen sind nicht dem Mitgliederwillen, sondern dem Stifterwillen unterworfen. Dieser kann auch für seine eigene Interpretation und Applikation institutionelle Vorsorge treffen.

Ein „Volk“ der Kirche gibt es nach katholischem Verständnis als Volk nur, insofern es in dieser vorgegebenen hierarchischen Struktur steht. Unabhängig davon besteht es nur aus Individuen und privaten Gruppen. Einzelne Gläubige oder Gruppen von Gläubigen können an die Kirchenleitung Petitionen richten. Ein irgendwie die Hierarchie unter Legitimationsdruck stehendes Volksbegehren ist mit dem Selbstverständnis der katholischen Kirche als „Kirche von oben“ unvereinbar. Und es ist damit erst recht nicht vereinbar, wenn, wie in Österreich, die kirchliche Infrastruktur, Pfarrbüros usw. einer solchen Aktion zur Verfügung gestellt werden und ihr damit in den Augen vieler Unwissender ein Anschein von Legitimität gegeben wird.

Was den Inhalt des „Kirchenvolksbegehrens“ betrifft, so muß man leider sagen, daß er den elementarsten Anforderungen nicht genügt, die z.B. im politischen Raum an ein Volksbegehren gestellt werden müßten. Was man sich wünschte, wäre mehr Ehrlichkeit. Es handelt sich nicht um eindeutige, operationalisierbare Artikel, sondern um eine bewußt unklar gehaltene demagogische Mischung aus Selbstverständlichkeiten, Zweideutigkeiten und einigen Forderungen, die mit dem katholischen Glauben schlicht unvereinbar sind.

Um mit dem Letzteren zu beginnen: Das Begehren verlangt z.B. die Priesterweihe von Frauen. Bekanntlich hat der gegenwärtige Papst unter Inanspruchnahme der höchsten apostolischen Autorität und in der Form einer endgültigen, jede weitere Diskussion unter Katholiken beendenden Entscheidung erklärt, daß die Kirche hierzu keine Stiftungsvollmacht besitzt. Die Gründe hierfür waren bereits einige Jahre früher genannt worden. Die gesamte Ostkirche teilt diese Auffassung. Für evangelische Christen besitzt eine solche Entscheidung des Bischof von Rom keine Verbindlichkeit, zumal für sie der fragliche Gegenstand, nämlich eine durch Weihe weitergegebene sakramentale Vollmacht nicht existiert. Für Katholiken handelt es sich um eine verbindliche, das Gewissen der Gläubigen definitiv aufklärende Interpretation der göttlichen Offenbarung. Wenn das „Kirchenvolksbegehren“ dies alles gar nicht erwähnt, sondern so tut, als gäbe es diese Lehre der Kirche gar nicht, dann entweder, weil die Verfasser die Lehre z.B. des II. Vatikanischen Konzils über das Lehramt der Kirche ablehnen, oder weil sie darüber hinaus an den sakramentalen Charakter des Priestertums gar nicht glauben und das Ganze für eine Frage halten, die die Kirche nach Gutdünken so oder so entscheiden kann. Bezeichnenderweise ist ja in dem Text nirgends von Priesterweihe, sondern vom „Zugang zum Priesteramt“ die Rede. Warum verschweigen die Initiatoren den potentiellen Unterzeichnern, daß ihre Absicht dahin geht, mit einem katholischen Grundkonsens zu brechen?

