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* * *

28. Januar
Angelus Silesius und die christliche Mystik

Von Richard von Kralik

Neunter Teil

Der göttlichen Vorsehung war alles gegenwärtig, eh’ es geschah:

Es ist kein Vor und Nach. Was morgen soll geschehn,
Hat Gott von Ewigkeit schon wesentlich gesehn.

Drum ist die Vorsehung nicht als sinnlich zeitliche aufzufassen:

Gott siehet nichts zuvor; drum lügst du, wenn du ihn
Mit der Vorsehung misst nach deinem blöden Sinn.

Gott sieht vielmehr von Ewigkeit alles gegenwärtig vor sich, wie es geschieht, nicht wie es geschehen wird oder geschehen ist. Dem soll auch der vollkommene Mensch nachstreben:

Wer Zeit nimmt ohne Zeit und Sorgen ohne Sorgen,
Wem gestern war wie heut, und heute gilt wie morgen,
Wer alles gleiche schätzt, der tritt schon in der Zeit
In den gewünschten Stand der lieben Ewigkeit.

Dennoch ist für uns zeitliche Menschen die Zeit das Wichtigste:

Die Zeit ist edeler als tausend Ewigkeiten.
Ich kann mich hier dem Herrn, dort aber nicht bereiten.

Darum kann in jedem Augenblick der Zeit die Ewigkeit erreicht werden:

Du sprichst, du wirst noch wohl Gott sehen und sein Licht.
O Narr, du siehst ihn nie, siehst du ihn heute nicht.

Auch die Allgegenwart Gottes ist nicht in grobsinnlichem Verstande zu nehmen:

Gott ist nicht hoch, nicht tief. Wer endlich anders spricht,
Der hat der Wahrheit nach gar schlechten Unterricht.

Er ist überall, aber nicht an einem bestimmten Ort:

Denkt, überall ist Gott, der große Jehova,
Und ist doch weder hier, noch anderswo, noch da.

Er ist überall, weil er ja selber die Unendlichkeit des Raumes ist:

Eh Gott die Welt erschuf, was war an diesem Ort?
Es war der Ort daselbst Gott und sein ewiges Wort.

Doch eben weil die Unendlichkeit keine messbare Größe ist, hat sie im kleinen Herzen Raum:

Gar unermesslich ist der Höchste, wie wir wissen,
Und dennoch kann ihn ganz ein menschlich Herz umschließen.

Es gibt keinen räumlichen Unterschied zwischen Gott und einem Menschen:

Ich bin nicht außer Gott und Gott nicht außer mir;
Ich bin sein Glanz und Licht, und er ist meine Zier.

So wird das Wunderbare möglich:

Gott ist noch mehr in mir, als wenn das ganze Meer
In einem kleinen Schwamm ganz und beisammen wär’.

Die Unendlichkeit ist eben eine intensive:

Was meines Geistes Geist, mein’s Wesens Wesen ist,
Das ist’s, das ich für mich zur Wohnung hab’ erkiest.

Die Nähe ist eine geistige:

Gott ist so nah bei dir mit seiner Gnad’ und Güte,
Er schwebt dir wesentlich im Herzen und Gemüte.

Die Nähe hängt von der Empfänglichkeit der Kreatur ab:

Gott ist dem Belzebub nah wie dem Seraphim;
Es kehrt nur Belzebub den Rücken gegen ihn.

Die Schöpfung hat nicht, wie der Pantheismus fälschlich meint, den Zweck, dass der Unendliche sich entfalten und entwickeln wollte oder musste:

Gott ist sich selber alls, sein Himmel, seine Lust.
Warum schuf er denn uns? Es ist uns nicht bewusst.

Diese göttliche Freiheit und Selbstgenügsamkeit wird durch ein treffendes Bild ausgeführt:

Dies alles ist ein Spiel, das ihr die Gottheit macht.
Sie hat die Kreatur um ihretwilln erdacht.

Wird fortgesetzt.

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27. Januar
Meister des intellektuellen Witzes

Chesterton, der als Meister des intellektuellen Witzes bekannt ist, hatte ein unglaubliches Gefühl für Atmosphären. In einer Geschichte notiert er beispielsweise, wie beklemmend die Vorstellung wäre, mit einem Taubstummen in einem dunklen Raum eingesperrt zu sein.

Jürgen Kaube in der FAZ vom 20. Oktober 2011


27. Januar
Dialogprozess: Das Wesentliche liegt woanders

Noch während die in der Kirche verbliebenen Katholiken in ihrem sogenannten Dialogprozess über den Komfort und die Zeitgemäßheit der Glaubensbestuhlung abstimmen, hat der Papst milde vor „Oberflächlichkeiten“ gewarnt. Er hat die Laien gelobt, aber gleichzeitig die Wichtigtuerei mancher Gremienarbeiter belächelt, denn das Wesentliche der Kirche, sagt er, liegt woanders. In der Anbetung.

Matthias Matussek in Christ und Welt, 41/2011


26. Januar
Franziskus Solanus

17. Folge

Am 26. Juni 1626 wurde vom Rat der Stadt Lima eine Versammlung anberaumt, auf der man beschloss, beim Heiligen Stuhl die Seligsprechung zu beantragen und seine Katholische Majestät zu bitten, diesen Antrag tatkräftig zu unterstützen. Man fügte hinzu, dass unter allen Schätzen, die die neue Welt liefern könne, Lima keinen kostbareren anzubieten vermöge.

Schon ehe der Heilige Stuhl gesprochen hatte, begannen die Bewohner Limas, die Bilder des Heiligen zu schmücken und ihn zum Patron der Stadt zu erwählen. Diesem Beispiel folgten bald andere Städte des Königreiches, so La Plata und Carthagena, später Santiago in Chile, Cusco, Salinas, Potosi u.a. nach.

Selbst die königliche Flotte des Stillen Ozeans erwählte den Heiligen zu ihrem besonderen Schutzpatron. Im Mai 1631 waren zwei spanische Schiffe, mit Gold- und Silberschätzen von Peru beladen, aus dem Hafen von Callao abgesegelt, um nach Panama zu fahren. Unterwegs wurden sie von einer plötzlich auftretenden Windstille zurückgehalten. Der Befehlshaber des zweiten Schiffes, des Admiralsschiffes Hurtado de Mendoza, wandte sich an P. Ildefons Quota, der sich an Bord befand, um nach Rom zu reisen und dort Bericht zu erstatten über alles, was von dem Leben und den Wundern des Heiligen bekannt geworden war, und bat ihn um das Bild des hl. Solanus, das jener bei sich hatte. Gern erfüllte der Pater die Bitte. Das Bild wurde an dem Mast befestigt, und die ganze Mannschaft kniete nieder und rief den Heiligen um seine Fürbitte an. Wie Augenzeugen später berichteten, erhob sich bald schon ein günstiger Wind und ermöglichte die Weiterfahrt. Mit jubelnder Begeisterung und unter Freudensalven wurde das Schiff “Franziskus Solanus” getauft.
Aber schon nach einigen Tagen trat abermals Windstille ein, und die Schiffe konnten nicht weiter. Abermals wurde das Bild geholt, abermals warf sich die Mannschaft vertrauensvoll vor demselben nieder, und abermals nahte die Rettung. Ein starker Wind erhob sich, faßte die Segel und trieb die Schiffe vorwärts. Doch bald trat finstere Nacht ein, und das erste Schiff wurde gegen eine Klippe geschleudert und scheiterte. In inbrünstigem Gebet wandte sich die Mannschaft des Admiralsschiffes, auf welchem sich das Bild des Heiligen befand, an Solanus und flehte ihn an, den Unglücklichen beizustehen. Und ihr Gebet war nicht vergebens. Es gelang ihnen, die Schiffbrüchigen zu retten und sie auf ihr Schiff zu bringen. Doch die Gefahren waren noch nicht beseitigt. Ein heftiger Sturm trieb das Admiralsschiff zu derselben Klippe hin. Es drohte bereits unterzugehen, und die Mannschaft erwartete in Angst und Not ihr Ende. Noch einmal wandte man sich an den Heiligen und nicht umsonst. Der Wind drehte sich, und trotz aller Gefahren landete das Schiff endlich mit all seinen Schätzen glücklich in Panama. Der Admiral weihte die ganze Flotte feierlich dem hl. Solanus, wozu der König gern die Genehmigung erteilte. In der Kirche der Franziskaner zu Panama wurden feierliche Dankandachten gehalten, und das Bild des Heiligen wurde zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt und von unzähligen Scharen besucht. Panama wählte den hl. Solanus zum Schutzheiligen und stiftete nach dem Beispiel anderer Städte eine bedeutende Summe für die Kosten Kanonisation. Zugleich wandte sich die Stadt an den Papst mit der Bitte, die Sache der Seligsprechung zu beschleunigen, indem sie zahlreiche Wunder berichtete, deren Zeuge sie gewesen war.

Die Ordenoberen der Stadt Lima hatten mittlerweile auch alles Material über die Wunder sammeln lassen, die während des Lebens des Heiligen und nach seinem Tode geschehen waren. Selbst der Magistrat wandte der Sache sein ganzes Interesse zu und ernannte einen Prokurator, der gemeinsam mit dem Orden arbeiten sollte.

Unter Leitung des Herrn Gonzalez de Campo, Erzbischofs von Lima, begann der Prozess, wozu 304 Zeugen geladen wurden. Es befanden sich unter ihnen die ausgezeichnetsten Persönlichkeiten, so der Marquis von Montes Claros, Vizekönig von Peru, die Bischöfe von Arem, von Guamagna und von Paraguay, fünf Provinziale der Orden des hl. Dominikus, des hl. Augustinus und der Gesellschaft Jesu, Generalbevollmächtigte von West-Indien und andere geistliche und weltliche Würdenträger. Gleichzeitig fanden geistliche Gerichte in Spanien statt unter Leitung der Erzbischöfe von Sevilla und Granada, sowie der Bischöfe von Cordova und Malaga.

Zehn Jahre dauerte es, bis die notwendigen Informationen und Zeugnisse gesammelt und die Verhandlungen abgeschlossen waren. Danach wurde alles von dem General der Franziskaner, Pater Benignus von Genua (1618 - 1625), der Ritenkongregation vorgelegt, die die Sache eingehend prüfte. Eine Abschrift erhielt auch König Philipp von Spanien, der sich beim Papst sehr für die Angelegenheit verwandte.

Trotzdem kam sie unter den Päpsten Paul V. (1605 - 1621) und Gregor XV. (1621 - 1623) zu keinem Abschluss. Erst Urban VIII. (1623 - 1644) nahm sie wieder auf und erließ ein feierliches Dekret, worin er bestimmte, dass weiter gesammelt und besonders alle Wunder, die Gott durch den Heiligen gewirkt habe, zusammengestellt werden sollten.

Das Dekret wurde in Lima am 27. Februar 1628 unter feierlichem Gepränge verkündet. Der Leib des Heiligen wurde erhoben und in einem Sarg von Zedernholz ausgesetzt. In großen Scharen strömte das Volk herbei, um dem geliebten hl. Solanus den Tribut treuer Verehrung zu zollen.

Madame Mencia de Sylva und Cordova, die von dem Heiligen große Wohltaten empfangen hatte, ließ in der Franziskanerkirche eine prachtvolle kleine Kapelle herrichten, die seine Überreste aufnehmen sollte.

Am 7. November 1632 kam der bereits erwähnte Pater Ildefons in Rom an, um dem Papst ein Werk von 2114 Seiten über das Leben und die Wunder des Solanus zu unterbreiten. Papst Urban wollte aber die weisen Vorschriften der Kirche, die einen Zeitraum von mindestens 50 Jahren bis zur Kanonisation verlangten, nicht umgehen und untersagte vorläufig alle Feste und öffentlichen Andachten zu Ehren des Heiligen.

Das Volk war äußerst bestürzt. Warum sollte man eine Verehrung einstellen, die durch so viele und auffallende Wunder von Gott selbst gutgeheißen worden war? Nach langem Sträuben, ja selbst Demonstrationen leistete das Volk Gehorsam in der Erwartung, um so eher die Kanonisation zu erwirken. Die Ordensleute von Lima trugen unter allgemeiner Trauer die Überreste des Heiligen wieder zurück in die Totenkapelle. Niemand aber konnte es dem Volke verwehren, seinen lieben Heiligen auch ferner anzurufen, ihn als Patron und Beschützer zu verehren, und immer wieder erscholl die Kunde von neuen Wundern, die Gott auf Fürbitte seines Dieners gewirkt hatte.

wird fortgesetzt.

Zum bereits Erschienenen


25. Januar
Mihai Pacepa

Heute vor fünf Jahren, am 25. Januar 2007, schrieb der ehemalige rumänische Doppelagent Mihai Pacepa in der National Review, dass der KGB Rolf Hochhuth mit gefälschten Dokumenten über Pius XII. versorgt habe. Dessen Stück Der Stellvertreter sei Teil einer Desinformationskampagne des KGB namens Seat 12 gewesen. Doch da diese sensationelle Enthüllung nicht in die gegen Pius XII. gerichtete political correctness passte, blieb sie in den Medien fast unbeachtet.


24. Januar
Christus - Sehnsucht der Völker
Das Christentum und die Religionen in der Theologie
Papst Benedikts XVI.

Von Prof. Dr. Albert Dahm

Anlässlich der Eröffnung der V. Generalversammlung der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik hat Papst Benedikt XVI. am 13. Mai 2007 in Aparecida (Brasilien) eine viel beachtete, freilich auch heftig kritisierte Ansprache gehalten. Stein des Anstoßes waren vor allem seine grundsätzlichen Erwägungen zur Bedeutung der Evangelisierung für die Menschen und Kulturen Lateinamerikas. Nach kurzen einleitenden Sätzen hatte der Papst die Frage gestellt: „Welche Bedeutung hatte.. die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik“?

Die an dieser Stelle in nur wenigen Strichen skizzierte Antwort bietet in nuce eine Theologie der Religionen, wie sie J. Ratzinger an anderer Stelle, in zahlreichen Beiträgen, umfassender und tiefgreifender dargelegt hat. Hier allerdings fällt auch die Äußerung, die zu harschen Reaktionen, ja zu Widerspruch und Polemik geführt hat.

Der Papst antwortet folgendermaßen auf die gestellte Frage:
„Es bedeutete für sie (scil. die Länder Lateinamerikas und der Karibik), Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten. Es bedeutete auch, mit dem Taufwasser das göttliche Leben empfangen zu haben, das sie zu Adoptivkindern Gottes gemacht hat; außerdem den Heiligen Geist empfangen zu haben, der gekommen ist, die Kulturen zu befruchten, indem er sie reinigte und die unzähligen Keime und Samen, die das fleischgewordene Wort in sie eingesenkt hatte, aufgehen ließ und sie so auf die Wege des Evangeliums ausrichtete. Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur. Echte Kulturen sind weder in sich selbst verschlossen noch in einem bestimmten Augenblick der Geschichte erstarrt, sondern sie sind offen, mehr noch, sie suchen die Begegnung mit anderen Kulturen, hoffen, zur Universalität zu gelangen in der Begegnung und im Dialog mit anderen Lebensweisen und mit den Elementen, die zu einer neuen Synthese führen können, in der man die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer konkreten kulturellen Verwirklichung respektiert“ (L’ Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, vom 18. Mai 2007, Nr. 20,4; online auf der Website des Vatikans).

