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Wer muß auf den Operationstisch?

Zur Kontroverse über den Zustand des katholischen Journalismus

Von P. Engelbert Recktenwald

Auf die Analyse des katholischen Journalismus, die Bernhard Müller im Vatican-Magazin (Mai 2009) vorlegte, hat nun in der neuesten Ausgabe (August-September 2009) der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur Ludwig Ring-Eifel geantwortet. Doch beim Durchlesen fällt auf, dass die Antwort keine Antwort ist, sondern ein Thema aufgreift, das im Müller-Artikel nur nebenbei gestreift wurde, nämlich die katholische Internetpublizistik. Ring-Eifel greift seinem KNA-Kollegen Joachim Heinz unter die Arme, um dessen etwas hilflosem Klagen über die “Hardliner am konservativen Rand der katholischen Kirche” eine solidere Grundlage zu geben. Er argumentiert differenzierter und seriöser. So spricht er etwa selbstkritisch von der “Schweigespirale des kirchlichen Konsensdenkens”, durch welche bisher manche Nachricht unterdrückt worden sei. Damit ist es nun mit der im Internet ausgebrochenen Informationsanarchie vorbei.

Merkwürdig dagegen ist seine Gegenüberstellung von objektivem Journalismus und Meinungsjournalismus. Letzterer sei ein Phänomen des 19. Jahrhunderts: so als ob Spiegel und Co. nicht einen ausgesprochenen Meinungsjournalismus betreiben, und zwar einen mitunter deutlich antikirchlichen. Die Pointe der Analyse Müllers bestand gerade in dem Vorwurf, dass der katholische Journalismus dem nichts entgegensetze und bisweilen sogar mitmache. Er betreibt Meinungsjournalismus, aber viel zu oft nicht für, sondern gegen die Kirche. Müller verwies auf das Beispiel katholischer Journalisten, die sich an “der beispiellosen Medienkampagne gegen Papst Benedikt XVI.” anläßlich seiner Gnadengeste gegenüber den exkommunizierten Lefebvre-Bischöfen beteiligten. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Die Antwort Ring-Eifels darauf? Fehlanzeige.

Natürlich unterscheidet man bei einer Zeitung zwischen dem Informationsteil und dem Meinungsteil. Aber man sollte nicht so tun, als ob der Journalist nicht auch im Informationsteil etwa durch seine Wortwahl die Meinung, die sich der Leser bitteschön über das Berichtete zu bilden habe, steuern könne. Ein Beispiel: Als in den siebziger Jahren Erzbischof Lefebvre und der Theologe Hans Küng wegen ihres je eigenen Konflikts mit dem Heiligen Stuhl in die Schlagzeilen kamen, wurde in den Nachrichten Lefebvre als Rebellenbischof tituliert und dargestellt, Hans Küng dagegen als unbequemer Mahner. Die Maßnahmen Roms gegen die beiden erschienen einmal als Beweis für die Halsstarrigkeit des einen, das andere Mal als Beweis für die Intoleranz Roms gegenüber dem anderen. Es liegt ganz in der Hand des Journalisten, wem der Konfliktbeteiligten er durch seine Darstellungsweise einen Strick aus dem Konflikt dreht.

Ring-Eifel schreibt: “Die überwiegende Masse der Informationen wird weiterhin von den Journalisten der Nachrichtenagenturen, der Pressestellen und der Zeitungsredaktionen erzeugt.” Dem stellt er die Internetpublizistik gegenüber, die diese Informationen selektieren und mit “Gerüchten, Halbwahrheiten, Wiedergekäutem” vermischen. Interessanterweise nimmt ein Mann wie Armin Schwibach die Situation ganz anders wahr und verweist auf das Beispiel des Umgangs mit den Konzilstexten: Während es bisher dem etablierten Journalismus gelungen war, sie in wohlselektierter Dosierung unters Volk zu bringen, um der missbräuchlichen Berufung auf das Konzil zur Legitimierung theologischer Abbruchkommandos den Anschein der Berechtigung zu verleihen, wird dieses Unternehmen immer mehr durch die Möglichkeit vereitelt, die vollständigen Texte im Internet nachzulesen. Für den durchschnittlichen Leser, der nicht daran denkt, sich das Konzilskompendium zuzulegen, ist die Schwelle zur Verifizierung (oder besser Falsifizierung) der präsentierten konziliaren Legitimierung viel niedriger, wenn er nur einige Clicks von den Texten selber entfernt ist. Hier haben wir ein Beispiel, wie das Internet ein Mittel der Aufklärung sein kann, also gut kantisch des Ausgangs des Menschen aus seiner Unmündigkeit, die in diesem Fall aber nicht selbstverschuldet ist, sondern bedingt durch das bis vor kurzem nur schwer zu unterlaufende Informationsmonopol des etablierten Journalismus.

Die verräterische Wortwahl Ring-Eifels bestätigt die Diagnose Martin Reckes, dass es um dieses Monopol und die damit zusammenhängende Deutungshoheit geht. Für Ring-Eifel herrscht im Internet Anarchie. Anarchie ist die Abwesenheit von Herrschaft. Diesem Herrschaftsverlust trauern die Meinungsmacher von gestern nach. Ihre Konkurrenten im Internet nennen sie “Freibeuter”: so als ob es eine Hierarchie des Rechts auf Information und Meinungsäußerung gäbe. Die journalistische Herrschaft in Form von Informationsverwaltung und Meinungssteuerung endet im Internet. Hier ist Information Gemeingut. Gewiss wird damit auch Schindluder getrieben. Aber ist der professionalle Journalismus davon frei? Hier ist das Schindluder nur schwerer durchschaubar. Welcher Katholik etwa, der noch bei Sinnen und Verstand ist, nimmt denn jene anonymen “Internet-Heckenschützen” (Ring-Eifel), die das Wort des heiligen Kreuzes für ihre Agitation missbrauchen, wirklich ernst? Dagegen sind doch etwa die deutschen Bistumsblätter die Seriösität in Person! Dass etliche von ihnen jahrelang eine unterschwellige Agitation z.B. gegen Humanae vitae oder andere kirchliche Lehren betrieben haben, war nur für jene durchschaubar, die über alternative Informationsquellen verfügten.