Ähnlich verhält es sich mit den Forderungen bezüglich der Sittenlehre der Kirche, die wieder einmal ganz fixiert sind auf das Thema der Sexualität. Die „lähmende Fixierung auf die Sexualmoral“ ist ja nicht, wie die Initiatoren glauben machen wollen, eine Eigentümlichkeit der kirchlichen Verkündigung, sondern eine Eigentümlichkeit ihrer Kritiker. Wenn der Papst auf einer seiner Reisen in einer seiner 20 Reden einmal drei Minuten auf dieses Thema verwendet, dann ist das in der Regel das einzige, worüber die Medien berichten. Und wenn in den letzten Jahren dieses Thema einige Male Gegenstand kirchlicher Lehrschreiben war, so einfach deshalb, weil sich eine massive und konzentrierte Kritik genau gegen diesen Teil der christlichen Tradition richtet. Der Kirche wird vorgeworfen, daß sie in der Frage der außerehelichen Beziehungen, einschließlich der homosexuellen, der Ehescheidung sowie in Fragen der Empfängnisregelung an den Normen festhält, die sie seit der apostolischen Zeit für gottgegeben hält - bis vor wenigen Jahrzehnten in Übereinstimmung mit der ganzen Christenheit. Inzwischen hat sich die allgemeingesellschaftliche Einstellung zu diesen Fragen von der christlichen wieder so weit entfernt, wie sie es in den ersten drei Jahrhunderten war. Es erbittert die Kritiker, und es gelingt ihnen immer wieder, Betroffenheit zu demonstrieren, wenn Päpste und Bischöfe sich von den Gründen für diesen Gesinnungswandel nicht überzeugen lassen und den mitteleuropäischen common sense des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts nicht zum Maßstab ihrer Verkündigung machen.

Demagogischer Etikettenschwindel

Die Unehrlichkeit liegt darin, daß die Initiatoren, den Kern des Dissenses verschleiernd, eine „positive Bewertung der Sexualität“ fordern, so als hätten sie nie gehört von den diesbezüglichen Katechesen Johannes Pauls II., in denen das erotische Verhältnis der Geschlechter als fundamentales Humanum auf eine Weise gewürdigt wurde, wie wohl selten in der Kirchengeschichte zuvor. Was dieses Schlagwort hinter einer heutigen Selbstverständlichkeit versteckt, ist etwas ganz anderes, nämlich eine weltfremde Häresie. Es ist der schwärmerische und bigotte Gedanke, die menschliche Sexualität sei der Bereich einer heilen Welt, frei von Gier, Lüge, Treuelosigkeit, Verrat, Haß, Egoismus - allein oder zu zweit. Alles, was sich auf diesem Feld an Trieben und Wünschen regt, sei von selbst in Harmonie mit der Schöpfung und der Mensch in Harmonie mit sich selbst. Die Erbsünde habe diesen Bereich ausgespart, und der Mensch sei deshalb nicht erlösungsbedürftig. Wenn die Autoren die eindeutige und exklusive Hinordnung der menschlichen Sexualität auf die Ehe im Christentum als einen zu hohen Anspruch ablehnen, dann sollen sie das sagen. Aber wenn sie ihre Verteidigung von künstlicher Empfängnisverhütung, vorehelichem Geschlechtsverkehr, homosexueller Praxis und Ehebruch unter das Stichwort „Positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen“ subsumieren, so ist das ein demagogischer Etikettenschwindel. Und so geht es weiter. „Friede, soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“ sollen nach Wunsch des „Kirchenvolksbegehrens“ die Hauptthemen der kirchlichen Verkündigung sein.

Erstens äußert sich die Kirche ständig - und sehr viel häufiger als zu sexualethischen Fragen - zu diesen Themen, unter anderem in ausführlichen Lehrschreiben mit teilweise sehr radikalen Forderungen, zweitens kann sie dazu nichts wesentlich Erleuchtendes sagen, was nicht andere kompetente Autoren dazu bereits gesagt haben, und drittens muß daran erinnert werden, daß das wichtigste Anliegen der kirchlichen Verkündigung nicht die Verbesserung der Welt, sondern die Rettung der Seelen ist. Morde interessieren die Kirche in erster Linie nicht, weil durch sie Menschen vorzeitig zu Tode kommen - sub specie aeternitatis stirbt sowieso kein Mensch vorzeitig -‚ sondern weil hier Menschen, nämlich die Mörder, sich selbst ins ewige Verderben stürzen. Den Ermordeten kann die Kirche nur noch der Barmherzigkeit Gottes empfehlen, worum sie sich zu kümmern hat, ist die Bekehrung des Mörders.