Mit diesen wenigen Worten hat der Papst in der ihm eigenen intellektuellen Schärfe auf den Punkt gebracht, was uns beschäftigen muss, wenn wir nach dem Verhältnis des Christentums zu den Religionen fragen. Er hat wichtige Klarstellungen angesichts einer heute sehr kontrovers geführten Debatte vorgenommen. Dabei sind die Umrisse einer theologisch durchdachten Konzeption sichtbar geworden, die wir im folgenden ein wenig näher betrachten wollen, indem wir einen Blick auf früher veröffentlichte Abhandlungen werfen, in denen die Thematik breiter entfaltet ist. Zunächst aber konfrontieren wir die Stimme des Papstes mit einem sehr polemischen Widerspruch, um das Problem präzise zu erfassen und herauszuarbeiten, um das es hier geht.

I. Das Problem

Am 15. Mai 2007 meldete Jörg Vins im SWR 2 Journal am Mittag seine heftige Kritik an. In einer sehr emotionalen Reaktion geißelte er die Position des Papstes und erhob harte Vorwürfe:

“Für die Ohren der Indianer muss eine solche Äußerung unsensibel und unverschämt klingen. Haben sie doch genug gelitten unter der Christianisierung um Jesu willen. Mit einer unbeschreiblichen Gewalt ist man gegen die Ureinwohner Lateinamerikas nach ihrer Entdeckung vorgegangen. Da man glaubte, dass es sich bei den Indianern keinesfalls um Menschen handelte, sondern um Kreaturen, die man problemlos versklaven oder abschlachten kann, war man sich keiner Schuld bewusst ... Die Schlächter von damals waren alle getauft, und so gehen deren Taten auch auf das Konto der Kirche ... Wer die Fehlleistungen der Kirche in Lateinamerika nicht sehen kann, der versteigt sich schnell zu Aussagen wie: Die Indianer hätten die Christianisierung herbeigesehnt ... Und da Joseph Ratzinger in seinem Theologiestudium nicht nur gelernt, sondern auch zutiefst verinnerlicht hat, dass die Kirche eine göttliche Stiftung ist und kein Menschenwerk, ist es ihm unvorstellbar, dass innerhalb der Kirche etwas falsch gelaufen sein könnte. Und da er, wie der Apostel Paulus glaubt, dass die Schöpfung noch in Geburtswehen liegt und die Erlösung herbeisehnt, mithin jeder Mensch sich nach Erlösung sehnt, ist es wirklich nur noch ein kleiner Schritt zur Aussage, die Indianer hätten die Christianisierung herbeigesehnt” (J. Vins, Kommentar Benedikt und die indigenen Völker vom 15. 5. 2007 in: SWR 2 Journal am Mittag, Manuskript).

Die sehr emotionsgeladene und zornige Gegenrede ruft den Eindruck hervor, dass hier die Polemik den Blick für das theologische Problem verstellt hat. Historisch unbestrittene und unbestreitbare Tatsachen (um die auch der Papst weiß), werden verquickt mit Schlagworten, die auf theologische Positionen gemünzt sind, ohne dass in letzter Klarheit sichtbar wird, was der Autor in Frage stellt.

Dass die Christianisierung Südamerikas im Zuge einer gewaltsamen Eroberung erfolgte, gehört in der Tat zur Last eines historischen Erbes, das heute nur beklagt werden kann. Davon ist aber die theologische Frage zu unterscheiden, die Frage nach dem Recht der Mission überhaupt, nach der Wahrheit des Christentums, die Frage auch: In welchem Verhältnis steht das Christentum, die von ihm beanspruchte Wahrheit seiner Botschaft, zu den Religionen? Bedeutet Evangelisierung notwendigerweise Überfremdung? Geschieht den Menschen und Völkern Unrecht, werden sie ihrem Eigensinn entfremdet, wenn sie mit dem Evangelium konfrontiert und zur Bekehrung eingeladen werden? Wie steht es mit dem Wahrheitsanspruch des Christentums? Bedeutet es Anmaßung, Arroganz, wenn das Christentum den Anspruch erhebt, die religio vera zu sein? Sind damit die übrigen Religionen von der Wahrheit ausgegrenzt, als irrig und unwahr diskreditiert? Mit diesen Fragen berühren wir den Kern der Sache. Wir stoßen auf den heute gängigen Relativismus, in dem der Papst die Gefahr der gegenwärtigen Stunde sieht. Heute erscheint es vielfach als verpflichtendes Erbe der Aufklärung, allen Religionen eine gleiche Nähe und Ferne zur Wahrheit zuzugestehen. In ihnen allen einen symbolhaften, in jedem Fall legitimen Ausdruck einer im Grund doch ungreifbaren und unnahbaren Wahrheit zu sehen. Wir denken an die berühmte Ringparabel aus Lessings Drama “Nathan der Weise” oder an das Wort des Preußenkönigs Friedrichs II.: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.

wird fortgesetzt


23. Januar
Neu in der Personenübersicht:
Rafael Arnáis Barón OCSO, Gerd Klaus Kaltenbrunner


23. Januar
Isidro Hidalgo

Vor 100 Jahren, am 23. Januar 1912, starb in Madrid im Alter von fast 80 Jahren P. Isidro Hidalgo SJ, der Berater der hl. Vinzenza Maria Lopez y Vicuña (1847 - 1890).


22. Januar
Verfälscht der Römische Kanon das Testament des Herrn? – Angenendts Anklage

Von P. Franz Prosinger

Arnold Angenedt ist es zu verdanken, den entscheidenden Punkt im Streit um die Liturgiereform bzw. die ordentliche und die außerordentliche Form der Römischen Liturgie angesprochen zu haben [1]. Die Frage, ob eine Pluralität der Eucharistischen Hochgebete typisch oder untypisch war, ist demgegenüber ganz nebensächlich. Über die Angemessenheit der Form zu streiten ist jedenfalls untypisch für das selbstverständliche Leben in der Liturgie, in der man aufgewachsen und in sie hineingewachsen ist, darin atmet und lebt. Daß es in verschiedenen Familien und Kulturen verschiedene Formen gibt, stört nicht, solange der Inhalt übereinstimmt. Darum aber geht es: vollziehen wir das, was uns der Herr aufgetragen hat? Erfüllen wir sein Testament? Kann sich die Kirche in ihrem zentralen Tun, in der Quelle und dem Höhepunkt ihres Lebens, im Herzstück ihrer Existenz sicher sein?

Nach Angenendt wurde „Jesu Erinnerungsauftrag... nicht als Opfern verstanden, sondern als Aufforderung, so wie einstmals Jesus im Abendmahlssaal nun ebenso Brot und Wein zu nehmen und um den Segen zu bitten“. Dagegen habe das römische Hochgebet eine völlig neue Ausrichtung. Mit der Wandlungsbitte beginne die Idee, es werde Gott-Vater der Leib und das Blut seines Sohnes geopfert. Es habe eine „Umdeutung zum Opfer“ stattgefunden: die Gaben werden nun von Menschen in einem Opferakt Gott dargebracht. Dagegen finde sich ursprünglichere Auffassung in der Traditio Apostolica, dem sogenannten Kanon des Hippolyt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Angenendt widerlegt sich selbst durch eine falsche Übersetzung. Das „offerimus“ nach den Worten Jesu über das Brot und den Kelch übersetzt er zunächst richtig: „bringen wir das Brot und den Kelch dar“, fügt aber in Klammern hinzu: „besser: bringen herzu“. Dagegen weiß jeder Exeget, daß das hebräische clh (von Martin Buber übersetzt mit „darhöhen“), das griechische anaphérein (anáphora) bzw. prosphérein und das entsprechende lateinische offerre ein terminus technicus ist, welcher das Emporheben der Opfergabe als Darbringung bezeichnet. Das Wort „Opferdarbringung“ ist tautologisch. Im Lateinischen ist das dem sacrificium bzw. oblatio entsprechende Verb das offerre, manchmal kann auch celebrare stehen, da es sich um einen festen Ritus handelt. Auch ein Prozeß wird „zelebriert“. Die „Zelebration“ des Opfers meint dann aber nicht, daß man eines vergangenen Opfers feierlich gedenkt. Der typische Ausdruck bleibt das offerre, im Deutschen „opfern“ bzw. „darbringen“. Könnte man das „Herzubringen“ noch als wörtliche Übersetzung, allerdings ohne Berücksichtigung des spezifischen Sprachgebrauchs, gelten lassen, so ist jedenfalls die „oblatio ecclesiae“ auf unredliche Weise eskamotiert:

„Auch bitten wir dich, deinen Heiligen Geist auf die Gabe der Kirche herabzusenden“. „in oblationem sanctae ecclesiae“ bezeichnet eben den neuralgischen Punkt: die Kirche gedenkt nicht nur des Opfers Christi in den Zeichen von Brot und Wein, sondern bringt die Opfergaben, nämlich den geopferten Leib und das ausgegossene Blut dar. Eben das besagt oblatio ecclesiae: die Kirche ist handelndes Subjekt einer Opferhandlung. Eine Präfation zum Allerheiligsten Sakrament – 1962 wieder in das Römische Meßbuch im Anhang aufgenommen – bringt dies so zum Ausdruck: Christus hat „seinen Leib und sein Blut uns zum Opfer anvertraut“ (Corpus et Sanguinem in sacrificium commendavit). Er hat es nicht nur „als“ ein Opfer anvertraut – das könnte auch die Erinnerung an das bereits ein- für allemal vollzogene Opfer auf Kalvaria sein -, sondern „zum Opfer“, also zur „Opferdarbringung“, um es noch einmal tautologisch zu verdeutlichen.

Somit ist es kein „Bruch“, daß im Römischen Kanon die „bereits als sakral bezeichneten Gaben (haec dona, haec munera, haec sancta sacrificia illibata)“ nicht nur von der Kirche, sondern auch für die Kirche dargebracht werden. Für Angenendt ist dies „von der allgemeinen religionsgeschichtlichen Opferlogik her bestens verständlich“. Wer die Diskussionen der vergangenen 45 Jahre kennt, denkt hier sofort an die These Eugen Bisers, daß Jesus als „größter Revolutionär der Religionsgeschichte“ mit den heidnischen und auch alttestamentlichen Opfervorstellungen radikal gebrochen habe [2]. Konsequenter als Angenendt sieht aber Biser – ebenfalls in den „Stimmen der Zeit“! - die Umdeutung nicht erst in frühkarolingischer Zeit, sondern durch die „Menge von Priestern“, welche sich nach Apg 6,9 der Urkirche angeschlossen hatten und ihre von Jesus radikal überwundenen Opfervorstellung mit dem damit verbundenen falschen Gottesbild in das Leben der Kirche und die Schriften des Neuen Testamentes getragen haben (Stimmen der Zeit, Bd. 213 (1995) S.726). Konsequenter, weil die in 1 Kor 10,18 ausgedrückte „religionsgeschichtliche Opferlogik“ schon auf die Kommunion im geopferten Leib und im konsekrierten Kelch angewandt wird (1 Kor 10,16). Die Sühnopfertheologie des Hebräerbriefes hat durchaus auch das eucharistische Opfer im Blick, obwohl dieses nicht sein eigentliches Thema ist [3]. Schon in neutestamentlicher Zeit, um das Jahr 95, wendet Papst Klemens in seinem Ersten Brief an die Korinther die alttestamentlichen Opfervorschriften auf das Opfer und die Priester der Kirche an.

Angenendt sieht mit Recht, daß der immer neue Eintritt des alttestamentlichen Hohenpriesters in das Heiligtum, um für sich und das Volk Sühnopfer darzubringen, nicht mehr direkt Vorbild für den Eintritt des Priesters in die Kanonstille sein kann. Der Hebräerbrief zeigt dieses vorläufige Opfer als Schatten und Vorbild als in Christus erfüllt und aufgehoben. Wenn man aber mit dem Hebräerbrief und gegen Eugen Biser den Kreuzestod Jesu als Sühnopfer bezeichnen darf und muß, dann ist auch die Darbringung des Opfers Jesu durch die Kirche als eine immer neue Opferhandlung ein immer neues Sühnopfer.

Dagegen kritisiert Angenendt: „Der Tendenz, Bitten einzuschieben, folgt im römischen Hochgebet als zweite, noch gravierendere die der Sühne, nämlich Gott-Vater Leib und Blut seines Sohnes zu opfern für die Vergebung der Sünden der Menschen.“ Gegen Ende des Artikels schreibt er: „Die Hervorhebung der Sühnewirkung des Meßopfers (die an sich gar nicht zu bestreiten ist) hat gegenüber der Mahlfeier ein solches Übergewicht erhalten...“ Konsequenter wäre es nach den voraufgegangenen Ausführungen gewesen, den Sühnopfercharakter des Meßopfers auch „an sich“ zu bestreiten – aber dann müßte man das Anathema des Konzils von Trient und die offene Konversion zum Protestantismus auf sich nehmen. Oder hofft auch Angenendt als „protestantisch veranlagter Katholik“ (Lammert) auf einen neuen Papst?

Wie der Bonner Liturgiewissenschaftler A. Gerhards sieht auch Angenendt das „Klerikale `opfern für´“ als Fehlentwicklung einer neuen sazerdotalen Spiritualität der frühkarolingischen Zeit: als ob nun nur noch der zelebrierende Priester anstelle der versammelten Gläubigen das Opfer darbringen würde. Kritisiert wird das pro quibus tibi offerrimus (für die wir opfern) im zweiten Gebet des Römischen Kanons – unterschlagen wird, daß es gleich anschließend heißt: vel qui tibi offerunt (oder die Dir opfern): man wußte also doch schon immer, daß jeder Getaufte mit-opfern kann, auch für andere (pro se suisque omnibus). Angeblich war in „Mediator Dei“ die Wiederentdeckung des allgemeinen Priestertums der Gläubigen „eine kleine Revolution“. Dagegen bedeutete schon immer „mein und euer Opfer“ im Römischen Meßbuch ein- und dasselbe durch die Kirche dargebrachte Opfer Christi, dargebracht durch alle Getauften in ihrem allgemeinen Priestertum, durch den geweihten Priester aber auch speziell in der Repräsentation des Hauptes, nämlich Christus. Dieses „sowohl - als auch“ ist kein „entweder - oder“. Nach Angenendt aber gilt: „Wer also den römischen Kanon betet, verstößt schon gegen "Mediator Dei", erst recht gegen die Gottesvolk-Theologie des Zweiten Vatikanums“. Die Auffassung der römischen Kirche (zumindest [4]) des zweiten Jahrtausends ist nach Angenendt eine Fehlentwicklung und ein Mißverständnis: „Überdies besänftigt das Meßopfer den Zorn Gottes und sühnt die Sünden der Menschen. Dafür wird in der Messe die denkbar wertvollste Opfermaterie dargebracht, nämlich Leib und Blut des Gottes-Sohnes, dessen Opferung sich Gott-Vater nicht entziehen kann. Genau diese charakteristischen Eigenheiten, wie sie für die Meßauffassung insgesamt leitend wurden, finden sich allesamt im römischen Hochgebet wieder: die Verstärkung des Bitt- und Sühnecharakters, dazu die Dominanz des Opferpriesters.“ Demnach hätten die heiligen Priester des vergangenen Jahrtausends, etwa der hl. Pfarrer von Ars, ihr Leben und ihre Spiritualität auf eine falsche Grundlage gestellt [5]. Dagegen steht nach Angenendt der angeblich einfache und kohärente Sinn des Hochgebetes: „Dank an Gott-Vater für seinen Sohn Jesus Christus, der sich im Geist vergegenwärtigt in Brot und Wein, auf daß wir uns ihm eingliedern und er uns mitnimmt durch den Tod zu seiner und unserer Auferstehung.“ Daß der Autor eine solche Impanationslehre mit Unverständnis für die vorsichtigere Mundkommunion verbindet – er sieht hier einen Verrat an der Lehre Jesu von kultischer und ethischer Reinheit -, ist verständlich.