Doch bleiben wir fair! Kann man von Journalisten erwarten, dass sie katholischer sind als Theologen? Der Zustand des katholischen Journalismus ist nur ein Spiegelbild des inneren Zustands der Kirche, wie er sich in den “zersetzten” (Erzbischof Dyba) theologischen Fakultäten offenbart. Es ist zwar bedauerlich, wenn katholische Journalisten immer wieder Theologen eine Plattform für deren Kirchen- und Glaubenskritik bieten, bedauerlicher ist aber die Existenz solcher Theologen. Nicht nur “die katholischen Medien müssten auf den Operationstisch”, wie Bernhard Müller meint, sondern auch die Fakultäten - und etliche der Chirurgen, die für die Operationen eigentlich zuständig wären.

Dieser Beitrag wurde auch im Vatican-Magazin veröffentlicht worden (Ausgabe Oktober 2009).


Wie seriös ist die KNA?

Die katholische Kirche müsse dem Portal zur katholischen Geisteswelt von P. Engelbert Recktenwald etwas entgegensetzen, schreibt Joachim Heinz von der KNA, Joachim Opahle vom internationalen katholischen Mediendachverband SIGNIS zustimmend. Natürlich meint Heinz nicht nur das Portal (das von Opahle selber gar nicht erwähnt wird), sondern allgemein die “Hardliner am konservativen Rand der katholischen Kirche”, die das Internet für ihre Zwecke nutzen. Dazu zählt Heinz die Websites der Piusbruderschaft, kreuz.net, summorum-pontifikum.de und kath-info: Ein weiterer Eintopfexperte läßt grüßen!

Bin ich nun ein Hardliner, weil ich etwa Texte von Ratzinger, Spaemann, Scheffczyk oder Josef Pieper veröffentliche? Nein. Von den etwa 400 Beiträgen auf kath-info pickt sich Joachim Heinz zwei heraus, um sein Schubladendenken zu befriedigen: die, wie er es nennt, “Tipps zum sogenannten Homeschooling”, und die unkommentierte Wiedergabe von Texten, “in denen Homosexualität als heilbar dargestellt wird.” Es handelt sich bei letzteren um zwei Zitate, einmal aus einem Interview der Tagespost mit einem Betroffenen (dem evangelischen Pfarrer Uwe Buß), ein anderes Mal aus einem Artikel von Weihbischof Andreas Laun, der in Kirche heute veröffentlicht wurde.

Wenn nun Heinz, wie man daraus schließen muss, tatsächlich die Tagespost und den bekenntnisfreudigen Weihbischof Laun zu den “Hardlinern am konservativen Rand der katholischen Kirche” zählt, dann wissen wir, wie recht Bernhard Müller mit seiner im Vatican-Magazin geführten Klage (s. o.) über die Profillosigkeit des katholischen Journalismus hatte!

Enger Blick und enge Stirn

“Ich stehe gerne und (fast) jederzeit zur Verfügung”, nämlich für eine Einführung ins Bloggen: In diesen Vorschlag zur Güte läßt auf seinem Weblog Credo ut intelligam Scipio seine herrliche und treffsichere Analyse des “professionellen Journalismus” münden, den KNA-Redakteur Joachim Heinz kürzlich abgeliefert hat: “Erst einmal berechtigte Verdammungen ausstoßen, die Piusbrüder ins Spiel bringen, von Hardlinern raunen und von einer Szene, die sich immer weiter ausbreitet. Dann mit den ‘anonymen Beschimpfungen’ und der von Opahle benannten Anmaßung, im Namen der Kirche zu sprechen, weitermachen und mit k___z.net abschließen. Damit ist der Kübel gefüllt, den man dann, wie die säkularen Kollegen in Hamburg, über andere Verdächtige mitausschütten kann.” Lesenswert.


KNA & Co.: Umstrittener Einsatz des Wortes umstritten

Interessante Beobachtungen über den gezielten Einsatz des Wortes umstritten im Bereich der katholischen Publizistik macht Stefan Meetschen in einem Artikel der neuesten Ausgabe des PUR-Magazins (September 2009). Dieser Einsatz erziele einen “vernichtenden Effekt”, indem die so qualifizierte Person oder Einrichtung als fragwürdig hingestellt wird. Die Pointe seiner Analyse aber besteht in der Erkenntis, dass diese Waffe regelmäßig nur in eine bestimmte Richtung eingesetzt wird: “Wieso werden bei der ‘Katholischen Nachrichtenagentur’ oder dem ‘Rheinischen Merkur’ Kirchenkritiker stets ohne das Adjektiv ‘umstritten’ zitiert? Warum geraten papst- und kirchentreue Organisationen dagegen mit monotoner Leichtigkeit von kirchlichen Journalisten in den Dunstkreis der Verdächtigungen, des Umstrittenseins?”
Der Artikel muss als Beitrag zur Debatte um die Qualität des gegenwärtigen katholischen Journalismus gesehen werden.


Zum Thema:

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