Solche Gesichtspunkte scheinen den Initiatoren von „Wir sind Kirche“ fern zu liegen. Dem Mörder vor Augen stellen, was er riskiert, heißt ihm drohen, und das soll nicht sein. „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ heißt deshalb eine weitere Parole. Ehrlicherweise müßten die Verfasser eine gründliche Reinigung des Neuen Testaments und insbesondere der Reden Jesu fordern, die ja voll sind von drastischen Warnungen bis hin zu dem lapidaren Satz „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“. Ersatzweise hält man sich an die Kirche mit der Forderung: „Helfende und ermutigende Begleitung und Solidarität anstelle von angstmachenden und einengenden Normen“. Nun sind Predigten über die Gefahr, für ewig verloren zu gehen, seit langem so gut wie gänzlich verschwunden, Ermutigung, Milde, menschliches Verständnis sind das A und O der kirchlichen Seelsorge und Beichtpraxis. Um all das kann es mit dieser Forderung nicht gehen.

Worum geht es also? Wenn aus der verblasenen Phraseologie überhaupt ein verständlicher Sinn herausgefiltert werden soll, dann kann es nur der sein: von „Umkehr“ und von „falschen Wegen“ sprechen, wie es das Evangelium tut, ist als solches schon angstmachend und einengend. Wer nicht bereit ist, so etwas wie „Gebote“ überhaupt aufzugeben und durch vage Ermutigung eines immer zu unterstellenden guten Willens zu ersetzen, der praktiziert „unbarmherzige Härte und Strenge“. Warum haben die Verfasser nicht den Mut, sich offen denjenigen anzuschließen, die eben dies Jesus vorwarfen, wenn er z.B. vom Essen seines Fleisches oder von der Unauflöslichkeit jeder Ehe sprach? Schon Platon benutzt gern das Bild des Arztes, der seinem Patienten eine heilsame, aber schmerzhafte Therapie verordnet. Als Metapher für den Erlöser soll dieses in der frühen Kirche beliebte Bild verschwinden. Barmherzigkeit besteht nicht mehr in der Vergebung der Sünden, sondern darin, das, was das Neue Testament „Sünde“ nennt, einfach nicht mehr so zu nennen und an die Stelle der Vergebung die Versicherung setzten: „Ich bin o.k., du bist o.k.“ Das mag ja eine nette Religion sein, eine christliche ist es sicher nicht, und es ist auch schwer zu sehen, wem mit ihr geholfen wäre.

Zum Thema Demagogie wäre in diesem Zusammenhang noch viel zu sagen. Was zum Beispiel soll „Gleichwertigkeit aller Gläubigen“ heißen? Es wäre schlichte Dummheit, wenn der Verfasser dieser Zeilen sich selbst als „gleichwertig“ mit dem heiligen Franziskus oder mit Mutter Teresa bezeichnen wollte. Andererseits: Daß Kleriker und Laien sich nicht hinsichtlich ihres „Wertes“ unterscheiden, ist umgekehrt eine Banalität. Wer tut das denn? Das „Kirchenvolksbegehren“ will die „Kluft“ zwischen Klerus und Laien beseitigen. Aber worin anders besteht denn heute diese Kluft als darin, daß die Leitung der Kirche nach katholischem Verständnis in den Händen geweihter Kleriker liegt? Nur die Beseitigung dieser Struktur bleibt deshalb als Substanz der Forderung einer „geschwisterlichen Kirche“ übrig. Wenn es darum geht, die Verwendung der enormen Kirchensteueraufkommen einer Kontrolle durch die Steuerzahler zu unterwerfen - darüber ließe sich ja reden. Aber darum geht es offenbar in dem Kirchenvolksbegehren gar nicht. Und daß Frauen in allen kirchlichen Gremien mitentscheiden sollen, ist wiederum eine Banalität, wenn gemeint ist: in allen Laiengremien. Hier ist die katholische Kirche gegenüber der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung keineswegs im Rückstand. Die Abschaffung des Zölibats als Lebensform des lateinischen Priestertums muß in der Liste natürlich vorkommen, wieder ohne zu sagen, daß auch hier gefordert wird, das II. Vatikanische Konzil zu desavouieren.