Das Resultat Angenendts: Das römische Hochgebet ist nicht Zeuge einer organischen Fortentwicklung, sondern weise einen Bruch auf; es wurde nicht nur stärkstens umgeformt, sondern verformt. Es geht also wirklich darum, ob wir das Testament Christi, seine letztwillige Verfügung, seinen uns anvertraute hingegebenen Leib und sein für uns und für viele ausgegossenes Blut in rechter Weise annehmen und damit „umgehen“. Einverstanden sind wir mit Angenedt darin, daß nicht der Brauch, sondern die Wahrheit entscheiden soll. Redlicherweise sollten beide Seiten bereit sein, sich durch die besseren Argumente überzeugen zu lassen. Auch wer – wie der Schreiber dieser Zeilen – seit über 30 Jahren täglich das heilige Opfer am Altar dargebracht hat, sollte – so bitter das auch sein mag – bereit sein, seinen eventuellen Irrtum einer „Umdeutung zum Opfer“ und sein „klerikales `opfern für´“ einzugestehen. Aber sollte er angesichts einer so zentralen Verunsicherung nicht auch erwarten dürfen, daß die Kirche selbst hier eindeutig entscheidet? Man wundert sich ja nicht nur, daß angesichts solcher Unsicherheiten viele Priester scheitern und immer weniger junge Männer sich auf ein so zweifelhaftes Unternehmen einlassen, sondern mehr noch, daß immer noch so viele dazu bereit sind und ihren Dienst am Altar bzw. Tisch pflichtgetreu erfüllen. Immer noch werden Seminaristen Priester, welche z. B. bei Bernd Jochen Hilberath, Direktor am Institut für Ökumenische und Interreligiöse Forschung der katholischen Fakultät in Tübingen, studieren. Dieser sagte in der Paulus-Akademie Zürich bei der theologischen Tagung zum Thema „Versöhnt durch den Tod Christi? Die Sühnopfertheologie auf der Anklagebank“: „Der Ausgang von überlieferten Jesusworten (Leidensaussagen, Lösegeldwort [Mk 10,45]; Abendmahlsworten) muß aus methodischen Gründen als ungesichert gelten“ (im gleichnamigen Buch, Zürich 2009, S. 112). Demnach könnte die Einsetzung der Eucharistie, ob Opfer oder Mahl, überhaupt nicht auf Jesus zurückgehen! Nach dem Gründer der neokatechumenalen Bewegung, Kiko Argüello, ist die Kirche von Konstantin bis zum Zweiten Vatikanum ins Heidentum zurückgefallen, da sie nicht auf einem Tisch zelebrierte, sondern auf einem Altar.

Immerhin haben sich im 16. Jahrhundert sich die Christen in eben diesen Fragen in verschiedene kirchliche bzw. unkirchliche Gemeinschaften voneinander getrennt. Luther schrieb: “Betrachten wir sie als Sakrament oder Testament. Nennen wir sie Segnung, Eucharistie oder Tisch des Herrn oder Mahl des Herrn oder Gedächtnis des Herrn oder Kommunion. Man gebe ihr nach Belieben jeden frommen Namen, wenn man sie nur nicht nach dem Titel eines Opfers oder (guten) Werks beflecke” (Weimarer Ausgabe, 1. Abt. , Bd 12, S. 208). Und im Jahr 1533 in Von der Winkelmesse und Pfaffenweihe: “Christus Meinung ist, daß es sole ein gemein Sakrament sein, den anderen Christen mitzuteilen, aber du bist geweiht, daß du es sollest Gott opfern, und bist nicht zum Sakramentspfaffen, sondern zum Opferpfaffen geweiht; wie die Worte des Weihbischofs lauten, da er dir den Kelch in die gesalbte Hand gab: Accipe potestatem consecrandi et sacrificandi pro vivis et defuncti. Das mag mir eine verkehrte Weihe heißen, daß du dir einzelnen Personen ein Opfer gegen Gott draus machst, das doch soll eine gemeine Speise sein, von Gott durchs Pfaffenampt den Christen zu reichen verordnet” (Erlanger Ausgabe, deutsche Reihe Bd 31, S. 311). Der Heidelberger Katechismus lehrt: „Und ist also die Meß im Grund nichts anderes denn eine Verleugnung des einigen Opfers und Leidens Jesu Christi und eine vermaledeite Abgötterei“ (Frage 80).

Nun könnte man sagen, die Frage sei durch die Kirche schon längst entschieden. Aber das lebendige Lehramt der Kirche hat im Lauf der Jahrhunderte immer wieder schon entschiedene Fragen neu aufgegriffen, wenn durch neue Argumente ein neuer Kontext entstanden ist.

Man kann zwar durch eingehende Untersuchungen der Konzilstexte und der Einleitung zum Novus Ordo Missae von 1969 nachweisen, daß auch dort die Aussagen des Konzils von Trient zum Meßopfer vorausgesetzt sind und gelten [6], aber das ersetzt nicht eine autoritative Klärung durch die Kirche. Zudem sind in halb-offiziellen Texten immer wieder Verunsicherungen festzustellen. So lautet die korrekte Frage im Katechismus der katholischen Kirche in Nr. 1328 „Wie wird dieses Sakrament genannt?“ im Youcat Nr. 212: „Welche Namen gibt es für das Mahl Jesu mit uns, und was bedeuten sie?“ – so als ob es sich im wesentlichen um ein Mahl handelte und die verschiedenen Namen zusätzliche Aspekte bezeichnen würden (richtig wird dann gesagt: „Die Kirche und die Gläubigen bringen sich mit ihrer Hingabe selbst in das Opfer Christi ein“).

Die Frage von Mahl und Opfer betrifft auch und vor allem die Applikation des Erlösungsopfers Christi, ob wir uns als schon endgültig Erlöste in einer Mahlgemeinschaft versammeln oder als immer noch im Prozeß des Sterbens und Auferstehens mit Christus Befindliche in das Erlösungsopfer eingehen. Die sogenannte Allerlösungslehre steht der tridentinischen Meßopferlehre diametral entgegen. So sei auch der im Youcat ventilierte Zweifel erwähnt: „Ob jemand im Moment des Todes der absoluten Liebe ins Gesicht schauen kann und immer noch nein sagen kann, wissen wir nicht“ (Nr. 161). Man könnte noch zweifeln, ob jemand „nein“ sagen wird, aber wenn dies gar nicht möglich wäre, dann könnte Gott sich und uns all das Leid der Welt wirklich sparen, und auch die Vergegenwärtigung und Darbringung des Meßopfers in seiner Kirche.

In der hier aufgeworfenen Frage des rechten Verständnisses und Vollzugs der Eucharistie konnte man Jahr für Jahr mit Spannung die Gründonnerstagsbriefe des sel. Johannes Paul II., Veröffentlichungen wie „Ecclesia de Eucharistia“ oder auch die Behandlung des Gebetes Jesu beim Abendmahl durch Papst Benedikt XVI. am 11.01.2012 verfolgen. Oft wird nur vom Gedächtnis und der Vergegenwärtigung des Opfers Christi gesprochen – zweifellos ein wichtiger und richtiger Aspekt, dem auch Angenendt zustimmen kann. Immer wieder findet sich aber auch die oblatio ecclesiae, die im zweiten Hochgebet des Meßbuches von Paul VI., welcher zum großen Teil auf den sogenannten Kanon des Hippolyt zurückgeht, leider ausgelassen wurde: das eine Opfer Christi wird in den vielen Messen immer wieder dargebracht, oder wie Kardinal Journet es formulierte: es gibt ein sacrifice enveloppée und ein sacrifice enveloppante, das eingehüllte Opfer Christi und das dieses einhüllende Opfer der Kirche.

Anmerkungen:

[1] A. Angenendt, Lobpreis der Alten Liturgie? in: Stimmen der Zeit, Heft 10, Okt. 2010, S. 651- 662. Der Aufsatz und die angeführten Zitate können online eingesehen werden.

[2] F. Prosinger, War der Kreuzestod ein Opfer, in: Communio II/1999, S. 189ff

[3] O. Kuss, Der theologische Grundgedanke des Hebräerbriefes. (MüThZ 1956, 233-271)

[4] Das von Klaus Gamber entdeckte Sakramentar des hl. Bonifatius enthält den Römischen Kanon Wort für Wort.

[5] Eine biblische und vernunftgemäße Deutung von Sühne und Besänftigung des Zornes Gottes habe ich versucht in: F. Prosinger, ...damit sie geheiligt seien in Wahrheit. Wie wir erlöst werden – Eine biblische Betrachtung. Siegburg 2009. Zum Zorn Gottes: S. 16f.

[6] P. Cantoni, „Novus Ordo Missae“ e fede cattolica, Genova 1988


21. Januar
In eigener Sache

Auf einer je eigenen Seite wurden untergebracht drei kleine Beiträge über pro familia, zwei Beiträge über fragwürdige Bischofsberater, kritische Anmerkungen zur Jugendvigil beim Papstbesuch und eine Predigt Johannes Pauls II. über die Familie.


21. Januar
Vikariat Mosambik

Vor 400 Jahren, am 21. Januar 1612, wurde an der Ostküste Afrikas das Vikariat Mosambik errichtet, und zwar durch Abtrennung von der Diözese Goa.


20. Januar
Jaime Balmes

Von Weinand

Dritter Teil

Hatte Balmes seit der fruchtlosen Erhebung der Moderatos in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli sich überzeugt, daß es sich in Spanien um etwas ganz anderes handle, als dynastische Interessen und politische Parteikämpfe, und daß deren Obsiegen nach keiner Seite hin mehr die Zukunft sichern könne, dann mußten die Ursachen so furchtbarer Krankheitserscheinungen tiefer gesucht werden. Seine beiden ersten politischen Schriften, eine strenge Rechenschaftslegung über die Wirklichkeit der politischen und sozialen Lage Spaniens, waren Pfadfinder seines rastlos arbeitenden Geistes geworden, und mit aller Energie auf Studien zurückgreifend, die, in Cervera angeregt, in der jahrelangen Einsamkeit zu Vich vertieft wurden, kam er jetzt zur Klarheit, daß den Krankheitserscheinungen der Zeit eine Fälschung der christlichen Zivilisation zu Grunde liege, die allein einen wissenschaftlich ausreichenden Grund für das beständige Schwanken der modernen Gesellschaften zwischen Freiheit und Despotie, zwischen Fortschritt und Verelendung, zwischen Leben und Tod biete. Es handelte sich für Balmes um geschichtlich-philosophische Forschungen über den Entwicklungsgang der modernen Zivilisation; sie kamen in Barcelona zum Abschluß, und im Jahr 1842 begann die Drucklegung des Werkes, welches er unter dem furchtbaren Wechsel der eigenen Lebensschicksale und der seiner Umgebung „seinen Traum, seine Hoffnung, sein Ideal in dieser Welt“ genannt hatte. Das Werk erschien unter dem Titel: El Protestantismo comparado con el Catolicismo en sus relaciones con la civilizacion europea (Barcelona 1842-1844, 4 Bde.; 3. Aufl. das. 1849): „Protestantismus und Katholizismus in ihren Beziehungen zur europäischen Zivilisation“ (aus dem Spanischen übersetzt von F. X. Hahn, Regensburg 1862, 2 Bde.). Den Ausgangspunkt seiner Untersuchungen, die Balmes selbst als eine Weiterführung der Untersuchungen Bellarmins und Bossuets nach den Anforderungen unserer Zeit bezeichnet, legt er in folgenden Worten im Hinblick auf die tiefen und nicht endenden Umwälzungen der Neuzeit also dar: „Diese Erschütterungen waren so gewaltig, daß der Boden unter unseren Füßen so zu sagen sich öffnete und der menschliche Geist, der eben noch voll triumphierenden Stolzes unter Siegesjubel und Beifallsgeschrei und gleichsam mit Lorbeeren überladen einherschritt, erschreckt in seinem Laufe innehielt und von tiefem Gefühle bewältigt an sich die Frage stellte: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist meine Bestimmung?“ Das Problem der Zivilisation, wie es die Revolution gestellt, war also nicht, wie [François] Guizot [1787 - 1874] es gestellt, das Problem der fortschreitenden Freiheit, sondern das Problem der die Freiheit bestimmenden, leitenden und ihr Wirken allein erklärenden Gesetze der Religion. Hinter der durch die namenlose Barbarei des Radikalismus geschändeten Zivilisation erhebt sich die religiöse Frage in ihrer Riesengestalt, das Haupt im Himmel, die Füße im Abgrund, auf dem Gipfelpunkte der Gesellschaft, hoch über der überraschenden Entwicklung der materiellen Interessen, dem Fortschritt der empirischen und exakten Wissenschaften, dem immer noch steigenden Einflusse politischer Erörterungen. Die entscheidende Frage ist: „Was hat in religiöser, sozialer, politischer und literarischer Beziehung das Individuum und die Gesellschaft der Reformation des 16. Jahrhunderts zu verdanken?“ Nach einer im großen Stile gehaltenen Parallele zwischen dem Einfluß des Katholizismus und des Protestantismus im allgemeinen führt Balmes dieselbe hinsichtlich der Stellung des Individuums, der Ehe, der Familie, der bürgerlichen und der religiösen Gesellschaft, der Befreiung der Sklaven, der Erhebung der menschlichen Persönlichkeit, der Heiligkeit und Unauflöslichkeit des Ehebandes, des öffentlichen Gewissens, der Milderung der Sitten, der Caritas, der Inquisition, der religiösen Orden, der sozialen und politischen Doktrinen, der Wissenschaften und Künste in detaillierter Fassung, methodisch, in oft bewundernswert poetischer und beredter Sprache durch. Seine Behandlungsweise ist gleich weit entfernt von Guizots doktrinär-mechanischer Darstellung wie von Donoso Cortez' blendenden Antithesen hinsichtlich der Prinzipien; auch läßt er sich nicht, wie [Jean Marie-Sauveur] Gorini [1803 - 1859], in historische Detailkritik gegen Guizots Irrtümer ein; seine Erörterung bleibt immer historisch-dogmatisch, da, wo die Sache es erfordert, spanische Verhältnisse besonders berücksichtigend. Das Resultat seiner Forschungen resümiert Balmes (Kap.73) selbst wie folgt: „Vor dem Protestantismus hatte sich die europäische Zivilisation so weit entwickelt, als es möglich war; der Protestantismus aber lenkte sie in falsche Bahnen und brachte den neueren Völkern unberechenbares Unheil; die Fortschritte, die seit der Reformation gemacht wurden, sind nicht durch ihn, sondern trotz ihm gemacht worden.“

Man sieht es diesen epochemachenden Untersuchungen der größten Zeit- und Weltprobleme, ihrer für den heutigen Geschmack oft zur Weitschweifigkeit neigenden Auseinandersetzung der Prinzipien und geschichtlichen Gesetze nicht an, daß sie in einer Zeit endloser Unruhe, anderweitiger Arbeiten des Verfassers, zuletzt unter dem Entsetzen des Bürgerkriegs, in dessen nächster Nähe, ihre letzte Form erhielten. - 1840 hatte Balmes noch in Vich die kleine aszetische Schrift Máximas de San Francisco de Sales para todos los dias de ano, dann eine Kinderlehre über die Grundbegriffe der Religion von wunderbarer Einfachheit und Kraft, wohl von allen Schriften des Verfassers, soweit das spanische Idiom in Europa, Amerika und Asien herrscht, die verbreitetste, unter dem Titel La religion demonstrada al alcanze de los ninos (deutsch Freiburg 1863) verfaßt.