Ich erwähne aber als Letztes nur noch die Forderung, die Ortskirche solle bei Bischofsernennungen mitentscheiden, und Bischof solle werden, „wer das Vertrauen des Volkes genießt“. Daß die Ortskirche in Deutschland in Gestalt der Domkapitel seit jeher bei Bischofsernennungen mitentscheidet, wird nicht erwähnt. Hier wird einfach die österreichische Forderung unbesehen übernommen. Aber wer ist „das Volk“, auf dessen Vertrauen es hier ankommen soll? Welche Naivität, die Gesamtheit der katholischen Kirchensteuerzahler der Erzdiözese Köln mit der in der Kathedrale von Mailand versammelten Gemeinde des 4. Jahrhunderts zu vergleichen, die durch Akklamation den Stadtpräfekten Ambrosius zum Bischof wählte.

Die Kluft, die heute durch die Kirche geht, ist ja nicht die zwischen Priester und Laien, wie uns suggeriert werden soll, sondern zwischen den Leuten von „Wir sind Kirche“ und ganz anders orientierten Christen, z.B. in den vielen geistlichen Erneuerungsbewegungen, die das Anpassungskonzept längst hinter sich gelassen haben und völlig andere Anliegen verfolgen. Wessen Vertrauen soll der Bischof besitzen, wenn diese beiden Gruppierungen einander inzwischen aufs tiefste mißtrauen? Das Vertrauen der Mehrheit der Kirchensteuerzahler oder Kirchenbesucher? Das Vertrauen des kirchlichen Establishments oder das des kirchlichen Aktivisten oder das der Laien, die nur von der Kirche geistlich ernährt werden wollen, um als selbständige Christen in der Welt ihre Aufgaben zu erfüllen? Ist künftig an Wahlkämpfe derjenigen gedacht, die Nachfolger der Apostel werden wollen? Die Initiatoren des „Kirchenvolksbegehrens“ wissen natürlich genau, welche Rolle die Medien dabei spielen werden. Und: Besitzen etwa die durch Synoden gewählten evangelischen Landesbischöfe in ihren Sprengeln höhere Akzeptanz und Autorität als katholische Bischöfe? Man beruft sich gern auf die Praxis der Ostkirche. Aber warum sagt man den Leuten nicht, daß die Ostkirche ihre Bischöfe, der Zölibatsverpflichtung wegen, fast ausnahmslos aus den Reihen der Mönche holt? Und die koptische Kirche ihren Papst aus den Reihen der Einsiedler?

Der „normale Katholik“ als Fundamentalist

Es würde sich nicht lohnen, sich so ausführlich mit diesem Papier zu beschäftigen, wenn die geplante Aktion nicht eine ernsthafte Behinderung der Erneuerung der katholischen Kirche in unserem Land darstellte. Diese Behinderung kann in engen Grenzen gehalten werden, wenn die Bischöfe ein klares Wort dazu sprechen.

Allzuoft schon haben sich Bischöfe durch Rom die Kastanien aus dem Feuer holen lassen, um dann anschließend die wachsende Dominanz der römischen Zentralgewalt zu beklagen. Das „Kirchenvolksbegehren“ ist Ausdruck einer lang andauernden Krise, mit der die deutsche Kirche, trotz ihrer Finanzmacht, an den spirituellen Rand des Weltkatholizismus gerät. Der tiefste Grund der Krise scheint mir in Folgendem zu liegen:

Niemand ist bisher mit Entschiedenheit und Autorität der Usurpation und Uminterpretation des II Vatikanischen Konzils durch die „Partei der Anpassung“ entgegengetreten. Niemand hat je von ihr jene Loyalität gegenüber den Dekreten des Konzils verlangt, die man „konservativen“ Katholiken stets von neuem abfordert.