In Barcelona war Balmes im Frühjahr 1841 zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt worden; dort fand er, als er im Juli desselben Jahres zu dauerndem Aufenthalte eintraf, einen Kreis tüchtiger, für seine Ideen und Arbeiten begeisterter Männer, vor allem [José] Tauló, dem Verleger seiner Consideraciones politicas. Dieser bewog ihn zu Anfang 1842 zu einer Reise nach Frankreich, um dort eine gleichzeitig mit der spanischen Ausgabe des „Protestantismus und Katholizismus“ erscheinende französische Ausgabe dieses Werkes zu besorgen und in Albéric de Blanche Raffin, einem der Redakteure des Pariser Univers, den Übersetzer und späteren Biographen zu finden. So zurückhaltend Balmes auch hier trotz der ihm dargebrachten Ovationen sich zeigte, dem engern Verkehr mit der katholischen Presse, namentlich den Annales de philosophie chrétienne von [Augustin] Bonnetty [1798 - 1879], wich er nicht aus. Während er ihnen in dem herrlichen, französisch (in die Revue critique et littéraire) geschriebenen Aufsatze über die Persönlichkeit und Bedeutung seines Landsmannes Mariana huldigte, lehnte er ein Zusammentreffen mit Guizot, das sehr gewünscht wurde, ab, welcher der streng sachlichen und überaus edel und ruhig gehaltenen Kritik seiner Histoire de la civilisation persönliche Erwägungen entgegengestellt hatte, die in Fragen wie die vorliegende rein wertlos waren. Von einem kurzen Besuche in England brachte er von der religiösen Anlage des Volkscharakters eine hohe, von der materialistisch-radikalen Weltpolitik eine äußerst geringe Wertschätzung mit. - Als er im Oktober nach sechsmonatlicher Abwesenheit wieder in Barcelona eintraf, war er einer der von der Geheimpolizei Esparteros ständig Überwachten. Dies hinderte ihn nicht, sofort mit zweien seiner Freunde, [Joaquin] Roca y Cornet [1804 - 1873], einem Philosophen und Literaten, und [José] Ferrer y Subirana [1813 - 1843], einem Juristen, vorab in des erstern Zeitschrift Religion, welche von nun an halbmonatlich als La Civilizacion erschien, dann nach 1½ Jahren in La Sociedad allein (ein Jahr lang) mächtig auf die Zeitströmung aus religiös-nationalem Gesichtspunkte einzuwirken (1843 und 1844). In letzterer erschienen die Cartas á un esceptico [Briefe an einen Skeptiker] (1-14); die letzten 11 Cartas wurden der Gesamtausgabe (Barcelona 1846; deutsch von Dr. Fr. Lorinser, Regensburg 1864) beigefügt. Diese „Briefe“ sind für die Beurteilung der Gesamtanlage des Verfassers das Bedeutsamste, für den weitesten Leserkreis sicherlich das Nützlichste. Sie trafen den wundesten Fleck der Zeit und der Menschen: die Skepsis in Sachen des religiösen Denkens nach allen ihren Erscheinungen auf dem individuellen wie öffentlichen, religiösen wie politischen und sozialen Gebiete. In nachhaltig kräftiger, oft poetisch hinreißender Sprache wird das Wesen und die letzte Ursache der modernen Religions- und Gottlosigkeit dargelegt, und es ist bewundernswert, wie Balmes das an sich haltlose und jedem Angriff immer wieder sich entziehende, alles auflösende Wesen der modernen Skepsis zu fassen versteht. Wie in keiner andern Schrift bricht sich hier der Genius des spanischen Volkscharakters, Gläubigkeit und gesunder Menschenverstand, triumphierend Bahn.

Wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


19. Januar
Die Sionsschwestern in Jerusalem

Vor 150 Jahren, am 20. Januar 1862, war der Bau der ersten Niederlassung der Sionsschwestern in Jerusalem fertiggestellt und konnte Alphons Maria Ratisbonne ihnen das Kloster mitsamt Waisenhaus für die von ihnen betreuten Waisenkindern übergeben. Auf den Tag zwanzig Jahre zuvor war dem Juden Alphons Ratisbonne in Rom die Muttergottes erschienen und hatte ihm schlagartig die Bekehrung zum katholischen Glauben geschenkt. Er wurde daraufhin Priester und kam 1855 ins Heilige Land. Die Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion war 1843 von seinem Bruder Theodor Ratisbonne gegründet worden. Den von Gott gewollten Ort für ihre Niederlassung erkannte Alphons in den Ruinen bei der einstigen Burg Antonia beim sogenannten Ecce-Homo-Bogen, worüber er bekannte: “Ja, das war der Ort, der für das Werk bestimmt war, das in Jerusalem zu gründen ich mich berufen gefühlt hatte. Ich kniete an dieser Stätte nieder und gelobte dem mit Dornen gekrönten Heiland, keine Ruhe mehr kennen zu wollen, bis das Werk vollendet sei” (Ferdinand Holböck, “Wir haben den Messias gefunden!”, Stein am Rhein 1987, S. 48).


19. Januar
Albert Poncelet

Vor 100 Jahren, am 19. Januar 1912, starb in Montpellier im Alter von 51 Jahren der Bollandist Albert Poncelet SJ.


18. Januar
Ablenkende Strukturfragen

Ich kritisiere die Kirche als deutsche Institution. Ich finde, dass sie sich zu sehr mit nebensächlichen, eigentlich glaubensfernen Strukturfragen beschäftigt. Ich bin da ganz auf der Papstlinie, dass wir uns doch sehr ablenken lassen von der Kraft und dem Wunder, das die Kirche bereithält. Die katholische Kirche in anderen Kontinenten kommt mir sehr viel vitaler vor. Worunter wir auch ein wenig zu leiden haben, ist die Zaghaftigkeit der Bischöfe, eindeutig Position zu beziehen.

Matthias Matussek im Interview mit Katrin Fehr vom Donaukurier, 17. Januar 2011.


18. Januar
Neueröffnung des Tridentinums

Vor 450 Jahren, am 18. Januar 1562, wurde das Konzil von Trient von Papst Pius IV. zu seiner dritten und letzten Tagungsperiode (Sitzungen 17 bis 25) neu eröffnet, nachdem es zehn Jahre zuvor aufgrund der deutschen Fürstenverschwörung unterbrochen worden war.


17. Januar
Ludwig Windthorst

Von Ludwig von Hammerstein

Vor 200 Jahren, am 17. Januar 1812, wurde Ludwig Windthorst geboren. Aus diesem Grund veröffentlichen wir das Portrait, das Ludwig von Hammerstein im zweiten Band seiner Charakterbilder aus dem Leben der Kirche (Trier 1900, S. 431 - 454) von ihm gezeichnet hat.

Indem der Verfasser diese Blätter dem Andenken Windthorsts darbringt, möchte er hierdurch eine Pflicht der Pietät erfüllen gegen einen Mann, der ihm vor vielen Jahren ein väterlicher Freund und treuer Ratgeber war.

Windthorst wurde geboren am 17. Januar 1812 zu Osterkappeln bei Osnabrück auf dem Gute Kaldenhof, welches sein Vater als Rentmeister der Familie von Droste-Vischering verwaltete. Zur Ausbildung übergaben die Eltern den Knaben, als er heranwuchs, dem Pfarrer von Falkenhagen bei Pyrmont, einem Bruder des Vaters. Im Herbst 1822 bezog Windthorst dess Karolinum in Osnabrück, die älteste, im Jahre 773 von Karl dem Großen gegründete höhere Schule Deutschlands. Reiche Mittel standen dem Knaben nicht zu Gebote. Eine alte Frau, die als Magd damals in jenem Hause gedient hatte, in welchem derselbe als Gymnasiast wohnte, erzählte einst dem Schreiber dieser Zeilen, Windthorst habe bei Mondlicht gearbeitet, um Öl zu sparen.

Im Sommer 1830 verließ Windthorst nach glänzend überstandener Reifeprüfung Osnabrück und studierte Jurisprudenz an den Universitäten Göttingen und Heidelberg. Nachdem er im Jahre 1836 das Staatsexamen mit Auszeichnung bestanden, ließ er sich zu Osnabrück als Rechtsanwalt nieder. Die Osnabrücker Ritterschaft erwählte ihn zu ihrem Syndikus; er wurde auch Assessor des Pupillenkollegiums bei der Justizkanzlei zu Osnabrück; im Jahre 1842 ernannte ihn der König [Ernst August I. von Hannover] zum vorsitzenden Rat des katholischen Konsistoriums daselbst, und im Jahre 1848 wurde er als Oberappellationsrat nach Celle an den höchsten Gerichtshof des Königreichs berufen.

Um diese Zeit begann auch die politische Tätigkeit unseres Juristen. Im Januar 1849 ward er in die zweite Kammer der Hannoverschen Ständeversammlung und im Jahre 1851 zum Präsidenten derselben gewählt. Am 22. November 1851 trat Windthorst als Justizminister ein in das Ministerium von Schele [Nach dem Tod König Ernsts August I. am 18. November 1851 starb, wurde Eduard von Schele zu Schelenburg unter Georg V. Ministerpräsident]. Er war der erste katholische Minister im protestantischen Hannover, und wie praktisch er seinen Katholizismus betätigte, geht daraus hervor, dass er bemüht war, die ihm unterstellten katholischen Beamten in Orte zu versetzen, an welchen sie ihre religiösen Pflichten erfüllen konnten. Im Jahre 1853 trat er aus dem Ministerium zurück, übernahm aber Ende 1857 abermals das Portefeuille des Justizministeriums. Wir übergehen die weitere Tätigkeit Windthorsts im Königreich Hannover, wollen es aber nicht unterlassen, das Urteil von Medings, eines mit den Hannoverschen Verhältnissen gut bekannten Schriftstellers, hierherzusetzen; von Meding schreibt: “Mir imponierte der hochgebildete, geistvolle und liebenswürdige Mann in hohem Grade; er selbst warnte mich, ihn in Rücksicht auf meine Karriere nicht öffentlich zu besuchen, und auch von Seiten des Grafen Borries [Wilhelm von Borries war Innenminister von Hannover, als Windthorst Justizminister war. Borries gehörte zur Adels-, Windthorst zur bürgerlichen Partei] wurde mir dann bald der Wink zuteil, mich vor dem gefährlichen Einfluss Windthorsts in Acht zu nehmen. Ich glaubte, diesen Wink jedoch nicht befolgen zu sollen, und setzte den angenehmen und lehrreichen Verkehr fort, so oft Windthorst in Hannover anwesend war. Lange Jahre und unter den wechselnden Verhältnissen habe ich mit ihm in freundlichen persönlichen Beziehungen gestanden, und wenn wir auch politische nicht immer übereinstimmten, so änderte das doch nichts in den angenehmen Formen unseres Verkehrs. Windthorst, der bald schon eine hervorragendere Rolle spielen sollte, war ein Mann von ebenso fein durchdringendem als weitblickendem Geist; wie alle Männer von großer Fähigkeit und Kraft, strebte er wohl nach Macht und Einfluss, war aber von kleinlichem Ehrgeiz fern. Er war ein scharfer, rücksichtslos mit offenen und verdeckten Mitteln kämpfender, politischer Gegner; aber solange ich ihn gekannt, habe ich nie gesehen, dass er politische Gegnerschaften auf die Personen übertrug. Er hat, auch wenn er die Macht dazu besaß, niemals politischen Gegneern wehe getan, niemals sich an denen gerächt, die ihm Böses zugefügt, wohl aber war er stets bereit, zu helfen und Dienste zu erweisen, ohne zu berechnen, ob er Dank oder Nutzen davon haben würde; und viele seiner politischen Gegner müßten ihm für opferbereite persönliche Dienste Dank wissen, wenn die Dankbarkeit überhaupt im drängenden Treiben des menschlichen Lebens Platz fände.”

Soweit von Meding. - Wiederholt verkehrte auch der Verfasser mit Windthorst, nachdem dieser das erste Mal den Posten eines Justizministers bekleidet. Der Eindruck, welchen man erhielt, war der eines Mannes, der nach vollendeter rühmlicher Laufbahn nunmehr auf seinen Lorbeeren ruhte. Windthorst hatte ja durch seine Fähigkeiten aus einer unbedeutenden Lebenssteallung sich emporgeschwungen zu einem Posten, welcher bis dahin nur Protestanten und fast nur Mitgliedern aus aristokratischen Familien offen stand, er, ein praktischer und überzeugungstreuer Katholik! Schwerlich hätte damals jemand vermutet, dass die eigentliche welthistorische Tätigkeit Windthorsts erst ein Jahrzehnt später beginnen sollte. Sie begann mit der Annexion seines engeren Vaterlandes, Hannover [durch Preußen am 1. Oktober 1866]; sie begann, als im Jahre 1866 das katholische Österreich und im Jahre 1870 das katholische Frankreich von Preußen niedergeworfen war, und als nunmehr Fürst Bismarck die katholische Kirche des eigenen Landes niederzuwerfen und in die eisernen Fesseln des omnipotenten liberalen Staates zu schlagen sich unterfing.

Angesehene Protestanten erklärten damals, gegenüber den Machtmitteln eines Bismarck, welcher die beiden katholischen Großmächte Österreich und Frankreich überwältigt, müsse die äußerer Mittel beraubte, katholische Kirche Preußens zweifellos unterliegen; wenn die Kirche diesen Kampf übersteht, so äußerte ein hochstehender Protestant, dann werde auch ich katholisch. Sie überstand ihn, und dass sie ihn überstand, war zum großen Teil das Verdienst unseres Windthorsts und des von ihm mit so großer Umsicht geleiteten Centrums, dieses “unüberwindlichen Turmes”, wie der eiserne Reichskanzler es nannte.

wird fortgesetzt


16. Januar
Spanische Märtyer (125)

Vor 75 Jahren, am 13. Januar 1937, starb als Märtyrerin im Spanischen Bürgerkrieg in Las Casillas, einem Ortsteil von Martos bei Jaén, die Trinitarierin Francisca de la Encarnación (María Francisca) Espejo y Martos, 63 Jahre alt, seliggesprochen am 28. Oktober 2007.


16. Januar
Roman Karl Scholz

Vor 100 Jahren, am 16. Januar 1912, wurde in Mährisch-Schönberg der Widerstandskämpfer Roman Karl Scholz CRSA geboren. 1930 trat er bei den Augustiner-Chorherren in Klosterneuburg ein. Gegen den Nationalsozialismus gründete er 1938 die österreichische Freiheitsbewegung. Von Otto Hartmann 1940 verraten, wurde er inhaftiert, zum Tode verurteilt und am 10. Mai 1944 in Wien enthauptet.


15. Januar
Zweites Vatikanum

In der Januarausgabe des Vatican-Magazins (S. 23 - 27) hat P. Dr. Martin Lugmayr von der Priesterbruderschaft St. Petrus unter dem Titel Weder Superdogma noch pastorale Eintiegsfliege einen Artikel über das Zweite Vatikanische Konzil veröffentlicht, in dem er untersucht, wie weit dessen Verbindlichkeit reicht.