Teils aus Überzeugung, teils aus taktischen Erwägungen hat man eine Erwartungshaltung bezüglich einer „Kirche des Konzils“, einer neuen, einer „von unten“ aufzubauenden Kirche entstehen lassen, die mit Notwendigkeit zu wachsenden Frustrationen führen mußte. Von Anfang an nämlich gingen diese Erwartungen an den Intentionen des Konzils vorbei, und es war immer klar, daß sie nie erfüllt werden würden, solange es die katholische Kirche gibt. Aber niemand hatte den Mut, das zu sagen. Aus Sorge, das mittlere kirchliche Establishment zu verschrecken, hat man über Jahre hin eine zweideutige Sprache gesprochen. Man hat die katholischen Bildungseinrichtungen zu Privilegiertentribünen jeder Art von Kirchenkritik gemacht und es zugelassen, daß der normale Katholik zum „Fundamentalisten“ gestempelt wurde. Herr Biedermann läßt grüßen. Die katholische Hierarchie mußte auf diese Weise natürlich in die Rolle eines Bremsers und Beschwichtigers geraten, der den Eindruck erweckt, die Richtung stimme schon, aber die Vorwärtsdränger sollten doch ein Einsehen haben. Man dürfe nicht zu schnell und nicht „zu weit“ gehen. Wenn irgendwann, dann ist jetzt der Augenblick gekommen, die Frage zu stellen, was für die Kirche eigentlich „vorwärts“ und „rückwärts“ heißt.

In der richtigen Richtung kann man gar nicht weit genug gehen. In der falschen ist jeder Schritt zu weit. Das Projekt des „Kirchenvolksbegehrens“ geht in die falsche Richtung, und es ist Sache der Bischöfe, das den Gläubigen mit aller Klarheit zu sagen und sie aufzurufen zur Umkehr von dem Weg der bürgerlichen Anpassung und Gleichschaltung, auf dem sich so viele katholische Organisationen und Institutionen seit langem befinden. „Wenn die Trompete einen undeutlichen Ton gibt, wer wird da zum Kampf aufbrechen?“ (1 Kor 14,8) Eine entschiedene, begründete Absage an dieses Projekt könnte den Bischöfen die längst verlorene Initiative wieder in die Hand geben. Sie hätten die Chance, statt die Rolle der den Nachschub sichernden, ein wenig fußkranken Nachhut zu spielen, an die Spitze einer Erneuerungsbewegung zu treten, die diesen Namen verdient. Dann wäre der Versuch eines „Kirchenvolksbegehrens“ zu etwas gut gewesen.


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Stupiditäten von unten

Kirche von unten oder des Volkes geht im Grunde davon aus, dass es so etwas wie Überlieferung gar nicht gibt, weiß nichts davon, dass in jeder Institution Jahrhunderte oder manchmal Jahrtausende von Erfahrungen und Arbeiten angesammelt, also gewissermaßen gespeichert sind. Es fehlt jeder Sinn für das, was Hegel den “objektiven Geist” genannt hat. Deshalb muss man ständig mit unglaublichen Stupiditäten und Sentimentalitäten rechnen.

Norbert Bolz im Gespräch “Freiheit risikieren” mit Michael Stallknecht, erschienen in der Tagespost vom 23. Dezember 2010.


Angestaubt oder aufregend?

Es gibt nichts Angestaubteres als das, was sich Reformkatholiken unter „modern“ vorstellen. Gutmenschengeklampfe mit Ringelpietz interessiert keinen Menschen. Die Kirche ist dort stark, wo sie ihr Geheimnis behauptet. Wo sie klarmacht: Wir sind anders. Und dazu gehört natürlich die Liturgie, der Rosenkranz und meinetwegen der Weihrauch. Also: Aufregend ist die Kirche, die sich gerade nicht anpasst!

Matthias Matussek in der BILD vom 4. Juli 2011

Zum Theologenmemorandum 2011


Mehr Macht dem Heidentum in der Kirche!

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Prof. Dr. Walter Kasper 1986 im Schlußplädoyer “gegen die Miesepeterei und für einen neuen Realismus in der Kirche” seines Kommentars zu den Dokumenten der außerordentlichen Bischofssynode, die vom 24. November bis 8. Dezember 1985 in Rom tagte (Zukunft aus der Kraft des Konzils. Die außerordentliche Bischofssynode ‘85. Die Dokumente mit einem Kommentar von Walter Kasper; Freiburg, Basel, Wien: Herder 1986, S. 108). Seine Worte gelten den Kritikern, die der Synode vorwarfen, den “Zölibat, das Problem der wiederverheirateten Geschiedenen, die Frage Geburtenregelgung, die Frauenordination” (S. 107) nicht aufgegriffen zu haben.

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