15. Januar
AIDS-Bekämpfung

Praktisch bei Null liegt die Ansteckungsrate [von AIDS] dagegen bei monogam und drogenlos lebenden Heterosexuellen. Um die Seuche am wirksamsten zu bekämpfen, wäre folglich eine öffentliche Empfehlung dieser Lebensweise der Gesundheit der Menschheit absolut förderlich. Finanziert wird aber nur Werbung für den Kondomgebrauch, nicht für gesunde Lebensweise. Das wäre doch was: “Heterotreue hält gesund - mach’s katholisch.” Als Plakataktion der Deutschen Bischofskonferenz zum Welt-Aids-Tag.

Alexander Maria Linder im Vatican-Magazin Januar 2012, S. 67, Artikel Gummi-Roulette.

Weiteres zum Thema


14. Januar
Spanische Märtyer (124)

Vor 75 Jahren, am 1. Januar 1937, starb als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg in Santander der Salesianer Andrés Gómez Sáez, 42 Jahre alt, seliggesprochen am 28. Oktober 2007.


14. Januar
Joseph Hartzheim

Vor 250 Jahren, am 14. Januar 1762, starb in Köln im Alter von 68 Jahren der Pädagoge und Historiker Joseph Hartzheim SJ. Er war Professor und Regens in Köln und “setzte sich erfolgreich für Modernisierung des Unterrichts und der Lehrbücher in den Jesuitenschulen ein” (Rudolf Lill im LThK, 2. Auflage).


13. Januar
Die Aufgabe des Priesters ist zu konsekrieren

Von P. Walthard Zimmer

Zweiter Teil

Ein zweiter Einwand wird gerne mit dem Schlagwort vorgetragen: „Macht aus der Frohbotschaft keine Drohbotschaft.“

Zwei Antworten sind auf diesen Einwand zu geben: Erstens ist der Priester nicht gesandt, aus dem Evangelium etwas zu machen, sondern nur es zu verkünden. Zweitens hängt es nicht vom Priester ab, ob das Evangelium Frohbotschaft ist oder Drohbotschaft, sondern von dem, der es hört. Das Evangelium ist zu den Sündern gesprochen. Christus selbst sagt, ich bin gekommen, die Sünder zu berufen, nicht die Gerechten. Dem reumütigen Sünder ist das Evangelium eine Frohbotschaft, dem verstockten Sünder ist es tatsächlich eine Drohbotschaft.

Das Evangelium lehrt uns das wahre Lebensziel, aber auch die Möglichkeit, dieses Ziel zu verfehlen. Daraus ist nichts zu machen, das ist zu verkünden; den Reumütigen zu Trost, den Verstockten zur Warnung.

II. Aufgabe des Priesters ist zu verwandeln durch die Sakramentenspendung

Die Wandlung in der Messe ist der Höhepunkt und Ziel des priesterlichen Wirkens. Die Konsekration in der heiligen Messe ist tatsächliche Quelle und beispielhaftes Vorbild für alle anderen Formen des Verwandelns. Das ist der tiefere Grund, warum das Priestertum von Christus zusammen mit dem Altarsakrament, mit der ersten Wandlung, eingesetzt wurde.

Die priesterliche und kirchliche Tätigkeit kann heute in vielfältiger Form Hilfe anbieten: finanziell, psychologisch oder strukturell. All diese Formen der Hilfe sind mehr oder weniger gut. Sie sind aber alle vergänglich und können auch von nicht kirchlicher Seite bezogen werden. Einzig und allein die Heiligung, die Verwandlung durch die Sakramente hat ewige Bedeutung und gibt es nur in der Kirche.

Jeder Priester, der die Taufe spendet, verwandelt einen Menschen in ein Kind Gottes. Die Firmung verwandelt in einen Tempel des Heiligen Geistes. Durch jede sakramentale Lossprechung wird ein Sünder in einen Freund Gottes verwandelt. Die Begegnung mit Christus in der Kommunion verwandelt in den neuen Menschen, „der nach Gott geschaffen ist“ (Eph 4,24). Das Ehesakrament verbindet zwei Menschen vor Gott und verwandelt dabei den Heilswillen Gottes so, daß er sich nicht mehr auf die beiden Menschen getrennt von einander bezieht, sondern auf beide so, als wären sie eine Person.

Bei jedem Menschen hängt die Arbeitszufriedenheit im wesentlichen von drei Faktoren ab: Vom Sinn, den jemand in seiner Arbeit erkennt, vom Erfolg, den er bei seiner Arbeit hat, und von der Anerkennung, die jemand für seine Arbeit erfährt.

Die Fähigkeit, durch die Sakramentenspendung dauerhaft zu verwandeln, verleiht dem Priestertum eine garantierte Erfolgsquote und damit verbunden eine unfehlbare Sinnhaftigkeit, die selbst dann noch gegeben ist, wenn sich keine andere Wirkungsmöglichkeit mehr anbieten würde.

Selbst ein Priester, der nichts anderes mehr tun könnte, als „nur“ die Sakramente zu spenden, weiß um den Sinn und den Erfolg seiner Arbeit.

Und wer wird die Arbeit des Priesters genauer betrachten und anerkennen als unser Herr Jesus Christus? Von niemandem wird die geleistete Arbeit so gerecht anerkannt, als von ihm.

Die Weiterführung dieses Gedanken zeigt aber auch, wie arm jene Priester sind, die eine Anerkennung ihrer Arbeit woanders suchen, als bei Christus.

Es wird immer Menschen geben, die mit der Art oder dem Inhalt einer Predigt nicht zufrieden sind, es wird immer solche geben, denen der Priester zu schnell oder zu langsam die heilige Messe feiert.

Jeder Priester weiß: Irgendeiner hat immer irgendetwas irgendwo auszusetzen.

Vielleicht haben der Frust und die Amtsmüdigkeit mancher Priester ihren wahren Grund darin, daß diese Priester ihre Aufgabe nicht mehr im Konsekrieren sehen, daher auch keinen Erfolg erkennen und ihre Anerkennung auch bei anderen suchen als bei Christus.

Auch für die Laien, die in der Kirche arbeiten, gilt, daß sie nur Zufriedenheit finden werden, wenn sie ihre Anerkennung einzig und allein bei Christus suchen.

Auch jene, die in der Kirche „nur“ putzen, die Blumen gießen oder die Wäsche waschen, werden mit ihrer Arbeit zufrieden sein, wenn sie diese als Mitarbeit am Konsekrieren des Priesters verstehen und Anerkennung dafür nur von Christus erhoffen. Wo das fehlt, wird immer Unzufriedenheit herrschen. Da helfen dann auch keine Ämter als Lektoren oder Kommunionspender, keine Räte und keine Quotenregelungen und auch kein Frauenpriestertum.

Der Versuch, die Arbeit der Laien dadurch aufzuwerten, daß ihnen Anerkennung durch offizielle Ämter vermittelt wird, führt in die falsche Richtung, auf jeden Fall weg von Gott. Dieser Versuch setzt auch voraus, daß das Erstrebenswerte im Priestertum das Amt und ein damit verbunden gedachtes Ansehen wäre. Ein solches Priesterbild züchtet Mietlinge und bewirkt notwendig Priestermangel, weil irdische Anerkennung und Erfolg im Priestertum „sehr dünn gesät sind“.

Wer Anerkennung sucht und freudig begrüßt werden will, der soll sich einen Hund kaufen, aber nicht Priester werden.

Die Aufgabe des Priesters ist zu konsekrieren. Jede andere Zielsetzung bewirkt zwangsläufige Unzufriedenheit.

wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


12. Januar
Josef Benedikt Cottolengo

Mitten im Stadtkern Turms wirkte Josef Benedikt Cottolengo (1786-1842) in der Corpus-Domini-Kirche als beliebter Beichtvater und eifriger Seelsorger. Vor allem konnte sein freigiebiges Herz den Armen nichts abschlagen, die zu lieben ihn seine Mutter schon von klein auf gelehrt hatte. Doch im Letzten blieb das Priesterleben Cottolengos unerfüllt. Als ruhelos Suchender zog er sich immer mehr zurück. Skrupel und Depressionen plagten ihn, bis er schließlich eine Biographie des hl. Vinzenz von Paul las. Die Nächstenliebe dieses Karitasapostels begeisterte ihn ganz neu, doch in seiner Schwermut hatte er selbst noch keine Kraft zu solch tätiger Liebe. Dazu bedurfte es in seinem Leben eines dramatischen Eingriffes.

Dieser ereignete sich am 2. September 1827, als der 41-Jährige von der Corpus-Domini-Kirche zur sterbenden Johanna Gonnet gerufen wurde, die in einem Stall einer nahen Gastwirtschaft lag, wohin die Stadtwache gewöhnlich obdachlose Kranke und lästige Betrunkene brachte. Die 35-Jährige war mit ihrem Mann und den drei Kindern von Mailand nach Lyon unterwegs gewesen, als sie, vom Fieber geschüttelt, dringend ärztliche Hilfe brauchte.

Im Krankenhaus hatte man sie jedoch wegen ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft abgewiesen, da das Schreien eines Neugeborenen stören würde. Im Entbindungsheim wiederum hatte sie keine Aufnahme gefunden, weil sie fieberkrank war. So musste der herbeigeeilte Cottolengo hilflos zusehen, wie die junge Mutter nach dem Empfang der Sterbesakramente im elenden Unterschlupf starb, und wenige Minuten darauf ihr neugeborenes Mädchen.

Erschüttert kehrte er zurück zur Kirche, fiel vor dem Tabernakel auf die Knie und betete: “Warum, Gott, hast Du mich zum Zeugen gemacht? Was möchtest Du von mir? Ich muss etwas tun, damit sich so eine Tragödie nicht wiederholt!” Nach kurzer Zeit ließ er die Glocken läuten, zündete beim Marienaltar alle Kerzen an, stimmte zum Erstaunen der herbeigeeilten Leute die Lauretanische Litanei an und rief freudestrahlend: “Die Gnade ist erschienen! Die Gnade hat gesiegt! Gepriesen sei die Heilige Jungfrau!” Nun wusste er um Gottes Plan! Von jetzt an sollte er sich um jene kümmern, für die niemand sorgte. So begann Cottolengos großartiges Werk, für das ihm noch 15 Lebensjahre blieben.

Voll neuem Elan mietete er ohne Geld in der Tasche drei Zimmer. Ein Beichtkind bezahlte die ersten fünf Betten, und Cottolengo war voll Vertrauen: “Die göttliche Vorsehung besorgte uns die Betten, also wird sie auch für die Kranken sorgen.” Drei Jahre später konnten schon über 200 Kranke versorgt werden, wobei ein Arzt und ein Apotheker unentgeltlich halfen.

Als jedoch die Cholera ausbrach und Nachbarn das kleine Hospital als “Seuchenherd” verklagten, musste Cottolengo es nach vier Jahren schließen. Er aber verlor die Zuversicht nicht und meinte lächelnd: “Kohlköpfe müssen umgepflanzt werden, wenn sie besser wachsen sollen.” Nur sieben Monate später eröffnete er 1832 im Vorort Valdocco das “Kleine Haus der göttlichen Vorsehung”, die “Piccola Casa”, mit zwei Zimmern, einem Stall und einer Scheune und hängte als Erstes über der Pforte ein Schild auf mit seinem Wahlspruch: “Die Liebe Christi drängt uns!”

Vier Wochen nach dem Einzug war das “Kleine Haus” schon hoffnungslos zu klein. Doch in kurzer Zeit gelang es Cottolengo, eine angrenzende alte Hutfabrik und umliegende Häuser zu erwerben. Damals prophezeite er seinen ersten Helfern: “O, das ist nur ein kleiner Anfang, und das ‚Kleine Haus‘ wird groß sein! Es gleicht einem Senfkörnlein, dessen Bestimmung es ist zu wachsen und zu einem großen Baum zu werden. Es wird die Zeit kommen, da in diesen Räumen Tausende das Brot der göttlichen Vorsehung essen werden.” Und so kam es trotz Widerständen, Spott und Verleumdungen. “Ich bin nur ein Handlanger der göttlichen Vorsehung, von der ich fester überzeugt bin als vom Dasein der Stadt Turin”, sagte Cottolengo stets bescheiden von sich und gründete - gedrängt und inspiriert von der Notwendigkeit - immer “neue Familien”, wie er die Häuser für seine “geliebten Kinder und Perlen” nannte: die mittellosen Kranken und die alten Leute, die Waisen, Blinden, Taubstummen, Epileptiker, Behinderten und psychisch Kranken. Gleichzeitig rief er zu deren Pflege und geistlichen Betreuung etwa 15 “religiöse Familien” ins Leben, darunter mehrere kontemplative Anbetungsgemeinschaften und eine Priesterkongregation.

Daneben halfen seit Beginn unzählige Freiwillige mit, u. a. Don Bosco, der als junger Priester erst seit kurzem in Turin war und später selbst in Valdocco den Salesianerorden gründen sollte. Auf Einladung Cottolengos diente er ab 1841 den Kranken als Beichtvater und betreute invalide Kinder. Als der 26-Jährige wieder einmal aushalf, befühlte Cottolengo seine Soutane und meinte scherzend: “Dieser Stoff ist zu leicht. Schauen Sie sich nach einem strapazierfähigeren um, denn viele Jungen werden sich an diesem Gewand festhalten.”

Nie wurde der heilige Gründer müde, seinen geistigen Kindern zu wiederholen: “Was für die Armen gegeben wird, muss auch sofort für sie ausgegeben werden. Wenn wir etwas zurückhalten, schickt uns die Vorsehung nichts mehr, weil sie weiß, dass wir noch etwas haben.” Blieben einmal die nötigen Mittel aus, ließ er sofort im ganzen Haus nach dem Grund suchen. Fand sich tatsächlich ein freies Bett, mussten sich Helfer gleich auf die Suche nach einem Kranken machen. Erst wenn das Bett belegt war oder ein andermal die letzten Reste von Lebensmitteln oder Medikamenten verschenkt waren, trafen neue Gaben ein.

Nach dem Motto “Wir haben nur auszuteilen, was die Vorsehung uns heute schickt, und nicht an den morgigen Tag zu denken”, verteilte Cottolengo jeden Abend, ehe er schlafen ging, als Ausdruck des Vertrauens alles restliche Geld. “Seid sicher”, pflegte er zu sagen, “dass die göttliche Vorsehung niemals fehlen wird. Sie hat noch nie bankrott gemacht. Ihr ist es nicht schwerer, 5000 Menschen zu ernähren als 500. Wenn etwas fehlt, dann kann es nur an unserem Mangel an Vertrauen liegen.” Darum verlor Cottolengo, wenn Sorgen und Gläubiger ihn bedrängten, nie seine Heiterkeit. Allerdings betete er dann oft ganze Nächte durch, immer überzeugt: “Das Gebet ist die erste und wichtigste Aufgabe in der Piccola Casa“, sozusagen der Schlüssel zur Schatzkammer der göttlichen Vorsehung.

So kam es, dass er gerade bei Engpässen noch stärker vertraute, erst recht viele arme Bittsteller auffnahm, Verträge für neue Häuser machte und einmal sogar den Bau eines Frauenspitals beginnen ließ, obwohl gerade zu dieser Zeit keine finanzielle Hilfe in Aussicht war. “In der Piccola Casa geht es vorwärts, solange sie nichts besitzt. Sie wird nach meinem Tod ohne Schulden sein”, sagte er über deren Entfaltung richtig voraus. Nach dem Tod des 56-jährigen Gründers erließen tatsächlich alle Gläubiger ihre Geldforderungen, und heute, etwa 170 Jahre nach dem Tod des Heiligen, bestehen weltweit über 100 “Zweigstellen”.

In Turin selbst wurde die Piccola Casa zu einem 90.000 m2 großen Stadtteil mit Kliniken, modernen Labors und Therapiezentren. Die Wäscherei allein misst einen Hektar, und die Küchen entsprechen zwei riesigen Bahnhofshallen. Von dort aus werden auch täglich 500 Obdachlose gespeist, wie sie schon damals Cottolengo jeden Tag um sich gesammelt hatte, um ihnen das Evangelium vorzulesen und sie dann mit Brot und Suppe zu bedienen.

Wie in der Gründerzeit besitzt die Piccola Casa bis heute kein Kapital, keine gesicherten Einkünfte, keine Subventionen und auch kein Budget. Sie lebt ganz aus Gottes liebender Vorsehung! Hier werden etwa 15.00 Mittellose gratis beherbergt, behandelt und betreut. Dabei darf nicht vergessen werden, dass neben den 2000 Cottolengoschwestern auch alle Ärzte, Therapeuten und Freiwilligen unentgeltlich arbeiten - entsprechend der Lebensregel ihres heiligen Gründers: “Die Liebe Christi drängt uns.”

Josef Benedikt Cottolengo wurde 1917 selig- und 1934 heiliggesprochen.
Der Artikel mit unbekanntem Verfasser ist mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Triumph des Herzens Nr. 97 (V, 2009) entnommen.


11. Januar
Die Schönheit des Planes Gottes
Gedanken zum Deutschlandbesuch Papst Benedikts XVI.

Von P. Lic. Sven Conrad FSSP

Fünfter Teil

An einer anderen Stelle betont Joseph Ratzinger einmal, wie notwendig es war, daß der Franziskanerorden rechtliche, institutionelle Formen annehmen mußte. Dann sagt er weiter: „Die Kirche lebt ja eigentlich in diesem Dilemma, daß wir alle mehr sein müßten, daß wir alle radikaler aus den Kompromissen unseres Lebens aussteigen sollten. Aber dann, wenn wir schon mal diese Kompromisse weiterleben müssen in der Welt, so wie sie eben beschaffen ist, dann sollten wir wenigstens den Stachel dieser Beunruhigung in uns tragen und unser eigenes Leben und das der Welt auf die ganze Größe des Evangeliums hin öffnen“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Gott und die Welt. Glaube und Leben in unserer Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald, München 20002, 339).

Der Papst steht in der Regel über einer konkreten „Tagespolitik“. Deswegen kann über konkrete Folgerungen der Freiburger Rede nur gemutmaßt werden. Sie ist sicher weder eine Absage an die Güter der Schöpfung, an die Welt in sich, noch an den Dienst der Kirche in der Welt. Gerade der Spiritualität des Hl. Vaters ist es zu eigen, aus den hohen Gütern der Schöpfung Gott zu erkennen. In seinem „Wort zum Sonntag“ hatte er ja noch gesagt: „In der Größe des Kosmos können wir etwas erahnen von der Größe Gottes. Wir können die Welt technisch nützen, weil sie rational gebaut ist. In dieser großen Rationalität der Welt ahnen wir etwas von dem Schöpfergeist, von dem sie kommt, und wir können in der Schönheit der Schöpfung doch etwas von der Schönheit, Größe und auch von der Güte Gottes sehen.“

Ebenso bekräftigt der Papst in der Freiburger Rede den kirchlichen Dienst an der Welt. Es geht um eine Verwandlung der Welt durch Gottes Liebe: „Und die göttliche Liebe will nicht nur für sich sein, sie will sich ihrem Wesen nach verströmen. Sie ist in der Menschwerdung und Hingabe des Sohnes Gottes in besonderer Weise auf die Menschheit, auf uns zugekommen, und zwar so, daß Christus, der Sohn Gottes, gleichsam aus dem Rahmen seines Gottseins herausgetreten ist, Fleisch angenommen hat, Mensch geworden ist, nicht nur, um die Welt in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein, der sie so läßt, wie sie ist, sondern um sie zu verwandeln“ (Ansprache zur Begegnung mit engagierten Katholiken, Freiburg am 29.09.2011).

Denken wir hierbei auch an die große Liebe, die Franziskus gegenüber den Geschöpfen hat, die Ehrfurcht vor der Kreatur [4].

Dafür darf sich aber die Kirche letztlich nicht mehr der Gesellschaft und ihren Sachzwängen identifizieren. Sie wirkt nur dann fruchtbar in die Gesellschaft hinein, wenn sie – zwar, und dies aufrichtig, das Gute in ihr bewahrt, aber sich doch zugleich distanziert. Einfach ausgedrückt, darf die Kirche es sich hier nicht gemütlich machen. Wie oft haben wir in den letzten Jahrzehnten die Versuchung zu einer Art aufgeklärten Staatskirchentum gesehen, die das Zeugnis der Kirche zu verdunkeln drohte! Diese prinzipielle Forderung der Ent-weltlichung ist ein weitreichenderer Anspruch als jede schnelle Lösungen, weitreichender auch als etwa die schnelle Abschaffung der Kirchensteuer.

Es ist auch zu bemerken, daß der Papst das historische Geschehen der Säkularisierung bewertet, nachdem es geschehen ist. Dadurch rechtfertigt er kein der Kirche widerfahrenes Unrecht. Auch ruft er nicht zur Selbstsäkularisierung auf, sondern zu Ent-Weltlichung, d.h. in seinem Aufruf wählt er einen Begriff, der nicht historisch oder politisch belastet, sondern spirituell ist. Die Kirche muß die ihr eigene Distanz zur Welt wiedergewinnen, wieder als geistliche Wirklichkeit wahrnehmbar sein und nicht reduziert auf eine Instanz der Gesellschaft, die vielleicht für ethische Belange zuständig wäre und auch da zu Kompromissen neigen müßte, wie alle Mitspieler im politischen System.

Wenn die Folgerungen der aus der Freiburger Rede auch weitreichender und prinzipieller sind, so scheint es dennoch sehr befremdend auf den unvoreingenommenen Betrachter (Der Schreiber dieser Zeilen ist persönlich eigentlich nicht per se gegen die Kirchensteuer.), daß die Umgestaltung oder Abschaffung der Kirchensteuer als mögliche Folgerung aus der Rede kategorisch und sofort ausgeschlossen wird. Sehr hilfreich sind zu dieser konkreten Frage die Stellungnahmen von Kardinal Koch und Robert Spaemann.

Möchte man denn wirklich nicht zur Kenntnis nehmen, daß es diese „Herzverfettung“ der Kirche in unseren Ländern gibt? Nimmt man nicht zur Kenntnis, daß Teile der hochbezahlten kirchlichen Struktur im negativen Sinne des Wortes ver-beamtet sind, daß wertvolle Initiativen manchmal doch kaputt-bürokratiert werden von Menschen, die in Machtpositionen der Struktur sitzen, die sich aber zugleich sehr leicht tun, sich von „Rom“ zu distanzieren?

Gibt es neben den vielen Guten nicht auch jene, wirklich der Korrektur bedürfen, weil sie vielleicht weniger von Gott sehen als ein Agnostiker? Eben diese hatte der Papst am Morgen in der Predigt gesagt: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden; Menschen, die unter ihrer Sünde leiden und Sehnsucht nach dem reinen Herzen haben, sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen, ohne daß ihr Herz davon berührt wäre, vom Glauben berührt wäre“ (Predigt zur Eucharistiefeier am Flughafen Freiburg, 25.0.2011).

Auch die Werke der kirchlichen Nächstenliebe können manchmal so institutionalisiert sein, daß die konkrete Nächstenliebe sehr weit weg rückt von denen, die sie üben sollen, weil die zum Lebensvollzug der Kirche gehört. Dies ist nicht per se mißzuverstehen als Kritik an den notwendigen Strukturen, aber diese Strukturen bedürfen zuweilen der Hinführung zum Eigentlichen.

Die Freiburger Rede des Papstes war ein aufrichtiger Dank an sehr viele Menschen, die sehr ehrlich und gläubig in der Kirche ehrenamtlich tätig sind. Die Rede ist aber nicht zu verwechseln mit politischen Gepflogenheiten, wo jeder seinen Dank bekommt, weil es sich irgendwie gehört. Schon gar nicht ist die Rede eine Ermunterung im Sinne eines naiven „Weiter so, es ist schon alles recht!“.

Anmerkungen:

[4] Vgl. auch zur franziskanischen Spiritualität der Verwandlung der Welt Eugen Mederlet, Die Hochzeit des Lammes, Stein am Rhein 1983.

Wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


6. Januar
Cyprian Tansi

Vor 100 Jahren, am 7. Januar 1912, wurde in Nigeria im Alter von neun Jahren der selige Cyprian Tansi, Sohn heidnischer Eltern, getauft. Mit 34 Jahren zum Priester geweiht, begeisterte er sich durch das Buch des Benediktiners Columba Marmion Christus unser Ideal für das monastische Leben und ging nach England, um in ein Kloster einzutreten. Er starb am 26. Januar 1964 in Leicester und wurde am 22. März 1998 seliggesprochen.


6. Januar
Maria Michaele Tönnies

Vor 150 Jahren, am 7. Januar 1862, wurde in Horst/Emscher, heute Gelsenkirchen-Horst, Maria Michaele Tönnies, die Mitbegründerin und erste Generaloberin der Steyler Anbetungsschwestern, geboren. Sie starb am 25. Februar 1934.


6. Januar
Lukianos von Antiocheia

Vor 1700 Jahren, am 7. Januar 312, starb in Nikomedia im Alter von etwa 62 Jahren der hl. Lukianos von Antiocheia.


6. Januar
Joseph Tuan

Vor 150 Jahren, am 7. Januar 1862, starb in Vietnam als Märtyrer der hl. Joseph Tuan. Er wurde in der Christenverfolgung unter dem Kaiser Tu Duc enthauptet. 1951 wurde er selig-, 1988 heiliggesprochen.


6. Januar
Jeanne d’Arc

Vor 600 Jahren, am 6. Januar 1412, wurde im lothringischen Domremy die hl. Jeanne d’Arc geboren.


5. Januar
“Alles wird gut werden”

Von Urs Keusch

Wenn einem Menschen das sanfte Licht der Hoffnung ausgeht, dann zieht Dunkelheit in sein Leben ein. Und er kann sich an nichts mehr wirklich freuen. Dann wird für ihn das Leben hier auf Erden zu einem bedrückenden Aufenthalt. Und das ist die Situation vieler Menschen heute, alten und jungen. Es sind zu viele Negativnachrichten, die täglich auf die Menschen eindringen, zu viele traurige, ja schreckliche Bilder von Gewalt, Kriminalität, Krieg, Hunger, Flutkatastrophen, Tsunamis, Finanzkrisen, Arbeistlosigkeit ... Wie soll da der Mensch noch glauben können, unsere Welt sei von einer guten Hand gehalten, von Gottes Hand, von der Hand ihres Schöpfers, und Er führe alles - auch das Böse - zu einer letzten und unbegreiflichen Vollendung hin?

Machen wir uns nichts vor: Es ist schwer, diesen Glauben an die “gütige Vorsehung Gottes” im Herzen aufrechtzuerhalten. Täglich branden Versuchungen an das zerbrechliche, geängstigte menschliche Herz heran. Und es ist noch schwerer, diesen Glauben andern zu lehren und ihn zu begründen.

Viele, die sich Christen nennen, glauben nicht wirklich daran, dass “Gott die Welt in guten Händen hält”. Als Seelsorger erlebt man das besonders hautnah, bisweilen auch erschreckend. Wie oft, wenn man alte Menschen ermutigen will in dem, was sie gelebt und erlebt haben, wenn man sie ermutigen will, mit ihrer Lebensgeschichte voll Vertrauen auf den VATER im Himmel zuzugehen, kommt nur ein müdes Achselzucken oder Lächeln zurück, begleitet von Worten wie diesen: “Glauben Sie ...? Meinen Sie ...? Wir werden dann sehen ...”

Vielleicht kennen einige von Ihnen die “Offenbarungen der göttlichen Liebe” von Juliana von Norwich. Unser Papst hat diese große englische Mystikerin des 14. Jahrhunderts bei der Generalaudienz am 01.12.2010 vorgestellt. Sie hat es mit ihren Aussagen bis in den Katechismus der Kirche geschafft.

Es ist der unersetzbare Wert der mystischen Persönlichkeit, dass sie von dem, was wir glauben oder was uns als Glaube vorgelegt wird, unmittelbares Zeugnis gibt, eben nicht durch Beweise, Debatten, Argumente, lange gelehrte Ausführungen, sondern durch lebendige Ergriffenheit und Darstellung. In ihren Worten ist Wärme, ist der Hauch des Heiligen Geistes. Und jeder, der sein Herz für sie öffnet, wird davon erwärmt.

In der 13. Offenbarung werden Juliana tiefe Einsichten und Erfahrungen geschenkt zum Glauben an die Göttliche Vorsehung. Sie schreibt:

Einmal sagte unser gütiger Herr: ‘Alles jeglicher Art wird gut werden’, und ein andermal sprach er: ‘Du sollst selbst sehen, dass ein jegliches Ding gut werden wird.’ Und in jedem dieser beiden Worte erkannte die Seele etwas Besonderes:

Erstens, wir sollen wissen, dass er nicht nur edle und große Dinge beachtet, sondern auch geringe und kleine, niedrige und einfältige, eins wie das andere. Das meint er, wenn er spricht: “Alles jeglicher Art wird gut werden”; denn wir sollen wissen, dass auch das Geringste nicht vergessen wird.

Zweitens sollen wir begreifen: Viele böse Taten werden vor unseren Augen getan, und so großer Schaden geschieht, dass es uns unmöglich scheint, dass es je zu einem guten Ende kommen könnte; darauf schauen wir mit Gram und Trauer, und wir können nicht ruhen in dem gnadenvollen Anblick Gottes, wie wir es tun sollten; und dies ist die Ursache: Unsere Vernunft ist jetzt so blind, niedrig und einfältig, dass wir die hohe, wunderbare Weisheit, Macht und Güte der gnadenreichen Dreieinigkeit nicht erkennen können. Das meint er, wenn er spricht: “Du wirst selber sehen, dass alles jeglicher Art gut sein wird” - als hätte er gesagt: Nimm es auf im Glauben und Vertrauen, und endlich wirst du wahrhaft in der Fülle der Freude leben!

Hier wollen wir innehalten und nochmals genau hinhören. Juliana will uns sagen: Auch das, was wir völlig nicht verstehen und was uns im Glauben an Gott irritiert, ja bisweilen bedroht - das Böse, das Schreckliche in der Geschichte der Menschen und vielleicht in meinem eigenen Leben -, auch das wird von Gottes Allmacht und Liebe einem vollkommenen Ziel entgegengeführt. Wir können das nicht verstehen. Wir sind zu klein, wir sind Kinder nur eines Tages. Gott ist der Gott der Ewigkeit. Wir sehen den Teppich, den Gott aus der Geschichte der Menschen knüpft, nur von hinten, wir sehen nur heilloses Gewirr. Wir sollen als kleine Menschlein an die unendliche Macht, Weisheit und Güte Gottes glauben. Und wenn uns das gelingt, so Juliana, dann, und erst dann, werden wir endlich “wahrhaft in der Fülle der Freude leben!”

Ja, es wird Juliana gezeigt, dass auch die Sünde - denken wir an die Erlösung - von diesem “alles wird gut sein”, nicht ausgenommen ist: auch meine Sünden und mein Versagen nicht, wenn ich es nur dem Heiland demütig in die Hände lege! “Da ich aus dem größten Schaden Gutes geschafft habe, ist es auch mein Wille, dass du daraus erkennst, dass ich alles gutmachen werde, was da nicht gut ist.” - Juliana von Norwich fährt nun fort:

Ich erkenne, dass die gnadenreiche Dreieinigkeit am letzten Tage eine große Tat vollbringen wird; aber was das ist und wie es geschehen wird, ist allen Kreaturen, die unter Christo sind, unbekannt, und wird es bleiben bis zu der Zeit, da es geschehen wird ... Unsere Seele soll beruhigt sein und in Frieden und in der Liebe bleiben, und nicht all der Stürme achten, die uns an der wahren Freude in Gott hindern können.

Auch das ist eine wichtige Ermahnung für uns: Wir sollen wie Kinder dem Vater vertrauen und nicht ergrübeln wollen, wie das alles einmal geschehen wird. Wir sollen “beruhigt sein und in der Liebe bleiben, und nicht all der Stürme achten, die uns am wahren Frieden in Gott hindern können”.

Gott möchte uns durch Juliana von Norwich helfen, in der Freude mit Gott zu leben. Konkret heißt das für uns: Vertrauen wir unserem Vater im Himmel immer wieder aus ganzem Herzen unsere Vergangenheit an, das Neue Jahr, unsere Kinder und Enkelkinder, die Zukunft der Erde, unser Alter, unser Sterben, Beruf, Geschäft, Gesundheit und die ganze Welt - und leben wir in der Freude! Beten wir, denn Beten zerreißt die dunklen Wolken am Himmel und läßt die Sonne scheinen! Und vertrauen wir vollkommen dem, was Juliana am Ende ihres Buches schreibt:

Wenn das Urteil [einmal] gesprochen ist und wir alle zum Himmel gebracht sind, dann werden wir in Gott klar die Geheimnisse erkennen, die jetzt vor uns verborgen sind. Dann wird niemand von uns versucht sein zu sagen: “Herr, wenn es so gewesen wäre, wäre es gut gewesen.” Sondern wir werden alle aus einem Munde sprechen: “Herr, gesegnet seist du! Denn so, wie es ist, so ist es gut. Und nun sehen wir wahrhaft, dass alles geschehen ist, wie du es beschlossen hattest.”


4. Januar
Versuch über die „Hymnen an die Kirche“ von Gertrud von le Fort

Von Dr. Renate Krüger

Zweiter Teil

Die Hymnen sind nicht nur Dichtung, sondern auch Bekenntnis. Sie beginnen mit der Erfahrung eines existentiellen Ungenügens und legen einen Befindlichkeitsstatus offen. Das lyrische Ich ist bis in die tiefste Tiefe unbefriedigt. Das ewige Allein lässt sich nicht durchbrechen. Der Mensch kann aus sich selbst nichts bewirken, erfährt sich als ohnmächtig, frustriert, depressiv, verzweifelt, sehnt sich nach dem Übersteigen von Grenzen, nach dem Transzendieren: Unruhig ist unser Herz… (Zitat von Augustinus, 354-430). Die Seele schreit nach Therapie, nach Heilung. Man fühlt sich an die Exploration eines Autisten erinnert, der sich in seinen Kammern nicht mehr sicher fühlt, sie sind unruhig und laut, Durchgangs- und Wartezimmer. Das Mondlicht der eigenen Seele erscheint nur noch als Ironie.

Die Seele sucht erste schüchterne Anknüpfungspunkte, fühlt sich aber von der Fremdartigkeit, den Forderungen und Zumutungen der Kirche eher abgestoßen als angezogen und klagt darüber: Ich möchte mein Haupt eine Stille lang in deinen Schoß legen! Ich möchte eine Hoffnung lang in deinen Armen rasten! Aber du bist keine Herberge am Weg...

Das lyrische Ich erfährt das dialogische Du der Kirche zunächst als unzugänglich, es prallt ab und ist frustriert. Ihm wird die bisher noch nicht so erfahrene Fremdheit der Kirche bewusst, die eine hohe Schwelle aufbaut. Das „nackende Schwert“ steht für die Abweisung. Am Anfang des Weges steht die Erfahrung von Tod und Sterben. Man muss viel einsetzen, um etwas zu erfahren. Die Erfahrungen sind Paradoxa: die Zweifelnden sollen schweigen, die Aufbegehrenden sollen sich fallen und die Flüchtigen sich überrollen lassen, die Fragenden knien. Diese Erfahrungen werden nicht übermittelt, man muss sie selbst machen. Das lyrische Ich lässt sich darauf ein und erklimmt die Schwelle in großer Kühnheit.

Mit dem Erfahren der Kirche ist nicht das Kennenlernen ihrer Schattenseiten gemeint, sondern die Dimension des Übersteigens, der Transzendenz.

Die Kirche wird nicht zur Ersatzheimat, die sich zu rascher Harmonisierung anbietet. Sie entzieht sich der Benutzung als Hilfe auf der sozialen Ebene. Ihr Angebot an Konfliktlösungen sind harte paradoxe Forderungen an den Menschen, genau das zu tun, was er vermeiden, wovor er fliehen möchte: Schweigen, sich kleiner machen, sich preisgeben, sich fallen lassen.

Die Seele, die am Bild der liebenden Mutter festhalten möchte, gibt ihre Ängste an solche Ansprüche und Forderungen zu: Mutter, ich lege mein Haupt in deine Hände: schütze mich vor dir! Denn furchtbar ist das Gesetz des Glaubens, das du aufrichtest... Weißt du, was du tust?

Müssen die angebotenen Paradoxa wie Blindheit als Sehhilfe und Taubheit als Weg zum Hören nicht zum Untergang führen? Aber die Seele setzt sich mutig dieser Bedrohung aus und erfährt: Ich bin in das Gesetz deines Glaubens gefallen wie in ein nackendes Schwert. Die Annäherung an die Kirche, das Sich-Einlassen auf ihre Botschaft vollzieht sich nicht in befreitem Jubel, sondern unter dem Bild des Todes. Die Öffnung der in sich gefangenen Seele geschieht unter Schmerzen. Der Spalt, der dein fremdes Licht einläßt, ist eine Wunde. Sie führt auf einen neuen Weg, in den Prozeß mystischer Erneuerung auf den Stufen der Reinigung, Heiligung und Einigung.

Das lyrische Ich antwortet jetzt seinerseits mit Paradoxa. Es weiß, dass es Erfahrungen und Entscheidungen gibt, die über der Realität stehen. Es geht nicht darum, das Denken auszuschalten, sondern zu übersteigen. Hier findet eine solche Übersteigung statt. „Den Sinneswahrnehmungen gib (auf diese Weise) ebenso den Abschied wie den Regungen deines Verstandes; was die Sinne empfinden, dem entsage ebenso wie dem, was das Denken erfasst, dem Nichtseienden ebenso wie dem Seienden. Stattdessen spanne dich auf nicht-erkenntnismäßigem Wege, soweit es irgend möglich ist, zur Einung mit demjenigen hinauf, der alles Sein und Erkennen übersteigt. Denn nur wenn du dich bedingungslos und uneingeschränkt deiner selbst wie aller Dinge entäußerst, wirst du in Reinheit zum überseienden Strahl des göttlichen Dunkels empor getragen, alles loslassend und von allem losgelöst.“ (Dionysos Areopagita; Pseudonym eines Autors, der um 500 wirkte)

Dabei empfängt die Seele ersten Trost, um die Ich-Grenzen zu überschreiten: Ich will dich noch wollen, wo ich dich nicht mehr will, wo ich selbst anfange, da will ich aufhören. Das Ich teilt sich in alte und neue Bereiche, und die alten werden überwunden.

Hier beginnt der Aufbruch, der allmählich zu mystischem Aufstieg wird, die Sehnsucht wird transzendiert.

Auf diesen Schritt nun antwortet die Kirche zum erstenmal selbst: Was ich zerbreche, das ist nicht zerbrochen. Sie bekräftigt und rechtfertigt ihre paradoxen Angebote mit dem Hinweis auf die weißen Schatten des Andren, mit den Ufern des Drüben und verheißt: Deiner Seele bin ich Aufbruch und Heimweg und bin der Bogen ihres Friedens mit Gott über den Wolken.

Die Seele geht auf diese Angebote der Kirche noch nicht ein, da sie weiter vollauf mit ihrem Reinigungs- und Lösungsprozeß beschäftigt ist: Wer errettet meine Seele vor den Worten der Menschen? Es folgen Anklagen gegen die vielfältigen Botschaften, Modelle, Systeme, Theorien: Ihr seid eine Straße, die nie ankommt... Die Seele steht vor der Notwendigkeit, sich von den Worten der Menschen und ihren Inhalten zu reinigen, dem Schellengeklingel, der vereinnahmenden Lautstärke, der Vermessenheit, Überheblichkeit, Willkür und Gewalt. Erst nachdem die Seele ihrer Bitterkeit Luft gemacht hat, läßt sie sich auf einer neuen höheren Stufe auf die Kirche ein: Du allein suchst meine Seele!... Du hast sie wie eine Königin erhoben... Inzwischen hat die Seele etwas mit sich geschehen lassen, betrachtet sich nicht mehr nur in ihrer Statik, sondern auch in ihrer Dynamik. Die Grenzen des Ich sind aufgebrochen, die Reinigung wird wirksam.

Heiligung

Dem schmerzlichen Reinigungsprozeß der Seele, der nicht unter moralischen Gesichtspunkten durchlebt wird, sondern auf radikaler Eigenkritik beruht, folgt gemäß der Mystikersystematik die Stufe der Heiligkeit, die sich an der Heiligkeit der Kirche orientiert. So lautet das Motto des zweiten großen Abschnittes der Hymnen.

Auf einer unteren Stufe kirchlicher Selbstdarstellung spielen Tradition und Kontinuitäten eine Rolle: Ich weiß noch, wie man die Gewitter fromm macht und das Wasser segnet. Denn ich bin Mutter aller Kinder dieser Erde... Ich bin die Straße aller ihrer Straßen. Diese Aussage bezieht sich auf die Anklage der Seele gegen die Worte der Menschen: Ihr seid wie eine Straße, die nie ankommt....

Gertrud von le Fort definiert die Heiligkeit der Kirche über das Wesen der Heiligen. Sie sieht sie wie Helden aus fremden Ländern, mit Gesichtern wie eine unbekannte Schrift. Sie sind wie Wasser, die aufwärts fließen gegen die Berge. Sie sind wie Feuer, die ohne Herdstatt brennen. Sie sind wie ein Jauchzen an den Tod, sie sind wie ein Leuchten unter dunkler Marter. Bürgerliches Wohlverhalten und moralische Aspekte spielen keine Rolle.

Die Abschnitte Heiligkeit der Kirche, Das Beten der Kirche und Corpus Christi Mysticum gipfeln an keiner Stelle in Beruhigung und Harmonisierung. Die drängende Unruhe bleibt wirksam.

Wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


3. Januar
Eva Strittmatter

Vor einem Jahr, am 3. Januar 2011, starb in Berlin im Alter von 80 Jahren die Dichterin Eva Strittmatter, laut FAZ “die meistgelesene Lyrikerin der DDR”. 1970 schrieb sie ein Gedicht, in dem sie eine Abtreibung literarisch verarbeitet und das zunächst nicht erscheinen konnte. Da man es vielfach im Internet findet, gebe ich es hier vollständig wieder.

Interruptio

Ich muss meine Trauer begraben
Um das ungeborene Kind.
Das werde ich niemals haben.
Dämonen pfeifen im Wind
Und flüstern im Regen und speien
Mir gerade ins Gesicht.
Und mag auch Gott mir verzeihen.
Ich verzeihe mir nicht.
Es hat mich angerufen,
Es hat mich angefleht,
Ich soll es kommen lassen.
Ich habe mich weggedreht.
Es gab mir kleine Zeichen:
Eine Vision von Haar.
Und zwei drei Vogellaute
Eine Stimme von übers Jahr.
Ich hätte es sehen können,
hätt ich es sehen gewollt.
Es war ja in mir entworfen.
Ich aber habe gegrollt
Über die Tage und Jahre,
Die es mir nehmen wird,
Und um meine grauen Haare,
Die Krankheit. Und wahnwitzverwirrt,
Hab ich mich darauf berufen,
Ich sei zum Schreiben bestellt.
Dabei war vielleicht diese Hoffnung
Viel wichtiger für die Welt
Als all meine Selbstverzweiflung
Und die kleinen Siege in grün,
Die ich dem Leben abringe
Und den Dingen, die dauern und fliehn.
Das schwere Recht der Freiheit
Hab ich für mich missbraucht.
Und hab mich für immer gefesselt.
In Tiefen bin ich getaucht,
In Trauer bis zum Irrsinn.
Es brodelt noch neben mir.
Die unsühnbare Sünde
Unterscheidet mich vom Tier.


3. Januar
Spanische Märtyer (123)

Vor 75 Jahren, am 29. Dezember 1936, starben als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg

  • in der Reithalle von Paterna bei Valencia die beiden Priester José Aparicio Sanz, 43 Jahre alt, und Enrique Juan Requna, 33 Jahre alt, außerdem José Perpiña Nácher, Mitwirkender in der Katholischen Aktion, 25 Jahre alt;
  • auf einem Gefangenenschiff im Hafen in Santander, José Maria Corbin Ferrer, Mitwirkender in der Katholischen Aktion, 22 Jahre alt;
  • im Gefängnis „Cárcel San Miguel de los Reyes” in Valencia der Jesuit Juan Bautista Ferreres Boluda, 75 Jahre alt.
Alle fünf Märtyrer wurden am 11. März 2001 seliggesprochen.


2. Januar
Geist des Konzils

Und doch, das lässt sich nicht bestreiten, hat es in den vergangenen Jahrzehnten unter Berufung auf eben jenes Zweite Vatikanum Entwicklungen in der Kirche gegeben, die der Intention der Konzilsväter völlig zuwiderlaufen. Mitunter hat sich der sogenannte “Geist des Konzils” derart verselbständigt, dass die Texte gar nicht mehr interessieren. Man spricht dann vom “Geist des Konzils” und meint nichts anderes als die eigenen Wünsche und Vorstellungen.

Markus Reder in der Tagespost vom 31. Dezember 2011


2. Januar
Spanische Märtyer (122)

Vor 75 Jahren, am 27. Dezember 1936, starb als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg in Santander im Baskenland der Piarist Alfredo Parte Saiz, seliggesprochen am 1. Oktober 1995.


2. Januar
Franck Quoëx

Vor fünf Jahren, am 2. Januar 2007, starb im Alter von 40 Jahren der Priester Franck Quoëx.


1. Januar
Kath-info: Besucherzahlen

2011 stieg die Zahl der Besucher von kath-info gegenüber dem Vorjahr um 12,60%, gegenüber 2008 um 99,78%.


1. Januar
Spanische Märtyer (121)

Vor 75 Jahren, am 23. Dezember 1936, starben als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg

  • in einem Dorf bei Valencia Pablo Meléndez Gonzalo, Mitwirkender in der Katholischen Aktion, 60 Jahre alt;
  • in Neila bei Santander der Augustiner Epifanio Gómez Álvaro, 62 Jahre alt;
  • in Santander die Dominikaner Enrique Izquierdo Palacios, 46 Jahre alt, Enrique Cañal Gómez, 67 Jahre alt, Manuel Gutiérrez Ceballos, 60 Jahre alt, Eliseo Miguel Largo, 47 Jahre alt, Miguel Rodríguez González, 44 Jahre alt, Bernardino Irurzun Otermín, 33 Jahre alt, Eleuterio Marne Mansilla, 27 Jahre alt, Pedro Luís y Luís, 22 Jahre alt, und José María García Tabar, 18 Jahre alt.

Gonzalo wurde am 11. März 2001 seliggesprochen, die 10 anderen Märtyrer am 28. Oktober 2007.


1. Januar
Monatsranking: Die Top 12 im Dezember

Aufsteiger des Monats sind die Beiträge über die Geburt Jesu und über das Bild von Guadalupe.
Zur Rankingseite


27. Dezember
Andrej Tarkovskij

Vor 25 Jahren, am 29. Dezember 1986, starb in Paris im Alter von 54 Jahren der russische Filmregisseur Andrej Tarkovskij. In seinem Schaffen ging es ihm “um die Erneuerung einer spirituellen Haltung im Zeichen der Transzendenzverwiesenheit, des Eingedenkens, der Versöhnung und der Ehrfurcht vor dem Mysterium Gottes, des Menschen und der Schöpfung” (Reinhold Zwick im LThK, 3. Auflage). Zwei seiner Filme Andrei Rublev und Opfer, wurden 1995 vom Vatikan in die Liste der 45 besten Filme aufgenommen.


27. Dezember
Die Demontage des Rechtsstaats

Vor fünf Jahren, am 30. Dezember 2006, hat Prof. Dr. Manfred Spieker in der Tagespost unter dem Titel "Die Demontage des Rechtsstaates" die zunehmende Schutzlosigkeit des Menschen in seiner embryonalen Entwicklungsphase, das Versagen der CDU unter der langjährigen Kohl-Regierung und die Beteiligung der Kirche an dieser Entwicklung durch das damalige "Bündnis zwischen Kohl und Lehmann" und die jetzige Tätigkeit des Vereins "Donum Vitae" analysiert.


27. Dezember
Francisco Palau y Quer

Vor 200 Jahren, am 29. Dezember 1811, wurde in Aytona, Diözese Lerida, der selige Francisco Palau y Quer geboren. In den Karmeliterorden eingetreten, wurde er Opfer der Kirchenverfolgung in Spanien. Er wurde eingekerkert, nach Frankreich ins Exil verbannt, verleumdet, ungerecht verurteilt und schließlich wieder rehabilitiert. Am 20. März 1872 starb er in Tarragona. Am 24. April 1988 wurde er seliggesprochen, zusammen mit Kaspar Stanggassinger, Savina Petrilli und Pietro Bonilli.


26. Dezember
Zwei Neuerscheinungen

Zwei wertvolle Neuerscheinungen sind zu vermelden: Im Fe-Verlag ist Orthodoxie, das beste Werk Gilbert Keith Chestertons über den Glauben, erschienen, mit einem Vorwort von Martin Mosebach. Nachdem diese Ausgabe bereits im Jahr 2000 im Eichborn-Verlag erschien, ist sie nun endlich wieder erreichbar. Das Buch hat 304 Seiten.

Roland Noé und Petra Knapp-Biermeier haben zum zehnjährigen Jubiläum des katholischen Nachrichtenportals kath.net eine Sammlung von Liebesbriefen an die Kirche herausgegeben. Unter den über 30 Autoren befinden sich auch so prominente wie Bischof Hanke von Eichstätt, Paul Badde und Peter Seewald. Der Buch macht deutlich, welche Faszination auch heute noch von der Kirche ausgehen kann, eine Faszination, die im Übernatürlichen wurzelt und die durch die Verwirklichung der Kirchenträume einer Kirche von unten bedroht wäre.


25. Dezember
Humanae Salutis

Vor 50 Jahren, am 25. Dezember 1961, berief Papst Johannes XXIII. mit der Apostolischen Konstitution Humanae Salutis das Zweite Vatikanische Konzil ein.


25. Dezember
Kathedrale von Peking

Vor 150 Jahren, am 25. Dezember 1861, wurde der erste Gottesdienst in der Kathedrale von der Unbefleckten Empfängnis in Peking nach deren Neueröffnung gefeiert. Sie war durch einen Brand zerstört worden, so dass ein Neubau, bereits der dritte in ihrer Geschichte, die bis zum Jahr 1605 zurückreicht, nötig geworden war.


25. Dezember
Wilhelm Ketteler

Vor 200 Jahren, am 25. Dezember 1811, wurde in Münster Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler geboren. 1850 zum Bischof von Mainz ernannt, ging er in die Geschichte als der große Sozialbischof des 19. Jahrhunderts ein. Er starb am 13. Juli 1877 in Burghausen.


22. Dezember
Spanische Märtyer (120)

Vor 75 Jahren, am 18. Dezember 1936, starben als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg in Sariego bei Santander die Augustiner Miguel Sanrromán Fernández, 57 Jahre alt, und Eugenio Cernuda Febrero, 36 Jahre alt, beide seliggesprochen am 28. Oktober 2007.

Damit brachte der Spanische Bürgerkrieg in den ersten 22 Wochen 866 von der Kirche anerkannte Märtyrer hervor.


22. Dezember
Wolfgang Johannes Bekh

Vor einem Jahr, am 22. Dezember 2010, starb in Rappoltskirchen, Gemeinde Fraunberg, im Alter von 85 Jahren der Schriftsteller Wolfgang Johannes Bekh. Er schrieb neben Romanen u.a. Biographien über Anton Bruckner, Gustav Mahler und Therese von Konnersreuth.


22. Dezember
Spanische Märtyer (119)

Vor 75 Jahren, am 17. Dezember 1936, starb als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg in Badalona bei Barcelona der Karmelit José Mariano de los Ángeles (Mariano) Alarcón Ruiz OCD, 24 Jahre alt, seliggesprochen am 28. Oktober 2007.


21. Dezember
Neue Kirche, neuer Glaube

Prof. Dr. Walter Hoeres hat in Theologisches (September/Oktober 2011) den Pro-Memorandum-Sammelband Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch. Argumente zum Memorandum (hg. von Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip und Saskia Wendel) rezensiert und dabei klar gemacht, dass die Autoren letztlich eine andere Kirche wollen. So hält etwa Prof. Dr. Edmund Arens aus Luzern das Amt des Papstes als höchste Leitungs- und Lehrinstanz für “eine anachronistische Zumutung” für Gläubige in den westlichen Demokratien. Angesichts der Demokratisierungsforderungen von Reinhard Feiter und Judith Könemann beklagt Hoeres die “Dreistigkeit”, “mit der das Konzil selektiv zitiert wird, das gerade in seiner Kirchenkonstitution unerhört deutlich die monarchische Struktur der Kirche sowie die Unfehlbarkeit des Papstes betont.” Der Beitrag des Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet macht für Hoeres deutlich, dass es nicht nur um andere Strukturen, sondern um einen anderen Glauben gehe. Striet hält demnach weder die Existenz Gottes noch einen sicheren Zugang zu seiner Offenbarung für gewiss. Dem Kirchengeschichtler Hubertus Lutterbach wirft Hoeres bei der Beschreibung der Entstehung des Zölibats Geschichtsklitterung vor. Auch die Beiträge von Saskia Wendel, Gerhard Kruip, Hille Haker und Tiemo Rainer Peters werden kritisch unter die Lupe genommen. Zum Schluss wundert sich Hoeres, dass Erzbischof Robert Zollitsch den Band mit einem eigenen Text zur Einleitung beehrt hat. Aus Ehrfurcht vor dem Bischofsamt nimmt er an, dass der Erzbischof die Beiträge vorher nicht gelesen habe.


21. Dezember
Charles Mazenod

Vor 200 Jahren, am 21. Dezember 1811, wurde der hl. Charles Joseph Eugen Mazenod (1872-1861), der Gründer der Missionare Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria, nach seiner Ausbildung in Saint Sulpice in Amiens von Bischof Demandolx zum Priester geweiht.


21. Dezember
Spanische Märtyer (118)

Vor 75 Jahren, am 16. Dezember 1936, starb als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg in Barcelona der christliche Schulbruder Lamberto Carlos (Jaime) Mases Boncompte, 42 Jahre alt, seliggesprochen am 28. Oktober 2007.


20. Dezember
Spanische Märtyer (117)

Vor 75 Jahren, am 15. Dezember 1936, starb als Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg in Madrid die Salesianer Ramón Eirín Mayo, 25 Jahre alt, und Pablo García Sánchez, 44 Jahre alt, beide seliggesprochen am 28. Oktober 2007.


20. Dezember
Neu in der Personenübersicht:
Johannes Lantrua von Triora, Francesco Borghero


20. Dezember
Karl Proske

Vor 150 Jahren, am 20. Dezember 1861, starb in Regensburg im Alter von 67 Jahren der aus Oberschlesien stammende Karl Proske, “einer der führenden Vertreter der kirchenmusikalischen Restauration seiner Zeit” (Klaus Aringer im LThK, 3. Auflage).


18. Dezember
Jacqueline Worms de Romilly

Vor einem Jahr, am 18. Dezember 2010, starb im Alter von 97 Jahren Jacqueline Worms de Romilly. Die geniale, sprachbegabte jüdische Philologin, die vor allem über das antike Griechenland arbeitete, war die zweite Frau, die in die Académie française aufgenommen wurde, und zwar im Jahre 1988. 2008 wurde sie katholisch. Der maronitische libanesische Priester Mansour Labaky, der daran entscheidenden Anteil hatte, berichtete darüber: “Beim Empfang der ersten heiligen Kommunion war sie wie ein Kind von zehn Jahren.”


18. Dezember
Franz von Sales

Vor 350 Jahren, am 18. Dezember 1661, wurde der hl. Franz von Sales (1567-1622) von Papst Alexander VII. (1655-1667) seliggesprochen.


18. Dezember
Wunibald

Vor 1250 Jahren, am 18. Dezember 761, starb in Heidenheim im Alter von 60 Jahren der aus Wessex stammende heilige Wunibald, Neffe des hl. Bonifatius, Bruder des hl. Willibald und der hl. Walburga, Missionar in Thüringen und Bayern, Gründer des Klosters Heidenheim.


16. Dezember
Konzil der Kirche oder Verschwörung der Feinde?

Von P. Franz Prosinger

Gegenüber dem differenzierten Verbindlichkeitsgrad kirchlicher Texte – qui bene distinguit, bene docet! – setzt die Priesterbruderschaft St. Pius X. ihr „entweder – oder“, „ja oder nein“ und erwartet offensichtlich eine Verurteilung der Irrtümer des Konzils (gemeint ist das Zweite Vatikanische Konzil) durch die Kirche.

Wenn dabei der verschiedene Charakter der Texte nicht unterschieden wird, etwa der Pastoralen Konstitution über Kirche und Welt, der Erklärung zur Religionsfreiheit (näherhin der Lehre über die Aufgaben des Staates), oder der Dogmatischen Konstitution über die Kirche, vielmehr „das Konzil“ als pauschale Größe genommen wird, dann muß natürlich der geringste Irrtum das Ganze in Frage stellen. Joseph Ratzinger konnte die Pastoralkonstitution als inspiriert vom Geist der Kennedy-Ära kritisieren und doch als Papst Benedikt auf den Texten des Zweiten Vatikanums als Grundlage der Neu-Evangelisierung bestehen, Martin Rhonheimer kann in „Dignitatis Humanae“ eine geänderte Auffassung vom Staat und doch die überlieferten Prinzipien gewahrt sehen, aber Berhard Fellay sieht nur die Alternative, das Konzil annehmen oder ablehnen zu müssen. Dabei hat er in einem Punkt recht: es geht um die Voraussetzung, daß das von Papst Johannes XXIII. einberufene und von Papst Paul VI. abschließend approbierte Konzil ein Konzil der Kirche war. Erst auf dieser Grundlage läßt sich dann differenzieren, inwieweit die Texte mehr oder weniger verbindlich sind. Die Hermeneutik setzt dann einen kirchlichen Rahmen voraus, der teils im göttlichen Glauben, teils im kirchlichen Glauben verpflichtet, jedenfalls in dem Respekt gegenüber Christus und seiner Kirche, und der Präsumtion – der vorausgesetzten Vermutung - des rechten Verstehens.

Umgekehrt ist die Präsumtion, wenn „das Konzil“ eine Verschwörung der Feinde der Kirche war. Dann muß nämlich präsumiert werden, daß die guten Texte des Konzils nur als Falle für die dummen, unkritischen Katholiken geschrieben sind, um das Gift der Zerstörung um so wirksamer werden zu lassen. Nun könnte man meinen, daß diese Ansicht von den Kreisen um Richard Williamson vertreten wird und eine Trennung innerhalb der Bruderschaft hier klären könnte. Aber das tatsächliche Gift der Verschwörungstheorien hat längst auch den sogenannten gemäßigten Teil erfaßt. Auf diesem Youtube-Video ist zu hören, wie auch Bischof Fellay die Weltverschwörung der Freimaurerei zur Zerstörung der Kirche im Vatikan am Werk sieht, wo angeblich vier Logen für die dort tätigen Prälaten eingerichtet seien. Wenn Bischof Fellay in seiner jüngsten Ansprache vom 8. Dezember zwar positiv das „Zugeständnis“ anerkennt, daß das Konzil kritisiert werden darf, aber beklagt, daß dies nur unter der Voraussetzung der Annahme des Konzils geschehen kann, so geht es eben darum: War das Zweite Vatikanische Konzil das XXI. Ökumenische Konzil der Kirche oder eine Verschwörung ihrer Feinde? Das ist kein politisches Problem, sondern als ein sogenanntes factum dogmaticum eine Frage der Kirchenzugehörigkeit. Joseph Ratzinger sagte als Präfekt der Glaubenskongregation am 13. Juli 1988 vor den Bischöfen Chiles: "Das Zweite Vatikanische Konzil gegen Mgr. Lefebvre als gültig (válido) und in der Kirche bindend (vinculante) zu verteidigen, ist und bleibt auch in Zukunft eine Notwendigkeit."

So spitzt sich die Frage nach dem letzten Konzil zu: Wo ist die Kirche? Gelten die Prärogativen der Infallibilität und der Indefektibilität noch? Ist die Kirche nur eine Organisation, deren wesentlichen Elemente, die gültigen Sakramente, man sich selbst herausnehmen kann, wenn bei den anderen etwas schief läuft? Oder ist die Kirche der fortlebende Christus, der Weinstock, der eine geheimnisvolle Leib, die Braut Christi, ein innerer Organismus, welcher auch durch so manche Krisen hindurch wieder aufleben kann? Gilt die Verheißung, daß die Pforten der Unterwelt die auf Petrus gegründete Kirche nicht überwältigen werden?

Während im Jahr 1988, in der Frage der Annahme des Protokolls vom 5. Mai und der Bischofsweihen vom 30. Juni, noch endzeitliche Spekulationen umgingen, wonach in außerordentlichen Zeiten auch außerordentliche Gesetze gelten würden, sollte man mittlerweile sich der Frage nach der Zukunft der Kirche bzw. unserer Existenz in der real existierenden Kirche nüchterner stellen.

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